Blog

Armbanduhr  Herr Müller sieht die Welt

Armbanduhr 

Nachdem Ernesto mehrmals mitten in der Nacht umherirrte und zeitlich völlig orientierungslos war, beschloss ich, ihm endlich eine Armbanduhr zu kaufen. Stellte sich bald nur die Frage, wie wir diese an seinem Körper befestigten. Umschnallen um den Panzer ging ja nicht, dafür reichte die Länge der Armbänder nicht aus. Außerdem wäre das Ablesen der Uhr dann eine turnerische Glanzleistung gewesen. Also mussten wir eine Kinderuhr um eines seiner Extremitäten binden. Gar nicht so einfach, eine Uhr zu finden, die keine kindlichen Motive hatte. Als wir es dann aber endlich doch geschafft hatten, eine passende Uhr zu finden ohne Pokémon und Hello Kitty, stand Ernestos Reise durch Raum und Zeit nichts mehr im Weg. 

Sein Weg durch Raum und Zeit startete damit, dass Ernesto erstmal die Uhr lesen lernen musste und damit einige Zeit beschäftigt war. Nachdem der Umgang mit der Uhr für ihn selbstverständlicher war, wollte Ernesto jetzt Ernie und Bert, nicht zuletzt auch Waltraut, seine neue Unabhängigkeit vorführen. Anschließend zeigte er seine neue Errungenschaft natürlich auch im Kiez-Imbiss und am Kiosk vor, sehr zur Begeisterung der Umstehenden, denn Schildkröten mit Armbanduhren waren dort eher selten zu sehen. 

Noch seltener waren Schildkröten mit Armbanduhr und Flachmann, das gehörte aber einfach an einem Kiosk dazu. Allerdings hatte Ernesto in seinem Flachmann nur einen Vitamin-Cocktail, um die Erinnerung an die alte Heimat nicht zu verlieren. Die Darreichung in einem Flachmann war den Umständen geschuldet, um bei seinen Kumpels am Kiosk nicht unangenehm aufzufallen. 

Es fiel mir auf, dass Ernesto von dem Moment an „in time“ war und nicht mehr auf grobe Schätzungen der Tageszeit angewiesen war. Es ging so weit, dass Ernesto nun voller Erwartungen schon 5 Minuten vor 20 Uhr vor`m Fernseher hing und auf die Tagesschau wartete. Er achtete jetzt penibelst auf den genauen Beginn und das Ende der Nachrichten. Und stete Abwechslung in der Thematik war für ihn nun ein Gütekriterium der Moderation. 

Die Armbanduhr trug insgesamt nicht nur zu einer besseren Orientierung in Raum und Zeit bei, sondern verbesserte Ernestos Wohlbefinden insgesamt. Ich stand der Armbanduhr zunächst skeptisch gegenüber, war dann aber voll und ganz von ihr überzeugt. Ernestos Reise durch Raum und Zeit sollte so noch viele Jahre andauern. 

Sanduhr  Kopfwürmer

Sanduhr 

Die Sanduhr führt einem auf drastische Weise die Endlichkeit allen Tuns vor Augen. Was einem als unendliche Aufgabe oder Auftrag erscheint, wird durch die Sanduhr relativiert. Körnchen für Körnchen rieseln die Sandkörner durch den Engpass der Sanduhr und verdeutlichen einem das Verstreichen der Zeit. Die Sanduhr als Schönheitsideal für perfekte Körpermaße wird durch die zeitliche Vergänglichkeit ad absurdum geführt. 

Genau wie die Sanduhr gehört die Sonnenuhr zu den Urformen der Uhren. Dabei handelt es sich sogar um ein selten anzutreffendes Homophon, also einen sogenannten Gleichklinger. Sie werden es bemerkt haben: Uhr und Ur sind nicht dasselbe. Dieser dramatische Unterschied verliert aber seine Drastik, wenn man davon ausgeht, dass Ur immer „alt“ meint, hingegen Uhren erst benutzt wurden, als die genaue Uhrzeit genannt werden sollte. Tragbare Uhren sind erst Anfang des 16. Jahrhunderts Teil des Outfits geworden. 

Insbesondere Männer neigten damals zur genauen Aussage über Raum und Zeit. Das patriarchale von Uhrzeit, überhaupt der Orientierung in Raum und Zeit, könnte an dieser Stelle mal hinterfragt werden. Da ich aber nicht als Gleichstellungsbeauftragter unterwegs bin, lasse ich es mal bleiben. 

Die Notwendigkeit einer Orientierung in Raum und Zeit wurde immer dringlicher durch die Entdeckung Amerikas, also letztlich aller Kontinente, um sich auf dem Planeten Erde zu orientieren. Uhren als Zeichen einer vergehenden Zeit wurden erst mit der beginnenden Industrialisierung von gravierender Bedeutung. Gravierend, weil Zeit als wertvolles Gut immer wichtiger wurde: Die Zeit als Indikator einer immer stärkeren Automatisierung, Zeit als Faktor von physikalischen Abläufen. 

Die Vorstellung von Ägyptern, die mit Hilfe von Sanduhren den Bau der Pyramiden zeitlich handhabbar machten, lässt einen ob des Alters von Sanduhren zunächst einmal zurückschrecken. Das beruhigende Element von Sanduhren und ihrer Funktionsweise schlägt dann aber schnell durch. 

Will sagen: Das allmähliche Durchrieseln von Sandkorn für Sandkorn hat schon fast eine meditative Wirkung. 

Mentos Herr Müller sieht die Welt

Mentos

Einfache Mentos waren für Ernesto viel zu groß zum Kauen. Also musste ich ihm herkömmliche Mentos in kleinen Portionen zu kauen geben, wollte er diese essen. Die Erfrischung seines Atems als oberstes Ziel war jedenfalls schnell erreicht. 

Die weiteren Vorzüge von Mentos stellten sich im Laufe der Zeit durch Ernestos Konsum an Mentos dar. Löcher in der Wand wurden von ihm äußerst schnell gestopft, sodass Moltofill in unserem Haushalt bald ein Fremdwort war. Erst im Laufe der Zeit merkten wir, dass die von Ernesto mit Mentos zugestopften Löcher unangenehm rochen. Als Moltofill Ersatz schied es also bald aus. Löcher mussten jetzt wieder auf herkömmliche Weise gestopft werden. Moltofill war ja auch nicht wirklich schmackhaft, von daher war Ernestos Wahl nachvollziehbar. Mentos war als Mittel gegen Mundgeruch besser geeignet als Moltofill, aber eben nicht für die Löcher in der Wand. 

Die Erfrischung des Atems als oberstes Ziel der Mentos-Kauerei wurde besonders deutlich in Ernestos Verhalten als Beifahrer. Das legere Spiel mit den Fensterhebern wurde ergänzt durch die Erfrischung des Atems. Dieser war jetzt gekennzeichnet von einer frischen Brise aus Minze und Kamille. Ein frischer kühler Atemwind umschmeichelte Ernestos Gegenüber jetzt generell bei allen Gesprächen, nicht mehr nur das geöffnete Fenster. 

Ernestos Spiel mit den Fensterhebern wurde gekrönt von dem Finale furioso. Da wurden dann alle Klappen von Tank bis Heckklappe per Fernbedienung ausgelöst. Völlig erschöpft sank Ernesto dann in den Beifahrersitz, schien anstrengend zu sein. Untermalt wurde seine Aktivität natürlich von klassischer Musik mit Pauken und Trompeten. Vorbeigehende Fußgänger applaudierten dann zumeist dem Maestro. 

Der ursprüngliche Mentos-Konsum zur Erfrischung des Atems wurde so durch das leidenschaftliche Finale furioso geadelt. Einfache Mentos zur Erfrischung des Atems erfüllten jetzt einen höheren Zweck. Worin dieser genau bestand, muss ich noch eruieren, aber es klinkt eben gewaltiger. Die Löcher in der Wand verwaisten zusehends angesichts des geringen Moltofill-Gebrauchs in unserer Wohnung. 

Frolic Kowalski lebt

Frolic

Wie an dieser Stelle schon öfter beschrieben, hat Trockenfutter einige Vorteile gegenüber Nassfutter. Diese reichen von der besseren Dosierbarkeit bis hin zur geringeren Geruchsintensität. 

Mir kam jetzt die Idee, Frolic auf eine Schnur zu fädeln und diese um Waltrauts Hals zu legen. Ein weiterer Vorteil von Trockenfutter wurde an dieser Stelle offensichtlich: Blechdosen um den Hals geschnallt hätten viel zu viel Lärm gemacht. So aber konnte Waltraut stets mit einer Zwischenmahlzeit aufwarten und außerdem ihre Freunde mit kleinen Snacks bestechen, sofern es sich dabei ebenfalls um Hunde handelte, denn Ernesto, Ernie und Bert mochten Frolic nicht ganz so gerne (wir haben das getestet). 

Das kreative Moment kam insbesondere zur Geltung, wenn wir mit Draht Figuren bogen und diese mit Frolic bestückten. Unser Weihnachtsbaum war ein gerne genommenes Ziel unserer kreativen Ausbrüche. Neben Christbaumschmuck aller Art konnten insbesondere Lichterketten die Frolic-Anhänger am Christbaum aufwerten und illuminiert werden. Nur das Krippenspiel mit Frolic war dann doch schwieriger herzustellen, weil die Figuren mussten ja Charakteristika aufweisen, um sie unterscheidbar zu machen. Das Christuskind musste ja anders aussehen als die drei Heiligen Könige. Gar nicht so einfach, das über die Menge der genutzten Frolic deutlich zu machen. Das Krippenspiel konnte also nur über die Anzahl der Personen als solches zu erkennen sein: 3 Heilige Könige, 1 Maria und 1 Josef plus 1 Christuskind. So konnte auch das heilige Fest für Waltraut und ihre Artgenossen erlebbar gemacht werden. 

Ein anderer Gedanke im Zusammenhang mit Frolic war neben der Herstellung von Schmuck auch die Entwicklung einer eigenen Duftlinie, extra für Hunde, weil Menschen wollten partout nicht nach Frolic riechen. Ein Eau de Toilette für Hunde konnte dank Waltraut bald in die Parfümerien dieses Landes geliefert werden. Jedoch setzte sich das Hundeparfum nicht in gewünschter Art und Weise durch. Es blieb eine nette Randerscheinung, gut riechen war nicht bei allen Hunden so angesagt. 

Ach wären doch alle Hunde wie Waltraut! 

Schwerkraft  Herr Müller sieht die Welt

Schwerkraft 

Das erste Mal Bekanntschaft mit der Schwerkraft machte Ernesto, als er versehentlich (hoffe ich) eine Tasse von unserem Küchentisch schmiss. Verwundert sah er mich an und stellte fest: „Die Dinge fliegen ja immer nach unten!“ Ich erklärte ihm dann, wenn er wolle, dass Dinge nach oben flögen, dann müsse er umziehen auf einen anderen Planeten, weil nämlich überall dort, wo es keine Atmosphäre gäbe auch keine Schwerkraft existiere. Das war ihm dann aber doch zu umständlich bzw. war Ernesto der Begriff der Atmosphäre unverständlich, was ich erst bemerkte, als er meinte: „Bei uns herrsche doch immer eine gute Atmosphäre“. Als ich ihm den Unterschied erklärte, schien es ihm doch etwas einfacher zu sein, damit zu rechnen, dass ihm Dinge herunterfielen als auf einen anderen Planeten umzuziehen. 

In den folgenden Wochen achtete er penibel darauf, den Küchenboden immer aufgeräumt zu halten in Erwartung, dass ihm wieder etwas herunterfällt. Mit zunehmender Wochenzahl fiel ihm immer weniger herunter. Trotzdem war er immer wieder der Versuchung erlegen, die Schwerkraft auf die Probe zu stellen, also Dinge herunterzuschmeißen. Ob er insgeheim Studien durchführte, die das Fallverhalten von Gegenständen untersuchten oder nicht, blieb sein Geheimnis. Vielleicht war ja meine Annahme, dass er Dinge absichtlich herunterschmiss, um die Schwerkraft zu testen, auch falsch. Es hatte aber diesen Anschein. Ebenso wie kleine Kinder schien Ernesto auch auszutesten, ob ich jedes Mal das Heruntergefallene wieder aufhob und ihm gab. Er ließ dann aber relativ bald von seinen Studien ab, als ich mich weigerte, ihm Dinge wieder aufzuheben und zurückzugeben. 

Insgesamt war Ernestos Begegnung mit der Schwerkraft vor allem von abwartendem Charakter. Es schien gerade so, als ob Ernesto jedes Mal wieder überrascht war, dass ihm Dinge herunterfielen. Wäre es nicht so teuer gewesen, hätte ich Ernesto glatt mal einen Testflug für Astronauten in einem Jumbo-Jet zuteilwerden lassen, dort sollen sie nämlich das Verhalten in der Schwerelosigkeit erproben, in sogenannten Parabelflügen das Leben in der Schwerelosigkeit üben. Stattdessen schenkte ich ihm eine Stunde indoor skydiving, um das Gefühl der Schwerelosigkeit am eigenen Körper zu erfahren. Nachdem Ernesto sich danach ungefähr eine Stunde erbrochen hatte, war er zwar sehr dankbar für diese Erfahrung, blieb dennoch bei der Erkenntnis: Das Leben in Bodennähe sei ihm angenehmer. 

Kirchturmuhr  Herr Müller sieht die Welt

Kirchturmuhr 

Unvermittelt wurde Ernesto aus seinem Schlaf erweckt. Die Kirchturmuhr hatte zum Beginn des Nachmittags 15 Uhr geschlagen. Es folgten 3 Glockenschläge, der Mittagsschlaf war beendet. 

Ernesto saß erwartungsschwanger vor mir und erwartete meine Pläne. Dass ich keine hatte, musste ich ihm schonend beibringen. Dennoch saß er nun hellwach vor mir und harrte der Dinge, die da kommen sollten. 

Nach wie vor wollten wir in unserem Kiez-Imbiss eine Gruppe für Schildkröten und deren Besitzer ins Leben rufen und überlegten nun, wie wir auf uns und das Gruppenanliegen aufmerksam machen konnten. Eine zentrale Rolle sollte hierbei unser Kiez-Imbiss spielen, sollte er doch der Dreh- und Angelpunkt der Gruppe sein. Außerdem hatte man von diesem aus einen hervorragenden Blick auf die Kirchturmuhr, man war also stets „on time“. 

Ernestos Vorschlag, eine Platte für Schildkröten und deren Besitzer anzubieten, scheiterte am Veto des Imbiss-Wirts. Die Zielgruppe war ihm dann doch zu klein. Dennoch bot er seine Räumlichkeiten als Treffpunkt an. Ernesto und ich überlegten jetzt also, wie wir am ehesten die Aufmerksamkeit der Kiez-Bewohner auf unser Anliegen lenken konnten. Litfaßsäulen gab es ja nun inzwischen nicht mehr. Ein Zettel an der Infowand des Imbisses schien auch zu wenig Leute zu erreichen. Da hatte Ernesto die Idee, auf jedes parkende Auto im Vorbeigehen einen Aufkleber anzukleben, der auf das neue Highlight im Kiez-Terminkalender hinwies. Der Aufkleber war natürlich nicht so massiv wie Aufkleber aus Kunststoff, sondern den Spuckis ähnlich, die mir aus früherer Sponti-Zeit noch bekannt waren. Deren Infomaterial war auf Papier gedruckt und konnte schnell wieder entfernt werden, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. 

Die Kirchturmuhr unseres Kiezes schlug inzwischen 15.30 Uhr. Einem Muezzin ähnlich erinnerte sie regelmäßig an ihre Existenz. Dieses Rudiment vergangener Tage war aber dennoch sehr hilfreich bei der Orientierung im Hier und Jetzt, mahnte es uns doch, unser Anliegen möglichst viele Spuckis auf Autos zu verteilen, schnell in Angriff zu nehmen, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. Schließlich sollte die Gruppe bereits in der folgenden Woche aus der Taufe gehoben werden. Es pressierte also. 

Die Kirchturmuhr rückte so von ihrer einst spirituellen Bedeutung für uns mehr in das chronologische Interesse. 

Glühbirne/LED  Kopfwürmer

Glühbirne/LED 

Heutzutage wird die normale Glühbirne von der viel effektiveren Leuchtdiode abgelöst. Die einfache Glühbirne wird so zum Hightech-Produkt geadelt. Die LED macht sozusagen die Glühbirne zum „von und zu“ der Beleuchtung. Somit führte der eigentliche Zweck von Glühbirnen von der reinen Erhellung von Räumlichkeiten zu einer Veränderung in der Aus- und Beleuchtung von Gegenständen und Räumen. 

Inwieweit eine Erleuchtung eintritt, liegt dann an den beteiligten Personen. Stellt sich die Frage, ob die Erleuchtung so allumfassend und grundlegend sein kann , wie sie es sein sollte. Nun ja, über die Tiefe der Erleuchtung sei hier mal Stillschweigen bewahrt. 

Zurück zum Ausgangspunkt: Die bloße Erhellung sollte niemals im Mittelpunkt der Überlegungen stehen. Vielmehr die weiter reichende Beleuchtung, ob unmittelbar oder indirekt, ist hier von zentraler Bedeutung. Einfach nur hell strahlen reicht dann eben nicht mehr, sondern insbesondere die genaue Ausleuchtung sollte von Interesse sein. 

Eine genaue Erleuchtung findet vor allem dann statt, wenn über das eigentliche Anwesendsein von Dingen auch ein Zugewinn an Erkenntnis seitens des Beobachters stattfindet. Der Zugewinn ist natürlich höchst individuell, kann also nicht pauschal vermutet werden. Dennoch muss dem Betrachter klar sein, dass sein Blick gelenkt wurde vom Initiator der Beleuchtung, der mit der Auswahl der beleuchteten Objekte stets auch etwas von sich preisgibt. Konkret heißt das, sich nicht von der Gegenwart bestimmter Dinge blenden zu lassen, sondern tiefer zu blicken. Tiefer zu blicken heißt in diesem Fall, in den Brunnen der Erkenntnis hinabzuschauen. 

Exemplarisch seien hier die von mir ausgewählten und ausgeleuchteten Objekte an den Wänden meiner Wohnung genannt. Unbeleuchtet fristeten diese ein Dasein im Verborgenen. Beleuchtet aber treten diese in den Vordergrund der Betrachtung. Die Chronologie der beleuchteten Objekte ist zwar von mir bestimmt, aber ihre genaue Bewertung obliegt dann doch dem Betrachter. 

Apropos Bewertung: Je genauer ein Objekt in den Fokus des Betrachters rückt, desto passender muss dessen Beleuchtung gewählt sein. Womit wir wieder beim Anfang der Überlegungen wären: Die Glühbirne hat sich zur viel aussagekräftigeren LED „gemausert“, mit anderen Worten: Hell kann jeder. 

Kaba  Herr Müller sieht die Welt

Kaba 

Trotz der Ähnlichkeit im Namen hat Kaba nichts mit Kuba zu tun, obwohl die Pflanzen, die für Kaba benötigt werden, auch auf Kuba wachsen würden, aber nö, Kaba und Kuba sollten hier nicht verwechselt werden. Trotzdem schmeckte mir Kaba zum Frühstück ausgesprochen gut, auch wenn ich mein Frühstück nur selten auf Kuba einnahm. 

Ernesto sah mich Kaba trinken und wollte auch davon probieren. Seine Erfahrung mit Traubenzucker ließ ihn hoffen, dass Kaba vielleicht eine ähnliche Wirkung auf ihn hätte. Leider blieb der erwartete Erfolg aus, trotzdem schmeckte es ihm deliziös. 

Dass Kaba und Kuba nur vom Wortlaut ähnlich waren, wurde Ernesto spätestens dann klar, als wir einmal auf Kuba waren und Ernesto dort Kaba trinken wollte. Es gab keinen. Die Funktionsweise internationaler Handelsbeziehungen war ihm nicht klar. Es oblag dann mir, ihm diese näherzubringen. Zum Verhältnis von Kuba und Kaba fiel mir aber auch nichts ein. Vielleicht mussten wir uns einfach damit abfinden, dass Kaba gut schmeckt, egal wo man auf der Welt ist und dass Ernestos Namensgeber Ernest Hemingway auch oft auf Kuba weilte, dort aber eher selten Kaba trank. Zum Verhältnis von Kaba und Hemingway lässt sich nur noch sagen, dass Hemingway ja auch starker Genussmensch war, ihm also Kaba sicherlich sehr geschmeckt hätte, aber das lässt sich nur in das Reich der Vermutungen abschieben. Sicher hingegen ist, dass Hemingway oft auf Kuba weilte. Was er dort im Detail tat, weiß nur er selbst. 

Zurück zu Kaba: Der ursprünglich farbgebende Kakao ist hier leider stark aufgezuckert und mit anderen Inhaltsstoffen versetzt. Überhaupt ist das viel billigere Streckmittel Zucker zu Hauf darin enthalten. Ernesto bemerkte, dass wohl die Wirkung des Kabas auf ihn nicht in seiner Kakaohaltigkeit, sondern viel mehr in seinem hohen Zuckeranteil begründet lag. Als Konsequenz daraus versuchte Ernesto jetzt mal auf jeglichen Zucker zu verzichten oder ihn zumindest zu minimieren. Aber reiner Kakao schmeckt sehr bitter, das weiß jeder, der mal mit reinem Kakao gebacken hat. Für Ernesto ergab sich daraus, dass er sein eigenes Kaba mixte. Er nahm Kakaopulver, ein wenig Zucker und schwupp hatte er sein eigenes Kaba! Das schmeckte zwar nicht ganz so süß, dafür aber viel Schokoladiger! Die von Ernesto erdachte Vermarktung blieb dann aber doch aus. 

Baumwolle  Herr Müller sieht die Welt

Baumwolle 

Die Verwunderung bei Ernesto war groß, als ich ihm mitteilen musste, dass Baumwolle keine Bäume enthielt, auch wenn der Name darauf hindeutet. Ernesto mochte Baumwolle am liebsten, weil das Tragegefühl bei Baumwolle am angenehmsten sei. Auf meine Frage hin, was er denn bitte für Kleidungsstücke aus Baumwolle trüge, guckte er mich verwundert an und sagte, dass seine Söckchen und sein Unterhemd aus Baumwolle so angenehm zu tragen seien. Natürlich war mir schon seit geraumer Zeit aufgefallen, dass Ernesto Söckchen und Unterhemd trug. Dass sie aber aus Baumwolle waren, wusste ich nicht. 

Dieses Wissensdefizit versuchte ich natürlich sogleich wett zu machen, fragte ihn nach weiteren Kleidungsstücken seiner Wahl, aber es gab keine weiteren, so seine Aussage. Die Söckchen und das Unterhemd waren ja auch mehr als genug, das musste ich erstmal verdauen. 

Immerhin trug er die Söckchen nicht in seinen Adiletten, das beruhigte mich doch sehr. Andererseits sind ja Schildkröten in Museen und Kirchen seltener zu sehen. Man lief also nicht so häufig Gefahr, diese dort mit besagter Kombination anzutreffen, wie man diese dort bei Touristen oft sah. Museen und Kirchen wurden von Ernesto dann doch eher barfuß betreten. Gerade bei Kirchen hatte das ja eine fast spirituelle Bedeutung. Das Unterhemd konnte in beiden Gebäudearten weiterhin getragen werden. 

Die spirituelle Bedeutung des Barfußlaufens in Kirchen wurde nochmal unterstrichen durch das Füßewaschen, wie es zum Beispiel der Papst bei Straftätern tat. Man könnte jetzt Fußfetischismus dahinter vermuten, aber das ginge wohl zu weit. Füße sind wohl eher das verbindende Körperteil von Mensch oder Tier und Erde. 

Die von Ernesto so gern getragene Baumwolle stellte sich also für den Träger als angenehmste Wahl der zur Verfügung stehenden Stoffe dar. Die darin vermuteten Bäume äußerten sich als Denkfehler seinerseits. Schnell musste Ernesto feststellen, dass man Baumwolle im Gegensatz zu Gurke oder Tomate nicht essen konnte, auch wenn dies ihre Herkunft vermuten ließ. Weder Salz noch Pfeffer machten sie schmackhafter. 

Waschlappen  Herr Müller sieht die Welt

Waschlappen 

Als ich in meiner Morgenroutine beim Gesicht angekommen war, stellte ich fest, dass Ernesto mich die ganze Zeit beobachtet hatte. Nach einigen Minuten äußerte er den Wunsch, ebenfalls so einen Waschlappen haben zu wollen, vereinfachte dieser doch das morgendliche Badezimmer-Ritual. Für Schildkröten wie Ernesto eine war, war es zunächst ungewohnt, sich allmorgendlich zu waschen. Aber Ernesto war darum bemüht, sich den mitteleuropäischen Gepflogenheiten anzupassen. 

So kam es dazu, dass er neuerdings die allmorgendliche Tasse Kaffee schon am Bett zu sich nahm. Das musste ich ihm aber erstmal wieder abgewöhnen, da es regelmäßig zu Unfällen im Bett kam und die entstandenen Flecken schwer zu erklären waren. Andere mitteleuropäische Gepflogenheiten wie zum Beispiel Müll rausbringen, Hauswoche erledigen, abwaschen – sofern es keine Spülmaschine gab – und freundlich grinsen und Guten Tag sagen, konnten dagegen als Marotten bestehen bleiben. 

Angesichts der immer höher werdenden Temperaturen dieses Landes bot der Waschlappen natürlich auch eine willkommene Abkühlung mit kaltem Wasser getränkt in den Nacken gelegt. Der Waschlappen kam also jetzt zunächst häufiger zum Einsatz, insbesondere angesichts der starken Hitze des Sommers. Er verschaffte Ernesto und auch mir angenehme Kühle bei steigenden Temperaturen. 

Das Morgenritual trug so also für uns beide auch zur Abkühlung des Körpers bei. Leider reichte die angestrebte Abkühlung nicht für längere Zeit. Über den Tag verteilt mussten regelmäßig weitere Möglichkeiten der Abkühlung geschaffen werden. So konnten auch Sprühstöße mit der Wasser-Sprühflasche der Zimmerpflanze getätigt werden. Die zweckentfremdete Sprühflasche der Zimmerpflanze trug wie so viele Dinge unbeabsichtigt zu ihrem Erfolg bei. Das Geheimnis der Zweckentfremdung kam also nicht nur beim Gebrauch des Waschlappens zur Geltung, sondern auch bei dem Gebrauch der Sprühflasche, die eigentlich für Pflanzen gedacht war. 

Seinem Wunsch, den Waschlappen stets mit in die Badewanne zu nehmen, konnte ich nur bedingt entsprechen, nahm er doch nur einmal pro Woche ein Bad. Die Wasserkosten sollten ja überschaubar bleiben.