Kopfwürmer

Die Hauptstadt 

Es stand mal wieder ein Check-up Besuch in der Hauptstadt an. Natürlich waren die üblichen Sightseeing Programmpunkte auch dabei. Wie immer war ich eigentlich gerne da, aber leider muss ich auch nochmal ein bisschen nölen. Liebe Berliner, habt ihr alle Hornhaut am Arsch oder bin ich Mädchen? Eure Rollifreundlichkeit jedenfalls lässt noch stark zu wünschen übrig. Sehr cool sind die neuen U-Bahnwagen mit den bodentiefen Türen, leider jedoch kommen diese nur unregelmäßig, sodass man immer auf Hilfe beim Einstieg in die alten Waggons angewiesen ist. Der ständige Blickkontakt mit dem Zugführer ist zwar durchaus von Vorteil, hängt aber stark von der Lust des jeweiligen Zugführers ab. Der Unfall im Jahr 25 trug leider nur teilweise zur Verbesserung der Umsichtigkeit der Zugführer bei. Trotzdem trifft man immer auf sehr hilfsbereite Menschen, die stark bemüht sind, es einem zu ermöglichen, am öffentlichen Leben teilzunehmen, auch wenn dabei teilweise mein Rollstuhl zerlegt wurde . 

Zum Thema Hornhaut am Arsch bleibt mir nur zu sagen, dass die mit altem Kopfsteinpflaster versehenen Hofeinfahrten und Gehwege zwar sicherlich hübsch anzuschauen, aber für Rollifahrer leider eine Qual sind. Ich dachte, unsere Hauptstadt wäre da schon weiter, wie zum Beispiel in Kopenhagen, wo es trotz Kopfsteinpflaster immer eine Rollispur gibt, die glatt gepflastert ist, von den breiten Radwegen mal ganz zu schweigen. 

Unterhalb des Fernsehturms befindet sich die Ausstellung „Körperwelten“. Mal abgesehen von der Tatsache, dass man so viel unbekleidete Menschen und Menschenteile gerne sehen muss, fand ich das Warten auf Frau und Kind im Vorraum auch recht amüsant. Ich glaube ich mag mir lieber in der Fantasie ausmalen, wie der menschliche Körper funktioniert. Das lässt auch Raum für irrige Annahmen. Außerdem war der abschließende Cappuccino von mir sowieso höher geschätzt. 

Nach Sightseeing, ein bisschen Shoppen und U-Bahnfahren war dann auch genug mit Abenteuer. Den krönenden Abschluss unseres Hauptstadt-Besuchs bildete das vietnamesische Restaurant Lêlê, sehr zu empfehlen, aber ihr habt den Tipp nicht von mir. 

Alles in allem lässt sich resümieren: Berlin ist immer noch spannend, für Rollifahrer aber eben noch ausbaufähig. 

Kopfwürmer

Bla bla Teil 2 

Der Einbau eines Fahrstuhls (siehe Bla bla Teil 1) für die Bewältigung der Stockwerke war von den Bewohnern mit Beifall begrüßt worden. Das Fahren in selbigem musste aber zunächst erst einmal geübt werden. Nicht jeder war mit der Arbeitsweise eines Fahrstuhls vertraut. Weder durfte man die Zahlen addieren noch subtrahieren, sie gaben schlicht und ergreifend das Stockwerk wieder, in dem die Türen geöffnet und geschlossen wurden. 

Nachdem mathematische Probleme geklärt waren, konnte der Fahrstuhl völlig unbefangen benutzt werden. Seine Gefahren waren übersichtlich und beschränkt. Nur selten fuhr er in die Randbezirke des Treppenhauses, sprich Keller und Dachgeschoss. Die Tatsache, dass Ernesto und Herr Müller im Dach wohnten, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass insbesondere die mittleren Stockwerke stärker frequentiert waren und Fahrten des Fahrstuhls in den 4. Stock eher die Ausnahme denn die Regel waren. 

Die Idee des Fahrstuhleinbaus der 4 (Ernie, Bert, Waltraut und Ernesto) traf so nach anfänglicher Verunsicherung voll die Zufriedenheit der Bewohner des Hauses. Die anfängliche Verunsicherung wich einer allumfassenden Zufriedenheit mit dem neuen Fortbewegungsmittel zur Bewältigung der Stockwerke. 

Die 4 überlegten sich, ob sie sich in dem Fahrstuhl eine Art Loge oder Balkon einbauen sollten, damit sie das im Treppenhaus Geschehene weiterhin munter kommentieren konnten. Wie gedacht, so getan. Die 4 verfügten jetzt über eine Fahrstuhl-Loge, wie sie so wohl einzigartig in ihrer Machart war. Waldorf und Stetner wären wohl neidisch gewesen (Muppet Show Seher wissen, wer gemeint ist). Dass die Fahrstuhl-Loge schnell zur Attraktion des Kiezes wurde, muss hier wohl nicht gesagt werden. 

Liebe Leser, das vermeintliche Bla bla konkretisiert sich hier in der Präzision der Situation. Die Situation wird offensichtlich im Aufzug zwischen den Stockwerken. Erst wer hochfährt, kann tief fallen. Im Erdgeschoss geht das weniger und im Keller gar nicht. 

In diesem Sinne: Gut „geblat“ ist halb gewonnen, hugh! 

Kopfwürmer

Bla bla 

Liebe Leser, 

dieser Text steht in der Rubrik Kopfwürmer, obwohl die Charaktere Ernesto (Herr Müller) und Waltraut (Kowalski) darin vorkommen. Lassen Sie sich davon nicht verwirren. Die Rubrik Kopfwürmer fasst aber alles am besten zusammen. Viel Spaß beim Lesen! 

Neben der Wohnungstür stand seit Jahren eine Blumenvase samt Blume, seit Jahren wurde vergessen, sie zu gießen. Da es eine Kunststoff-Blume war, waren die Folgen für die Pflanze nicht so dramatisch. Aber wäre sie echt gewesen, hätte es für sie fatale Konsequenzen gehabt. So aber ging nur der Staub des Treppenhauses seit Jahr und Tag auf sie nieder. Schön war ihr Anblick schon lange nicht mehr. Da sich aber selten jemand in den 4. Stock verirrte, war die Anzahl derer, die es hätten bemerken können, eher gering. Das Leben als Kunstblume war ja auch eher monoton. Dennoch passierte ständig was im Treppenhaus, mal vom Staub abgesehen, der unablässig auf die Blume niederging. 

Ernesto, Ernie und Bert (aufmerksame Leser werden sich an sie erinnern) hatten um der Monotonie mal etwas Unterhaltung entgegen zu setzen, beschlossen, sich im Treppenhaus bzw. auf dem Fenstersims des 1. Stocks niederzulassen. Ernestos Betrachten der Raufasertapete aus Langerweile hatte dafür gesorgt, dass er dadurch eine Bindehautentzündung bekam und so also um Alternativen bemüht war. Waltraut setzte sich auf den Fußboden zu den Füßen der Schildkröten. Im Laufe der Zeit sorgte sie noch dafür, dass an dieser Stelle eine Decke lag, auf die sie sich legen konnte. Mit Wonne beobachteten die vier das illustre Treiben im Treppenhaus. Die Bewohner des Hauses taten sich insbesondere durch eine sehr gründliche Auslegung der Treppenhaus-reinigungs-Woche hervor. Der Fußboden war so sauber, dass man davon hätte essen können, so fiel es den vier Beobachtern auf. Aber nur die wenigsten Hausbewohner verlegten ihr Picknick ins Treppenhaus. Hauptbeschäftigung der Bewohner im Treppenhaus war nach wie vor das Treppensteigen. Dass das Treppensteigen für die meisten Bewohner des Hauses im Laufe der Jahre beschwerlicher wurde, ließ sie darüber nachdenken, bei der Hausverwaltung einen Treppenlift für jedes Stockwerk zu beantragen oder alternativ einen Fahrstuhl einbauen zu lassen. Platz dafür wäre da gewesen…(to be continued). 

Kopfwürmer

Freiheit 

Meine Freiheit ist auch immer die des anders Denkenden. 

Viel zu oft wird dieser Grundsatz vergessen von all denen, die ihre Freiheit eingeschränkt sehen. Der bloße Ruf nach Freiheit sollte immer einhergehen mit dem Gedanken an die Freiheit des anderen. Mit anderen Worten: Die Freiheit der eigenen Person beinhaltet auch immer die Freiheit der anderen Meinung. 

Viel zu oft wird genau das von vielen vergessen. Dabei liegt genau hier das Geheimnis des gesellschaftlichen Miteinanders. Erst wenn ich in der Lage bin, die Meinung des anderen zu akzeptieren und hinzunehmen, wird Meinungsvielfalt obsolet. Die Meinung des anderen einfach hinzunehmen, erfordert zwar viel Langmut, aber ist wohl grundlegend im Miteinander in unserer Gesellschaft, denn darin liegt genau der Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Gemeinschaften oder Volksgemeinschaften hatten wir in der Geschichte schon einige, zumeist unrühmliche Beispiele. Der Gemeinschaft jetzt mal ein Gesellschaftmodell der Freiheit gegenüber zu stellen, wäre es doch mal längst an der Zeit. Gesellschaft soll als Angebot an jeden sein, der sich darin sieht, ohne Voraussetzungen zu erfüllen oder über bestimmte Charakteristika zu verfügen. Gesellschaft halt. Jeder, der mitmachen will, kann mitmachen. Nun hört es sich so an, als ob Gesellschaft ein Fitnessclub wäre. Dem ist nicht so. Vielmehr sollte Gesellschaft für alle und jeden offen bleiben. Die Mitgliedschaft darin ist eher unfreiwillig, also muss nicht beantragt werden, sie ist einfach da durch die Teilhabe der Person an der Gesellschaft, nur bei Asylbewerbern und Neubürgern muss sie beantragt werden. 

Freiheit erfährt außerdem ihre Begrenzung maximal in der körperlichen Beschränktheit, so stellt sie sich mir jedenfalls dar. Im Geiste sind meine Möglichkeiten mannigfaltig, in der körperlichen Umsetzung eingeschränkt. Dennoch oder gerade deswegen liegt darin die große Stärke der Freiheit: Im Geiste das zu vollziehen, was mir körperlich nicht mehr oder nur mit Hilfe möglich ist. Der philosophische Denkansatz der größtmöglichen Freiheit, der in der Unfreiheit liegen soll, ist mir noch ein bisschen sehr abstrakt, aber ich arbeite daran, ihn zu verstehen. 

Freiheit ist nichts, was man geschenkt bekommt oder eine Mitgliedschaft hätte. Sie muss – so anstrengend das ist – täglich auf`s Neue bewusst und erkämpft werden. 

Kopfwürmer

Testbild 

Vor vielen Jahren mit der Einführung des Privatfernsehens ist eine entscheidende Methode der Selbstanalyse verloren gegangen. Mit Hilfe des Testbildes konnte man nämlich sehr gut seine individuellen Parameter überprüfen. Dazu musste man sich dieser natürlich bewusst sein, aber mit der Einführung des Privatfernsehens fiel das ja eh weg. 

Stattdessen befahlen einem barbusige Damen, dass man sie anrufen solle. Bei Gelegenheit könnte man sich mal fragen, ob man dann nicht lieber auf ein Testbild geglotzt hätte. Der Sinn und Zweck der Testbilder geht nämlich weit über die Alternative des damaligen Privatfernsehens hinaus. Es hielt einen an, mal innezuhalten und das Gesehene zu verarbeiten. Die ständige Berieselung mit Bildern aller Art kann ja auf Dauer nicht gutgehen. Diese dauerhafte Berieselung hält einen doch stark davon ab, sich mal mit sich selber zu beschäftigen, weil die Notwendigkeit dazu gar nicht mehr besteht. So ein Testbild kann auch anregend für die eigene Fantasie sein. Einem Mandala ähnlich kann man daraus tolle Bilder produzieren. Nur malen sollte man auf dem Bildschirm eben nicht, ich hab`s probiert. 

Dennoch bieten Testbilder eine sehr heilsame Art der Selbstreflektion. Heilsam, weil eigenes Verhalten mit Hilfe des Testbildes hinterfragt werden kann. Telefonsex-Werbung bietet diese Form der Selbstreflektion nicht, glaube ich. 

Die Berieselung durch bewegte Fernsehbilder lenkt leicht davon ab, sich intensiv mit sich selbst zu befassen. Wichtig an dieser Stelle: Es sei mal gesagt, dass es entscheidend ist, auch mal auf den Punkt zu kommen. Gerne wird ja an dieser Stelle um den heißen Brei herum geredet. Klare Wahrheiten müssen auch benannt werden, und vor allem dürfen. Die Wahrheit ist: Ich weiß es doch auch nicht. Auf der Suche nach der allgemeinen Wahrheit bleibt einem nur die individuelle Wahrheit. Dass diese nicht immer mit der allgemeinen Wahrheit übereinstimmt, ist bedauerlich, aber häufig nicht zu ändern. Mit anderen Worten: Wer nichts zu sagen hat, dem bleibt nur, viele Worte um nichts zu machen (hic). Man könnte auch sagen, aus Scheiße Gold machen. Da mir diese Art der Rhetorik jedoch fremd ist, bleibt mir nur vermeintlich schlau herumzulabern. 

Festzuhalten ist: Testbilder waren als Fixpunkte im individuellen Himmelsgestirn gleichsam Ruhepole, Testbilder als Ruhepole im steten Hin und Her der Bilderflut des Fernsehens. Schade, dass wir jetzt ohne sie auskommen müssen. 

Kopfwürmer

Beamte 

Also um gleich mal den Menschen den Wind aus den Segeln zu nehmen: Es geht hier in erste Linie nicht darum, das Verhalten von Beamten zu bewerten. 

Das Beamtentum gab es bereits im alten Ägypten, China und im römischen Reich. Die neuzeitliche Prägung erfolgte durch das Beamtentum in Preußen. Auch die Gesetze stammen aus dieser Zeit. Zeitgemäß geht wohl anders. Obwohl einige Gesetze im Laufe der Zeit verändert wurden, sind die meisten Beamtengesetze etwas aus der Zeit gefallen. 

Angesichts der aktuellen Diskussion um die Existenz des Beamtentums kann jeder meinen, was er will. Über die Flexibilität von Beamtengesetzen kann man ja gerne streiten, aber ein Doppel-T-Träger ist flexibler. An dieser Stelle sei nur kurz darauf hingewiesen, dass ich eigene Erfahrungen mit dem deutschen Beamtenrecht machen durfte. Danke, reicht! 

Ist eigentlich schonmal jemandem aufgefallen, dass die englische Buchstabenkombination „ea“ im Deutschen wie „i“ ausgesprochen wird? Beamte sind also „gebeamt“, ohne es zu wollen. So als „Gebeamter“ lebt es sich eigentlich – trotz meiner Erfahrungen – ganz gut. Aber sie können eben mit einem machen, was sie wollen. Diese Willkür wird mit Unkündbarkeit mundtot gemacht. 

Jetzt könnte man den Eindruck kriegen, dass viele Beamte fremdgesteuert sind, dem – hoffe ich – ist nicht so, zumindest kann oder könnte jeder Beamte seinen Kopf zum Denken benutzen, denn wie ein von mir gern genutztes Sprichwort sagt: Selber denken, macht schlau! Also: Beamter sein ist manchmal schwer, selber denken nicht so sehr. In diesem Sinne: Amen. 

Man sagt ja oft, viele Köche verderben den Brei. Bezogen auf das Beamtentum hieße der Spruch wohl, viele Beamte haben noch lange nicht recht, auch wenn sie dies zu glauben scheinen. Es gilt wie immer der Grundsatz: Leben und leben lassen. 

Abschließend lässt sich sagen, dass es wohl am besten wäre, wenn sich alle Menschen so sicher fühlen könnten wie Beamte. Die endlose Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen sei hiermit eröffnet. 

Kopfwürmer

Leben

Das Leben könnte so einfach sein, wenn nicht ständig aktuelle Ereignisse im Leben dazwischenfunken würden. Was zunächst wie ein Widerspruch daherkommt, erklärt sich beim Erleben des Lebens. So einfach – wie gedacht – ist es nämlich gar nicht.

Das Leben in seiner Gänze betrachtet, ist sicherlich schwer zu beurteilen, zumal ich das Ende Gott sei Dank noch nicht kenne. Na klar, könnte ich sagen: Irgendwie ist es scheiße, mit so einer Erkrankung zu leben. Andererseits eröffnen sich dadurch auch wieder ganz neue Perspektiven auf das Leben. Kleine Dinge und scheinbare Alltäglichkeiten bekommen dadurch einen neuen und ganz gewichtigen Stellenwert. Das genau macht vielleicht das Leben aus. Dass Alltäglichkeiten als solche wahrgenommen werden und in den Gesamtzusammenhang des Lebens einsortiert werden. Das Leben ist nämlich eines der härtesten, wie schlaue Leute das einst sagten und, ohne es zu wissen, damit den Nagel ziemlich auf den Kopf trafen. Trotzdem möchte ich in meinem Leben nichts missen, so anstrengend manches ist, so liebenswert und lebenswert sind eben andere Dinge, die auch ein Großteil meines Lebens ausmachen.

Einfach so vor sich hinleben geht nicht. Das Bewusstsein für das Leben erfolgt leider oft in der Retrospektive. Um einen Perspektivwechsel vorzunehmen, dient mir dieser Blog – oftmals hilft er mir dabei, momentanes und vielleicht auch zukünftiges Leben unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Der Blog ist unabhängig von Prüfungen. Die Prüfung erfolgt durch mich und mein Verständnis vom Leben bzw. Andersleben.

Wäre das Leben eine Baustelle, dann sähe ich mich eher am Betonmischer denn am Bagger: Es liegt mir eher, Neues zu gestalten als Altes ab- bzw. einzureißen. So am Betonmischer des Lebens fühle ich mich oft genug wie der Chef, werde aber auch oft genug von der Realität darauf hingewiesen, dass vieles von mir nicht mehr unmittelbar ausgeführt werden kann, aber doch als Anweisung, Chef eben . So als Betonmischer des Lebens muss ich oft genug feststellen, dass der alte Werbespruch „Hoffentlich ist es Beton“ wohl doch nur für Gebäude gilt. So als Individuum dem Leben gegenübergestellt hilft es wenig, starrsinnig voranzuschreiten. Eine gewisse Flexibilität hilft manchmal ungemein. Insbesondere im Leben.

Solange flexibler Beton noch nicht erfunden ist, bleibt mir nur die Hoffnung auf diese Erfindung.

Kopfwürmer

Was wäre, wenn

So manches Mal, wenn ich so vor mich hindenke, kommt mir schon die Frage hoch: Was wäre, wenn es gegen meine Form der MS ein Medikament gäbe, das mich aus dem Rollstuhl aufstehen lassen würde. Es wär schon komisch, weil dann mein ganzes momentanes Leben schon wieder – zum zweiten Mal – komplett umgeschmissen werden würde. Ich habe mich gerade so in meinem Zustand eingerichtet, mich daran gewöhnt, dass ich im Rolli sitze. Daran zu rütteln, erscheint mir schwer, wenn es jetzt hieße, nächste Woche um 3 kommt dagegen ein Medikament. Das wäre schon komisch.

Das erste Mal mein Leben zu verändern, war schon schwer genug, ein zweites Mal sicherlich wünschenswert, aber schon sehr anstrengend, mal von den wegfallenden Ausreden abgesehen. Nächste Woche um 4 würde es mir besser passen, falls das Schicksal nichts vor hat. Nein, aber mal im Ernst: Meine Ungeduld ist in Verbindung mit der Erkrankung wirklich sehr anstrengend. Das Gefühl, eine Belastung für seine Umwelt zu werden, muss immer wieder von mir selbst geäußert, dann aber auch relativiert werden.

Auf dem Gipfel des „hätte, wennte, könnte“-, also des „was wäre, wenn“- Gedankens, fällt mir auf, dass es sicherlich schwieriger ist 1 Million im Lotto zu gewinnen, als endlich ein Medikament für meine Form der MS zu finden. Dabei wird deutlich, dass es recht schnell ging, ein Mittel gegen Corona zu finden. Auch entgegen der Aussagen meiner damaligen Ärzte (2008) dauert es eben nicht nur 10 Jahre bis die Form meiner MS Geschichte ist. Physio, Ergo und Logo sollten dann eher eine Beschäftigungstherapie sein, bis DAS Medikament auf den Markt kommt. Das scheint sich aber leider noch etwas zu verzögern – the wind knows how long.

Angeblich ist das Leben kein Wunschkonzert. Und ich darf nicht vergessen, dass mit der Diagnose auch die Geburt meines Sohnes einherging und das war sicherlich um Lichtjahre schöner und wichtiger als diese doofe Diagnose. Damit will ich die Erkrankung nicht klein reden, aber im Gesamtzusammenhang meines Lebens relativieren. Mit anderen Worten: Wenn das Leben dir Zitronen anbietet, mach Limonade draus! Leicht gesagt und doch ernst gemeint. Oder mit anderen Worten: Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder Schmied hat Glück. Und ich hatte bisher eine Menge Glück mit einem tollen Sohn und einer tollen Frau. Manchmal hilft es mir, das alltägliche Sein so in größeren Kontexten zu sehen. Das lenkt von der täglichen Beschwerlichkeit ab.

ASo lässt sich der „was wäre, wenn“-Gedanke ertragen.

Kopfwürmer

Ja vs. Nein

Manchmal – an guten Tagen oder auch innerhalb eines Tages – können alle 26 Buchstaben, sogar die Umlaute, von mir verbal verständlich geäußert werden. An schlechten oder auch Scheißtagen beschränkt sich meine Kommunikation auf Ja (Kopfnicken) und Nein (Kopfschütteln). Dieser binäre Code macht mein Verhalten so manchem Rechner ebenbürtig. Nicht dass ich mich mit irgendwelchen Rechnern vergleichen möchte, aber die Auswahl ist doch sehr beschränkt, das heißt der Computer kann zwischen 0 und 1 wählen und ich zwischen ja und nein. In dieser Beschränktheit der Wahlmöglichkeiten liegt aber auch zugleich ihre größte Freiheit. Philosophen dürfte das Problem bekannt vorkommen. Für mich wird es aber manifest, weil deutlich.

Ein beherztes Jein wäre eine dritte Möglichkeit. Der Psychologe Freud hat mit Ich, Es und Überich ja auch drei Versionen des Ichs geschaffen. Die Nähe zur heiligen Dreifaltigkeit ist da schonmal verdächtig. Religiöse Gemüter können sich aber schnell auf den Schlips getreten fühlen. Dieses ist natürlich ausdrücklich nicht das Ziel, aber ein gelegentliches Überdenken der Handlungsweisen lohnt schon.

Das beherzte Jein wird von mir manchmal praktiziert. Es äußert sich in missmutiger Stimmung und einer unglaublichen Unzufriedenheit mit mir selber. Ich muss mit mir echt geduldiger werden. Vor allem darf diese Ungeduld mir gegenüber und nicht gegenüber Frau, Kind und etc. zum Tragen kommen. Eigenes Verhalten zu reflektieren hat dazu geführt, dass ich die Idee hatte, mir Fahrradreflektoren umzuhängen in der Hoffnung, dass dies auf mein Verhalten Auswirkung hätte. Als ich dann aber aussah wie ein geschmückter Weihnachtsbaum, ließ ich doch davon ab. So als lebendiger, geschmückter Weihnachtsbaum durch die Gegend zu rollern, ist nicht jedermanns Sache, meine war es zumindest nicht.

Das Reflektieren, so musste ich einsehen, hat auch seine Grenzen. Dennoch bringt es gelegentlich mal Licht ins Dunkel. Reflektion muss ja nicht nur gewollt, sondern auch gekonnt sein. Wie eine gekonnte Reflektion aussieht, wäre dann wohl gegeben, wenn eigene Verhaltensänderungen zu einer Lösung führen würden. Dies ist aber in näherer Zukunft noch nicht abzusehen. Vielleicht liegt die Lösung vieler Probleme darin, mit mir selber auf lange Sicht genügsamer zu sein. Zeiten mangelnder Reflektion schlagen dann immer voll auf das eigene Gemüt durch.

Ja und Nein sind in ihrer Aussage so absolut, ein Jein wäre da versöhnlicher. Vielleicht muss ich die Akzeptanz des Jeins noch lernen.

Kopfwürmer

Poller 

Diese Pickel der Fußgängerzonen nahmen immer mehr Überhand, waren sie doch Ausdruck der aktiven Gegenwehr gegen Lieferanten aller Art. Auch als Schutz vor Terroranschlägen gefielen sie zunehmend. Ein Poller machte noch keinen Frühling, so sagt man, glaube ich. Aber viele Poller verderben den Brei. Um die Sprichworte-Kiste nicht weiter zu strapazieren, sei hier nur angemerkt, was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans nimmer mehr oder kurz gesagt: Wer anderen eine Grube gräbt, wird Bauarbeiter. Genug der flotten Sprüche. 

Zurück zu Pollern: Eigentlich sollten diese ja die Zufahrt zu bestimmten Bereichen versperren. Oftmals tun sie das auch zunächst, können dann aber mit passendem Schlüssel doch umgelegt werden oder sie sind absenkbar. Das hat dann zur Folge, dass jenseits der Poller doch ein geschäftiges Treiben herrscht und man sich fragt, welchen Zweck die Zugangsbeschränkung dann eigentlich mal hatte. Clearasil hilft gegen diese Art von Pickel wenig. Vielmehr Geduld und Langmut. Ganz nebenbei ist mir aufgefallen, dass es im TV gar keine Clearasil-Werbung mehr gibt, ich ahne da eine Weltverschwörung. Oder hat plötzlich die Menschheit keine Pickel mehr? Das kann ich nicht ganz glauben. Daher siehe Weltverschwörung. Die neue Pickelfreiheit sollte die Menschheit dazu veranlassen, sich wieder wichtigen Themen in ihrem Dasein zuzuwenden. Kriege wären da zum Beispiel – gleich nach Pickeln – ein lohnenswertes Ziel der Auslöschung. 

Die Folgen versenkbarer Poller für Rollifahrer seien hier mal nicht genannt. Sie sind geradezu unaussprechlich, weil skandalös. Man stelle sich einen Rollifahrer vor, der von einem solchen Poller angehoben wird und dort oben verhungert, weil keiner an einen Rollifahrer auf Pollern denkt und Vogelfutter schmeckt ja nicht jedem… Mit anderen Worten: Die Folgen für uns alle sind unabsehbar. Rollifahrer auf Pollern sind ja Gott sei Dank eher selten anzutreffen. Um die Rollifahrer sichtbarer zu machen, könnte es helfen, sie mit Lampen-Stirnbändern zu versehen, dann hätte man Weihnachten auch weniger zu schmücken in den Innenstädten. Natürlich müsste der Rollifahrer ein Solarpanel auf dem Kopf tragen, damit die Lampen mit umweltfreundlicher Energie versorgt werden könnten. Man sieht also: Es gibt noch viel zu tun im Staate Dänemark, um Rollifahrer in den Alltag vollständig zu integrieren. 

Bis dahin akzeptieren wir Rollifahrer gelegentliche Missgeschicke mit den Pollern, lesen weiter Shakespeare und freuen uns auf Weihnachten.