Herr Müller sieht die Welt

Brücken 

Wenn man sich nicht gerade im Mund befindet, dienen Brücken vor allem dazu, Menschen miteinander zu verbinden. Sie überwinden Flüsse, Straßen oder Schluchten. 

Der Anlass, der jetzt gerade Brücken zum Thema macht, war, dass Ernesto und ich über eine selbige fuhren, die laut Ernestos Bekundungen ganz schön hoch war. Dabei stellten wir fest, dass wir oft über Brücken fuhren. Das verbindende Moment von Brücken wurde uns bewusst, als wir mitbekamen, dass zum Beispiel Städte wie Hamburg über mehr Brücken verfügen als Venedig. Aber trotzdem gab es so etwas Bekanntes wie die Rialtobrücke in Hamburg nicht, es sei denn, man nimmt die Köhlbrandbrücke als ähnlich bekanntes Bauwerk hinzu. Dann wäre also die Köhlbrandbrücke die Rialtobrücke Hamburgs. 

Gerade in Städten wie Hamburg fällt auf, dass es dort relativ wenige soziale Brücken gibt. Jeder wurschtelt in seinem sozialen Umfeld. Schade eigentlich. Der Blick über den eigenen sozialen Horizont lohnt. Der soziale Brückenbau sollte hier mal mehr ausgebaut werden. Das Kennenlernen anderer Lebensweisen ist doch elementar zum Begreifen des Lebens, oder nicht? Das Verlassen ausgetretener Pfade führt eben nicht nur zu schmutzigen Schuhen, sondern auch zu mannigfaltigen, neuen Erkenntnissen. Deren Sinn und Zweck ist eben genau die Erweiterung des eigenen Horizonts. Dessen helle Strahlen sollte das eigene Handeln mit einem Ziel versehen. Gott sei Dank leben wir nicht mehr im Mittelalter, wo man Angst haben musste über die Kante der Welt zu fallen. Der soziale Sturz sollte also nicht mehr Teil des gegenwärtigen Handelns sein, vielmehr das gegenseitige Miteinander, weil es sehr viel erfolgversprechender als der Alleingang ist. Leider stehen uns oft Neid und Missgunst im Weg. Die Höhe der sozialen Brücken kann deswegen trotz meiner Höhenangst unendlich sein. Ernesto riss durch die Auswahl seiner Kumpels vom Kiosk sämtliche sozialen Brücken ein. Meine Angst vor hohen Brücken oder Höhe allgemein musste dann halt mal hinten an stehen. 

Der Sinn und Zweck von Brücken, Dinge zu überwinden, macht gerade im sozialen Kontext Sinn. Mauern gibt es ja leider ohnehin genug. Wie diese überwunden werden können, ist und bleibt ein Geheimnis, wohl deswegen, weil es kein allgemeingültiges Rezept gibt. 

Herr Müller sieht die Welt

Bauernhof 

Nach unseren Ausflügen in die größeren Städte Deutschlands hatte Ernesto jetzt mal die Idee, an einer ruhigen Örtlichkeit in unserer näheren Umgebung zu verweilen , weil ihm der Besuch der Städte doch zu anstrengend war. Also beschlossen wir, unseren nächsten Urlaub auf dem Bauernhof zu verbringen. 

Nach anfänglichen Berührungsängsten mit den Tieren des Hofes hatte es Ernesto vor allem der Kuhstall angetan, weil die Kühe vor sich hin wiederkäuten und auf Ernesto eine große Ruhe ausstrahlten. Erst nach einiger Zeit merkte er, dass die Kühe in ihren Boxen angekettet waren und wohl deswegen so ruhig dastanden. Außerdem wurde er leider von einem Kuhfladen getroffen, was ihn bis ins Mark erschüttern ließ. Er war so sehr von den Socken, dass es einige Tage brauchte, um mit mir darüber reden zu können. 

Nachdem er sich von dem Schreck des Kuhfladens erholt hatte, ließ sich Ernesto von mir durch den Kuhstall fahren mit dem einrädrig angetriebenen Fütterungstransporter. Nach der Attacke der Kühe war Ernesto ansonsten relativ gesättigt, was den Besuch des Kuhstalls anbetraf. 

Er fand die jungen Katzen, die gerade auf dem Hof die Welt neu entdeckten jetzt spannender. Die Katzen zeigten sich zunächst irritiert ob der Langsamkeit Ernestos, gewöhnten sich aber schnell daran. Seine Anstrengungen mithilfe der Katzen den Hofhund zu ärgern, wurden alsbald von Erfolg gekrönt. Der Hofhund hatte eine Hütte, in der er seinen Mittagschlaf zu tätigen pflegte. Die Katzen hatten die Schüssel mit Wasser genau vor den Hund platziert, sodass er bei jeder Bewegung hineintapsen müsste. Als plötzlich ein Postauto auf den Hof gefahren kam (Ernesto hatte ein Paket bestellt), sprang der Hund auf, tapste voll in die Wasserschale und war klatschnass. Für Ernesto ergab sich so die Möglichkeit, den Katzen zu zeigen, dass gute Ideen und Witzigkeit nicht unbedingt etwas mit Schnelligkeit zu tun haben muss. Auch hier galt: In der Ruhe liegt die Kraft! 

Das Erlebnis mit dem Kuhfladen war offensichtlich von prägender Wirkung, weil Ernesto zurück zu Hause noch Tage davon erzählte und nicht von dem Hofhund und den jungen Katzen. Ernesto wollte zukünftig nicht mehr auf den Bauernhof, sondern hatte die Idee, seinen nächsten Urlaub im Tierheim zu verbringen, weil – so seine Logik – dort gab es Hunde und Katzen im Überfluss, mit denen er neue Streiche aushecken konnte. 

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Milky Way 

Es gab mal früher vor Jahren eine Reklame von Milky Way: Es sei so leicht, es schwimme sogar in Milch. Angespornt von dieser Werbung wollte Ernesto ein Bad in der Milch nehmen. Außerdem habe er gehört, dass Cleopatra ja auch immer in Eselsmilch gebadet hätte. Sie könne also nur gut sein für den Teint, so war Ernestos Überzeugung. Nach einigen Schwimmbewegungen ging Ernesto aber unter wie ein Stein – so viel zum Thema Realität und Werbung. Völlig frustriert oblag es dann mir, ihn wieder aufzubauen. Außerdem war der Teint bei gepanzerten Wesen relativ unerheblich, so stellte er fest. 

Seine Bemühungen um einen zarteren Teint waren aber dahingehend erfolgreich, dass jetzt immer alle Welt Ernesto streicheln wollte. Alle Welt fand Ernesto jetzt soooo süß und zart, egal wo wir waren, auch mitten auf der Straße, vor Einkaufsläden und natürlich auf dem Spielplatz wollten alle ihn streicheln. Das jedoch missfiel ihm so sehr, dass er alsbald wieder in Wasser sein Bad nahm. 

Die gewohnte Umgebung im Wasser sorgte auch dafür, dass Ernesto in alte Verhaltensmuster zurückfiel: Er begann infantile Spielchen zu spielen. Er konnte sich stundenlang mit ihnen beschäftigen und sich über sie totlachen. Dass sie bei mir bestenfalls ein Schmunzeln hervorriefen, interessierte dabei wenig. Infantile Spielchen konnten sein, sich zum Beispiel die Pfoten vor die Augen zu halten und zu sagen „Such mich!“ oder sich hinter einer Wohnungsecke zu verstecken und dabei gar nicht zu bemerken, dass man die ganze Zeit aus dem Nachbarzimmer voll zu sehen ist. 

Eines dieser Versteckspiele sorgte dafür, dass Ernesto hinter einer Tür stand und glaubte mal wieder nicht gesehen zu werden. Erst als es laut krachte und er durch die Wohnung purzelte, bemerkte er seinen Denkfehler. Mit der Beweglichkeit der Tür hatte er nicht gerechnet. Natürlich war Ernesto jetzt daran gelegen, möglichst leichtfüßig durch die Welt zu stapfen. Dies klappte mal mehr, mal weniger erfolgreich. Zumeist waren seine Erfolge, so leicht wie Milky Way zu wirken, von geringem Erfolg gekennzeichnet. Ernesto beschränkte sich jetzt darauf, Milky Way zu essen, in der Hoffnung vielleicht bald für Milky Way zu werben. Er stellte aber schnell fest, dass es eher zu einer Zunahme des Gewichts führte. 

Fazit: Um in Milch zu schwimmen, braucht man nicht nur einen Freischwimmer, sondern auch den nötigen Auftrieb. 

Herr Müller sieht die Welt

Parkett 

Nachdem Ernesto sämtliche Fußbodenbeläge geprüft und bewertet hatte, kam für ihn nur noch Parkett in Frage. Teppichboden konnte er im Wohnzimmer ausprobieren, Linoleum in der Küche und Riffelblech auf unserem Balkon. Unser Flur mit Parkett erwies sich als am spielfreundlichsten. Da rollten auch die Fingerboards am besten, mit denen Ernesto derzeit seine Freizeit verbrachte. Das Riffelblech des Balkons erwies sich als sehr unpraktisch für solche Art der Fortbewegung. Außerdem war die schiere Länge unseres Flures für ihn viel interessanter für seine Spielversuche als die Enge von Küche, Bad oder Balkon. 

Die scheinbare Unendlichkeit des Flurs wurde offensichtlich, wenn er mal durch diesen mit dem Rollbrett glitt. Er überlegte ernsthaft, ob er sich das nächste Mal für die Durchquerung ein Kehrpaket einpacken sollte. 

Jetzt lud er Ernie und Bert zum Spielen ein und machte Wettbewerbe, wer am weitesten mit dem Rollbrett im Flur rollen konnte. 

Nachdem ein Sieger gekürt war, wollten Ernesto und Kumpels aber was anderes spielen. Es ging jetzt nicht mehr um die längste Strecke, die man zurücklegte, sondern um den coolsten Stunt, den man mit dem Rollbrett machen konnte. Die erste Idee, mit dem Rollbrett möglichst hoch zu springen, musste schnell verworfen werden, als bemerkt wurde, dass sie eben nur mit dem Panzer auf dem Rollbrett auflagen und sie so das Rollbrett nicht aktiv beeinflussen konnten. Die Stunts waren vor allem Überschläge, indem sie sich vom Rollbrett fallen ließen und sich dann mehrfach überschlugen. Dabei waren sämtliche Extremitäten eingefahren, um die Überschläge nicht schlagartig stoppen zu lassen. 

Nach mehreren Stunden wollten die Drei jetzt Milky Way und Milch von mir zur Belohnung haben. Meine Frage, wer denn nun Sieger sei, beantwortete Ernesto salomonisch: Es ginge nicht darum, einen Sieger zu küren, sondern alle Drei trügen zur Überbrückung der Langeweile bei. Damit wären alle Drei Sieger. Von so viel Weisheit überwältigt, gab ich mich denn geschlagen und lud die Drei zum Abendessen in unseren Stammimbiss ein. 

Das Parkett als Grundlage des Spiels der Schildkröten wurde oftmals von uns mit Füßen getreten oder eben von Rollbrettern befahren und hatte sich seine Erholungspause redlich verdient. 

Herr Müller sieht die Welt

Ringelsocken 

Seit Wochen lag mir Ernesto in den Ohren damit, dass er kalte Füße habe. Die zunächst von mir angedachten Hausschuhe entpuppten sich in der Praxis als unpraktisch, weil Ernesto sie immer verlor und antackern schien mir zu brutal, zumal es ja auch noch die Möglichkeit des Festklebens gegeben hätte. Naja, was auch immer, jedenfalls beschlossen wir dann, für Ernesto Ringelsocken zu besorgen. Diese gab es auch mit „Bremsfunktion“, also Stopper auf der Unterseite. 

Im Laufe der Zeit gewöhnte sich Ernesto an das Tragen der Socken, ja, er fand sogar, sie verlängerten das Bein optisch in ungeahnte Höhen. Eine Beinverlängerung war aber bei Ernesto nur vorteilhaft, wenn sie nicht zu übertrieben aussah. So eine höher gelegte Schildkröte brauchte ja kein Mensch. Zumal ja eine erhöhte Geländegängigkeit bei Schildkröten auch überflüssig war. Tieferlegen kam auch nicht in Frage, weil Ernesto zwar durch die Socken mehr Grip hatte, aber nicht so schnell unterwegs war, dass er diesen Grip hätte auf die Straße bringen können. 

Der Vorteil von Ringelsocken war, dass sie ähnlich wie Wuchsringe am Baum zur Bestimmung des Alters herangezogen werden konnten. Je mehr Ringe der Träger hatte, desto älter war er oder sie. Dennoch durfte man sich nicht von der Tatsache blenden lassen, dass die Anzahl der Ringe und das Lebensalter in einem Verhältnis zueinander standen. Leider nutzten viele Schildkröten diese Tatsache, um ein falsches Alter vorzugaukeln. Die Anzahl der Ringe war vor allem Aussage über das modische Befinden des Trägers/der Trägerin. Ernesto ging jetzt dazu über, breite Streifen zu tragen, deren Anzahl logischerweise in der Länge der Socken begrenzt war. Weniger Streifen sahen zwar auf den Socken besser aus, waren aber auch eine Täuschung für den Beobachter. 

Schließlich ging Ernesto zu einfarbigen Socken über. Das von ihm angegebene Alter war so nicht mehr zu bestimmen und so blieb eben doch nur die Nachfrage beim Träger der Socken. Es stellte sich jetzt nur die Frage nach den dazu passenden Schuhen. Sandalen schieden aus, weil ja auch Schildkröten modisch sein wollten und Socken in Sandalen gingen ja gar nicht! Modische Sneakers schienen sehr passend und fanden auch bei Ernesto großen Anklang. Die Sneaker machten bei Ernesto ihrem Namen alle Ehre… 

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Zeitung 

Wie jedes Wochenende kam am Samstag die gedruckte Form der Zeitung. Ernesto und ich lasen sie zumeist Samstag und Sonntag ausgiebig am Frühstückstisch. Den Samstag nutzten wir zum Überfliegen und am Sonntag wurde sich dann vertiefend den Themen gewidmet. 

Zunächst las ich die Zeitung durch, bevor Ernesto auf der Zeitung sitzend die einzelnen Artikel durchging. Insbesondere der Lokalteil der Zeitung hatte es Ernesto angetan. So gab es zum Beispiel Probleme bei der Müllentsorgung in unserer Nachbarschaft, von denen berichtet wurde. Auch das geplante Parkverbot in unserer und den Nachbarstraßen sorgte bei Ernesto für Kopfschütteln. Nicht dass er unter die Autofahrer gegangen wäre, aber ein zünftiges Verkehrschaos stand zu befürchten. Ernesto war besorgt um die Parkmöglichkeiten der anderen Anwohner. Parkverbote machten in Ernestos Augen keinen Sinn, weil dadurch ja nicht die Anzahl der PKW reduziert würde, die einen Parkplatz benötigten. Es blieb in seinen Augen nur die Anzahl der Personen mit PKW zu verringern. Meinen Einwand, dass dies aber nur durch freundliche Angebote an die Autofahrer bewirkt werden könnte, nicht durch strikte Verbote, da diese meist ihren Zweck verfehlten, ließ Ernesto gelten und überlegte, wie die Nutzung der Öffis attraktiver werden könnte. Das Angebot, vorne beim Busfahrer auf einem Kissen Platz zu nehmen, kam ja nur für ihn in Betracht. Ähnliche Attraktivität wollte er für alle Mitfahrer. 

So kam ihm die Idee, doch für jeden, der ein Busticket löste, eine Zeitung zum Ticket dazuzugeben. Zum einen würde so die Zahl der Lesenden erhöht, zum anderen hätten die Mitfahrer dann was zu tun während der Fahrt. Die Zeitung war dankbar für diese Idee und setzte sie prompt in die Tat um. 

Die Zeitung als ursprüngliches, von allen genutztes Medium rückte so wieder mehr in den Mittelpunkt. Die Absatzzahlen der Lokalzeitung erhöhten sich binnen eines Jahres merklich, sodass Ernesto zum Ehrenleser der Zeitung ernannt wurde. Der Ehrenleser ist wohl mit dem Ehrenbürger vergleichbar. Ernesto war jedenfalls stolz wie Bolle und überlegte, ob er seinen Panzer jetzt gülden streichen sollte als Zeichen seiner Prominenz. Als er dann aber hörte, dass die Farbe dann nicht mehr abwaschbar gewesen wäre, sah er davon ab. Natürlich bekam Ernesto die Zeitung jetzt gratis vor die Haustür geliefert, damit er sie bei jedem Frühstück ausgiebig lesen konnte. Auch die Nutzung der Öffis konnte so im Laufe der Jahre merklich erhöht werden. 

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Filterkaffee 

Jeden Morgen gehörte es für Ernesto und mich zum gewohnten Ritual, die Kaffeemaschine zu starten. Der Schalter der Kaffeemaschine war gleichsam unser Schalter für den beginnenden Tag. 

Langsam und blubbernd ergoss sich der frische Kaffee in die Kanne. Das allein war ja für den normalen Mitteleuropäer schon spektakulär genug, sollte aber von unserem Milchaufschäumer noch getoppt werden. Dieser musste zwar von mir bedient werden, verlieh aber dem schnöden Filterkaffee eine besondere Note. Die Haube aus Milch war die Krönung eines jeden Kaffees. Manchmal ließen wir uns auch dazu hinreißen, den Milchschaum mit Kakaopulver zu krönen oder eine Prise Zimt unter das Kaffeepulver zu mischen, aber das geschah nur an den Feiertagen und in den Ferien. Für Ernesto war das Starten des Milchaufschäumers gleichsam der Start in eine unbekannte Dimension: Der schnöde Filterkaffee wurde von dem Milchschaum geradezu geadelt. So viel Adel wurde aber relativ schnell von dem Bohnenkaffee auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Bürgerlichkeit des Kaffees kam Ernesto und mir schnell wieder ins Bewusstsein, da half auch die Haube aus Milchschaum nichts. Die Tatsache, dass es sich eben doch nur um Bohnenkaffee handelte, war zwar gerne verdrängt, schlug jetzt aber voll durch. Das Original mit Espresso wäre mit unserer herkömmlichen Kaffeemaschine nicht zu kochen gewesen. Die Schmackhaftigkeit des schnöden oder bürgerlichen Bohnenkaffees wird dennoch viel zu sehr unterschätzt. Die Kraft der Bohne trug zu geschmacklichen Gipfelstürmen bei. Je nach Kaffeemarke waren diese dann stürmisch oder sanft. Der Bohnenkaffee führte ja angeblich zu ungehemmter Entwässerung und war deshalb lange Zeit verpönt. Erst in neuerer Zeit wurde bemerkt, dass wohl die Art der Flüssigkeit, die man zu sich nimmt, egal ist – Hauptsache man trinkt überhaupt etwas. Zu viel Kaffee sollte dennoch nicht getrunken werden, denn dies schlägt auf die Pumpe und genau wie zu viel Tee ist es insgesamt ungesund für den Körper. 

Im Laufe des Tages sank die Temperatur des Bohnenkaffees – je fortgeschrittener der Tag war, desto kühler wurde der Kaffee. Man könnte sich fast dazu hinreißen lassen, dass die Höhe des Sonnenstandes mit der Wärme des Kaffees einherging. Wenn der Tagesablauf vom Blubbern der Kaffeemaschine bestimmt wird, hilft es bestimmt, sich etwas von diesen Zwängen zu befreien und gelegentlich mal ein Glas Saft zu trinken. 

Dennoch war für uns der Tagesbeginn mit dem Starten der Kaffeemaschine unmittelbar verknüpft. 

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Heiligenschein 

Als Ernesto davon hörte, dass in einem großen Buch der Religion ein Heiligenschein eine zentrale Rolle spielte, beschloss er, so einen jetzt auch haben zu wollen. Die unendlichen Möglichkeiten, von über`s Wasser laufen bis zu Brot teilen und damit alle Menschen satt zu bekommen, erschienen ihm doch sehr erstrebenswert. Als er dann noch hörte, dass es mit seiner Hilfe gelang, ganze Meere zu teilen, war er völlig von den Socken. 

Also bestellte sich Ernesto einen Heiligenschein bei Amazon. Tage später wurde dieser direkt nach Hause geliefert. 

Er wollte sich nun an der Nutzung des Heiligenscheins üben. Unser Nachbar besaß ein Tandem, das Ernesto wieder in zwei Fahrräder teilen wollte. Ich war gespannt, aber wider Erwarten klappte es nicht. Die Enttäuschung Ernestos war grenzenlos, konnte aber von mir schnell besänftigt werden. 

So einfach war es wohl doch nicht, mit Hilfe eines Heiligenscheins Gutes zu tun. Also übte Ernesto im Kleinen. Er konnte zum Beispiel mit Hilfe von Waltraut Würste aus unserem Imbiss verschwinden lassen. Dieser doch sehr leicht zu durchschauende Trick fand seine Krönung im Stühle wegzaubern von Imbissgästen. Die großen Schmerzen der Imbissgäste ließen ihn dann doch davon Abstand nehmen, waren sie doch nicht von ihm beabsichtigt. 

Es schien gar nicht so einfach zu sein, mit einem Heiligenschein verantwortungsvoll umzugehen. Die Fähigkeit als solche war ja schonmal schön, aber der Umgang damit erforderte doch viel Denkarbeit. Denkarbeit hieß in diesem Fall Verantwortungsbewusstsein. Wie immer genügte mal wieder das bloße Vorhandensein einer Fähigkeit alleine nicht. Erst das Bewusstsein der Fähigkeit ließ ihn von der Zufälligkeit zur Absicht werden. Zu viel Verantwortung war halt zunächst eher abschreckend für Ernesto. Erst die beruhigenden Worte von Waltraut und mir sorgten dafür, dass Ernesto seine Rolle dann doch gerne annahm. Ganz so einfach, wie es zunächst von Ernesto gewünscht war, gestaltete sich eine sinnvolle Nutzung des Heiligenscheins dann eben doch nicht, sodass Ernesto nach ein paar Tagen doch keinen Heiligenschein mehr haben wollte. Er bot ihn Waltraut an, doch sie wollte ihn auch nicht. Ihr war nämlich klar, dass damit viel Verantwortung einherging, was Ernesto zunächst noch lernen musste. So ohne Heiligenschein lebte es sich doch besser, wenn auch ein bisschen Bewusstheit bei der Bewältigung des Alltags nicht schaden konnte. 

Herr Müller sieht die Welt

Schaukel 

Ältere Herren und Kinderspielplätze waren zwar zugegeben eine komische Kombi, aber da sich nur dort die von Ernesto so heiß und innig geliebten Schaukeln befanden, musste ich wohl gelegentlich mal in den sauren Apfel beißen und mit ihm dort schaukeln gehen. 

Es war zunächst gar nicht so einfach, ihn auf dem Schaukelsitz sicher zu befestigen. Aber mit Hilfe eines Spanngurts gelang es dann, ihn dort zu vertauen. Anschwung musste ich geben, aber das war ja bei vielen Kleinkindern auch der Fall. Schwung holen mit den Beinen ging bei Ernesto ja nicht. 

Die von mir zunächst probierte Methode des Schwungholens mit Hilfe eines Sandsacks und einer Umlenkrolle führte zu eher unangenehmen Begegnungen mit den Eltern umstehender Kinder. Der mitschwingende Sandsack führte dazu, dass umstehende Kinder wie Kegel umgeschmissen wurden, was dann die Eltern auf den Plan rief. Also musste ich doch ganz konservativ anschieben. Dennoch war Ernesto – trotz der Unwägbarkeiten – nicht davon abzuhalten, die übrigen Kinder, die sich auf den anderen Schaukeln befanden, zu einem Wettbewerb herauszufordern. Erst als Ernesto ankündigte, er wolle einen Salto mortale mit der Schaukel versuchen, schritt ich ein. Das schien mir doch zu sehr „Hollywood“ für den Kinderspielplatz zu sein. Klassisches Schaukeln war zwar eher nicht sooo angesagt bei Ernesto, aber dafür bei den übrigen Kindern. 

Das stete Auf und Ab der Schaukel sorgte bei den Kindern für Glücksglucksen. Bei Ernesto sorgte das stete Auf und Ab eher für ein Glücksrülpsen, weil ihm irgendwann schlecht wurde vom Schaukeln. Seine Überlegung, den Rülpser als Antrieb für das Schaukeln zu nutzen, verwarf er dann doch schnell wieder, als er merkte, dass es für andere vielleicht doof wäre, mit einer rülpsenden Schildkröte auf einer Schaukel gesichtet zu werden. 

Die anfängliche Kegelei beim Schaukeln brachte Ernesto eines Tages darauf, jetzt mal Kegeln zu gehen. Er stellte dann aber schnell fest, dass die Kegelkugeln für ihn viel zu schwer waren. Dennoch faszinierte ihn die Funktionsweise der Kegelmaschine, die die Kegel immer wieder aufstellte. Aber einer Maschine nur bei der Arbeit zuzugucken, war ihm dann doch zu stupide. Also verließen wir die Kegelbahn wieder. Damit der Tag nicht völlig unbefriedigend war, gingen wir zum Abschluss noch einmal in unseren kiezansässigen Imbiss und gönnten uns zur Feier des Tages eine Bratwurst.