Herr Müller sieht die Welt
Schwerkraft
Das erste Mal Bekanntschaft mit der Schwerkraft machte Ernesto, als er versehentlich (hoffe ich) eine Tasse von unserem Küchentisch schmiss. Verwundert sah er mich an und stellte fest: „Die Dinge fliegen ja immer nach unten!“ Ich erklärte ihm dann, wenn er wolle, dass Dinge nach oben flögen, dann müsse er umziehen auf einen anderen Planeten, weil nämlich überall dort, wo es keine Atmosphäre gäbe auch keine Schwerkraft existiere. Das war ihm dann aber doch zu umständlich bzw. war Ernesto der Begriff der Atmosphäre unverständlich, was ich erst bemerkte, als er meinte: „Bei uns herrsche doch immer eine gute Atmosphäre“. Als ich ihm den Unterschied erklärte, schien es ihm doch etwas einfacher zu sein, damit zu rechnen, dass ihm Dinge herunterfielen als auf einen anderen Planeten umzuziehen.
In den folgenden Wochen achtete er penibel darauf, den Küchenboden immer aufgeräumt zu halten in Erwartung, dass ihm wieder etwas herunterfällt. Mit zunehmender Wochenzahl fiel ihm immer weniger herunter. Trotzdem war er immer wieder der Versuchung erlegen, die Schwerkraft auf die Probe zu stellen, also Dinge herunterzuschmeißen. Ob er insgeheim Studien durchführte, die das Fallverhalten von Gegenständen untersuchten oder nicht, blieb sein Geheimnis. Vielleicht war ja meine Annahme, dass er Dinge absichtlich herunterschmiss, um die Schwerkraft zu testen, auch falsch. Es hatte aber diesen Anschein. Ebenso wie kleine Kinder schien Ernesto auch auszutesten, ob ich jedes Mal das Heruntergefallene wieder aufhob und ihm gab. Er ließ dann aber relativ bald von seinen Studien ab, als ich mich weigerte, ihm Dinge wieder aufzuheben und zurückzugeben.
Insgesamt war Ernestos Begegnung mit der Schwerkraft vor allem von abwartendem Charakter. Es schien gerade so, als ob Ernesto jedes Mal wieder überrascht war, dass ihm Dinge herunterfielen. Wäre es nicht so teuer gewesen, hätte ich Ernesto glatt mal einen Testflug für Astronauten in einem Jumbo-Jet zuteilwerden lassen, dort sollen sie nämlich das Verhalten in der Schwerelosigkeit erproben, in sogenannten Parabelflügen das Leben in der Schwerelosigkeit üben. Stattdessen schenkte ich ihm eine Stunde indoor skydiving, um das Gefühl der Schwerelosigkeit am eigenen Körper zu erfahren. Nachdem Ernesto sich danach ungefähr eine Stunde erbrochen hatte, war er zwar sehr dankbar für diese Erfahrung, blieb dennoch bei der Erkenntnis: Das Leben in Bodennähe sei ihm angenehmer.
