Herr Müller sieht die Welt

Heiligenschein 

Als Ernesto davon hörte, dass in einem großen Buch der Religion ein Heiligenschein eine zentrale Rolle spielte, beschloss er, so einen jetzt auch haben zu wollen. Die unendlichen Möglichkeiten, von über`s Wasser laufen bis zu Brot teilen und damit alle Menschen satt zu bekommen, erschienen ihm doch sehr erstrebenswert. Als er dann noch hörte, dass es mit seiner Hilfe gelang, ganze Meere zu teilen, war er völlig von den Socken. 

Also bestellte sich Ernesto einen Heiligenschein bei Amazon. Tage später wurde dieser direkt nach Hause geliefert. 

Er wollte sich nun an der Nutzung des Heiligenscheins üben. Unser Nachbar besaß ein Tandem, das Ernesto wieder in zwei Fahrräder teilen wollte. Ich war gespannt, aber wider Erwarten klappte es nicht. Die Enttäuschung Ernestos war grenzenlos, konnte aber von mir schnell besänftigt werden. 

So einfach war es wohl doch nicht, mit Hilfe eines Heiligenscheins Gutes zu tun. Also übte Ernesto im Kleinen. Er konnte zum Beispiel mit Hilfe von Waltraut Würste aus unserem Imbiss verschwinden lassen. Dieser doch sehr leicht zu durchschauende Trick fand seine Krönung im Stühle wegzaubern von Imbissgästen. Die großen Schmerzen der Imbissgäste ließen ihn dann doch davon Abstand nehmen, waren sie doch nicht von ihm beabsichtigt. 

Es schien gar nicht so einfach zu sein, mit einem Heiligenschein verantwortungsvoll umzugehen. Die Fähigkeit als solche war ja schonmal schön, aber der Umgang damit erforderte doch viel Denkarbeit. Denkarbeit hieß in diesem Fall Verantwortungsbewusstsein. Wie immer genügte mal wieder das bloße Vorhandensein einer Fähigkeit alleine nicht. Erst das Bewusstsein der Fähigkeit ließ ihn von der Zufälligkeit zur Absicht werden. Zu viel Verantwortung war halt zunächst eher abschreckend für Ernesto. Erst die beruhigenden Worte von Waltraut und mir sorgten dafür, dass Ernesto seine Rolle dann doch gerne annahm. Ganz so einfach, wie es zunächst von Ernesto gewünscht war, gestaltete sich eine sinnvolle Nutzung des Heiligenscheins dann eben doch nicht, sodass Ernesto nach ein paar Tagen doch keinen Heiligenschein mehr haben wollte. Er bot ihn Waltraut an, doch sie wollte ihn auch nicht. Ihr war nämlich klar, dass damit viel Verantwortung einherging, was Ernesto zunächst noch lernen musste. So ohne Heiligenschein lebte es sich doch besser, wenn auch ein bisschen Bewusstheit bei der Bewältigung des Alltags nicht schaden konnte. 

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Schaukel 

Ältere Herren und Kinderspielplätze waren zwar zugegeben eine komische Kombi, aber da sich nur dort die von Ernesto so heiß und innig geliebten Schaukeln befanden, musste ich wohl gelegentlich mal in den sauren Apfel beißen und mit ihm dort schaukeln gehen. 

Es war zunächst gar nicht so einfach, ihn auf dem Schaukelsitz sicher zu befestigen. Aber mit Hilfe eines Spanngurts gelang es dann, ihn dort zu vertauen. Anschwung musste ich geben, aber das war ja bei vielen Kleinkindern auch der Fall. Schwung holen mit den Beinen ging bei Ernesto ja nicht. 

Die von mir zunächst probierte Methode des Schwungholens mit Hilfe eines Sandsacks und einer Umlenkrolle führte zu eher unangenehmen Begegnungen mit den Eltern umstehender Kinder. Der mitschwingende Sandsack führte dazu, dass umstehende Kinder wie Kegel umgeschmissen wurden, was dann die Eltern auf den Plan rief. Also musste ich doch ganz konservativ anschieben. Dennoch war Ernesto – trotz der Unwägbarkeiten – nicht davon abzuhalten, die übrigen Kinder, die sich auf den anderen Schaukeln befanden, zu einem Wettbewerb herauszufordern. Erst als Ernesto ankündigte, er wolle einen Salto mortale mit der Schaukel versuchen, schritt ich ein. Das schien mir doch zu sehr „Hollywood“ für den Kinderspielplatz zu sein. Klassisches Schaukeln war zwar eher nicht sooo angesagt bei Ernesto, aber dafür bei den übrigen Kindern. 

Das stete Auf und Ab der Schaukel sorgte bei den Kindern für Glücksglucksen. Bei Ernesto sorgte das stete Auf und Ab eher für ein Glücksrülpsen, weil ihm irgendwann schlecht wurde vom Schaukeln. Seine Überlegung, den Rülpser als Antrieb für das Schaukeln zu nutzen, verwarf er dann doch schnell wieder, als er merkte, dass es für andere vielleicht doof wäre, mit einer rülpsenden Schildkröte auf einer Schaukel gesichtet zu werden. 

Die anfängliche Kegelei beim Schaukeln brachte Ernesto eines Tages darauf, jetzt mal Kegeln zu gehen. Er stellte dann aber schnell fest, dass die Kegelkugeln für ihn viel zu schwer waren. Dennoch faszinierte ihn die Funktionsweise der Kegelmaschine, die die Kegel immer wieder aufstellte. Aber einer Maschine nur bei der Arbeit zuzugucken, war ihm dann doch zu stupide. Also verließen wir die Kegelbahn wieder. Damit der Tag nicht völlig unbefriedigend war, gingen wir zum Abschluss noch einmal in unseren kiezansässigen Imbiss und gönnten uns zur Feier des Tages eine Bratwurst. 

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Rolltreppen 

Tiere und Rolltreppen sind ja eigentlich keine Freunde, insbesondere Hunde mögen sie gar nicht. Für Ernesto waren Rolltreppen kein Problem, weil er in meiner Hemdtasche mitfuhr. Nach wie vor waren sie für ihn ein Faszinosum. Er liebte es, mit ihrer Hilfe Stockwerke zu überwinden und konnte damit stundenlang beschäftigt werden. Nur mir war es dann irgendwann zu viel. Gott sei Dank gab es in vielen Kaufhäusern die Möglichkeit der Einkehr in ein Restaurant, um mal Pause zu machen. 

Nachdem wir stundenlang Rolltreppe gefahren waren, kam Ernesto die Idee, dass er diese jetzt nicht mehr in der Hemdtasche bewältigen wollte, sondern auf dem Handlauf mitfuhr. Der Thrill war so für ihn viel größer und sein Motto „No risk, no fun“ kam wieder voll zum Tragen. Besorgt um seine Gesundheit war mir natürlich daran gelegen, für seine Sicherheit zu sorgen, also zu garantieren, dass er nicht runterfiel. Festkleben war aber keine Option, dann hätte er ja mit in die Untiefen der Rolltreppe fahren müssen. Also musste ich immer ein aufmerksames Auge auf ihn richten und durch mein beherztes Eingreifen dafür sorgen, dass er auf dem Handlauf blieb, wenn er drohte hinunterzufallen. Vor allem entgegen kommende Passagiere der Rolltreppe waren immer höchst angetan, sobald sie Ernesto erblickten. 

Der Sinn und Zweck von Rolltreppen wurde mir eins ums andere Mal bewusster. Die momentane Unendlichkeit des Seins wurde mir klar. Nur in ihrer räumlichen Begrenztheit schien die Rolltreppe von ihrer Natur her statisch zu sein. Durch das permanente Verschwinden der Treppen geriet die Treppe als solche an sich in den Hintergrund, viel mehr der Weg war das Ziel. Das Sein war auf den Aspekt der Treppenstufe reduziert. Da diese aber stetig verschwand, blieb nur das Erleben auf dem Handlauf. Die Unendlichkeit des Seins war in der steten Wiederholung ein und derselben Situation begründet. Die Treppenstufe als vermeintliches Hindernis wurde als Problem eingeebnet. Der Handlauf war permanent plan. 

Für Ernesto geriet der Sinn und Zweck von Rolltreppen – nämlich Stockwerke zu überwinden – bei der Fahrt in den Hintergrund. Meine philosophischen Betrachtungen konnte er nicht nachvollziehen. Letztlich war ausschlaggebend, dass der Weg als Ernestos vermeintliches Ziel bewältigt werden konnte. Mit einem Aufzug wäre das zwar auch erreicht worden, aber mit nur halb so viel Spaß wie auf der Rolltreppe. 

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Kastanien 

Kastanien waren ein stetes Ärgernis, so sie denn vom Baum fielen. Meist taten sie dolle weh, wenn man sie auf den Kopf kriegte. Die Alternative mit Helm durch Kastanienalleen zu laufen, sah auch bekloppt aus. Außerdem trat man ständig auf sie, was den Gang relativ unsicher machte. Für Ernesto waren Kastanien erst recht gefährlich, wirkten sie doch wie Bomben, die auf ihn herabfielen. Hätte er keinen Panzer gehabt, wäre er ihnen schutzlos ausgeliefert. Schneepflüge halfen auch wenig gegen die Flut der herumliegenden Kastanien. 

Trotzdem konnte ich den Kastanien doch etwas Schönes abgewinnen: Man konnte mit ihnen in meditativer Bastel-Zweisamkeit zubringen. In solchen Momenten waren Ernesto und ich uns so richtig nahe. Immer neue Ideen entsprangen Ernestos und meinem Gehirn bezüglich der Ausgestaltung der Kastanien-Männchen. 

So spielten wir während des Bastelns die aktuelle politische Lage hier oder auch im Nahen Osten nach. Das trug auch viel zur besseren Verständlichkeit der Situationen bei. Es war gar nicht so einfach, Kastanien zu finden, die Trump oder Putin ähnlich waren, aber mit den richtigen Utensilien, z.B. Wolle und Pfeifenreiniger, konnte man einige Gesichter gut nachmodellieren. 

Wir versuchten uns auch an einem Tausendfüßler, der in realita weniger Füße hat als die angegebenen tausend. Aber bei der Verbindung der einzelnen Kastanien miteinander drohte unser Modell zu zerfallen. Um das zu verhindern beschlossen wir, den Tausendfüßler kürzer zu bauen, 5 Kastanien mit Streichholz-Füßen schienen genug zu sein. Die Ähnlichkeit mit Raupen oder Ähnlichem war zugegebener Maßen nicht ganz so groß, aber mit entsprechender Erklärung war der Tausendfüßler aus Kastanien als solcher zu erkennen. Die Kastanien-Männchen wanderten abschließend alle in Ernestos Setzkasten und wurden dort ausgestellt. 

Das Meditative der Kastanien-Bastelei blieb uns weit über den Setzkasten hinaus erhalten. Kastanien waren also doch nicht nur Anlass zum Ärgern, sondern hatten durchaus etwas Gutes und Beruhigendes, wenn man mit ihnen arbeitete. Ernesto jedenfalls fand Gefallen an der Arbeit mit Kastanien. Harte Schale, weicher Kern war wohl nicht nur für Kastanien bezeichnend, was auch immer das heißt. 

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Langeweile 

Seit Tagen – vielleicht waren es auch Wochen – jedenfalls eine lange Zeit langweilten wir uns ohne Maßen. Ernesto lief schon Kreise ins Parkett. Irgendwann gingen wir dazu über, die Wand anzuglotzen in der Hoffnung, dass da irgendwas Spannendes passieren würde. Erstaunlicher Weise passierte nix. 

Erst als wir unsere Fantasie benutzten und beim Betrachten der Raufasertapete in unserer Küche (siehe Text dazu) wandelte sich der gesehene Eindruck. Die von uns jetzt gesehenen Bilder waren auch ohne Hilfe von zusätzlich eingenommenen Drogen bunt und vielfältig. Die Kraterlandschaft der Raufasertapete sorgte dafür, dass sich Ernesto und ich wie Entdecker auf der Oberfläche eines unbekannten Planeten vorkamen. Wir waren uns nur noch nicht ganz einig, welcher Planet dies sein sollte. 

Weil ein Grundproblem blieb ja: Kein anderer Planet außer der Erde verfügte über eine Atmosphäre, die Sauerstoff enthielt. Die Einzigartigkeit der Erde sollte manchmal wieder ins Bewusstsein der Menschen rutschen, ohne jetzt den moralischen Zeigefinger erheben zu wollen. Die Tatsache, dass nur hier ein Leben für Mensch und Tier möglich ist, ist ein Fakt. Trotzdem wäre es, ohne Klimakleber sein zu wollen, mal echt an der Zeit, dass die Menschen begreifen, dass unser Planet einmalig ist. 

Meine Ausführungen über die Einzigartigkeit der Erde unter den Planeten des Sonnensystems fand Ernesto aber totlangweilig. Er schlief dabei ein. Nachdem ich ihn wieder geweckt hatte, erzählte er mir von seiner Begeisterung für Star Wars Filme. Auch wenn mir die Chronologie der Filme nach wie vor rätselhaft war, so weckte sie doch Ernestos und mein Interesse am Universum. Ernesto wusste nur nicht genau, ob er Meister Yoda oder Luke Skywalker sein wollte, aber Lichtschwerter fand er auf jeden Fall saucool. „Damit kann man bestimmt ganz toll Brot schneiden“, so seine Aussage. Ob es Klappschwerter gab, ist nicht überliefert, wir warten auf weitere Ausgrabungen. 

Die Beschäftigung mit dieser Problematik vertrieb eine Zeit lang unsere Langeweile. Manchmal muss man Langeweile auch nur lernen aushalten zu können. Wär ja noch schöner, wenn einem so doofe Langeweile erzählen würde, was man zu tun und zu lassen hat. Ich finde Langeweile knorke, wie die Langeweile uns findet, ist mir egal! 

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Katzenstreu 

Wie ein Entdecker wandelte Ernesto durch das Katzenklo unseres Nachbarn. Das Katzenstreu hatte Gott sei Dank seine Arbeit getan. Sämtlicher Geruch, auch der von Flüssigkeiten, war gebunden und bedeuteten für Ernesto keinerlei Gefahr mehr. Auch Tretminen jeglicher Art waren jetzt für Ernesto ungefährlich. 

„So eins will ich auch!“, waren seine Worte, als er vor lauter Begeisterung fast hinten über fiel. Gott sei Dank fiel er ja weich. Die ersten Besucher des Mondes mussten sich wohl ähnlich gefühlt haben wie Ernesto beim Wandeln durch das Katzenklo. Die Abdrücke, die er dort hinterließ, waren für die Ewigkeit. 

Also besorgte ich auch ein Katzenklo für Ernesto. Diese Erfahrung wollte ich ihm gerne zuteilwerden lassen. Wie ein Entdecker erforschte Ernesto sein neues Katzenklo, vermisste aber die Krater der Mondoberfläche. Zum selber Graben war er zu bequem, also nahm Ernesto mit Hilfe von übrig gebliebenen Silvesterknallern eine Veränderung der Oberfläche des Katzenklos selber vor, auf das diese der Mondoberfläche ähnlicher wurde. So ging er bald durch eine Kraterlandschaft, die ihresgleichen suchte. Vergeblich suchte er Meteoriten-Einschläge, die denen der Mondoberfläche ähnlich waren. Komischerweise gab es auch keine Garagen für Mondfahrzeuge aller Art. Auch die US-Amerikanische Flagge, die angeblich dort stehen sollte, suchte er vergebens. Doch nur Fake? Aber nein, nein, sie war nur umgefallen, konnte also nicht mehr wehen. 

So ging Ernesto der Frage nach, warum die Flagge umgefallen war und kam relativ bald zu der Erkenntnis, dass die Erschütterungen von einschlagenden Meteoriten dazu geführt haben mussten. Die Ähnlichkeit von Meteoriten-Einschlägen konnte zwar mit Hilfe der Silvester-Knaller ungefähr simuliert werden, aber dennoch konnten sie nur simuliert werden. Ein sehr viel echteres Bild boten aus großer Höhe abgeworfene Erdbrocken. Da ich aber nicht immer für Ernestos Feldversuche zur Verfügung stand, musste er selber einen Weg finden, diese in entsprechende Höhen zu katapultieren, um dann die Einschläge im Katzenklo zu analysieren. Mit Hilfe eines Balkens und eines Brettchens konnte er eine Wippe bauen, mit deren Hilfe dies gelang. Die Erdbrocken wurden zuerst hochgeschleudert und schlugen dann ins Katzenklo ein. Völlig beglückt über die Erkenntnis der Ähnlichkeit von Katzenklos und Mondlandschaften, war Ernesto versucht, bei der NASA anzufragen, ob Hinterlassenschaften von Katzen in der Mondoberfläche gefunden wurden. Die NASA antwortete aber leider bis heute nicht. 

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Waschmaschine 

Wenn Ernesto mal Lust auf Abenteuer hatte, setzte er sich auf unsere Waschmaschine, wenn diese gerade schleuderte. Wenn er mal entspannt schlafen wollte, ließ er sich auf die laufende Waschmaschine nieder. Die beruhigende Wirkung vom Waschgang sorgte für ein blitzschnelles Einschlafen bei Ernesto. Manchmal wollte er auch einfach nur Wäsche waschen. Dann war der hypnotische Blick durch das Bullauge der Waschmaschine für ihn von größtem Interesse. Mal hypnotisierte er Socken, mal Unterhosen, jedenfalls berichtete er mir stets ganz stolz, was er wieder im Bullauge der Waschmaschine gesehen hatte. 

Er begann, Vorhersagen mit Hilfe des Bullauges zu treffen. Da diese sich aber irgendwann stets im Kreis drehten, ging er doch dazu über, Geradliniges über zukünftiges Geschehen verlautbaren zu lassen. Die Vorstellung von zukünftigem Geschehen, das sich immer nur im Kreis drehen sollte, war ihm und mir doch zuwider. Der Ablauf von Zeit war ja auch eher eine Gerade als ein Kreis. Dennoch waren Wiederholungen in der Historie häufig anzutreffen. Man könnte fast meinen, die Wiederholung ist die einzige Konstante im menschlichen Handeln. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, dass nicht immer die gleichen Fehler wiederholt werden. 

Vielleicht sollte so mancher heute politisch Verantwortliche mal vor ein Bullauge gesetzt werden, damit ihm die historische Tragweite seines Handelns bewusst wird. Wen man nun davor setzen würde, bleibt ja jedem selbst überlassen. Vielleicht wollen sie auch einfach nur Wäsche waschen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch eher gering, dass sie das selber machen. Man stelle sich einen Trump oder Putin vor einem Waschmaschinen-Bullauge vor. Allein die Vorstellung davon genügt, um es auszuschließen, dass sie begreifen würden, dass ihre Fantasien auch schon historische Vorbilder hatten. 

Ernesto jedenfalls konnte noch im letzten Moment von mir daran gehindert werden, mit Hilfe der Waschmaschine Vorhersagen zu treffen, die dann per Telefon abgefragt werden konnten. Natürlich wäre entsprechendes Entgelt fällig gewesen, aber – wie schon gesagt – schob ich dem einen Riegel vor. 

Letztlich ließ sich nur feststellen, dass Waschmaschinen hervorragend sind, um darauf zu schlafen und mit ihnen Wäsche zu waschen, aber für Vorhersagen war ihre Aussagekraft zu vage. 

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Blumenvase 

Jeden Freitag wurde unsere Blumenvase mit einem neuen Sträußchen von unserem Blumenhändler befüllt. Der Sinn von frischen Blumen eröffnete sich Ernesto zunächst nicht. Erst als der wöchentliche neue Strauß plötzlich ausfallen musste, weil der Blumenlaster aus Holland eine Panne hatte und damit keine neuen Blumen unser Blumengeschäft erreichten, bemerkte Ernesto, wie Blumen für ein angenehmes Interieur sorgten. 

Ernestos Vorliebe für Blumen ging Gott sei Dank nicht so weit, dass er Blumentapete oder florale Muster im Teppich haben wollte, aber die sehr beruhigende Art, wie Blumen das interne Design auflockerten, empfand er doch als sehr angenehm. Deshalb mussten wir mit Kunstblumen improvisieren und den Strauß auf unserem Küchentisch vorübergehend `faken`. 

Gefakte Dinge waren für Ernesto nichts Unbekanntes, machte er doch Erfahrungen mit gefakten Dingen im Internet. Der Schmuck, den er dort kaufte, war leider nicht echt, obwohl dieser auf den ersten Blick so aussah. Aber eine Halskette mit Diamanten für 3,99 Euro? Das konnte ja nicht sein. Spätestens nach Ernestos Rückfrage bei mir korrigierte Ernesto seine Haltung zu den angepriesenen Waren. 

Also gingen wir in Ermangelung echter Blumen daran, uns Kunstblumen aus Krepppapier oder Filz zu basteln. Die Verbundenheit mit den Sträußen war so doch ungleich höher. So kam es vor, dass ein Strauß mehrere Wochen auf unserem Küchentisch verweilte, bevor er ausgetauscht wurde. So als hauptberuflicher Staubfänger fristet man ja schon ein übersichtliches Leben. Dennoch schien es sinniger, Blumen mehrere Wochen zu behalten. Die Menge an Müll, den wir produzierten war so deutlich geringer. 

Überhaupt produzierten wir weit weniger Müll seit wir jetzt unseren Medienkonsum beschränkten, unter anderem weil wir die Zeit mit Basteln verbrachten. Wir kauften wesentlich weniger Unnötiges und man merkte, wie sehr unser Kaufverhalten von den Medien gesteuert wurde. Von dieser Erkenntnis aufgerüttelt gingen wir daran, Fernsehen jetzt nur noch bewusst zu schauen. Unnötiges blieb von unseren Augen verborgen. 

Das Basteln der Blumen war also mehr als das bloße Aufstellen von Blumen in einer Vase: Die Blume war nicht mehr nur einfaches Stehrumchen, sondern veränderte unser Leben! 

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Kino 

An so heißen Sommertagen gingen Ernesto und ich gerne in Kinos. Ich, weil sie durch die Klimaanlage angenehm temperiert waren, Ernesto, weil er großes Interesse am aktuellen Kinoprogramm hatte. Ihm konnte es ja bekanntlich gar nicht warm genug sein. 

Ernesto kam also in meine Hemdtasche. Seine Kommentare zum jeweiligen Film brauchte kein Mensch, aber wenn`s nunmal rausmusste, ließ ich ihn reden. Seine Kommentare waren manchmal relativ peinlich und da die Menschen glaubten, ich hätte gesprochen, trieb es mir die Schamesröte manchmal ins Gesicht. Hoch dramatische Filme wurden mit niederschmetternden Kommentaren bedacht. Zu langweilige Filme wegen der Länge kritisiert. Ich überlegte ernsthaft, Ernesto nicht mehr mitzunehmen. Diese Art der Bestrafung schien mir dann aber doch zu drakonisch zu sein. 

Sein Kommentar zum Film Titanic war, dass das ja wohl in der Jetztzeit wegen des Klimawandels nicht mehr zu einer realistischen Gefahr werden würde. Weil wegen des Klimawandels keine Eisberge mehr auf offener See schwimmen würden, folglich auch keine Schiffe mehr mit ihnen kollidieren können. Die ganze Thematik sei also mehr historisch. Aber für einen Historienfilm sei er gar nicht schlecht gemacht. Die darum herum gesponnene Liebesgeschichte war nicht so seins, aber er nahm es hin. Nicht zuletzt war er großer Fan von Leonardo DiCaprio und musste unbedingt alle Filme, in denen er mitspielte, sehen. 

Dass in Kinos gern genommene Popcorn war natürlich neben dem zu kommentierenden Film das beste Argument für einen Kinobesuch. Popcorn entwickelte sich alsbald zu Ernestos Lieblingsessen. Nur die ganzen Körner, die eben nicht aufgepoppt waren, aber sich dennoch mit in der Tüte befanden, ließen Ernesto bei dem Verzehr seines Popcorns die nötige Vorsicht wahren. Es war jetzt nur die Frage, ob Ernesto süßes oder salziges Popcorn bevorzugte. Je nach Film entschied er diese Wahl. Filme wie Titanic waren eher geeignet für die süße Variante, Filme wie Star Wars eher für die salzige. 

Die Auswahl des Filmes war mit Hilfe des dazugehörigen Popcorns immer schnell getroffen. Das aktuelle Kinoprogramm war also auf die Frage nach süßem oder salzigem Popcorn reduziert. Wären doch alle Entscheidungen so leicht zu lösen wie diese. 

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Wackelpudding 

Es war, glaub ich, vorgestern oder gestern, auf jeden Fall nicht heute: Auf seinen Streifzügen durch unsere Wohnung entdeckte Ernesto in einer der hintersten Ecken unseres Kühlschranks eine Glasschale mit Wackelpudding, auch Götterspeise genannt. 

Fasziniert von diesem, von dessen Glibberigkeit, zeigte Ernesto darauf und war begeistert. Als ich ihm dann aber erklärte, woraus Wackelpudding gemacht wird, rümpfte er, sofern das geht, die Nase. Dieser wird nämlich überwiegend mit Gelatine aus Tier-Knochenmehl zubereitet. Das sei mal wieder typisch, dass so etwas wie Wackelpudding bei uns Menschen Götterspeise genannt werde, lamentierte Ernesto. Da konnte ich ihm kaum widersprechen, stellte sich doch für den Betrachter, erst recht tierischer Herkunft, das menschliche Nahrungs-Portfolio als ziemlich brutal dar. 

Zu meiner und Ernestos Erleichterung konnte Wackelpudding aber auch vegan hergestellt werden mit Agar-Agar. Dieser Ersatzstoff sorgte für die nötige Glibberigkeit und war eben pflanzlichen Ursprungs. Der bekloppt klingende Name musste wohl so hingenommen werden. Überhaupt ziehen immer mehr Ersatzprodukte in unsere Küche ein, Fleisch wird auf jegliche Weise imitiert. Im Zuge der Veganisierung unserer Küche bin ich bemüht, tierische Produkte zu ersetzen. Eigentlich macht die Suche nach Ersatzprodukten einem erst bewusst, wie oft man zu tierischen Produkten greift, obwohl das gar nicht nötig wäre. Ernesto aß ja eh am liebsten Gemüse aller Art. Erst recht, seitdem er bei Herrn Yilmaz das reichhaltige Angebot der Gemüsetheke zu kennen und schätzen gelernt hat. Genauso wie man vielen tierischen Produkten nicht ansah, dass sie eben nicht vegetarisch waren, sah man aber auch vielen pflanzlichen Produkten nicht an, dass sie eben rein pflanzlich waren. 

Um Irrtümern vorzubeugen, sei hier mal gesagt, ich esse gerne Fleisch, aber gutes Fleisch, gut für den Esser und gut in der Haltung. Gut heißt gesund. Ernesto bevorzugte Gemüse und konnte damit bestimmt glücklich werden. Wie man sieht, macht eine Wertung hier gar keinen Sinn. Manche mögen Fleisch, manche nicht, Punkt! Vielleicht wäre die Menschheit mehr beglückt von mehr gegenseitiger Toleranz, egal ob Vegetarier, Veganer, Flexitarier oder was auch immer. Ernesto genoss seinen Wackelpudding jedenfalls auch weiterhin, nur eben jetzt vegan mit Agar-Agar.