Herr Müller sieht die Welt

Handmade 

Nachdem Ernesto mal wieder nächtelang vor unserem Kabelfernsehen verbracht hatte und auf einen dieser Verkaufssender in unserem über 100 Kabelprogrammen hängen blieb, sagte er mir zu meiner Überraschung: Sie hätten von „handmade“-Produkten geredet und er konnte sich überhaupt keinen Reim darauf machen, was das bedeute. Also erklärte ich ihm, dass es sich dabei schlicht und ergreifend um handgemachte Produkte handelt und „made“ einfach das past participle oder die simple past- Form vom Infinitiv, also der Grundform „to make“ war. Er bräuchte also keine Angst zu haben, dass es sich dabei um Maden handeln würde. 

Fremdsprachen waren offensichtlich nicht Ernestos Steckenpferd. Er hatte ja schon nach dem Verlassen des Eies die menschliche Sprache erlernt, zumindest rudimentär so, dass ich ihn verstehen konnte. 

Beruhigt über die Information, dass „made“ von „to make“ kommt, suchte Ernesto jetzt gezielt nach handgemachten Produkten. Er stellte dabei fest, dass dies gar nicht so einfach war, weil die meisten angebotenen Produkte in Serie produziert und nur selten noch in Handarbeit hergestellt wurden. Serie heißt in dem Fall: am Fließband. Eine individuelle Fertigung und Verarbeitung des Produkts war eigentlich nicht mehr möglich, es sei denn es fiel mal vom Band. Da aber Ausschussware kein Zeichen für Handarbeit war, blieb nur der ausdrückliche Hinweis auf Handgemachtes. 

Ernesto lief daraufhin erst einmal zum Bäcker und besorgte eine Tüte voller Backwaren, die waren – so wurde ihm gesagt – alle handgemacht. Beruhigt über diese Information schlug Ernesto mir jetzt vor, dass wir ein Abendbrot mit handgemachten Lebensmitteln essen könnten. Das war gar nicht so einfach. Gurke und Tomate wuchsen ja von alleine, also blieb nur das Medium, auf das wir Gurke und Tomate legten. Wurst wurde meistens ebenfalls in Handarbeit hergestellt, zumindest von unserem Schlachter des Vertrauens. Kleine Molkereien sorgten dafür, dass auch Käse handgefertigt war, wenn auch nur in kleinen Stückzahlen. 

Wir stellten, gerade bei Käse- und Wurstwaren, einen lohnenswerten geschmacklichen Zugewinn für diese Produkte fest. Man kann sich jetzt zu der Aussage hinreißen lassen: Handmade kann wohl ein Qualitätsmerkmal sein. 

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Baumarkt 

Baumärkte haben etwas Kontemplatives, wie ich finde. Was das heißt, weiß ich nicht so genau, aber es klingt richtig und wichtig. 

Die Größe eines Baumarktes kann am besten erlebt werden, wenn man mal mit einer Schildkröte selbigen abläuft. Ernesto kam zur besseren und schnelleren Erkundung immer nur in den Einkaufswagen, weil dann konnte ich das Tempo vorgeben und war nicht ganz so genervt von Ernestos Trantütigkeit. 

Die Qualität von Baumärkten zeigte sich für Ernesto nicht etwa in ihrer Holzabteilung oder ihrem Schraubensortiment, sondern an den davor befindlichen Imbissbuden. Diese verfügten alle über eine Grundkonstante: Pommes. Ernesto liebte Pommes und so machte er die Qualität der Baumärkte davon abhängig wie gut die Pommes waren. Ketchup oder Mayo spielten da keine Rolle mehr. Der Name des Baumarktes war ebenfalls egal, nur die Qualität der Pommes war ausschlaggebend. Sie wurden insbesondere hinsichtlich ihrer Knusprigkeit und des Mundgefühls (was auch immer das ist) von ihm beurteilt. 

Eine andere von ihm in Erwägung gezogene Konstante zur Beurteilung war der Krautsalat, der in Eimern angeliefert wurde und daher nicht individuell zubereitet wurde, wie es Pommes aber eben wurden. Ebenfalls in Eimern daher kamen Mayo und Ketchup. Aber, wie schon erwähnt, dienten sie nur des Feintunings der Pommes, waren als Grundkonstante zur Bewertung von Imbissbuden daher auszuschließen. Die angelieferten Wurstwaren sollten möglichst aus der Region kommen, um eine geschmackliche Unverwechselbarkeit zu garantieren. Jede Currywurst erhielt so eine unverwechselbare Note. Rippchen und ähnliches sind ja in unseren Breiten nicht so angesagt. 

Zurück zum Baumarkt: Baumärkte sind Orte der Kreativität, sollte man denken. Aber man stellt beim Betrachten der Kundschaft schnell fest, dass es eher darum geht, als Heimwerker-Homie zu gelten. Was man mit seinen Händen erschafft, ist dann schon fast egal, Hauptsache man kann sich all samstaglich in die Baumarkt-Reihe an der Kasse stellen. Mein Alibi, um den Baumarkt an diesem Samstag besuchen zu können, wurde von Ernesto schnell in die Realität geholt, denn er hatte mal wieder Hunger. Zur Feier des Tages gab es natürlich Pommes. 

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Nacktschnecken

Davon, wie beglückt Ernesto war, endlich ein Tier entdeckt zu haben, das langsamer als Schildkröten war, berichtete ich bereits. Aber jetzt hatte er im Garten Nacktschnecken entdeckt und die fand er voll eklig. Denn deren Schleimspur war gefühlt noch größer als die von herkömmlichen Schnecken. Überhaupt wunderte ihn, dass diese Schnecken über gar kein Haus verfügten. Hatten sie keinen Bausparvertrag?

Es bedurfte einiger Aufklärung meinerseits bis er sie als gleichwertige Schnecken anerkannte. Seine Irritation bezüglich des fehlenden Hauses konnte wie schon gesagt von mir relativ schnell aufgeklärt werden. Dass sie dennoch so langsam waren, erschien Ernesto trotzdem merkwürdig.

Er überlegte, ob sich hier ein gezieltes Doping lohnen würde. Seine Überlegung war, wie er die Kriechgeschwindigkeit von Schnecken beschleunigen konnte und ob Schneckenhäuser dabei eine Rolle spielten, Stichwort Windschnittigkeit. Pfeffer und Chillipulver eigneten sich als hervorragende Dopingmittel für Schnecken, wie er herausfand. Sie beschleunigten die Kriechgeschwindigkeit von Schnecken ganz enorm, aber eben nur kurzfristig. Als wir dann jedoch in unserem Garten Schleimspuren fanden, die aussahen wie umgedrehte Bremsspuren, ließ Ernesto doch von seinem Versuch ab. Die Frage, ob mit Haus oder mit ohne spielte fortan keine Rolle mehr, weil die Beschleunigung der Schnecken im nicht messbaren Bereich lag. Auf langer Strecke wäre dies sicherlich messbar gewesen, aber über die kurze Distanz in unserem Garten war sie nicht erheblich. Außerdem schienen die Schnecken von der ungeahnten Feurigkeit des Chillipulvers bzw. Pfeffers geradezu überrascht zu sein. Mit so viel Geschwindigkeit konnten sie gar nicht umgehen und mussten dieser erstmal Herr werden. Also verzichtete Ernesto fortan auf jegliches Doping für Schnecken. Für sich selbst erschienen ihm sämtliche Dopingversuche zu waghalsig. Ein Geschwindigkeitsrausch sollte seiner Meinung nach stets natürlichen Ursprungs sein, nicht künstlich herbeigeführt werden.

Die Frage, ob Nacktschnecken als vollwertige Schnecken – auch ohne Haus – anerkannt werden sollten, wurde letztendlich von ihm in vollem Umfang bejaht. Die Frage, ob es Schneckenhäuser auch zur Miete gab, konnte von uns nicht abschließend geklärt werden.

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Zebrastreifen

Es ist schon bedenklich, dass zweibeinige Verkehrsteilnehmer Schutzzonen brauchen. Diese Schutzzonen boten auch Ernesto Anlass zu einer Kommentierung. Es war eine bodenlose Frechheit, dass Zebrastreifen nach dem Tier aus der Savanne benannt waren, so meinte Ernesto. Als ich sagte, dass Schildkröten-Streifen vielleicht etwas zu kompliziert klingen würden, gab Ernesto zu, dass der Name Zebrastreifen schon eingängiger war. Außerdem hätten Schildkröten wohl keine Streifen, und das war ja wohl anscheinend entscheidend bei der Namensgebung gewesen. Hinzu kam, dass Schildkröten auch beim Überqueren des selbigen viel zu langsam waren.

Diese Art des Fußgängerüberwegs, die erst seit den 50er Jahren in das Straßenverkehrswesen Einzug erhielt, erfreute sich zunehmender Beliebtheit. Allerdings müssen diese jetzt auch mal wieder von den Autofahrern ernster genommen werden. Ich sage dies als Nachbar eines Kinderspielplatzes, der jeden Tag mit ansehen muss, dass Autofahrer sich überhaupt nicht um das Wohlergehen der Kinder kümmern und lustig ihrer Wege fahren ohne jegliche Rücksichtnahme.

Also veranstalteten Ernesto und ich eine Aktion, um auf die Bedeutung von Zebrastreifen hinzuweisen und die Fahrer und Fahrerinnen zum Anhalten zu bewegen, speziell an unserem Zebrastreifen. Ernesto beschloss dabei, den Zebrastreifen in seinem Tempo zu bewältigen. Als einige Autofahrer nach 5 Minuten genervt aus dem Auto stiegen und fragten, wie lange er noch gedenke zu brauchen, sah Ernesto ein, dass er wohl den Zebrastreifen am besten getragen bewältigen kann, aber unsere Aktion wurde den Autofahrern durch das abrupte Unterbrechen der Fahrt auf diese Art und Weise dennoch deutlich.

Am besten tut man gut daran, gut gepanzert im Straßenverkehr zu sein, aber nicht jeder hat das Glück, einen Panzer sein eigen nennen zu können. Es bleibt auch fraglich, ob es Sinn machen würde, jedem Verkehrsteilnehmer einen Panzer zu geben. Was dann auf deutschen Straßen los wäre, kann man sich kaum ausmalen. Also bleibt nur die Vernunft als letzter Ausweg. Die Abrüstung auf deutschen Straßen bedeutet aber auch, dass SUVs aus dem Straßenbild endgültig verschwinden, denn die braucht kein Mensch. Die oftmals angeführte Übersicht über den Verkehr wird dann angesichts von Tieferlegungskits ad absurdum geführt.

Ernestos Zeit bei der Bewältigung eines Zebrastreifens setzt nach wie vor Geduld der anderen Verkehrsteilnehmer voraus. Liebe Autofahrer: Es hilft nur Langmut im Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern.

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Wolken

Seit Tagen reihte sich Wolke an Wolke am Himmel und es regnete häufig. Das Defizit an Sonnenenergie merkte man, nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Tieren. Ernesto war deprimiert. Seine missmutige Stimmung drohte auf mich überzuschwappen. Im letzten Moment konnte ich mich dazu durchringen, einen Papphut aufzusetzen und für gute Laune in unserer Wohnung zu sorgen. Zwar verpuffte dieses Bollwerk an guter Laune schnell, aber zumindest war Ernestos Laune nicht mehr ganz so trübsinnig wie zuvor. Er überlegte, seinen Panzer mit Fingerfarben zu bemalen, aber das schien ihm dann doch zu schmodderig zu werden.

Da es mir immer noch unklar war, wie sich so etwas Schweres wie Wolken am Himmel halten konnte – sie wogen doch Tonnen – versuchte Ernesto mir das ganze physikalisch zu erklären. Da ich aber in Physik unterdurchschnittliche Begabung und somit Verständnis hatte, verhallten seine Erklärungsversuche nahezu ungehört und prallten an mir ab. Noch immer blieb mir dieses Faszinosum ein Rätsel. Trotzdem fand ich Wolken schön anzuschauen, auch wenn mir der wolkenlose Himmel am liebsten war. Da es in dieser Jahreszeit aber eher Wolken am Himmel gab, musste ich diesen Fakt so hinnehmen, ohne ihn wirklich zu verstehen.

Das ging mir mit anderen Fakten ja auch so, die ich nicht verstand. Zum Beispiel verstehe ich bis heute nicht, warum „die Ausländer“ Schuld sein sollen, wenn bei uns was doof läuft. Diesen Zusammenhang verstehe ich nicht und ich fürchte, dieser Zusammenhang wird mir – auch nicht von Menschen mit entsprechender Gesinnung – nicht logisch und verständlich erklärt werden können. Ergebnisoffene Erklärungen suche ich bislang vergebens. Die Schuldigen oder Leittragenden stehen klar fest.

Die Angst vor dem herunterfallenden Himmel trugen ja schon die Gallier mit sich herum. Das ist also nix Neues. Jeder aufmerksame Asterix und Obelix – Leser weiß davon. Nur hatte ich immer noch das Problem, dass ich nicht begriff, wie sich so etwas Schweres wie Wolken am Himmel halten konnte. Das Oben oder Über-uns bleibt wohl für viele unerklärlich. Vielleicht hilft ja – wie bei Asterix und Obelix – ein Schild auf dem Kopf als Schutz vor einem herunterfallenden Himmel, aber ich fürchte, das bringt nichts. So sollte eine stärkere Aufmerksamkeit auf das, was hier auf der Erde passiert, gerichtet sein.

Ernestos Versuch, mir die Zusammenhänge von Wolken und Wetter zu erklären blieb in den Unwägbarkeiten meines Unverständnisses stecken.

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Verkehrsschilder

Nicht zuletzt dienen sie – außer stetem Anlass des Ärgerns zu sein – dem einigermaßen reibungslosem Verkehrsfluss. Oft genug fragt man sich aber schon, was den oder die Aufsteller des Schildes dazu veranlasst hat, ausgerechnet an dieser Stelle dieses spezielle Schild aufzustellen. Verkehrsschilder können aber – im Gegensatz zu allgemeingültigen Regeln – nicht permanent überprüft werden, zumal es auch schwer wäre, dieses während der Fahrt zu tun. Manchmal muss man sich einfach darauf verlassen, dass diese schon einigermaßen sinnvoll aufgestellt sind.

Ähnlich wie Verkehrsschilder sollen ja Regeln den Alltag erleichtern, weil sie Verhaltensweisen eine allgemeine Gültigkeit verleihen. Genauso wie Verkehrsschilder den Verlauf des Verkehrs regulieren, so sollen auch Regeln den Alltag eigentlich regulieren und damit vereinfachen. Leider hat sich gerade in Deutschland die Einhaltung der Regeln über alles gesetzt und es wurden diese nicht mehr hinterfragt. Letztlich lassen sich alle Regeln überprüfen mit der einfachen Kinderregel: Was du nicht willst, das man dir tu`, das füg` auch keinem andern zu. Das Überprüfen von Regeln auf diese einfache Art sollte es doch einem jeden ermöglichen, sein Verhalten zu optimieren bzw. anzupassen.

Ernesto mochte Verkehrsschilder und Regeln überhaupt nicht, weil sie – so fand er – Auskunft über das Flair einer Stadt bzw. des Stadtteils (Kiezes) gab: Je mehr Schilder, desto doof, so seine Worte. Dass sie ihn an die Einhaltung von Regeln erinnern sollten, ignorierte er geflissentlich. Leider handelte er oft nach dem Motto: Wo ich bin, ist vorne bzw. oben. Verkehrsschilder holten ihn dann nur gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurück, zeigten ihm, was sie von ihm erwarteten und was nicht. Hätten die Verkehrsschilder gewusst, welche Wirkung sie auf Ernesto hatten – keine – wären sie freiwillig ins Exil gegangen. So aber blieben sie da stehen, wo sie eingemauert wurden und wurden weiterhin von ihm ignoriert.

Nur die Ästhetik der Einbahnstraßen-Schilder war, so fand er, unnachahmlich. Und so gründete Ernesto einen Einbahnstraßen-Fanclub. Dass es in dem Verein nur zwei Mitglieder gab, die sich vom jeweils anderen Ende der Einbahnstraße aus zuwinkten, muss ja hier nicht weiter erwähnt werden.

Welchen Wert Verkehrsschilder hatten, merkte Ernesto erst bei einem Stadtfest, in dessen Durchführung viele Schilder – vor allem Parkverbotsschilder – provisorisch aufgestellt wurden. Ernesto ließ sich dazu hinreißen, so ein provisorisches Schild einzupacken und wurde prompt dabei erwischt. Moral der Geschicht`: Schilder klauen lohnt sich nicht! (Gruß an A. aus WF )

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Leitplanken

Ernesto sagte mir irgendwann, als wir im Auto fuhren, dass Autofahren ja ein bisschen so sei wie mit der Carrera Bahn zu fahren. Ernesto dachte, dass die Leitplanken die Fahrzeugausrichtung beeinflussten und das Lenkrad nur Attrappe sei. Die Vermutung Ernestos, dass diese keinerlei Funktion für das Auto hätten bzw. als Kontaktschienen für die Versorgung des Autos mit Strom dienten, musste ich also korrigieren.

Meine Intervention, dass man als Fahrer die Fahrtrichtung mit dem Lenkrad selber bestimmen konnte, verblüffte ihn. Seine Verblüffung schien schier grenzenlos zu werden, als wir mit dem Auto auf der Autobahn fuhren und die Autos quer über alle Fahrbahnen kreuzten. Da war ihm endgültig klar, dass die Richtung der Fahrzeuge vom Fahrzeuglenker mithilfe des Lenkrads selbst bestimmt werden konnte. Die Bedeutung des Lenkrads ist zwar jedem Fahrzeugführer bekannt, aber Schildkröten musste diese erst klar gemacht werden. So musste ich Ernesto also erklären, dass zum Beispiel beim Rückwärtseinparken der Fahrer besonders gefordert ist, das war Ernesto gar nicht klar. Dass sich die komplette Fahrzeugausrichtung mit jedem kleinsten Lenkradeinschlag änderte, war ihm ebenfalls unbekannt, aber seine Vorstellung wurde schnell von der Realität korrigiert.

Die Aufgabe der Leitplanken wurde Ernesto also erst nach und nach klar, als er nämlich begriff, dass sie nicht zur Fahrzeugausrichtung da waren, sondern nur dafür, um Schlimmeres zu verhindern. Was Schlimmeres sein sollte, war mir zunächst unklar, aber als Ernesto dann ans Steuer wollte, wurde es mir schlagartig klar. Ich wollte die Belastbarkeit von Leitplanken ungerne austesten. Ernesto musste also bleiben, wo er war: auf dem Beifahrersitz. Schildkröten an Lenkrädern sind ja auch Gott sei Dank eher selten gesehen. Deswegen bekam Ernesto ein kleines Lenkrad, mit dem er auf dem Beifahrersitz vor sich hinlenken konnte. Dies hatte zwar keinerlei Einfluss auf die Ausrichtung des Fahrzeuges, aber das war in dem Fall egal. Er hatte trotzdem Spaß daran. Außerdem stand ihm ja nach wie vor sein ferngelenktes Auto für`s selbstständige Fahren zur Verfügung.

Der Sinn und Zweck von Leitplanken musste Ernesto also in der Theorie klar werden. Ernestos Idee, die Belastbarkeit von Leitplanken in der Praxis auszuprobieren, also dagegen zu fahren, erschien mir doch zu drastisch, zumal Ernesto nicht vernünftig bei einem Aufprall gesichert werden konnte. Gurte für Schildkröten wäre eine neuerliche Forderung für Aktivisten. Von denen gibt es ja viele.

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April, April

Geraume Zeit dachte ich darüber nach, wie ich Ernesto mal angemessen in den April schicken konnte in Angedenken an seine Art und Weise, wie er mich letztes Jahr in den April schickte.

Lange fiel mir nichts ein, aber dann: Seine Drohne übertrug doch die Bilddaten auf den Monitor der Fernbedienung, sodass Ernesto die Bilder am Boden sehen konnte, die die Drohne in der Luft machte. Mit Hilfe eines Nachbarn, der in Sachen Bildbearbeitung und EDV sehr viel weiter war als ich, überlegte ich, ob ich nicht die Bilder aus dem Film „Planet der Affen“ für meine Zwecke gebrauchen konnte. Da gibt es nämlich eine Filmszene, in der eine Wüste überflogen wird und plötzlich sich die Hand mit der Fackel der Freiheitsstatue erhebt. So spielte ich also diese Bilddaten auf Ernestos Monitor ein, fragen Sie mich bitte nicht wie, aber es ging. Ernesto hatte jetzt die Bilder des Films auf dem Monitor seiner Fernbedienung.

Am 1. April stand er schweißgebadet vor mir und erzählte mir, die Welt würde untergehen, weil sich nämlich überall Wüsten ausbreiten würden. Sehr interessiert hörte ich mir seine Geschichte an, musste über die ungeahnte Wirkung der Bilder auf ihn grinsen und beichtete ihm dann meinen Scherz. Zunächst wollte er mir partout nicht glauben, weil er sagte, ich hätte doch gar keine Ahnung von EDV und solchem Zeug. Als ich ihm dann aber erklärte, dass ich ihm mit Hilfe eines Nachbarn die Bilder auf den Monitor spielen konnte, verstand er und musste lachen.

Seine Drohne blieb dann häufiger mal im Schrank und er beschloss, dass die Erlebnisse bei Herrn Yilmaz oder am Kiosk sehr viel abenteuerlicher waren. Er sah ein, dass die Bilder in der Realität sehr viel spannender und glaubwürdiger waren als nur auf einen Monitor zu starren. Die Bemühung um authentische Erlebnisse sollte viel häufiger Teil unseres Handelns sein. Erst die Authentizität lässt uns doch glaubhaft handeln. Die Authentizität muss natürlich bezogen auf den Aprilscherz gegeben sein, er darf nicht unrealistisch sein. Auch wenn mein Aprilscherz zunächst unrealistisch klingt, so war es doch glaubhaft für Ernesto. Ein Aprilscherz wird also scheinbar um so glaubhafter, je mehr er in die Wirklichkeit der Person passt.

Der von mir beabsichtigte Zweck – nämlich wieder weniger auf den Monitor zu starren, um im Hier und Jetzt zu leben – wurde durch meinen Aprilscherz erreicht, was wollte ich mehr.

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Alltag auf dem Amt

Wider Erwarten ist der Alltag auf dem Amt von Monotonie geprägt. Die Beschwerden einzelner Bürger bilden eher die Ausnahme in unserem Alltag. Nun darf man auch nicht denken, dass wir eine Karnevalshochburg wären, aber ein guter Witz oder eine nett erzählte Zote finden doch dankbare Abnehmer. Man merkt immer dann, ob ein Witz gut angekommen ist, wenn er Tage später in unserer Teeküche noch in Fragmenten oder Rudimenten erzählt wird.

Gelegentlich brachte ich Ernesto wieder mit auf`s Amt. Weiterhin war es mir untersagt, Ernesto regelmäßig mit auf`s Amt mitzubringen, aber gelegentlich war es geduldet. Dies führte dann zu gewohnten Reaktionen. Die Kolleginnen reagierten mit pubertärem Gekreische („Och ist der süüüüüß!“), die Männer reagierten mit dem Aufräumen ihres Schreibtisches. Das Aufräumen der Dreifaltigkeit des Amtes, also Locher, Tacker und Schere war zumeist eine Verlegenheitsgeste, wenn sie nicht wussten, was sie sonst noch tun sollten. Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten bestanden ja auf dem Amt zu Hauf, wenn diese auch häufig wegignoriert wurden.

Aber kaum ein Kollege ging noch mit Maßband vor die Tür, besonders in den kalten Wintermonaten nicht. Die Sommermonate schieden dank des Klimawandels jetzt auch zunehmend aus, weil es in ihnen zu heiß war. Herbst und Frühling boten die ideale Temperatur für unsere Arbeit. Und da noch keine Gefahrenzulage in Aussicht stand, mussten wir unsere Arbeit im Außendienst auf diese Monate beschränken.

Der Alltag auf dem Amt war ansonsten bestimmt von Kaffeetrinken und Papierkram. Die Qualität des Kaffees ließ in letzter Zeit zu wünschen übrig. Erst durch die Übernahme des Kaffeekochens durch Frau Müller hatte sie sich spürbar verbessert. Auch der Geruch des verwendeten Reinigungsmittels hatte deutlich zur Auffrischung des Arbeitsklimas beigetragen. Das jetzt verwendete Mittel sorgte durch die Verwendung von einem Hauch von Patchouli für die nötige Frische in den Amtsstuben. Viele Kolleginnen gingen jetzt dazu über, sich die Haare wieder schwarz zu färben, weite wallende Kleidung zu tragen und Gothic-Musik zu hören, so zog doch eine merklich jugendliche Frische in unser Amt ein. Ich fand`s gut, die Kunden leider nur bedingt. Ihre Anträge waren von Konservativismus geprägt, sie konnten mit der neuen jugendlichen Art der Amtsführung nichts anfangen. Schade eigentlich.

Für mich bedeutete die neuerliche Art der Amtsführung einen zweiten Frühling und plötzlich sah ich auch Frau Müller mit ganz anderen Augen.

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Überraschungseier

Ernesto kannte ja die Geburt nur als Eibewohner. Lebend auf die Welt kommen war nicht seins. Das war ja eher bei uns Säugetieren der Fall. Deswegen fühlte sich Ernesto beim Essen jedes Überraschungseis stets an seine Kindheit erinnert. Das geht wohl auch jedem Menschen so, aber im Falle von Ernesto war das noch tiefschürfender. Ernestos Kindheit war von langen Reisen und großer Einsamkeit geprägt, bevor wir uns trafen. Der lange Weg von Südamerika nach Europa schien manchmal noch in seiner geistigen Verwirrtheit durchzubrechen. Seine Ankunft in Europa war eher unfreiwillig, weil das Schiff, auf das er von einer Brücke gefallen war im Hafen von Puerto Rico, nunmal bis Kiel fuhr. Da irrte er dann noch einige Tage durch die Straßen Kiels, bevor ich ihn fand. Meine Befürchtung, dass Ü-Eier ihn aufgrund von Heimweh in schlechte Stimmung versetzten, war allerdings unbegründet. Ernesto fühlte sich in meiner Gegenwart sehr wohl und war schon sehr zu Hause in unserer Wohnung, wie er mir mehrfach versicherte.

Der Inhalt der Ü-Eier musste für Ernesto passend sein. Dinge zum Zusammenbauen waren nicht so seins, fertige Figuren waren dagegen gern genommen. Von den Happy Hippos bis zu den Schlümpfen fand sich schon alles in Ernestos Setzkasten. Die Anschaffung des Setzkastens war wohl die beste Idee von mir seit Jahren, weil alle Kleinigkeiten dort von Ernesto deponiert werden konnten. Mehrfach musste der erste Setzkasten von mir erweitert werden, sodass inzwischen eine ganze Wand voll war mit Setzkästen.

Auch unser letzter Ausflug ans Meer sorgte wieder für reichlich Setzkastenfüllung: Von kleinen Muscheln über unbewohnte Schneckenhäuser bis zu hübschen Steinchen wurde alles in seinem Setzkasten untergebracht. Als er dann anfing, in seinen Setzkasten verschiedene Formen von Sand zu stellen, hatte ich für ihn die Idee, diesen in kleinen Fläschchen zu sammeln. Insbesondere mit anderen Fundstücken vom Strand machten sich diese kleinen Fläschchen sehr gut zur Deko des Zimmers. Auch Treibholz und Reste von Fischernetzen waren als Deko für Ernestos Zimmer ideal. Beinahe hatte man das Gefühl, man befände sich an Bord eines Schiffes auf großer Fahrt oder an einem Strand. Die von Ernesto aufgestellten Liegestühle und der Strandkorb unterstrichen das von Ernesto angestrebte Flair.

Zurück zu den Ü-Eiern: Schildkröten-Eier unterschieden sich vor allem dadurch von Ü-Eiern, dass der Inhalt von der Temperatur des umgebenden Sandes abhängt. Im warmen Sand würden Ü-Eier ja immer schmelzen unabhängig vom Inhalt. Ernesto war mir Inhalt genug.