Herr Müller sieht die Welt

Heftpflaster 

Es war Nachmittag. Ernesto sah mich durchdringend an und sagte zu mir, dass er sein Glück als Performance-Künstler versuchen wolle. Dazu müsse er natürlich nach Düsseldorf. Sein großes Vorbild Joseph Beuys lebte schließlich da. Das mit den Hüten habe er auch schon probiert, aber diese rutschten ihm immer in den Nacken. Er wolle als lebendes Mahnmal gegen die Zerstörung der Flora und Fauna auf unserem Planeten künstlerisch aktiv werden. Ähnlich den Klimaklebern nur umgekehrt wolle er sich nicht auf den Asphalt festkleben, sondern stattdessen Heftpflaster auf seinen Panzer kleben. Es sei ihm ohnehin rätselhaft, wie die Klimakleber dies mit ihrer Blase hinkriegten, so lange nicht auf`s Klo gehen zu können. Sein oberstes Ziel sei es, mit dem bepflasterten Panzer nach Düsseldorf zu wandern, um Aufmerksamkeit für sein Anliegen zu gewinnen. 

Obwohl von mir darauf aufmerksam gemacht, dass es von Kiel relativ weit nach Düsseldorf sei, ließ er sich von mir von seinem Vorhaben nicht abbringen und marschierte los. Sein Weg von Kiel nach Düsseldorf führte ihn durch Hamburg. Dort traf er auf einen Künstler mit Hut und einer markanten, nuscheligen Stimme, dessen Namen er vergessen hatte. Ihm rutschte der Hut ständig vor die Augen. Dieser bestärkte ihn und sagte zu ihm: „Mach dein Ding!“ Nachdem er sich in diesem Sündenpfuhl fast verloren hätte, beschloss er nach 2 Tagen doch wieder den Heimweg anzutreten. Für das Leben in dem urbanen Dschungel war er nun doch nicht gemacht. 

Nach 4 Tagen kam er völlig erschöpft wieder nach Hause. Ernesto berichtete, er wolle jetzt doch kein Performance-Künstler mehr sein. Die Arbeit unter ständiger Beobachtung sei ihm zu anstrengend und für das Malen von Bildern fehle ihm das Talent. Die Heftpflaster verfehlten ihre Wirkung nicht, wurde er doch auf seiner Reise ständig auf sie angesprochen. Es gipfelte sogar darin, dass ihn ein Fernsehteam ansprach und ihn nach seinem Anliegen befragte. Die kurze Modewelle mit Heftpflastern verflüchtigte sich doch recht schnell, da sie sehr unangenehm in den Haaren ziepten. 

Also musste Ernesto doch wieder als Verkaufsberater für Herrn Yilmaz arbeiten. Seinen Ausflug in die weite Welt der bildenden Künste ließ ihn im Laden von Herrn Yilmaz fast als Promi wirken. Oftmals wurde er noch auf seine Performance angesprochen. Da war es für ihn fast erholsam, wieder zwischen Tomaten und Gurken beratend tätig zu sein. 

Manchmal ist einem das Bekannte doch näher als das Ferne, was auch immer das bedeutet. 

Herr Müller sieht die Welt

Zahncreme 

Natürlich weiß jeder Schlauberger, dass Schildkröten keine Zähne haben, trotzdem war Ernesto ein großer Fan von Zahncreme. Er benutzte sie zum Polieren seines Panzers. Dafür eignete sie sich dank der in ihr enthaltenen Schleifpartikel ganz hervorragend. So ein hochglanz-polierter Panzer barg für Fahrräder und andere beräderte Vehikel aber auch wieder Gefahren, derer man sich bewusst sein musste. Ein hochglanz-polierter Panzer konnte nämlich im Sonnenlicht extrem blenden. 

Mit dieser Gefahr im Bewusstsein trat Ernesto vor die Tür, setzte sich zwar eine Sonnenbrille auf, vergaß dann aber die Gefahr, die sein Panzer für alle anderen bedeutete. Und natürlich sorgte Ernesto für einen ordentlichen Verkehrsunfall. Ein Lieferfahrzeug fuhr in ein Schaufenster. Beinahe hätte dieser Fußgänger mitgerissen, konnte aber im letzten Moment ausweichen und kam im Schaufenster zum Stehen. Die Folgen waren für Ernesto eher angenehmer Natur, wurden doch jetzt die angebotenen Waren im Schaufenster im Preis reduziert. Staubsauger brauchte Ernesto nicht so, aber höchst spannend fand er Pelzmäntel. Auf mein Insistieren hin, dass diese das Fell toter Tiere seien, reagierte Ernesto wie man es von Reptilien gewohnt ist, nämlich gar nicht. Im Aushalten von Widersprüchen war Ernesto meisterhaft. Es machte in solchen Fällen keinen Sinn, ihn darauf hinzuweisen. Einfach das Thema wechseln. 

Neben der zweckentfremdeten Nutzung der Zahncreme gebrauchte Ernesto auch Deo. Er strich sich mit ihm die Unterseite seiner Füße ein, weil diese immer so unangenehm rochen, wie er fand. Die von ihm präferierte Art des Deos war natürlich ein Deo namens „Wilder Dschungel“. Mit diesem unter seinen Füßen konnte ihm nichts mehr passieren, zumindest geruchstechnisch. 

Die Gefahren des Alltags bestanden natürlich weiterhin und gerade Schildkröten waren in heutigen Zeiten besonders gefährdet. Taschendiebe waren auf verlorenem Posten, aber Online-Betrüger konnten dafür sorgen, dass Ernestos hart verdientes Geld sich binnen Sekunden verflüchtigte. Er hatte schon viel von Betrügereien zu Lasten der Kontoinhaber gehört, war jetzt fast ein bisschen gekränkt, dass er noch nicht von ihnen auserwählt wurde. Aber anscheinend war sein Kontostand stets so niedrig, dass er uninteressant für Betrüger war. 

Zurück zur Zahncreme: Diese ist zwar gut für die Zähne, aber zweckentfremdet doch eher gefährlich. Es macht schon Sinn, die Dinge für das zu benutzen, wofür sie gedacht sind. 

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Girokonto

Ernesto wollte jetzt auch eine Giro-Karte besitzen, zumal er weniger über Hosentaschen verfügte, in denen Kleingeld aufzubewahren wäre. Die EC-Karte konnte er einfach auf der Unterseite seines Panzers in die dafür vorgesehene Hülle hineinschieben. Die Hülle war natürlich am Panzer festgeklebt. So konnte Ernesto relativ selbstständig in Geschäften einkaufen, wenn diese über die aktuellen Systeme des bargeldlosen Bezahlens verfügten. 

Die gymnastische Übung des Kartezückens musste natürlich durch entsprechend hohe Beträge gerechtfertigt werden. Produkte, die nur kleinere Beträge erforderten, wurden entweder von ihm gekonnt ignoriert oder mussten von mir beglichen werden, da ich ja über Hosentaschen verfügte. Umso größer war Ernestos Freude, wenn er die Karte mal wieder zücken konnte. Von der Carrera Bahn bis zur neuen Waschmaschine wollte er diese jetzt mit seiner Karte bezahlen. Auf meine Nachfrage, ob wir diese Dinge denn alle bräuchten, stutzte er kurz und sagte dann aber im Brustton der Überzeugung: „Ja!“. Den nächsten Schritt zum kritischen Konsumieren musste ich ihm wohl noch beibringen. Bis dahin wurde alles gekauft, was nicht bei 3 auf`m Baum war. Dabei ist der kritische Umgang in der Welt des Konsums so wichtig. Oft lässt man sich leicht verleiten, Dinge zu kaufen, die man gar nicht braucht. Andererseits ist es ja auch relativ unspannend, über jede Kaufentscheidung nachzudenken. Immer vorausgesetzt, dass man über genügend Geld verfügen kann. 

Relativ schnell lernte Ernesto, was es hieß im Dispo zu sein. Seine Einnahmen reichten irgendwann bei weitem nicht mehr aus, seine Ausgaben zu decken. Glücklich ist, wer über eine schützende Hand verfügt und so konnte Ernestos überzogenes Konto von mir ausgeglichen werden. Sein Konto verfügte seit diesem Zeitpunkt über keinerlei Dispo mehr, er konnte also nur noch das ausgeben, was vorhanden war. Das war zwar relativ schnell erschöpft, aber es bot ihm und mir mehr Sicherheit. Sicherheit war für Ernesto ein bisher unbekannter Begriff, verfügte er doch über einen schützenden Panzer und somit war die Sicherheit eine Selbstverständlichkeit. Die neu gewonnene Sicherheit im Zahlungsverkehr ließ ihn erleichtert aufatmen. 

Auch Schildkröten im Allgemeinen und Ernesto im Besonderen mussten erst langsam an den Umgang mit Geld gewöhnt werden. Die neue Selbstständigkeit sollte ja nicht gleich vor die Wand fahren. Geld ausgeben will gelernt sein! 

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Bausparvertrag 

Ähnlich wie Schnecken so machte eigentlich auch für Schildkröten ein Bausparvertrag keinen richtigen Sinn, trugen sie doch ihre Behausung stets mit sich herum. Trotzdem wollte Ernesto unbedingt einen solchen haben, weil er auf dem Amt gehört hatte, welche Vorteile dieser brächte. Welche genau konnte er mir auf Nachfrage nicht beantworten, dennoch wollte er unbedingt einen Bausparvertrag haben – „Für schlechte Zeiten“, wie er sagte. Wann diese schlechten Zeiten seien, wusste er noch nicht genau, aber wie immer sei Vorsicht besser als Nachsicht. 

So sparte er Monat für Monat Geld an, von dem er relativ bald merkte, dass er es gar nicht hatte. Im Zuge unserer Einsparungen, was seine Ausgaben betraf, kam er schnell zu dem Schluss, was es hieß kein Geld mehr zu haben und was es heißt, einem nackten Mann in die Tasche zu fassen. Null mal nix ist nunmal null. Die große Frage war jetzt also: Wie konnte er seine Einnahmen steigern. Der Job bei Herrn Yilmaz war als Geldquelle schon erschlossen. Die Drohne als Auslieferungsobjekt von Paketen war doch zu neuartig für die Menschen. Blieb nur, den Job bei Herrn Yilmaz wieder zu erweitern. Zukünftig wollte er die ganzheitliche Einkaufsberatung anbieten. Was dies nun genau heißen sollte, konnte Ernesto auf meine Nachfrage hin zunächst nicht genau beantworten. Aber auf jeden Fall sollte es insgesamt ein Rund-um-Wohlfühlpaket für die Kunden werden. 

Schließlich entwickelte er folgendes Konzept: Von der einfachen Gemüsegurke bis zum frisch geernteten Blumenkohl sollten alle Produkte mit Zertifikat angeboten werden. Dazu gehörte ein Rezeptbuch mit Kochvorschlägen, wie das Produkt zu verarbeiten sein könnte. Zertifikat hieß in diesem Fall, dass die Herkunft genau nachvollzogen werden konnte und sämtliche Produkte aus der näheren Umgebung kamen. Ernestos Konzept kam bei den Kunden sehr gut an. Herr Yilmaz bot an, seine Stundenzahl zu erhöhen. So stiegen Ernestos Einnahmen. 

Der Bausparvertrag kam als übergeordnetes Ziel wieder in greifbare Nähe. Ernesto merkte jetzt aber, dass es mehr Sinn machte an seiner statt eine Lebensversicherung im Kombipaket einer BU und Rentenversicherung abzuschließen. Ansonsten beschränkte er sich darauf, unbeschwert zu leben und ließ sich keinerlei weitere Versicherungen aufquatschen, sondern gab das verdiente Geld in vollen Zügen aus. 

Ernesto kam zu der Erkenntnis, dass Versicherungen kein unbeschwertes Leben garantieren können. 

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Krieg 

Ernesto und ich saßen mal wieder am Wochenende zum Frühstück zusammen. Unvermittelt blickte Ernesto mich an und fragte mich, ob denn die Menschen als vermeintliche Krone der Schöpfung gar nichts anderes zu tun hätten als die Technik der Keule immer weiter zu verfeinern. Ernesto meinte mit seiner Frage, warum die Menschen sich auf immer perfidere Art und Weise umbringen und technisch aufrüsten. 

Von dieser Frage Ernestos war ich zunächst einmal überrascht, aber nach längerem Überlegen konnte ich ihm nur antworten, dass ich auch keine für ihn zufriedenstellende Antwort geben könnte. Auch mir war es unklar, warum das Streben der Menschen stärker auf die Verfeinerung der Keulentechnik hinauslief, statt daran zu arbeiten, möglichst friedlich miteinander umzugehen. 

Vielleicht ist es ja einfacher – so meine Vermutung – die Waffentechnik immer mehr zu verfeinern, anstatt sich mit sich selber zu beschäftigen? Eine Beschäftigung mit sich selber erfordert immer auch ein hohes Maß an Reflexionsfähigkeit von den Menschen. Mal ganz abgesehen von der notwendigen Bereitschaft, sich mit sich selber unvoreingenommen auseinanderzusetzen, erfordert sie den Willen, Kompromisse einzugehen und entsprechend zu handeln. Da aber die Einsicht in Kompromisse immer mehr abnahm, stand zu befürchten, dass die Menschen auch die jetzigen Krisen und Konflikte nicht zu ihrem Vorteil nutzten. Nach wie vor wurden Konflikte nur in Kategorien wie Gewinner oder Verlierer gesehen, nicht aber in die Einsicht, die beide Seiten in diesem Konflikt haben können. 

Gerade angesichts der Krise in Israel möchte ich sicher für keine Seite Partei ergreifen. Beide Seiten werden ihre Begründung haben, aber trotzdem ist noch keine Lösung in Sicht. Also müssten beide Seiten den gewohnten Pfad der Denkweise verlassen, um einen Frieden herzustellen, vor allem für die Leittragenden des Konflikts und das sind nunmal in erster Linie die Kinder. Ihnen ist nicht damit geholfen, wenn eine Seite sich zum Gewinner aufschwingt. Andererseits ist die andere Seite ja auch kein Verlierer, wenn sie sich in dem Konflikt zurückziehen würde. 

Zurück zu Ernesto: Ich versuchte ihm klarzumachen, dass er nicht der Verlierer ist, bloß wenn er mal in einer Diskussion unterliegt. Es wäre nur die Frage, wie ich als vermeintlicher Gewinner der Diskussion wieder ein gleichberechtigtes Gefühl vermittle. Dann müsste die Keule mit Hilfe der Technik auch nicht immer weiter verbessert werden. 

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Gummibaum 

Um meine Wohnung etwas behaglicher für Ernesto zu gestalten, beschloss ich, einen Gummibaum aufzustellen. Ernesto sollte sich schließlich auch von bekannter Flora umgeben sehen. Denn Gummibäume, so glaubte ich, wuchsen dort, wo Ernestos Art herkam, in Südamerika. Also machte es ja durchaus Sinn, dass die Pflanzen in unserer Wohnung seinem heimischen Habitat entsprachen. 

Gar nicht auf dem Zettel hatte ich, dass Ernesto eigentlich gar keine Pflanzen mochte und auch Gummibäume ihm relativ egal waren. Sie sahen aus wie aus Kunststoff, so fand er. Da mir aber Ziegelsteinpflanzen unbekannt waren, musste ich auf das allseits verfügbare Angebot des örtlichen Gartencenters zurückgreifen. Da standen nunmal Gummibäume – passender Weise – ganz hoch im Kurs. Ernestos Abneigung musste da halt mal kurzzeitig von mir ignoriert werden. Auf meine Nachfrage nach Ziegelsteinpflanzen reagierte der Zuständige im Gartencenter relativ irritiert, war ihm doch Ernestos Abneigung unbekannt, aber von den von mir gesuchten Ziegelsteinbäumen hatte er noch nie gehört. Ich auch nicht, aber das musste ich ihm ja nicht erzählen. Der Spruch „Wissen ist Macht“ verleiht einem in diesem Zusammenhang fast Flügel, weil es doch nichts Schöneres gibt, als jemanden mit Fragezeichen über dem Kopf zurückzulassen. 

Schnell wurde die Erweiterung des Spruches „Wissen ist Macht“ durch „Nichts wissen macht nichts“ ergänzt. Die Ergänzung nahm dann der Gartencenter-Mitarbeiter selbst vor, so konnten er und ich gesichtswahrend aus der Situation entkommen. 

Gummibäume waren also – laut meinen Unterlagen – die passendste Art des Bewuchses für Ernestos Art. Da in nächster Zukunft nicht abzusehen war, dass Pflanzen kreiert wurden, die Ernestos Zuspruch fanden, war ich weiter auf der Suche nach Pflanzen, die er mögen könnte. Ich wurde alsbald fündig bei Kakteen. Diese waren zwar auf den ersten Blick stachelig, aber dann doch bei genauer Kenntnis ihrer Stacheligkeit für den Betrachter hübsch anzuschauen. Ähnlich wie Ernesto waren sie die Schildkröte unter den Pflanzen, weil sie in ihren Auswüchsen sehr überschaubar blieben. 

Da es Ernesto aber relativ egal war, welches Grünzeug unsere Wohnung verschönerte, blieb es an mir, hier und da Kakteen aufzustellen, die als grüner Blickfang das Interieur der Zimmer auflockerte. Der von mir gekaufte Gummibaum war ja letztlich auch nur ein Kaktus, wenn auch stachellos. 

Es bleibt einem nur festzustellen, dass Gummibäume und Schildkröten keine Samba tanzen wollen trotz ihrer gemeinsamen Herkunft. 

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Fernsehen 

Mit dem neuen Flachbildfernseher wirkte es fast ein bisschen gespenstisch, so einen großen Bildschirm mit einer Schildkröte davor zu sehen. Ernesto fühlte sich auch ein wenig von den Bildern erschlagen. Das lag weniger an den Bildinhalten, sondern mehr an ihrer schieren Größe. Nachrichten wurden so zum flackernden Bildschirmerlebnis und Ernesto musste einige Meter weiter vom Monitor wegrücken, um nicht von der Bilderflut erschlagen zu werden. 

Häufig genug fühlte er sich unmittelbar in Kriegshandlungen verwickelt, da die Bilder so vereinnahmend waren. Oft fiel es ihm schwer, dann zwischen Realität und Fernsehen zu unterscheiden. Daher mussten wir dann häufig erst eine Runde Tetris spielen, damit ihm der Unterschied zwischen Realität und Fiktion wieder klar wurde. 

Ernesto war also gerade aus Beirut wieder heim gekehrt und entspannte bei einer Runde Tetris, da klingelte es plötzlich an der Tür. Es war eine dringende Nachricht für Ernesto, so erfuhr er an der Gegensprechanlage. In Erwartung gewichtiger Themen – wie dem Ende der Welt, die zunehmende Umweltverschmutzung oder die Auferstehung – war der Mensch, der dann vor unserer Tür stand, nur daran interessiert, möglichst viele Kabelanschlüsse zu verkaufen. Da Ernesto schon geraume Zeit davon genervt war, dass unser Fernsehempfang von der Wetterlage abhing, war er natürlich hoch erfreut, für ein flimmerfreies Fernsehbild sorgen zu können. Also ließ er sich das Angebot des Kabelvertreters in aller Ausführlichkeit erklären und schloss dann einen solchen Vertrag ab. Doof war nur, dass sich Ernesto einen Vier-Jahres-Vertrag aufquatschen ließ. Bei so viel Gebundenheit musste Ernesto erstmal eine Runde in den Park, um frische Luft zu schnappen und den Wind zu spüren. Nachdem Ernesto mir den Vier-Jahres-Vertrag beichtete, war ich natürlich darum bemüht, aus dem Vier-Jahres-Vertrag einen Ein-Jahres-Vertrag zu machen, denn Ernesto hatte übersehen, dass die Kosten im zweiten Jahr um beinahe das doppelte steigen sollten. Das war zunächst gar nicht so einfach. Erst nachdem ich dem zuständigen Sachbearbeiter klar machen konnte, dass sein Vertreter einen Vertrag mit einer Schildkröte abgeschlossen hatte, konnten wir relativ problemlos einen Ein-Jahres-Vertrag abschließen. 

Zurück zu übergroßen Fernsehbildschirmen und kleinen Schildkröten: Manchmal kommt einem die Realität zu übergroß und mächtig für die eigene Seele vor. In solchen Fällen macht es durchaus Sinn, alles abzuschalten und sich einen Punkt in der Landschaft oder auf dem Meer zu suchen, um sich wieder neu zu skalieren. 

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Waschbecken

Jugendliche Amerikaner benutzen ja oft leere Pools für ihre neue Rollbrettartistik.
Da kam Ernesto eine Idee: Er wollte jetzt im Waschbecken artistische
Darbietungen auf seinem Rollbrett vollführen. Nur der Abfluss musste garantiert
versenkt werden, sonst konnte es zu unerwarteten, bösen Überschlägen kommen.
Ernestos Idee, im Waschbecken Tricks mit seinem Fingerboard zu vollführen,
endete oft genug in der Seifenschale. Daher mein Tipp: Handseife. Die ist für
Schildkröten auch weniger gefährlich, weil die Gefahr auf den „Drücker“ der
Handseife zu fallen, ja kaum vorhanden ist.

Die Ähnlichkeit von Pools und Waschbecken ist ja erstmal gering, erst wenn man
die vollführten Kunststückchen sieht, fällt einem die Ähnlichkeit auf. Für Ernestos
Körpergröße waren die Abmessungen des Waschbeckens schon ideal für die
anfängliche Erprobung. Nachdem er zwei- bis dreimal ins offene Klo gefallen war,
hatte er sich dann doch an die Beschränktheit des Waschbeckens gewöhnt. Schnell
wurde ihm aber bewusst, dass die Badewanne doch besser für sein Vorhaben
geeignet war. Auch hier musste natürlich der Abfluss sicher verschlossen werden,
was kein Problem bedeutete. Die Badewanne bot dann doch unermesslich mehr
Raum für Kunststücke aller Art.

Ernesto musste natürlich erstmal Ernie und Bert seine neuesten Tricks zeigen. So
kam es, dass unsere Garage jetzt auch noch um unser Badezimmer erweitert
wurde. Der Durchgansverkehr und die hohe Frequenz der Badezimmer-Besucher
störte mich dann aber irgendwann doch. Es kam zu unschönen Situationen als ich
dringend auf`s Klo musste, aber nicht konnte, weil in unserem Badezimmer gerade
die tollsten Kunststücke vollführt wurden. Ein anderes Mal hatte ich mich gerade
zu einem gemütlichen Regenerationsbad in die Wanne gelegt, als ich plötzlich
Stimmen hörte vor der Tür. Daher war mein Entschluss, dass das Badezimmer für
Ernestos Rollbrett-Aktivitäten nicht mehr zur Verfügung stand. Ernesto reagierte
erst sauer, dann aber doch verständnisvoll.

In diesem Zuge beschränkte er somit seine Rollbrettfahrerei wieder auf unsere
Garage. Trotzdem benutzte er die aus dem Badezimmer gewonnenen Erkenntnisse
für seine Rollbrettartistik. Meine Erkenntnisse: Badewanne und Waschbecken
dienten nicht nur der Reinigung, sondern konnten auch Grundlage mannigfaltiger
Rollbrettaktivitäten sein.

ABER: Die Bedeutung der Privatsphäre in meinem Badezimmer wurde mir so
schlagartig klar. Badewanne und Waschbecken sollten doch eher zur Reinigung
dienen denn Spielplatz für Schildkröten sein.

Herr Müller sieht die Welt

Midlife Crisis

Es mag daran gelegen haben, dass es bereits gegen Nachmittag war als wir
unser Frühstück am Wochenende beendet hatten. Ernesto stieg die Zornesröte
ins Gesicht, die – sofern das von mir überhaupt zu beurteilen war – durch
meine Frage ausgelöst wurde. Meine mangelnde Urteilsfähigkeit war wohl in
Ernestos Grundfarbe angelegt, die es mir nahezu unmöglich machte, eine
Veränderung in der Hautfarbe zu erkennen. Ich wollte doch einfach nur von ihm
wissen, ob auch Schildkröten so etwas wie eine Midlife Crisis hatten.

Bei Menschen war es ja sehr bekannt, dass dies häufiger passieren konnte.
Ernesto reagierte sauer auf meine Frage. Bloß weil ich einen Vertreter der
Gattung Schildkröte kannte, ließ das ja keinen Rückschluss auf alle übrigen
Vertreter zu, so seine Argumentation.

Schildkröten neigten weniger dazu, sich Sportwagen zuzulegen, um ihre
Jugendlichkeit zu unterstreichen oder mit jungen Gespielinnen
herumzuhängen, die außer gut auszusehen, wenig konnten. Ich stellte an mir
selber in letzter Zeit fest, dass ich zunehmend dazu neigte, immer jüngere
Frauen gut zu finden, ein Sportwagen war mir eh zu teuer. Es lag also der
Verdacht nahe, dass ich in der Midlife Crisis angekommen war. Deswegen war
meine Frage an Ernesto eigentlich auf mich bezogen. Als ich ihm das erklärte,
reagierte er einsichtig und verständnisvoll.

Die Midlife Crisis gestaltet sich für den normalen Mitteleuropäer gar nicht so
leicht und wird oft unterschätzt, nur erkennen muss sie halt jeder. Da mir für
Sportwagen das nötige Kleingeld fehlte, entschied ich mich dazu, mir ein neues
Liegerad zu kaufen. Davon hatte auch Ernesto etwas, so meine Überlegung.
Ausflüge machen auch erst mit Mehreren Spaß. Ernesto bekam für mein neues
Liegerad einen neuen Fahrradkorb mit einer warmen Decke, auf der er
herumlaufen konnte.

Im Zuge meiner Midlife Crisis ließ ich mir außerdem Ohrringe stechen. Ernesto
verfügte ja schonmal über eine Vielzahl von Ringen, die er aber im Zuge
extremer Unpraktikabilität auf einen Ring reduzierte.

Man kann also feststellen, die Midlife Crisis betrifft alle Lebewesen. Nur der
Mensch macht sich wie immer darüber Gedanken. Liegt wohl in seiner Natur
begründet, weil Midlife Crisis ja auch immer ein Bewusstsein erfordert.

Schildkröten dagegen werden einfach so alt.

Herr Müller sieht die Welt

Hitze

Im Gegensatz zu mir blühte Ernesto bei warmen Temperaturen erst richtig auf.
Es konnte ihm gar nicht heiß genug sein. Je höher die Temperatur desto
enthusiastischer wurde Ernesto und umso langsamer ich. Richtig doof war für
mein Wohlbefinden die Kombination aus Wärme und schwüler Luft. Während
Ernesto es völlig egal war, wie hoch die Luftfeuchtigkeit war, machte sie mich
platt. So platt war ich natürlich für Ernesto auch keine große Hilfe.

Unser Leben im Dachgeschoss unseres Hauses war in den Sommermonaten
mehr von der Bemühung meinerseits um Kühle dominiert. Oft war ich mit
nassen Handtüchern um Kopf und Nacken gewickelt zu sehen. Ernesto hatte
sich schnell an dieses Bild gewöhnt. Es konnte nur peinlich werden, wenn der
Paketbote oder Nachbarn klingelten und ich so die Tür öffnen musste. Das Bild
von Menschen mit Handtüchern um die Extremitäten gewickelt bot vielen doch
Anlass, sich erstmal an das ungewohnte Bild gewöhnen zu müssen.

Auch ein nasses Handtuch auf dem Kopf war auf Dauer aber keine Lösung, weil
es doch arg die Sicht beeinträchtigte, wenn es herabhing. Gut halfen mir
letztlich nur Kühlmanschetten um Arme und Beine. Aber eigentlich konnte ich
nur auf milderes Wetter warten, um meine Bewegungs- und Denkfähigkeit
wieder koordiniert zu bekommen.

Mein Streben nach Kühle wurde eben von Ernesto nicht geteilt, weil Kühle bei
ihm zur Verlangsamung der Bewegungen führte und ihn in den Modus des
Winterschlafes versetzen konnte. Dem stand natürlich mein Streben nach Kühle
entgegen, sodass ich mir für unser Leben unterm Dach etwas einfallen lassen
musste.

Da Ernesto heißes Wetter mochte, überlegte ich schon, ob ich ihn in der
örtlichen Sauna abgebe, aber ohne Aufsicht durften Schildkröten nicht alleine in
die Sauna. Somit blieb Ernesto nichts anderes übrig, als die Hitze, die er so
erleben konnte, so gut als möglich zu nutzen. Ernesto verbrachte jetzt die Tage
immer häufiger vor unserer eigens für ihn angeschafften Höhensonne, die in
einem seiner Zimmer stand, sodass ich von der abgestrahlten Wärme
unbehelligt war. Was mir bisher völlig rätselhaft blieb, war immer noch, wie
man sich bei so viel Hitze wohlfühlen konnte.

Nicht umsonst heißt es ja bei uns Menschen: einen kühlen Kopf bewahren! Das
gilt aber nicht für Schildkröten, das musste ich erst lernen.