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Herr Müller sieht die Welt

Brummkreisel 

Im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass Brummkreisel auf Ernesto eine nahezu hypnotisierende Wirkung hatten. Ähnlich wie ein Kugelstoßpendel wirkten auch hier physikalische Kräfte, deren Geheimnis Ernesto faszinierte. Natürlich konnte Ernesto den Kreisel nicht selber in Aktivität versetzen, aber er war jedes Mal völlig hin und weg, wenn er einen Brummkreisel drehen sah. 

Im Gegensatz zum Brummkreisel hätte er das Pendel noch selber in Bewegung versetzen können. So aber musste er jedes Mal darauf warten, dass ich den Kreisel bediente. Seine Faszination war jedes Mal umso größer, was wohl auch in der geringen Selbsttätigkeit begründet lag. 

Einmal in Bewegung zog der Kreisel selbstständig seine Bahnen und fiel erst dann um, wenn der Drehimpuls nachließ. Neben der Faszination für die Wirkung des Drehimpulses versuchte Ernesto sich ähnlich schnell zu drehen und hoffte auf ähnliche Wirkung wie bei dem Kreisel. Aber außer dass ihm unglaublich schlecht wurde, gab es keinerlei Wirkung. 

Die Wirkung beim Zuschauen der Drehbewegung des Kreisels hatte wohl andere Gründe. Allein die Selbsttätigkeit des Kreisels, sobald er einmal in Bewegung versetzt wurde, beruhigte ihn. Sie sorgte dafür, dass er für Außenstehende unansprechbar war. Er schwebte völlig in seiner Welt. Mein Fingerschnippen, um ihn wieder zu erwecken, sorgte dafür, dass Ernesto zwar wach, aber auch völlig verstört war. So fragte er mich nach meinem Namen, auch seinen wusste er nicht mehr. Wir mussten also ganz von Null anfangen. 

Nach einiger Zeit fiel ihm Gott sei Dank der grobe Rahmen wieder ein. Herr Yilmaz als sein Arbeitgeber nahm glücklicherweise Rücksicht auf Ernestos Situation. Er ließ ihn bei Aussetzern häufig gewähren und ließ Fünfe einmal gerade sein. Die Tatsache, dass Ernesto lange Zeit brauchte, um wieder klaren Verstandes zu werden, war wohl auch für Herrn Yilmaz zunächst ungewohnt. Dass letztlich alles wieder gut wurde, lag an allen Beteiligten. 

Es bleibt für mich nur festzuhalten, dass wohl in der Selbsttätigkeit das größte Geheimnis liegt. Das physikalische Phänomen kommt dann erst an zweiter Stelle. Selbsttätigkeit als größte physikalische Magie ist und bleibt wohl das wichtigste Element. 

Kowalski lebt

Mettwurst 

Mettwurst, insbesondere luftgetrocknete, war von Waltraut bevorzugt. Wobei auf den Härtegrad der Mettwurst zu achten war: je härter desto besser und geschmacklich ausgereifter. Mir wurde klar, dass die genaue Definition des Härtegrades der Mettwurst durch Waltraut durchaus Sinn machte. Mettwurst wurde immer schmackhafter, je höher der Härtegrad war. 

So abgeschmackte Massenware wie Bifi oder so kam da dann gar nicht mehr in Frage. Individuelle Produkte von unserem Kiez-Schlachter fanden da eher Beachtung. Überhaupt sei hier mal wieder eine Lanze oder Mettwurst (aber nur die harte) gebrochen für örtlich produzierte Lebensmittel. Für besondere Feinschmecker sei hier nur mal die Salami aus Pferdefleisch erwähnt, gewöhnungsbedürftig, aber laut Waltraut gut. Natürlich sollte den Kritikern klar sein, dass für die Pferde-Bratwurst, die es ja schon auf dem Weihnachtsmarkt gibt, Tiere in unseren Breiten nicht extra zum Zwecke der Schlachtung gezüchtet werden – im Gegensatz zu Rindern, Schweinen und Lämmern. Das macht die Pferdewurst für mich nicht unbedingt leckerer, aber doch handhabbarer, weil so das Töten des Tieres nicht im Mittelpunkt seines Lebens stand. Das war für Waltraut ausschlaggebender Punkt für den Verzehr von Pferdewurst. 

Dieser durchaus philosophische Ansatz in Bezug auf Wurstwaren, den Waltraut hervorbrachte und ansprach, ließ mich aufhorchen. Mittelpunkt des Lebens sei bei diesen Tieren also nicht die Schlachtung, sondern das ganz normale Leben der Tiere. Dieses Leben sei demnach nicht vorherbestimmt. Daher lasse es Raum für verschiedene Denkansätze. Die Frage nach der Zweckmäßigkeit dränge sich hier immer mehr auf. Die Schlachtung als Aktes der Beendigung des irdischen Lebens sei also eher zufällig und nicht Mittelpunkt des Lebens. Natürlich stehe auch hier der Akt der Beendigung des Lebens logischer Weise an dessen Ende, aber eben nicht geplant, sondern eher zufällig, so Waltrauts Ausführungen. 

Überwältigt von so viel Kopfarbeit Waltrauts musste ich erstmal ein Stück harte Mettwurst essen, um das von ihr Gesagte verdauen zu können. Wer hätte gedacht, dass so viel Denkarbeit in Mettwurst steckt und auch in Waltraut. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

 Verkehrsinsel 

Wenn Ernesto nicht gerade in meiner Brusttasche mitreiste, waren Verkehrsinseln eine gern genommene Möglichkeit des Verschnaufens für ihn. Mir war sein Tempo, um eine Straße zu überqueren, viel zu langsam. Von daher waren Verkehrsinseln gut für ihn, um mal Pause zu machen. 

Sie waren also für Ernesto Inseln der Ruhe inmitten des Verkehrsflusses des reißenden Stroms von Fahrzeugen. Häufig genug waren Verkehrsinseln mit Verkehrsschildern geschmückt, die die Fahrtrichtung für die Fahrzeuge anzeigten. Ernesto ließ sich davon nicht beeindrucken und ging seines Weges. Dieser führte zumeist quer zur Fahrtrichtung, sodass die angebrachten Pfeile für ihn keinerlei Bedeutung hatten. Die Bedeutungslosigkeit der Pfeile für Ernesto erschloss sich mir erst als wir einmal auf der vermeintlich falschen Seite die Insel passierten. Seinerseits kam keinerlei Reaktion. Es schien ihm beinah egal zu sein. Wichtig war nur das große Ziel der Straßenüberquerung. 

Ich überlegte, ob wir ähnlich wie für Waltraut auf dem Spielplatz, ein Seil über die Straße spannen sollten, damit Straßenüberquerungen fortan immer einen gewissen infantilen Charakter behielten. Die so erreichte Leichtigkeit nähme den Schwermut von so etwas Anstrengendem wie Straßenverkehr. 

Meine Idee der Seilbahn über die Straße hätte aber für alle übrigen Verkehrsteilnehmer bedeutet, dass sie sich hätten ducken müssen, somit kam nur eine große Höhe der Seilbahn in Frage, damit die übrigen Verkehrsteilnehmer ungehindert am Verkehr teilnehmen konnten. 

Die Idee des Tunnels unterhalb der Fahrbahn wurde von mir bald wieder verworfen, weil zu viele Maulwürfe sich in den Tunnel gruben. Also musste Ernesto via Seilbahn über die Straße gebracht werden. Das Seil wurde von uns in ausreichender Höhe an der Hauswand montiert. Die Radfahrer konnten so ungefährdet weiterhin den Radweg benutzen. 

Die Verkehrsinsel als Quelle der Ruhe im fließenden Strom konnte so dank der gespannten Seile weiter ihre Bedeutung behalten. Sie behielt ihre Bedeutung für die Verkehrsteilnehmer, auch wenn sie für Ernesto nur mit einem Seiltanz erreichbar war. Brusttaschen als Verkehrsmittel gehörten für Ernesto fortan der Vergangenheit an. 

Kopfwürmer

Kreisverkehr 

Redundanz im Kreisverkehr ist also in der Sache begründet. So weit, so gut. 

Linearität ist in der Zielgenauigkeit, also nicht einfach nur wahllos geradeaus, sondern mit Sinn und Verstand, treffsicherer. Mit Sinn und Verstand sind hier die ausschlaggebenden Kriterien für die Existenz einer angemessenen Verbindung von zwei Punkten gemeint. Also nicht die wahllose Verbindung von A und B, sondern die lineare Verbindung. 

Ähnlich wie dieser Text darf auch nicht die Verbindung der Punkte A und B zur selbstgefälligen und selbstverständlichen Veranstaltung werden. Eben genau darin liegt die Bedeutung der Linearität zwischen A und B. Erst wenn sich diese auf einer Geraden befinden, kann man ein Ziel suchen. Das Ziel darf aber nicht nur alleine in der Verbindung von A und B liegen, erst die Anordnung von A und B eben in einer Linearität zueinander lässt den Fachmann aufhorchen. Der Laie kringelt sich am Boden vor Lachen. Angesichts solcher sinnfreien Sätze wie den zuletzt von mir genannten, empfehle ich mich hier als Redenschreiber für den Bundestag. Genau hier liegt die gesellschaftliche Bedeutung des eben Gesagten. Einfach nur sinnfreies Gestammel wäre ja wie gesagt sinnfrei. Die Zielgenauigkeit der Wortwahl darf nicht darüber hinweg täuschen, dass es einen tieferen Sinn gibt, in dem, was gesagt wurde. Von wem weiß ich nicht und tut auch nichts zur Sache. Schön ist nur zu sehen, dass dieser Text stärker anschwillt und das, obwohl er an Sinnfreiheit nicht zu überbieten ist. Ich bin versucht, jeden meiner Sätze mit einem „Hugh“ zu beenden, um ihnen mehr Ausdruck zu verleihen, ihre Bedeutsamkeit zu unterstreichen und sie nicht als leere Hülse im Raum stehen zu lassen. 

Die Bedeutung von Kreisverkehren macht gerade in der Rhetorik zunehmend Sinn. Wiederholen sich doch gerade hier Worte und Satzkonstrukte, deren Inhalt niemand so genau kennt, ja, sie den Leser ratlos zurücklassen. Erst die wahrhafte Sinnfreiheit und die Erkenntnis dieser verleitet einen zu geistigen Höhenflügen. Aber Obacht: Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Ich bin versucht, hier wieder ein strategisches „Hugh“ einzubauen, alleine um den Worten mehr Gewicht zu verleihen. 

Die anfängliche Redundanz, also Überflüssigkeit oder Doppelung findet ihre Entsprechung im Kreisverkehr, dessen Ausfahrten stets nacheinander erfolgen. Allein die Schilder zeigen dem Fahrenden an, wo er hin muss. 

Herr Müller sieht die Welt

Pommes rot-weiß 

Wir berichteten bereits vom reichhaltigen kulinarischen Angebot, das Baumärkte mit den dazugehörigen Imbissbuden den Kunden bieten. 

Ernesto wollte, jetzt wo er herausgefunden hatte, wo es die knusprigsten Pommes gab, wissen, wie Pommes mit Ketchup und Mayo schmeckten. Senf schied ja als zur Verfügung stehende Soße schnell aus, weil die Pommes dann ungenießbar waren. Die Möglichkeit, sich Mayo und Ketchup über die Pommes zu kippen, traf jedoch seine Gourmand-Zunge umso mehr. Es stand nach wie vor die Entscheidung aus, ob man Pommes nur mit Ketchup oder nur mit Mayo genoss. Kein Mensch hätte beides gemischt. Aber dadurch dass beide nah beieinander auf den Pommes waren, ergab sich häufiger mal die Möglichkeit, das ein oder andere abwechselnd zu probieren. Die Idee des Mischens der beiden kam Ernesto zwar schnell, wurde aber auch ebenso schnell wieder von ihm verworfen. Die Mischung von Mayo und Ketchup war einfach nur „Bäh!“, so sagte er. Ketchup und Mayo musste also getrennt voneinander genossen werden. 

Nach wie vor war tunlichst darauf zu achten, dass die Pommes ihre Knusprigkeit behielten, was häufig genug gar nicht so einfach war. Ernesto ging dazu über, Mayo und Ketchup auf einen separaten Pappteller zum Dippen bereit zu halten, damit so die Knusprigkeit der Pommes gewahrt blieb. Sein Versuch, darüber hinaus Remoulade und Currysoße als Dip bereit zu halten, sorgte dafür, dass er alsbald jedes Mal, wenn er Pommes bestellte, von einer Vielzahl von Papptellerchen umgeben war, auf denen die Soßen drapiert wurden. Das Pappteller-Potpourri fand seine Krönung in der von ihm gerne genossenen Remoulade. Da diese aber vom jeweiligen Imbisswirt angefertigt werden musste mit sauren Gürkchen, die wiederum klein geschnitten werden mussten und dann Teil der Remoulade wurden, kam dieser zusätzliche Teller nur selten zum Einsatz. Zwar gab es dies auch fertig, aber Ernesto bevorzugte die handgemachte Variante. Sein Versuch, Currysoße und Remoulade zu mischen, wurde schnell von ihm verworfen, da es einfach nur grausam schmeckte. 

Nachdem Ernesto mehr oder weniger versehentlich in eine der ihn umgebenden Papptellern getreten war, stellte er fest, dass diese sich auch hervorragend als Fingerfarben eigneten. Die damit gemalten Bilder wurden in unserem Kiezimbiss fortan ausgestellt. Die anfängliche Vernissage zu Beginn der Ausstellung war in Künstlerkreisen hoch gelobt und Ernesto war als Pommes-Künstler in die Historie des Kiezes eingegangen. 

Kopfwürmer

Die Hauptstadt 

Es stand mal wieder ein Check-up Besuch in der Hauptstadt an. Natürlich waren die üblichen Sightseeing Programmpunkte auch dabei. Wie immer war ich eigentlich gerne da, aber leider muss ich auch nochmal ein bisschen nölen. Liebe Berliner, habt ihr alle Hornhaut am Arsch oder bin ich Mädchen? Eure Rollifreundlichkeit jedenfalls lässt noch stark zu wünschen übrig. Sehr cool sind die neuen U-Bahnwagen mit den bodentiefen Türen, leider jedoch kommen diese nur unregelmäßig, sodass man immer auf Hilfe beim Einstieg in die alten Waggons angewiesen ist. Der ständige Blickkontakt mit dem Zugführer ist zwar durchaus von Vorteil, hängt aber stark von der Lust des jeweiligen Zugführers ab. Der Unfall im Jahr 25 trug leider nur teilweise zur Verbesserung der Umsichtigkeit der Zugführer bei. Trotzdem trifft man immer auf sehr hilfsbereite Menschen, die stark bemüht sind, es einem zu ermöglichen, am öffentlichen Leben teilzunehmen, auch wenn dabei teilweise mein Rollstuhl zerlegt wurde . 

Zum Thema Hornhaut am Arsch bleibt mir nur zu sagen, dass die mit altem Kopfsteinpflaster versehenen Hofeinfahrten und Gehwege zwar sicherlich hübsch anzuschauen, aber für Rollifahrer leider eine Qual sind. Ich dachte, unsere Hauptstadt wäre da schon weiter, wie zum Beispiel in Kopenhagen, wo es trotz Kopfsteinpflaster immer eine Rollispur gibt, die glatt gepflastert ist, von den breiten Radwegen mal ganz zu schweigen. 

Unterhalb des Fernsehturms befindet sich die Ausstellung „Körperwelten“. Mal abgesehen von der Tatsache, dass man so viel unbekleidete Menschen und Menschenteile gerne sehen muss, fand ich das Warten auf Frau und Kind im Vorraum auch recht amüsant. Ich glaube ich mag mir lieber in der Fantasie ausmalen, wie der menschliche Körper funktioniert. Das lässt auch Raum für irrige Annahmen. Außerdem war der abschließende Cappuccino von mir sowieso höher geschätzt. 

Nach Sightseeing, ein bisschen Shoppen und U-Bahnfahren war dann auch genug mit Abenteuer. Den krönenden Abschluss unseres Hauptstadt-Besuchs bildete das vietnamesische Restaurant Lêlê, sehr zu empfehlen, aber ihr habt den Tipp nicht von mir. 

Alles in allem lässt sich resümieren: Berlin ist immer noch spannend, für Rollifahrer aber eben noch ausbaufähig. 

Kowalski lebt

Hundehütte 

Nachdem ich Waltraut erzählt hatte, dass ich einen Bausparvertrag habe, erinnerte sie mich daran, dass sie ebenfalls über eine eigene Hundehütte verfügte, die nach wie vor ein trostloses Dasein in unserem Keller fristete. Dieses jahrelange zur Miete wohnen war ihr dann doch irgendwann zuwider und sie hatte beschlossen, wieder ihr Eigentum zu bewohnen. Sie war sich jetzt nur unsicher, in welchem Stadtteil sie dieses aufstellen sollte. 

Die Auswahl wohnlicher Stadtteile war ja relativ überschaubar. Von daher besorgten wir uns Wohnungsanzeigen, die ausdrücklich für Hundebesitzer und deren Anhang ausgeschrieben waren. Als wir dann aber bemerkten, dass das ein Auszug aus der gewohnten Umgebung bedeutet hätte, fragten wir nochmal bei unseren Vermietern nach, ob wir im Hof ein kleines Stück für Waltrauts Hundehütte haben könnten. Nachdem das positiv beschieden wurde, gingen wir daran, Waltrauts Hundehütte in unserem Hof aufzubauen. 

Neugierige Fragen der Mitbewohner des Hauses nach unserem Tun wurden mit ausschweifenden Erklärungen unsererseits zufrieden gestellt. Nachdem unser Tagwerk vollbracht war und die Hundehütte aufgestellt war, feierten wir dieses mit einer zünftigen Grillplatte im ortsansässigen Imbiss. 

Nach einigen Tagen fragte Waltraut sich und mich, was man denn so als zünftiger Hundehütten-Inhaber den ganzen Tag tun sollte. Die Idee eines Carports verwarf Waltraut, da sie ja kein Auto besaß. Also lud sie alle Tiere des Hauses herzlichst zu ihrer Hundehütten-Eröffnung ein. Für Ernesto, Ernie und Bert hatte sie nämlich extra eine Veranda gebaut, damit diese einen schönen Blick über den Hof hatten. 

Schnell waren die Bierbänke zur Einweihung auf der Veranda platziert. Die Schüsseln mit Salat, Würstchen und Grillfleisch warteten auf dankbare Abnehmer. Das Fest war so nett, dass die Hausgemeinschaft beschloss, diesen Termin in den Jahresplan der Hoffeste zu integrieren. Sie überlegten jetzt sogar, ob sie die Hoffeste unter wechselnde Motti stellen sollten. Nach anfänglicher Skepsis waren Waltraut und ich doch schnell davon überzeugt. Waltrauts Hundehütten-Eröffnung sorgte dafür, dass die Hausgemeinschaft noch stärker zusammenrückte. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Brücken 

Wenn man sich nicht gerade im Mund befindet, dienen Brücken vor allem dazu, Menschen miteinander zu verbinden. Sie überwinden Flüsse, Straßen oder Schluchten. 

Der Anlass, der jetzt gerade Brücken zum Thema macht, war, dass Ernesto und ich über eine selbige fuhren, die laut Ernestos Bekundungen ganz schön hoch war. Dabei stellten wir fest, dass wir oft über Brücken fuhren. Das verbindende Moment von Brücken wurde uns bewusst, als wir mitbekamen, dass zum Beispiel Städte wie Hamburg über mehr Brücken verfügen als Venedig. Aber trotzdem gab es so etwas Bekanntes wie die Rialtobrücke in Hamburg nicht, es sei denn, man nimmt die Köhlbrandbrücke als ähnlich bekanntes Bauwerk hinzu. Dann wäre also die Köhlbrandbrücke die Rialtobrücke Hamburgs. 

Gerade in Städten wie Hamburg fällt auf, dass es dort relativ wenige soziale Brücken gibt. Jeder wurschtelt in seinem sozialen Umfeld. Schade eigentlich. Der Blick über den eigenen sozialen Horizont lohnt. Der soziale Brückenbau sollte hier mal mehr ausgebaut werden. Das Kennenlernen anderer Lebensweisen ist doch elementar zum Begreifen des Lebens, oder nicht? Das Verlassen ausgetretener Pfade führt eben nicht nur zu schmutzigen Schuhen, sondern auch zu mannigfaltigen, neuen Erkenntnissen. Deren Sinn und Zweck ist eben genau die Erweiterung des eigenen Horizonts. Dessen helle Strahlen sollte das eigene Handeln mit einem Ziel versehen. Gott sei Dank leben wir nicht mehr im Mittelalter, wo man Angst haben musste über die Kante der Welt zu fallen. Der soziale Sturz sollte also nicht mehr Teil des gegenwärtigen Handelns sein, vielmehr das gegenseitige Miteinander, weil es sehr viel erfolgversprechender als der Alleingang ist. Leider stehen uns oft Neid und Missgunst im Weg. Die Höhe der sozialen Brücken kann deswegen trotz meiner Höhenangst unendlich sein. Ernesto riss durch die Auswahl seiner Kumpels vom Kiosk sämtliche sozialen Brücken ein. Meine Angst vor hohen Brücken oder Höhe allgemein musste dann halt mal hinten an stehen. 

Der Sinn und Zweck von Brücken, Dinge zu überwinden, macht gerade im sozialen Kontext Sinn. Mauern gibt es ja leider ohnehin genug. Wie diese überwunden werden können, ist und bleibt ein Geheimnis, wohl deswegen, weil es kein allgemeingültiges Rezept gibt. 

Kowalski lebt

Flohzirkus 

Beim Besuch des ortsansässigen Flohzirkus in unserem Kiez vertraute mir Waltraut an, dass sie selber einen Flohzirkus ihr Eigen nennt. Auf meine Nachfrage, wie groß dieser sei, antwortete sie: verschieden groß. Mal mit den Neffen von Florian, mal ohne. Florian hatte eine große Familie, das war mir gar nicht so klar. Aber Waltraut war so lange beruhigt, wie sie noch alle Mitglieder der Familie mit Namen kannte. 

Mir war natürlich sofort klar, dass es ihr relativ unangenehm war, darüber zu reden, weil das auch einen gewissen Mangel an Hygiene beinhalten konnte. Als ich dann aber mitbekam, dass Flöhe relativ normal sind bei Hunden und sie kein Zeichen mangelnder Hygiene bedeuten, waren ich und sie schließlich beruhigt. Zwar gab es Flohhalsbänder, aber diese rochen – laut Waltrauts Bekundungen – sehr unangenehm und ersetzten letztlich auch keine Hygiene. 

Neben Florian und seiner Familie gab es da noch die Gräfin Florentine von und zu Schmettin, die höchsten Wert auf ihren Namen und ihre Abstammung legte. Schließlich war ihr Ur-Großvater Floh bei Bismarck, dieser lebte dort unter der Uniformkappe. Aber, laut Florian, war sie mit ihrer überkandidelten Art ohnehin keine angenehme Nachbarin. Die üblichen Nachbarschaftsstreitigkeiten bekamen bei ihr immer gleich staatstragende Bedeutung. 

Waltraut hatte sich, ohne mein Wissen, mit Florian darauf geeinigt, dass er seinen Verwandten Bescheid gab, dass sie sich andere Wohnorte suchten. Florentine von und zu Schmettin tat es sowieso nicht unterhalb einer adligen Abstammung. Man könnte jetzt schnell versucht sein zu denken, Waltraut wäre adliger Abstammung, aber nein, dem war nicht so. Die Gräfin hatte sich schlicht und ergreifend geirrt, als sie Waltraut als Heimstätte aussuchte. Natürlich zog sie daher freiwillig auf einen angemessenen Hausherren um. Der Stammbaum ist also auch für die Bewohner von Hunden wichtig, nicht nur für den Hund selber. 

Waltraut wurde deutlich, dass die Herkunft ihrer Flöhe für das Endergebnis (Jucken) kein Unterschied macht. Wichtig war Waltraut nur, dass ihr als Hausherrin Friede in ihrem Fell herrschte. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Bauernhof 

Nach unseren Ausflügen in die größeren Städte Deutschlands hatte Ernesto jetzt mal die Idee, an einer ruhigen Örtlichkeit in unserer näheren Umgebung zu verweilen , weil ihm der Besuch der Städte doch zu anstrengend war. Also beschlossen wir, unseren nächsten Urlaub auf dem Bauernhof zu verbringen. 

Nach anfänglichen Berührungsängsten mit den Tieren des Hofes hatte es Ernesto vor allem der Kuhstall angetan, weil die Kühe vor sich hin wiederkäuten und auf Ernesto eine große Ruhe ausstrahlten. Erst nach einiger Zeit merkte er, dass die Kühe in ihren Boxen angekettet waren und wohl deswegen so ruhig dastanden. Außerdem wurde er leider von einem Kuhfladen getroffen, was ihn bis ins Mark erschüttern ließ. Er war so sehr von den Socken, dass es einige Tage brauchte, um mit mir darüber reden zu können. 

Nachdem er sich von dem Schreck des Kuhfladens erholt hatte, ließ sich Ernesto von mir durch den Kuhstall fahren mit dem einrädrig angetriebenen Fütterungstransporter. Nach der Attacke der Kühe war Ernesto ansonsten relativ gesättigt, was den Besuch des Kuhstalls anbetraf. 

Er fand die jungen Katzen, die gerade auf dem Hof die Welt neu entdeckten jetzt spannender. Die Katzen zeigten sich zunächst irritiert ob der Langsamkeit Ernestos, gewöhnten sich aber schnell daran. Seine Anstrengungen mithilfe der Katzen den Hofhund zu ärgern, wurden alsbald von Erfolg gekrönt. Der Hofhund hatte eine Hütte, in der er seinen Mittagschlaf zu tätigen pflegte. Die Katzen hatten die Schüssel mit Wasser genau vor den Hund platziert, sodass er bei jeder Bewegung hineintapsen müsste. Als plötzlich ein Postauto auf den Hof gefahren kam (Ernesto hatte ein Paket bestellt), sprang der Hund auf, tapste voll in die Wasserschale und war klatschnass. Für Ernesto ergab sich so die Möglichkeit, den Katzen zu zeigen, dass gute Ideen und Witzigkeit nicht unbedingt etwas mit Schnelligkeit zu tun haben muss. Auch hier galt: In der Ruhe liegt die Kraft! 

Das Erlebnis mit dem Kuhfladen war offensichtlich von prägender Wirkung, weil Ernesto zurück zu Hause noch Tage davon erzählte und nicht von dem Hofhund und den jungen Katzen. Ernesto wollte zukünftig nicht mehr auf den Bauernhof, sondern hatte die Idee, seinen nächsten Urlaub im Tierheim zu verbringen, weil – so seine Logik – dort gab es Hunde und Katzen im Überfluss, mit denen er neue Streiche aushecken konnte.