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Kopfwürmer

Bla bla 

Liebe Leser, 

dieser Text steht in der Rubrik Kopfwürmer, obwohl die Charaktere Ernesto (Herr Müller) und Waltraut (Kowalski) darin vorkommen. Lassen Sie sich davon nicht verwirren. Die Rubrik Kopfwürmer fasst aber alles am besten zusammen. Viel Spaß beim Lesen! 

Neben der Wohnungstür stand seit Jahren eine Blumenvase samt Blume, seit Jahren wurde vergessen, sie zu gießen. Da es eine Kunststoff-Blume war, waren die Folgen für die Pflanze nicht so dramatisch. Aber wäre sie echt gewesen, hätte es für sie fatale Konsequenzen gehabt. So aber ging nur der Staub des Treppenhauses seit Jahr und Tag auf sie nieder. Schön war ihr Anblick schon lange nicht mehr. Da sich aber selten jemand in den 4. Stock verirrte, war die Anzahl derer, die es hätten bemerken können, eher gering. Das Leben als Kunstblume war ja auch eher monoton. Dennoch passierte ständig was im Treppenhaus, mal vom Staub abgesehen, der unablässig auf die Blume niederging. 

Ernesto, Ernie und Bert (aufmerksame Leser werden sich an sie erinnern) hatten um der Monotonie mal etwas Unterhaltung entgegen zu setzen, beschlossen, sich im Treppenhaus bzw. auf dem Fenstersims des 1. Stocks niederzulassen. Ernestos Betrachten der Raufasertapete aus Langerweile hatte dafür gesorgt, dass er dadurch eine Bindehautentzündung bekam und so also um Alternativen bemüht war. Waltraut setzte sich auf den Fußboden zu den Füßen der Schildkröten. Im Laufe der Zeit sorgte sie noch dafür, dass an dieser Stelle eine Decke lag, auf die sie sich legen konnte. Mit Wonne beobachteten die vier das illustre Treiben im Treppenhaus. Die Bewohner des Hauses taten sich insbesondere durch eine sehr gründliche Auslegung der Treppenhaus-reinigungs-Woche hervor. Der Fußboden war so sauber, dass man davon hätte essen können, so fiel es den vier Beobachtern auf. Aber nur die wenigsten Hausbewohner verlegten ihr Picknick ins Treppenhaus. Hauptbeschäftigung der Bewohner im Treppenhaus war nach wie vor das Treppensteigen. Dass das Treppensteigen für die meisten Bewohner des Hauses im Laufe der Jahre beschwerlicher wurde, ließ sie darüber nachdenken, bei der Hausverwaltung einen Treppenlift für jedes Stockwerk zu beantragen oder alternativ einen Fahrstuhl einbauen zu lassen. Platz dafür wäre da gewesen…(to be continued). 

Herr Müller sieht die Welt

Milky Way 

Es gab mal früher vor Jahren eine Reklame von Milky Way: Es sei so leicht, es schwimme sogar in Milch. Angespornt von dieser Werbung wollte Ernesto ein Bad in der Milch nehmen. Außerdem habe er gehört, dass Cleopatra ja auch immer in Eselsmilch gebadet hätte. Sie könne also nur gut sein für den Teint, so war Ernestos Überzeugung. Nach einigen Schwimmbewegungen ging Ernesto aber unter wie ein Stein – so viel zum Thema Realität und Werbung. Völlig frustriert oblag es dann mir, ihn wieder aufzubauen. Außerdem war der Teint bei gepanzerten Wesen relativ unerheblich, so stellte er fest. 

Seine Bemühungen um einen zarteren Teint waren aber dahingehend erfolgreich, dass jetzt immer alle Welt Ernesto streicheln wollte. Alle Welt fand Ernesto jetzt soooo süß und zart, egal wo wir waren, auch mitten auf der Straße, vor Einkaufsläden und natürlich auf dem Spielplatz wollten alle ihn streicheln. Das jedoch missfiel ihm so sehr, dass er alsbald wieder in Wasser sein Bad nahm. 

Die gewohnte Umgebung im Wasser sorgte auch dafür, dass Ernesto in alte Verhaltensmuster zurückfiel: Er begann infantile Spielchen zu spielen. Er konnte sich stundenlang mit ihnen beschäftigen und sich über sie totlachen. Dass sie bei mir bestenfalls ein Schmunzeln hervorriefen, interessierte dabei wenig. Infantile Spielchen konnten sein, sich zum Beispiel die Pfoten vor die Augen zu halten und zu sagen „Such mich!“ oder sich hinter einer Wohnungsecke zu verstecken und dabei gar nicht zu bemerken, dass man die ganze Zeit aus dem Nachbarzimmer voll zu sehen ist. 

Eines dieser Versteckspiele sorgte dafür, dass Ernesto hinter einer Tür stand und glaubte mal wieder nicht gesehen zu werden. Erst als es laut krachte und er durch die Wohnung purzelte, bemerkte er seinen Denkfehler. Mit der Beweglichkeit der Tür hatte er nicht gerechnet. Natürlich war Ernesto jetzt daran gelegen, möglichst leichtfüßig durch die Welt zu stapfen. Dies klappte mal mehr, mal weniger erfolgreich. Zumeist waren seine Erfolge, so leicht wie Milky Way zu wirken, von geringem Erfolg gekennzeichnet. Ernesto beschränkte sich jetzt darauf, Milky Way zu essen, in der Hoffnung vielleicht bald für Milky Way zu werben. Er stellte aber schnell fest, dass es eher zu einer Zunahme des Gewichts führte. 

Fazit: Um in Milch zu schwimmen, braucht man nicht nur einen Freischwimmer, sondern auch den nötigen Auftrieb. 

Kowalski lebt

Tic Tac 

Auf einem unserer Patrouillen Gänge durch unseren Bezirk stellte ich fest, dass Waltraut immer dann den Kopf wegdrehte, wenn sie mit mir sprach. Von mir darauf angesprochen, zeigte sie sich zunächst peinlich berührt, gab dann aber doch zu, dass sie Angst habe, dass ihr Mundgeruch mich verschrecken könne. Den empfand sie als sehr unangenehm. 

Um Abhilfe bemüht, gab ich ihr den Tipp, einen Tic Tac zu nehmen. Tic Tac sorgte so dafür, dass ihr – so stellten wir später fest – ganzes Verdauungssystem gereinigt wurde und so nicht nur ihr Mundgeruch beseitigt wurde, sondern auch ihre Pupse jetzt nach Minze rochen. Mit so viel gutem Geruch stand uns zukünftig nichts mehr im Weg. So viel gute Rieche aus allen Körperöffnungen gab uns natürlich viel Selbstvertrauen. So gut riechend konnten wir unbekümmert unter Menschen gehen. 

Um gute Rieche bemüht, war Waltraut jetzt jedes Mal im Namen des Duftes unterwegs. Sie überlegte, als Geruchs-Model für Parfümketten wie Douglas zu arbeiten. Zunächst waren vor allem die Mitarbeiter der Parfümketten wenig bereit, einen Hund mit gutem Geruch einzudieseln, merkten dann aber bald, wie anziehend Waltraut auf die Umstehenden mit ihrem Geruch wirkte und die Verkaufszahlen von Eau de Toilettes in die Höhe schnellten. Die ganze Aktion war ihr dann aber dauerhaft doch zu umständlich, weil sie für diesen Job jeden Tag ein Bad hätte nehmen müssen, um glaubhaft vertreten zu können, wofür sie Werbung machte. Der Job als Parfüm-Model war außerdem mit einer ganzen Reihe Unannehmlichkeiten verbunden. So musste sie zum Beispiel auf den regelmäßigen Besuch des Kiez-Imbisses verzichten, weil nach Fritteuse durfte sie um Himmels willen nicht riechen. 

Sie kündigte ihren Job als Parfüm-Model für Menschen und kreierte einen eigenen Hundeduft, dessen Note merklich nach Gyros und Tsatsiki roch. Da aber auch hier der Kreis der Kunden zu klein war, stellte sie alsbald die Herstellung ein. 

Man muss auch manchmal begreifen, wo die eigenen Grenzen liegen. Die Einsicht in ihre eigenen Grenzen sorgte dafür, dass sie viel mehr ihre eigene Mitte fand und viel fokussierter war. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Parkett 

Nachdem Ernesto sämtliche Fußbodenbeläge geprüft und bewertet hatte, kam für ihn nur noch Parkett in Frage. Teppichboden konnte er im Wohnzimmer ausprobieren, Linoleum in der Küche und Riffelblech auf unserem Balkon. Unser Flur mit Parkett erwies sich als am spielfreundlichsten. Da rollten auch die Fingerboards am besten, mit denen Ernesto derzeit seine Freizeit verbrachte. Das Riffelblech des Balkons erwies sich als sehr unpraktisch für solche Art der Fortbewegung. Außerdem war die schiere Länge unseres Flures für ihn viel interessanter für seine Spielversuche als die Enge von Küche, Bad oder Balkon. 

Die scheinbare Unendlichkeit des Flurs wurde offensichtlich, wenn er mal durch diesen mit dem Rollbrett glitt. Er überlegte ernsthaft, ob er sich das nächste Mal für die Durchquerung ein Kehrpaket einpacken sollte. 

Jetzt lud er Ernie und Bert zum Spielen ein und machte Wettbewerbe, wer am weitesten mit dem Rollbrett im Flur rollen konnte. 

Nachdem ein Sieger gekürt war, wollten Ernesto und Kumpels aber was anderes spielen. Es ging jetzt nicht mehr um die längste Strecke, die man zurücklegte, sondern um den coolsten Stunt, den man mit dem Rollbrett machen konnte. Die erste Idee, mit dem Rollbrett möglichst hoch zu springen, musste schnell verworfen werden, als bemerkt wurde, dass sie eben nur mit dem Panzer auf dem Rollbrett auflagen und sie so das Rollbrett nicht aktiv beeinflussen konnten. Die Stunts waren vor allem Überschläge, indem sie sich vom Rollbrett fallen ließen und sich dann mehrfach überschlugen. Dabei waren sämtliche Extremitäten eingefahren, um die Überschläge nicht schlagartig stoppen zu lassen. 

Nach mehreren Stunden wollten die Drei jetzt Milky Way und Milch von mir zur Belohnung haben. Meine Frage, wer denn nun Sieger sei, beantwortete Ernesto salomonisch: Es ginge nicht darum, einen Sieger zu küren, sondern alle Drei trügen zur Überbrückung der Langeweile bei. Damit wären alle Drei Sieger. Von so viel Weisheit überwältigt, gab ich mich denn geschlagen und lud die Drei zum Abendessen in unseren Stammimbiss ein. 

Das Parkett als Grundlage des Spiels der Schildkröten wurde oftmals von uns mit Füßen getreten oder eben von Rollbrettern befahren und hatte sich seine Erholungspause redlich verdient. 

Kowalski lebt

Der Hydrant 

Waltraut entdeckte im Laufe der Zeit, dass das Rückstoßverhalten von Hydranten doch geringer war als das der Laternenmasten. Diese waren daraufhin die von ihr bevorzugten Orte, sich zu erleichtern. Die Problematik, dass Weibchen nach wie vor ihr Bein nicht hoben, um sich zu erleichtern, führte sie schnell zu der Erkenntnis, dass wohl die massive Bauweise der Hydranten dafür verantwortlich war. Aber da sie sich als Weibchen maximal davor setzen konnte, war das eh unerheblich. Meine Versuche, ihr das passende Pinkelverhalten beizubringen, trugen langsam Früchte. Hydranten waren aber auch einfach schöner anzusehen als schnöde Laternenmasten. Außerdem fand sie die Tatsache, dass Wasser aus den Hydranten zu jeder Zeit von der Feuerwehr benutzt werden konnte, spannend. 

So erlebten wir einmal, dass es einen Feuerwehreinsatz gab, in dessen Mittelpunkt ein Hydrant stand, an den Schläuche angeschlossen wurden, um einen in Brand geratenen E-Roller zu löschen. Die ganzen Bewohner der Straße standen natürlich um diesen spektakulären Einsatz herum und guckten interessiert zu. Waltraut und mein Job bestand darin, die Schaulustigen vom Brandherd zu vertreiben, damit die Feuerwehr ungestört ihre Arbeit verrichten konnte. 

Waltraut überlegte kurz, ob sie jetzt auch zur Freiwilligen Feuerwehr gehen sollte, verwarf ihren Gedanken aber schnell wieder, als ich ihr sagte, dass wir hier nur eine Berufsfeuerwehr hatten und diese keine Hunde nehmen würde. Die Möglichkeit der Freiwilligen Feuerwehr bestand für Hunde gar nicht. Außerdem hätte es wohl lustig ausgesehen, wenn Hunde jetzt Feuerwehrhelme und -jacken trügen. Das Problem war, dass die Helme ihnen in den Nacken rutschten und so ein sicherer Halt kaum gewährleistet werden konnte. Auch der umzuschnallende Gürtel war bei Hunden schwer anzubringen. Dennoch wurde sie als Maskottchen der Berufsfeuerwehr aufgenommen und Helm und Jacke wurden dafür passend geschneidert. 

Waltraut sicherte sich aber nicht nur den Job als Maskottchen, sondern war schließlich auch offiziell dafür zuständig, Schaulustige und Gaffer vom Brandort zu vertreiben. Gezogene Handys wurden von ihr unter lautem Gebell einkassiert. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Ringelsocken 

Seit Wochen lag mir Ernesto in den Ohren damit, dass er kalte Füße habe. Die zunächst von mir angedachten Hausschuhe entpuppten sich in der Praxis als unpraktisch, weil Ernesto sie immer verlor und antackern schien mir zu brutal, zumal es ja auch noch die Möglichkeit des Festklebens gegeben hätte. Naja, was auch immer, jedenfalls beschlossen wir dann, für Ernesto Ringelsocken zu besorgen. Diese gab es auch mit „Bremsfunktion“, also Stopper auf der Unterseite. 

Im Laufe der Zeit gewöhnte sich Ernesto an das Tragen der Socken, ja, er fand sogar, sie verlängerten das Bein optisch in ungeahnte Höhen. Eine Beinverlängerung war aber bei Ernesto nur vorteilhaft, wenn sie nicht zu übertrieben aussah. So eine höher gelegte Schildkröte brauchte ja kein Mensch. Zumal ja eine erhöhte Geländegängigkeit bei Schildkröten auch überflüssig war. Tieferlegen kam auch nicht in Frage, weil Ernesto zwar durch die Socken mehr Grip hatte, aber nicht so schnell unterwegs war, dass er diesen Grip hätte auf die Straße bringen können. 

Der Vorteil von Ringelsocken war, dass sie ähnlich wie Wuchsringe am Baum zur Bestimmung des Alters herangezogen werden konnten. Je mehr Ringe der Träger hatte, desto älter war er oder sie. Dennoch durfte man sich nicht von der Tatsache blenden lassen, dass die Anzahl der Ringe und das Lebensalter in einem Verhältnis zueinander standen. Leider nutzten viele Schildkröten diese Tatsache, um ein falsches Alter vorzugaukeln. Die Anzahl der Ringe war vor allem Aussage über das modische Befinden des Trägers/der Trägerin. Ernesto ging jetzt dazu über, breite Streifen zu tragen, deren Anzahl logischerweise in der Länge der Socken begrenzt war. Weniger Streifen sahen zwar auf den Socken besser aus, waren aber auch eine Täuschung für den Beobachter. 

Schließlich ging Ernesto zu einfarbigen Socken über. Das von ihm angegebene Alter war so nicht mehr zu bestimmen und so blieb eben doch nur die Nachfrage beim Träger der Socken. Es stellte sich jetzt nur die Frage nach den dazu passenden Schuhen. Sandalen schieden aus, weil ja auch Schildkröten modisch sein wollten und Socken in Sandalen gingen ja gar nicht! Modische Sneakers schienen sehr passend und fanden auch bei Ernesto großen Anklang. Die Sneaker machten bei Ernesto ihrem Namen alle Ehre… 

Herr Müller sieht die Welt

Zeitung 

Wie jedes Wochenende kam am Samstag die gedruckte Form der Zeitung. Ernesto und ich lasen sie zumeist Samstag und Sonntag ausgiebig am Frühstückstisch. Den Samstag nutzten wir zum Überfliegen und am Sonntag wurde sich dann vertiefend den Themen gewidmet. 

Zunächst las ich die Zeitung durch, bevor Ernesto auf der Zeitung sitzend die einzelnen Artikel durchging. Insbesondere der Lokalteil der Zeitung hatte es Ernesto angetan. So gab es zum Beispiel Probleme bei der Müllentsorgung in unserer Nachbarschaft, von denen berichtet wurde. Auch das geplante Parkverbot in unserer und den Nachbarstraßen sorgte bei Ernesto für Kopfschütteln. Nicht dass er unter die Autofahrer gegangen wäre, aber ein zünftiges Verkehrschaos stand zu befürchten. Ernesto war besorgt um die Parkmöglichkeiten der anderen Anwohner. Parkverbote machten in Ernestos Augen keinen Sinn, weil dadurch ja nicht die Anzahl der PKW reduziert würde, die einen Parkplatz benötigten. Es blieb in seinen Augen nur die Anzahl der Personen mit PKW zu verringern. Meinen Einwand, dass dies aber nur durch freundliche Angebote an die Autofahrer bewirkt werden könnte, nicht durch strikte Verbote, da diese meist ihren Zweck verfehlten, ließ Ernesto gelten und überlegte, wie die Nutzung der Öffis attraktiver werden könnte. Das Angebot, vorne beim Busfahrer auf einem Kissen Platz zu nehmen, kam ja nur für ihn in Betracht. Ähnliche Attraktivität wollte er für alle Mitfahrer. 

So kam ihm die Idee, doch für jeden, der ein Busticket löste, eine Zeitung zum Ticket dazuzugeben. Zum einen würde so die Zahl der Lesenden erhöht, zum anderen hätten die Mitfahrer dann was zu tun während der Fahrt. Die Zeitung war dankbar für diese Idee und setzte sie prompt in die Tat um. 

Die Zeitung als ursprüngliches, von allen genutztes Medium rückte so wieder mehr in den Mittelpunkt. Die Absatzzahlen der Lokalzeitung erhöhten sich binnen eines Jahres merklich, sodass Ernesto zum Ehrenleser der Zeitung ernannt wurde. Der Ehrenleser ist wohl mit dem Ehrenbürger vergleichbar. Ernesto war jedenfalls stolz wie Bolle und überlegte, ob er seinen Panzer jetzt gülden streichen sollte als Zeichen seiner Prominenz. Als er dann aber hörte, dass die Farbe dann nicht mehr abwaschbar gewesen wäre, sah er davon ab. Natürlich bekam Ernesto die Zeitung jetzt gratis vor die Haustür geliefert, damit er sie bei jedem Frühstück ausgiebig lesen konnte. Auch die Nutzung der Öffis konnte so im Laufe der Jahre merklich erhöht werden. 

Kowalski lebt

Klosteine 

Nachdem ich mitbekam, dass Waltraut immer das Wasser aus dem Klo trank, forderte ich sie zum Innehalten auf und wies sie darauf hin, dass unser Klowasser von einem Spülstein im Spülkasten gefärbt wurde. Von daher war es für Lebewesen bestimmt nicht so gesund, das zu trinken. Dankbar für diesen Hinweis trank Waltraut jetzt immer nur das Wasser aus dem Wasserhahn. 

Auch wenn das bunte Wasser aus dem Klo natürlich verlockend war, so sah sie doch den Einwand ein. Bunt hieß ja nicht automatisch gesund! So buntes Wasser ist ja vor allem an Karneval gefragt. Da aber nicht immer Karneval war, konnten wir gut auf das Wasser aus dem Hahn zugreifen. Gelegentlich schmiss ich, damit das Wassertrinken für Waltraut bunter wurde, Konfetti und rief laut Helau oder je nach Zuhörer Alaaf! Dabei mussten wir aber darauf achten, dass sie das Konfetti nicht mittrank. 

Außerdem musste ja farblos nicht langweilig heißen. Eher im Gegenteil, Waltraut hatte großen Spaß daran, die Tropfen aus dem Wasserhahn mit der Zunge aufzufangen, sodass das Trinken aus dem Wasserhahn stets einer Prüfung gleichkam. Es war nicht einfach, daraus ein Trinkerlebnis der besonderen Art für sie zu gestalten. Sie musste zwar zur Erreichung des Wasserhahns von mir ins Waschbecken gehoben werden, aber das war immer noch angenehmer und weniger entwürdigend als sie ins Klo zu setzen. 

Im Laufe der Zeit hatte ich die Idee, mit Hilfe der von mir zur damaligen Zeit angeschafften Darda-Bahn das Wasser umzuleiten, um es für Waltraut erreichbarer zu machen. Das Wasser kam dann für sie gut erreichbar und klar und frisch aus der Leitung. Dankbar für meinen Einfall führte die Umleitung des Wassers aber schnell zur Bequemlichkeit von Waltraut, sodass wir zur altbewährten Methode zurückkehrten. Wasser schmeckte auch am besten, so Waltraut, wenn es doch mit ein wenig Aufwand erarbeitet werden musste. 

Buntes Wasser war auf jeden Fall fortan uninteressant für Waltraut. Weder Konfetti noch Klosteine sorgten dafür, das Trinkvolumen von Waltraut zu erhöhen. Sie gab sich mit der herkömmlichen Variante des Wassers aus der Leitung zufrieden. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Filterkaffee 

Jeden Morgen gehörte es für Ernesto und mich zum gewohnten Ritual, die Kaffeemaschine zu starten. Der Schalter der Kaffeemaschine war gleichsam unser Schalter für den beginnenden Tag. 

Langsam und blubbernd ergoss sich der frische Kaffee in die Kanne. Das allein war ja für den normalen Mitteleuropäer schon spektakulär genug, sollte aber von unserem Milchaufschäumer noch getoppt werden. Dieser musste zwar von mir bedient werden, verlieh aber dem schnöden Filterkaffee eine besondere Note. Die Haube aus Milch war die Krönung eines jeden Kaffees. Manchmal ließen wir uns auch dazu hinreißen, den Milchschaum mit Kakaopulver zu krönen oder eine Prise Zimt unter das Kaffeepulver zu mischen, aber das geschah nur an den Feiertagen und in den Ferien. Für Ernesto war das Starten des Milchaufschäumers gleichsam der Start in eine unbekannte Dimension: Der schnöde Filterkaffee wurde von dem Milchschaum geradezu geadelt. So viel Adel wurde aber relativ schnell von dem Bohnenkaffee auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Bürgerlichkeit des Kaffees kam Ernesto und mir schnell wieder ins Bewusstsein, da half auch die Haube aus Milchschaum nichts. Die Tatsache, dass es sich eben doch nur um Bohnenkaffee handelte, war zwar gerne verdrängt, schlug jetzt aber voll durch. Das Original mit Espresso wäre mit unserer herkömmlichen Kaffeemaschine nicht zu kochen gewesen. Die Schmackhaftigkeit des schnöden oder bürgerlichen Bohnenkaffees wird dennoch viel zu sehr unterschätzt. Die Kraft der Bohne trug zu geschmacklichen Gipfelstürmen bei. Je nach Kaffeemarke waren diese dann stürmisch oder sanft. Der Bohnenkaffee führte ja angeblich zu ungehemmter Entwässerung und war deshalb lange Zeit verpönt. Erst in neuerer Zeit wurde bemerkt, dass wohl die Art der Flüssigkeit, die man zu sich nimmt, egal ist – Hauptsache man trinkt überhaupt etwas. Zu viel Kaffee sollte dennoch nicht getrunken werden, denn dies schlägt auf die Pumpe und genau wie zu viel Tee ist es insgesamt ungesund für den Körper. 

Im Laufe des Tages sank die Temperatur des Bohnenkaffees – je fortgeschrittener der Tag war, desto kühler wurde der Kaffee. Man könnte sich fast dazu hinreißen lassen, dass die Höhe des Sonnenstandes mit der Wärme des Kaffees einherging. Wenn der Tagesablauf vom Blubbern der Kaffeemaschine bestimmt wird, hilft es bestimmt, sich etwas von diesen Zwängen zu befreien und gelegentlich mal ein Glas Saft zu trinken. 

Dennoch war für uns der Tagesbeginn mit dem Starten der Kaffeemaschine unmittelbar verknüpft. 

Herr Müller sieht die Welt

Heiligenschein 

Als Ernesto davon hörte, dass in einem großen Buch der Religion ein Heiligenschein eine zentrale Rolle spielte, beschloss er, so einen jetzt auch haben zu wollen. Die unendlichen Möglichkeiten, von über`s Wasser laufen bis zu Brot teilen und damit alle Menschen satt zu bekommen, erschienen ihm doch sehr erstrebenswert. Als er dann noch hörte, dass es mit seiner Hilfe gelang, ganze Meere zu teilen, war er völlig von den Socken. 

Also bestellte sich Ernesto einen Heiligenschein bei Amazon. Tage später wurde dieser direkt nach Hause geliefert. 

Er wollte sich nun an der Nutzung des Heiligenscheins üben. Unser Nachbar besaß ein Tandem, das Ernesto wieder in zwei Fahrräder teilen wollte. Ich war gespannt, aber wider Erwarten klappte es nicht. Die Enttäuschung Ernestos war grenzenlos, konnte aber von mir schnell besänftigt werden. 

So einfach war es wohl doch nicht, mit Hilfe eines Heiligenscheins Gutes zu tun. Also übte Ernesto im Kleinen. Er konnte zum Beispiel mit Hilfe von Waltraut Würste aus unserem Imbiss verschwinden lassen. Dieser doch sehr leicht zu durchschauende Trick fand seine Krönung im Stühle wegzaubern von Imbissgästen. Die großen Schmerzen der Imbissgäste ließen ihn dann doch davon Abstand nehmen, waren sie doch nicht von ihm beabsichtigt. 

Es schien gar nicht so einfach zu sein, mit einem Heiligenschein verantwortungsvoll umzugehen. Die Fähigkeit als solche war ja schonmal schön, aber der Umgang damit erforderte doch viel Denkarbeit. Denkarbeit hieß in diesem Fall Verantwortungsbewusstsein. Wie immer genügte mal wieder das bloße Vorhandensein einer Fähigkeit alleine nicht. Erst das Bewusstsein der Fähigkeit ließ ihn von der Zufälligkeit zur Absicht werden. Zu viel Verantwortung war halt zunächst eher abschreckend für Ernesto. Erst die beruhigenden Worte von Waltraut und mir sorgten dafür, dass Ernesto seine Rolle dann doch gerne annahm. Ganz so einfach, wie es zunächst von Ernesto gewünscht war, gestaltete sich eine sinnvolle Nutzung des Heiligenscheins dann eben doch nicht, sodass Ernesto nach ein paar Tagen doch keinen Heiligenschein mehr haben wollte. Er bot ihn Waltraut an, doch sie wollte ihn auch nicht. Ihr war nämlich klar, dass damit viel Verantwortung einherging, was Ernesto zunächst noch lernen musste. So ohne Heiligenschein lebte es sich doch besser, wenn auch ein bisschen Bewusstheit bei der Bewältigung des Alltags nicht schaden konnte.