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Herr Müller sieht die Welt

Zeitung 

Wie jedes Wochenende kam am Samstag die gedruckte Form der Zeitung. Ernesto und ich lasen sie zumeist Samstag und Sonntag ausgiebig am Frühstückstisch. Den Samstag nutzten wir zum Überfliegen und am Sonntag wurde sich dann vertiefend den Themen gewidmet. 

Zunächst las ich die Zeitung durch, bevor Ernesto auf der Zeitung sitzend die einzelnen Artikel durchging. Insbesondere der Lokalteil der Zeitung hatte es Ernesto angetan. So gab es zum Beispiel Probleme bei der Müllentsorgung in unserer Nachbarschaft, von denen berichtet wurde. Auch das geplante Parkverbot in unserer und den Nachbarstraßen sorgte bei Ernesto für Kopfschütteln. Nicht dass er unter die Autofahrer gegangen wäre, aber ein zünftiges Verkehrschaos stand zu befürchten. Ernesto war besorgt um die Parkmöglichkeiten der anderen Anwohner. Parkverbote machten in Ernestos Augen keinen Sinn, weil dadurch ja nicht die Anzahl der PKW reduziert würde, die einen Parkplatz benötigten. Es blieb in seinen Augen nur die Anzahl der Personen mit PKW zu verringern. Meinen Einwand, dass dies aber nur durch freundliche Angebote an die Autofahrer bewirkt werden könnte, nicht durch strikte Verbote, da diese meist ihren Zweck verfehlten, ließ Ernesto gelten und überlegte, wie die Nutzung der Öffis attraktiver werden könnte. Das Angebot, vorne beim Busfahrer auf einem Kissen Platz zu nehmen, kam ja nur für ihn in Betracht. Ähnliche Attraktivität wollte er für alle Mitfahrer. 

So kam ihm die Idee, doch für jeden, der ein Busticket löste, eine Zeitung zum Ticket dazuzugeben. Zum einen würde so die Zahl der Lesenden erhöht, zum anderen hätten die Mitfahrer dann was zu tun während der Fahrt. Die Zeitung war dankbar für diese Idee und setzte sie prompt in die Tat um. 

Die Zeitung als ursprüngliches, von allen genutztes Medium rückte so wieder mehr in den Mittelpunkt. Die Absatzzahlen der Lokalzeitung erhöhten sich binnen eines Jahres merklich, sodass Ernesto zum Ehrenleser der Zeitung ernannt wurde. Der Ehrenleser ist wohl mit dem Ehrenbürger vergleichbar. Ernesto war jedenfalls stolz wie Bolle und überlegte, ob er seinen Panzer jetzt gülden streichen sollte als Zeichen seiner Prominenz. Als er dann aber hörte, dass die Farbe dann nicht mehr abwaschbar gewesen wäre, sah er davon ab. Natürlich bekam Ernesto die Zeitung jetzt gratis vor die Haustür geliefert, damit er sie bei jedem Frühstück ausgiebig lesen konnte. Auch die Nutzung der Öffis konnte so im Laufe der Jahre merklich erhöht werden. 

Kowalski lebt

Klosteine 

Nachdem ich mitbekam, dass Waltraut immer das Wasser aus dem Klo trank, forderte ich sie zum Innehalten auf und wies sie darauf hin, dass unser Klowasser von einem Spülstein im Spülkasten gefärbt wurde. Von daher war es für Lebewesen bestimmt nicht so gesund, das zu trinken. Dankbar für diesen Hinweis trank Waltraut jetzt immer nur das Wasser aus dem Wasserhahn. 

Auch wenn das bunte Wasser aus dem Klo natürlich verlockend war, so sah sie doch den Einwand ein. Bunt hieß ja nicht automatisch gesund! So buntes Wasser ist ja vor allem an Karneval gefragt. Da aber nicht immer Karneval war, konnten wir gut auf das Wasser aus dem Hahn zugreifen. Gelegentlich schmiss ich, damit das Wassertrinken für Waltraut bunter wurde, Konfetti und rief laut Helau oder je nach Zuhörer Alaaf! Dabei mussten wir aber darauf achten, dass sie das Konfetti nicht mittrank. 

Außerdem musste ja farblos nicht langweilig heißen. Eher im Gegenteil, Waltraut hatte großen Spaß daran, die Tropfen aus dem Wasserhahn mit der Zunge aufzufangen, sodass das Trinken aus dem Wasserhahn stets einer Prüfung gleichkam. Es war nicht einfach, daraus ein Trinkerlebnis der besonderen Art für sie zu gestalten. Sie musste zwar zur Erreichung des Wasserhahns von mir ins Waschbecken gehoben werden, aber das war immer noch angenehmer und weniger entwürdigend als sie ins Klo zu setzen. 

Im Laufe der Zeit hatte ich die Idee, mit Hilfe der von mir zur damaligen Zeit angeschafften Darda-Bahn das Wasser umzuleiten, um es für Waltraut erreichbarer zu machen. Das Wasser kam dann für sie gut erreichbar und klar und frisch aus der Leitung. Dankbar für meinen Einfall führte die Umleitung des Wassers aber schnell zur Bequemlichkeit von Waltraut, sodass wir zur altbewährten Methode zurückkehrten. Wasser schmeckte auch am besten, so Waltraut, wenn es doch mit ein wenig Aufwand erarbeitet werden musste. 

Buntes Wasser war auf jeden Fall fortan uninteressant für Waltraut. Weder Konfetti noch Klosteine sorgten dafür, das Trinkvolumen von Waltraut zu erhöhen. Sie gab sich mit der herkömmlichen Variante des Wassers aus der Leitung zufrieden. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Filterkaffee 

Jeden Morgen gehörte es für Ernesto und mich zum gewohnten Ritual, die Kaffeemaschine zu starten. Der Schalter der Kaffeemaschine war gleichsam unser Schalter für den beginnenden Tag. 

Langsam und blubbernd ergoss sich der frische Kaffee in die Kanne. Das allein war ja für den normalen Mitteleuropäer schon spektakulär genug, sollte aber von unserem Milchaufschäumer noch getoppt werden. Dieser musste zwar von mir bedient werden, verlieh aber dem schnöden Filterkaffee eine besondere Note. Die Haube aus Milch war die Krönung eines jeden Kaffees. Manchmal ließen wir uns auch dazu hinreißen, den Milchschaum mit Kakaopulver zu krönen oder eine Prise Zimt unter das Kaffeepulver zu mischen, aber das geschah nur an den Feiertagen und in den Ferien. Für Ernesto war das Starten des Milchaufschäumers gleichsam der Start in eine unbekannte Dimension: Der schnöde Filterkaffee wurde von dem Milchschaum geradezu geadelt. So viel Adel wurde aber relativ schnell von dem Bohnenkaffee auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Bürgerlichkeit des Kaffees kam Ernesto und mir schnell wieder ins Bewusstsein, da half auch die Haube aus Milchschaum nichts. Die Tatsache, dass es sich eben doch nur um Bohnenkaffee handelte, war zwar gerne verdrängt, schlug jetzt aber voll durch. Das Original mit Espresso wäre mit unserer herkömmlichen Kaffeemaschine nicht zu kochen gewesen. Die Schmackhaftigkeit des schnöden oder bürgerlichen Bohnenkaffees wird dennoch viel zu sehr unterschätzt. Die Kraft der Bohne trug zu geschmacklichen Gipfelstürmen bei. Je nach Kaffeemarke waren diese dann stürmisch oder sanft. Der Bohnenkaffee führte ja angeblich zu ungehemmter Entwässerung und war deshalb lange Zeit verpönt. Erst in neuerer Zeit wurde bemerkt, dass wohl die Art der Flüssigkeit, die man zu sich nimmt, egal ist – Hauptsache man trinkt überhaupt etwas. Zu viel Kaffee sollte dennoch nicht getrunken werden, denn dies schlägt auf die Pumpe und genau wie zu viel Tee ist es insgesamt ungesund für den Körper. 

Im Laufe des Tages sank die Temperatur des Bohnenkaffees – je fortgeschrittener der Tag war, desto kühler wurde der Kaffee. Man könnte sich fast dazu hinreißen lassen, dass die Höhe des Sonnenstandes mit der Wärme des Kaffees einherging. Wenn der Tagesablauf vom Blubbern der Kaffeemaschine bestimmt wird, hilft es bestimmt, sich etwas von diesen Zwängen zu befreien und gelegentlich mal ein Glas Saft zu trinken. 

Dennoch war für uns der Tagesbeginn mit dem Starten der Kaffeemaschine unmittelbar verknüpft. 

Herr Müller sieht die Welt

Heiligenschein 

Als Ernesto davon hörte, dass in einem großen Buch der Religion ein Heiligenschein eine zentrale Rolle spielte, beschloss er, so einen jetzt auch haben zu wollen. Die unendlichen Möglichkeiten, von über`s Wasser laufen bis zu Brot teilen und damit alle Menschen satt zu bekommen, erschienen ihm doch sehr erstrebenswert. Als er dann noch hörte, dass es mit seiner Hilfe gelang, ganze Meere zu teilen, war er völlig von den Socken. 

Also bestellte sich Ernesto einen Heiligenschein bei Amazon. Tage später wurde dieser direkt nach Hause geliefert. 

Er wollte sich nun an der Nutzung des Heiligenscheins üben. Unser Nachbar besaß ein Tandem, das Ernesto wieder in zwei Fahrräder teilen wollte. Ich war gespannt, aber wider Erwarten klappte es nicht. Die Enttäuschung Ernestos war grenzenlos, konnte aber von mir schnell besänftigt werden. 

So einfach war es wohl doch nicht, mit Hilfe eines Heiligenscheins Gutes zu tun. Also übte Ernesto im Kleinen. Er konnte zum Beispiel mit Hilfe von Waltraut Würste aus unserem Imbiss verschwinden lassen. Dieser doch sehr leicht zu durchschauende Trick fand seine Krönung im Stühle wegzaubern von Imbissgästen. Die großen Schmerzen der Imbissgäste ließen ihn dann doch davon Abstand nehmen, waren sie doch nicht von ihm beabsichtigt. 

Es schien gar nicht so einfach zu sein, mit einem Heiligenschein verantwortungsvoll umzugehen. Die Fähigkeit als solche war ja schonmal schön, aber der Umgang damit erforderte doch viel Denkarbeit. Denkarbeit hieß in diesem Fall Verantwortungsbewusstsein. Wie immer genügte mal wieder das bloße Vorhandensein einer Fähigkeit alleine nicht. Erst das Bewusstsein der Fähigkeit ließ ihn von der Zufälligkeit zur Absicht werden. Zu viel Verantwortung war halt zunächst eher abschreckend für Ernesto. Erst die beruhigenden Worte von Waltraut und mir sorgten dafür, dass Ernesto seine Rolle dann doch gerne annahm. Ganz so einfach, wie es zunächst von Ernesto gewünscht war, gestaltete sich eine sinnvolle Nutzung des Heiligenscheins dann eben doch nicht, sodass Ernesto nach ein paar Tagen doch keinen Heiligenschein mehr haben wollte. Er bot ihn Waltraut an, doch sie wollte ihn auch nicht. Ihr war nämlich klar, dass damit viel Verantwortung einherging, was Ernesto zunächst noch lernen musste. So ohne Heiligenschein lebte es sich doch besser, wenn auch ein bisschen Bewusstheit bei der Bewältigung des Alltags nicht schaden konnte. 

Kowalski lebt

Seilbahn 

Waltraut fand Seilbahnen super spannend. Herr Müller hatte mich schon vorgewarnt, dass ältere Herren auf Kinderspielplätzen komisch wirken könnten. Da meine Gedanken rein waren, machte ich mir keinerlei Sorgen. Nicht bedacht hatte ich jedoch, in welcher Geschwindigkeit Waltraut durch die Seilbahn beschleunigt wurde, wie wichtig eine Sicherung für sie war. 

Einer Abrissbirne gleich glitt Waltraut durch den Sonnenuntergang. Die „Ahs“ und „Ohs“ der Umstehenden waren der besonderen Sicherung, die Waltraut auf der Seilbahn erfuhr, geschuldet. Waltraut einfach so auf die Seilbahn zu setzen ging ja nicht, weil nämlich da hätte sie sich mit Händen und Füßen festhalten können müssen. Da sie aber über beides nicht verfügte, mussten Alternativen gefunden werden. Wir banden also einen Fahrradkorb an der Seilbahn fest und ich setzte Waltraut in den Korb. Der Moment des Ein- und Ausstiegs war geprägt von Abhängigkeit und geringem Scham. Es sah relativ unbequem aus, wie Waltraut mit meiner Hilfe den Korb bestieg bzw. aus ihm gehoben wurde. War die Abhängigkeit erstmal überwunden, konnte dem ungetrübten Fahrspaß nichts mehr im Wege stehen. 

Wie ein geölter Blitz preschte Waltraut an der Seilbahn hängend durch den dunkler werdenden Tag. 

Wir überlegten, ob wir mit Hilfe von LED-Lampen Waltraut in der Seilbahn illuminieren sollten. Die übrigen Spielplatz-Besucher gaben uns nach wenigen Tagen recht, weil die schiere Masse der Besucher des Spielplatzes jetzt so groß war, dass wir schon Eintrittskarten hätten verkaufen können. Waltraut glitt von nun an also als illuminierter Hund durch die Nacht und war damit eine Attraktion des Kiezes, sogar im Stadtführer fand sie Erwähnung. Zusammen mit Ernesto, der ebenfalls illuminiert auf der Schaukel saß, war die Zahl der Fans riesig. So viel Menschenmasse war ja Herr Müllers und mein Ding eigentlich nicht. Wir zogen uns also bald in unseren Stammimbiss zurück, während Ernesto und Waltraut ihren Ruhm als Mr. and Mrs Spielplatz gebührend feierten. Trotz des plötzlichen Ruhms blieben beide bodenständig, was auch ihrer Größe geschuldet war. Hunde und Schildkröten sind doch die besten Freunde des Menschen. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Schaukel 

Ältere Herren und Kinderspielplätze waren zwar zugegeben eine komische Kombi, aber da sich nur dort die von Ernesto so heiß und innig geliebten Schaukeln befanden, musste ich wohl gelegentlich mal in den sauren Apfel beißen und mit ihm dort schaukeln gehen. 

Es war zunächst gar nicht so einfach, ihn auf dem Schaukelsitz sicher zu befestigen. Aber mit Hilfe eines Spanngurts gelang es dann, ihn dort zu vertauen. Anschwung musste ich geben, aber das war ja bei vielen Kleinkindern auch der Fall. Schwung holen mit den Beinen ging bei Ernesto ja nicht. 

Die von mir zunächst probierte Methode des Schwungholens mit Hilfe eines Sandsacks und einer Umlenkrolle führte zu eher unangenehmen Begegnungen mit den Eltern umstehender Kinder. Der mitschwingende Sandsack führte dazu, dass umstehende Kinder wie Kegel umgeschmissen wurden, was dann die Eltern auf den Plan rief. Also musste ich doch ganz konservativ anschieben. Dennoch war Ernesto – trotz der Unwägbarkeiten – nicht davon abzuhalten, die übrigen Kinder, die sich auf den anderen Schaukeln befanden, zu einem Wettbewerb herauszufordern. Erst als Ernesto ankündigte, er wolle einen Salto mortale mit der Schaukel versuchen, schritt ich ein. Das schien mir doch zu sehr „Hollywood“ für den Kinderspielplatz zu sein. Klassisches Schaukeln war zwar eher nicht sooo angesagt bei Ernesto, aber dafür bei den übrigen Kindern. 

Das stete Auf und Ab der Schaukel sorgte bei den Kindern für Glücksglucksen. Bei Ernesto sorgte das stete Auf und Ab eher für ein Glücksrülpsen, weil ihm irgendwann schlecht wurde vom Schaukeln. Seine Überlegung, den Rülpser als Antrieb für das Schaukeln zu nutzen, verwarf er dann doch schnell wieder, als er merkte, dass es für andere vielleicht doof wäre, mit einer rülpsenden Schildkröte auf einer Schaukel gesichtet zu werden. 

Die anfängliche Kegelei beim Schaukeln brachte Ernesto eines Tages darauf, jetzt mal Kegeln zu gehen. Er stellte dann aber schnell fest, dass die Kegelkugeln für ihn viel zu schwer waren. Dennoch faszinierte ihn die Funktionsweise der Kegelmaschine, die die Kegel immer wieder aufstellte. Aber einer Maschine nur bei der Arbeit zuzugucken, war ihm dann doch zu stupide. Also verließen wir die Kegelbahn wieder. Damit der Tag nicht völlig unbefriedigend war, gingen wir zum Abschluss noch einmal in unseren kiezansässigen Imbiss und gönnten uns zur Feier des Tages eine Bratwurst. 

Kopfwürmer

Freiheit 

Meine Freiheit ist auch immer die des anders Denkenden. 

Viel zu oft wird dieser Grundsatz vergessen von all denen, die ihre Freiheit eingeschränkt sehen. Der bloße Ruf nach Freiheit sollte immer einhergehen mit dem Gedanken an die Freiheit des anderen. Mit anderen Worten: Die Freiheit der eigenen Person beinhaltet auch immer die Freiheit der anderen Meinung. 

Viel zu oft wird genau das von vielen vergessen. Dabei liegt genau hier das Geheimnis des gesellschaftlichen Miteinanders. Erst wenn ich in der Lage bin, die Meinung des anderen zu akzeptieren und hinzunehmen, wird Meinungsvielfalt obsolet. Die Meinung des anderen einfach hinzunehmen, erfordert zwar viel Langmut, aber ist wohl grundlegend im Miteinander in unserer Gesellschaft, denn darin liegt genau der Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Gemeinschaften oder Volksgemeinschaften hatten wir in der Geschichte schon einige, zumeist unrühmliche Beispiele. Der Gemeinschaft jetzt mal ein Gesellschaftmodell der Freiheit gegenüber zu stellen, wäre es doch mal längst an der Zeit. Gesellschaft soll als Angebot an jeden sein, der sich darin sieht, ohne Voraussetzungen zu erfüllen oder über bestimmte Charakteristika zu verfügen. Gesellschaft halt. Jeder, der mitmachen will, kann mitmachen. Nun hört es sich so an, als ob Gesellschaft ein Fitnessclub wäre. Dem ist nicht so. Vielmehr sollte Gesellschaft für alle und jeden offen bleiben. Die Mitgliedschaft darin ist eher unfreiwillig, also muss nicht beantragt werden, sie ist einfach da durch die Teilhabe der Person an der Gesellschaft, nur bei Asylbewerbern und Neubürgern muss sie beantragt werden. 

Freiheit erfährt außerdem ihre Begrenzung maximal in der körperlichen Beschränktheit, so stellt sie sich mir jedenfalls dar. Im Geiste sind meine Möglichkeiten mannigfaltig, in der körperlichen Umsetzung eingeschränkt. Dennoch oder gerade deswegen liegt darin die große Stärke der Freiheit: Im Geiste das zu vollziehen, was mir körperlich nicht mehr oder nur mit Hilfe möglich ist. Der philosophische Denkansatz der größtmöglichen Freiheit, der in der Unfreiheit liegen soll, ist mir noch ein bisschen sehr abstrakt, aber ich arbeite daran, ihn zu verstehen. 

Freiheit ist nichts, was man geschenkt bekommt oder eine Mitgliedschaft hätte. Sie muss – so anstrengend das ist – täglich auf`s Neue bewusst und erkämpft werden. 

Herr Müller sieht die Welt

Rolltreppen 

Tiere und Rolltreppen sind ja eigentlich keine Freunde, insbesondere Hunde mögen sie gar nicht. Für Ernesto waren Rolltreppen kein Problem, weil er in meiner Hemdtasche mitfuhr. Nach wie vor waren sie für ihn ein Faszinosum. Er liebte es, mit ihrer Hilfe Stockwerke zu überwinden und konnte damit stundenlang beschäftigt werden. Nur mir war es dann irgendwann zu viel. Gott sei Dank gab es in vielen Kaufhäusern die Möglichkeit der Einkehr in ein Restaurant, um mal Pause zu machen. 

Nachdem wir stundenlang Rolltreppe gefahren waren, kam Ernesto die Idee, dass er diese jetzt nicht mehr in der Hemdtasche bewältigen wollte, sondern auf dem Handlauf mitfuhr. Der Thrill war so für ihn viel größer und sein Motto „No risk, no fun“ kam wieder voll zum Tragen. Besorgt um seine Gesundheit war mir natürlich daran gelegen, für seine Sicherheit zu sorgen, also zu garantieren, dass er nicht runterfiel. Festkleben war aber keine Option, dann hätte er ja mit in die Untiefen der Rolltreppe fahren müssen. Also musste ich immer ein aufmerksames Auge auf ihn richten und durch mein beherztes Eingreifen dafür sorgen, dass er auf dem Handlauf blieb, wenn er drohte hinunterzufallen. Vor allem entgegen kommende Passagiere der Rolltreppe waren immer höchst angetan, sobald sie Ernesto erblickten. 

Der Sinn und Zweck von Rolltreppen wurde mir eins ums andere Mal bewusster. Die momentane Unendlichkeit des Seins wurde mir klar. Nur in ihrer räumlichen Begrenztheit schien die Rolltreppe von ihrer Natur her statisch zu sein. Durch das permanente Verschwinden der Treppen geriet die Treppe als solche an sich in den Hintergrund, viel mehr der Weg war das Ziel. Das Sein war auf den Aspekt der Treppenstufe reduziert. Da diese aber stetig verschwand, blieb nur das Erleben auf dem Handlauf. Die Unendlichkeit des Seins war in der steten Wiederholung ein und derselben Situation begründet. Die Treppenstufe als vermeintliches Hindernis wurde als Problem eingeebnet. Der Handlauf war permanent plan. 

Für Ernesto geriet der Sinn und Zweck von Rolltreppen – nämlich Stockwerke zu überwinden – bei der Fahrt in den Hintergrund. Meine philosophischen Betrachtungen konnte er nicht nachvollziehen. Letztlich war ausschlaggebend, dass der Weg als Ernestos vermeintliches Ziel bewältigt werden konnte. Mit einem Aufzug wäre das zwar auch erreicht worden, aber mit nur halb so viel Spaß wie auf der Rolltreppe. 

Kowalski lebt

Nassfutter versus Trockenfutter 

Der Vorteil von Nassfutter liegt auf der Hand, sein größter Nachteil in der Nase – es stinkt ohne Ende. Und was da wirklich alles drin ist, weiß auch keiner so genau. Aber das gilt wohl auch bei Trockenfutter. Das schönste an Trockenfutter ist seine gute Dosierbarkeit, außerdem stinkt es nicht annähernd so wie Nassfutter. 

Waltraut liebte ihr Trockenfutter und konnte damit auch lange über den Tag kommen, sofern sie genug trank. Den Fans des Nassfutters sei hier versichert, auch Trockenfutter enthält nicht so leckere Teile von Tieren. An einer passablen Veganvariante von Trockenfutter wird nach wie vor angestrengt gearbeitet. Trockenfutter in Dosen macht ja auch wenig Sinn, zumal die Portionsgröße dann viel zu klein wäre. Außerdem würde es so laut klingeln in den Dosen, wenn man sie schüttelt. Die vegane oder vegetarische Variante des Futters kommt aber in ihrer geschmacklichen Verwirklichung noch nicht ganz an das herkömmliche Dosenfutter heran. Wie gesagt, wir arbeiten daran. 

Das Rascheln der Trockenfutter-Packung als akustisches Signal für den Hund, fällt bei Nassfutter komplett weg. So kam es, dass Waltraut tagelang nicht bemerkte, dass Nassfutter in ihrem Napf lag. Mit den natürlichen Folgen: Es stank erst recht zum Himmel und trocknete ein, war jedenfalls ungenießbar. So ging ich dazu über, Waltraut zu Hause nur noch mit Trockenfutter zu versorgen. Natürlich bekam sie weiterhin im Imbiss ihre Bratwurst (An dieser Stelle sei auf den Text „Wadenbeißer“ hingewiesen. Die Varianten der Bratwurst sind dort genauer benannt.). 

Trockenfutter und Bratwurst in allen Varianten schien mir als Auswahl zwar sehr überschaubar, aber besser als nichts. Der Gyrosteller als Alternative zur Bratwurst war von ihr nicht ganz so geschätzt. Abgehobeltes Fleisch war nicht ganz ihr Fall, zumal es ihr zu brachial erschien. Sie wollte nicht sehen, wie Fleisch mit Messern bearbeitet wurde. Die Füllung mit Wurstmasse in der Bratwurst war ja als Fleisch nicht mehr wirklich erkennbar. Der Fleischwolf hatte seine Arbeit schon erledigt. Die Arbeit der Messer blieb für das Auge verborgen. Somit war die Wurstmasse für Waltraut eher abstrakt und daher nicht mehr als Fleisch von einem Tier zu erkennen. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut!