Blog

Herr Müller sieht die Welt

Zebrastreifen

Es ist schon bedenklich, dass zweibeinige Verkehrsteilnehmer Schutzzonen brauchen. Diese Schutzzonen boten auch Ernesto Anlass zu einer Kommentierung. Es war eine bodenlose Frechheit, dass Zebrastreifen nach dem Tier aus der Savanne benannt waren, so meinte Ernesto. Als ich sagte, dass Schildkröten-Streifen vielleicht etwas zu kompliziert klingen würden, gab Ernesto zu, dass der Name Zebrastreifen schon eingängiger war. Außerdem hätten Schildkröten wohl keine Streifen, und das war ja wohl anscheinend entscheidend bei der Namensgebung gewesen. Hinzu kam, dass Schildkröten auch beim Überqueren des selbigen viel zu langsam waren.

Diese Art des Fußgängerüberwegs, die erst seit den 50er Jahren in das Straßenverkehrswesen Einzug erhielt, erfreute sich zunehmender Beliebtheit. Allerdings müssen diese jetzt auch mal wieder von den Autofahrern ernster genommen werden. Ich sage dies als Nachbar eines Kinderspielplatzes, der jeden Tag mit ansehen muss, dass Autofahrer sich überhaupt nicht um das Wohlergehen der Kinder kümmern und lustig ihrer Wege fahren ohne jegliche Rücksichtnahme.

Also veranstalteten Ernesto und ich eine Aktion, um auf die Bedeutung von Zebrastreifen hinzuweisen und die Fahrer und Fahrerinnen zum Anhalten zu bewegen, speziell an unserem Zebrastreifen. Ernesto beschloss dabei, den Zebrastreifen in seinem Tempo zu bewältigen. Als einige Autofahrer nach 5 Minuten genervt aus dem Auto stiegen und fragten, wie lange er noch gedenke zu brauchen, sah Ernesto ein, dass er wohl den Zebrastreifen am besten getragen bewältigen kann, aber unsere Aktion wurde den Autofahrern durch das abrupte Unterbrechen der Fahrt auf diese Art und Weise dennoch deutlich.

Am besten tut man gut daran, gut gepanzert im Straßenverkehr zu sein, aber nicht jeder hat das Glück, einen Panzer sein eigen nennen zu können. Es bleibt auch fraglich, ob es Sinn machen würde, jedem Verkehrsteilnehmer einen Panzer zu geben. Was dann auf deutschen Straßen los wäre, kann man sich kaum ausmalen. Also bleibt nur die Vernunft als letzter Ausweg. Die Abrüstung auf deutschen Straßen bedeutet aber auch, dass SUVs aus dem Straßenbild endgültig verschwinden, denn die braucht kein Mensch. Die oftmals angeführte Übersicht über den Verkehr wird dann angesichts von Tieferlegungskits ad absurdum geführt.

Ernestos Zeit bei der Bewältigung eines Zebrastreifens setzt nach wie vor Geduld der anderen Verkehrsteilnehmer voraus. Liebe Autofahrer: Es hilft nur Langmut im Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Herr Müller sieht die Welt

Wolken

Seit Tagen reihte sich Wolke an Wolke am Himmel und es regnete häufig. Das Defizit an Sonnenenergie merkte man, nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Tieren. Ernesto war deprimiert. Seine missmutige Stimmung drohte auf mich überzuschwappen. Im letzten Moment konnte ich mich dazu durchringen, einen Papphut aufzusetzen und für gute Laune in unserer Wohnung zu sorgen. Zwar verpuffte dieses Bollwerk an guter Laune schnell, aber zumindest war Ernestos Laune nicht mehr ganz so trübsinnig wie zuvor. Er überlegte, seinen Panzer mit Fingerfarben zu bemalen, aber das schien ihm dann doch zu schmodderig zu werden.

Da es mir immer noch unklar war, wie sich so etwas Schweres wie Wolken am Himmel halten konnte – sie wogen doch Tonnen – versuchte Ernesto mir das ganze physikalisch zu erklären. Da ich aber in Physik unterdurchschnittliche Begabung und somit Verständnis hatte, verhallten seine Erklärungsversuche nahezu ungehört und prallten an mir ab. Noch immer blieb mir dieses Faszinosum ein Rätsel. Trotzdem fand ich Wolken schön anzuschauen, auch wenn mir der wolkenlose Himmel am liebsten war. Da es in dieser Jahreszeit aber eher Wolken am Himmel gab, musste ich diesen Fakt so hinnehmen, ohne ihn wirklich zu verstehen.

Das ging mir mit anderen Fakten ja auch so, die ich nicht verstand. Zum Beispiel verstehe ich bis heute nicht, warum „die Ausländer“ Schuld sein sollen, wenn bei uns was doof läuft. Diesen Zusammenhang verstehe ich nicht und ich fürchte, dieser Zusammenhang wird mir – auch nicht von Menschen mit entsprechender Gesinnung – nicht logisch und verständlich erklärt werden können. Ergebnisoffene Erklärungen suche ich bislang vergebens. Die Schuldigen oder Leittragenden stehen klar fest.

Die Angst vor dem herunterfallenden Himmel trugen ja schon die Gallier mit sich herum. Das ist also nix Neues. Jeder aufmerksame Asterix und Obelix – Leser weiß davon. Nur hatte ich immer noch das Problem, dass ich nicht begriff, wie sich so etwas Schweres wie Wolken am Himmel halten konnte. Das Oben oder Über-uns bleibt wohl für viele unerklärlich. Vielleicht hilft ja – wie bei Asterix und Obelix – ein Schild auf dem Kopf als Schutz vor einem herunterfallenden Himmel, aber ich fürchte, das bringt nichts. So sollte eine stärkere Aufmerksamkeit auf das, was hier auf der Erde passiert, gerichtet sein.

Ernestos Versuch, mir die Zusammenhänge von Wolken und Wetter zu erklären blieb in den Unwägbarkeiten meines Unverständnisses stecken.

Herr Müller sieht die Welt

Verkehrsschilder

Nicht zuletzt dienen sie – außer stetem Anlass des Ärgerns zu sein – dem einigermaßen reibungslosem Verkehrsfluss. Oft genug fragt man sich aber schon, was den oder die Aufsteller des Schildes dazu veranlasst hat, ausgerechnet an dieser Stelle dieses spezielle Schild aufzustellen. Verkehrsschilder können aber – im Gegensatz zu allgemeingültigen Regeln – nicht permanent überprüft werden, zumal es auch schwer wäre, dieses während der Fahrt zu tun. Manchmal muss man sich einfach darauf verlassen, dass diese schon einigermaßen sinnvoll aufgestellt sind.

Ähnlich wie Verkehrsschilder sollen ja Regeln den Alltag erleichtern, weil sie Verhaltensweisen eine allgemeine Gültigkeit verleihen. Genauso wie Verkehrsschilder den Verlauf des Verkehrs regulieren, so sollen auch Regeln den Alltag eigentlich regulieren und damit vereinfachen. Leider hat sich gerade in Deutschland die Einhaltung der Regeln über alles gesetzt und es wurden diese nicht mehr hinterfragt. Letztlich lassen sich alle Regeln überprüfen mit der einfachen Kinderregel: Was du nicht willst, das man dir tu`, das füg` auch keinem andern zu. Das Überprüfen von Regeln auf diese einfache Art sollte es doch einem jeden ermöglichen, sein Verhalten zu optimieren bzw. anzupassen.

Ernesto mochte Verkehrsschilder und Regeln überhaupt nicht, weil sie – so fand er – Auskunft über das Flair einer Stadt bzw. des Stadtteils (Kiezes) gab: Je mehr Schilder, desto doof, so seine Worte. Dass sie ihn an die Einhaltung von Regeln erinnern sollten, ignorierte er geflissentlich. Leider handelte er oft nach dem Motto: Wo ich bin, ist vorne bzw. oben. Verkehrsschilder holten ihn dann nur gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurück, zeigten ihm, was sie von ihm erwarteten und was nicht. Hätten die Verkehrsschilder gewusst, welche Wirkung sie auf Ernesto hatten – keine – wären sie freiwillig ins Exil gegangen. So aber blieben sie da stehen, wo sie eingemauert wurden und wurden weiterhin von ihm ignoriert.

Nur die Ästhetik der Einbahnstraßen-Schilder war, so fand er, unnachahmlich. Und so gründete Ernesto einen Einbahnstraßen-Fanclub. Dass es in dem Verein nur zwei Mitglieder gab, die sich vom jeweils anderen Ende der Einbahnstraße aus zuwinkten, muss ja hier nicht weiter erwähnt werden.

Welchen Wert Verkehrsschilder hatten, merkte Ernesto erst bei einem Stadtfest, in dessen Durchführung viele Schilder – vor allem Parkverbotsschilder – provisorisch aufgestellt wurden. Ernesto ließ sich dazu hinreißen, so ein provisorisches Schild einzupacken und wurde prompt dabei erwischt. Moral der Geschicht`: Schilder klauen lohnt sich nicht! (Gruß an A. aus WF )

Kowalski lebt

Wiener Würstchen

Unser ortsansässiger Metzger wurde von uns ja regelmäßig aufgesucht. Waltraut konnte es immer kaum erwarten dort hinzugehen, weil sie ja entweder ein Wiener Würstchen oder eine Scheibe Cervelatwurst als Leckerli bekam. Warum die Wiener Würstchen Wiener Würstchen hießen, wusste ich noch nicht, da eine erschöpfende Antwort bisher Mangelware war. Man könnte denken, dass es vielleicht mit den Türken vor Wien zu tun haben könnte, aßen diese doch kein Schweinefleisch. Aber das wäre wohl ein bisschen zu viel von mir um die Ecke gedacht.

Auch die Tatsache, dass Wiener Würstchen in Wien Frankfurter heißen, hilft nicht weiter, sondern deutet eher auf den vermeintlichen Erfinder dieser Wurst hin, der Anfang des 19. Jahrhunderts von Frankfurt nach Wien kam. Dort waren seine Metzgerkünste heiß begehrt.

Verwirrende Namensgebungen, weil der eigentliche Ort der Erfindung nicht belegt ist, sondern nur vermutet werden kann, gibt es ja im Bäckerei- und Fleischerei-Handwerk häufiger. Erinnert sei hier nur mal an den Frankfurter Kranz, Dresdner Stollen, die Kieler Sprotten oder nicht zu vergessen die Braunschweiger Mettwurst. Ob die Namensgebung ihren Ursprung tatsächlich in den jeweiligen Städten hatte, kann nicht endgültig behauptet werden. Dennoch ist der Zusammenhang von Lebensmittel und Stadt auffällig. Man könnte dann weitergehend nochmal fragen, ob die Stadt und das Lebensmittel bzw. dessen Schmackhaftigkeit miteinander zu tun haben. Zumindest beim Dresdner Stollen könnte man zwischen 49 und 89 hellhörig werden. Die Versorgung mit Rohstoffen zum Backen scheint in dieser Zeit von Mangelwirtschaft geprägt zu sein.

Dackel gab es in der DDR, zumindest dem Hörensagen nach, auch weniger. Zu der Formulierung, dass Dackel systemstützend waren, kann man demnach nichts sagen. Wahre Freigeister unter den Hunderassen sind dann eher die Bobtails oder ähnliche Zottelhunde, die mit ihrem anarchistischen Äußeren sicherlich zum Sturz des Systems beitrugen. Andererseits hat man Bobtails seltener auf den Montagsdemos gesehen. Aber da gab es ja eh keine Hunde. Ihrer Berufung als Hüte- und Wachhund kamen Bobtails zwangsläufig nur bedingt nach. Mehr gefragt waren hier Schäferhunde. Der Hund als reiner Befehlsempfänger war hier gefragt, ist aber meine Sache nicht.

Ach, wären doch alle Hunde wie Waltraut.

Herr Müller sieht die Welt

Leitplanken

Ernesto sagte mir irgendwann, als wir im Auto fuhren, dass Autofahren ja ein bisschen so sei wie mit der Carrera Bahn zu fahren. Ernesto dachte, dass die Leitplanken die Fahrzeugausrichtung beeinflussten und das Lenkrad nur Attrappe sei. Die Vermutung Ernestos, dass diese keinerlei Funktion für das Auto hätten bzw. als Kontaktschienen für die Versorgung des Autos mit Strom dienten, musste ich also korrigieren.

Meine Intervention, dass man als Fahrer die Fahrtrichtung mit dem Lenkrad selber bestimmen konnte, verblüffte ihn. Seine Verblüffung schien schier grenzenlos zu werden, als wir mit dem Auto auf der Autobahn fuhren und die Autos quer über alle Fahrbahnen kreuzten. Da war ihm endgültig klar, dass die Richtung der Fahrzeuge vom Fahrzeuglenker mithilfe des Lenkrads selbst bestimmt werden konnte. Die Bedeutung des Lenkrads ist zwar jedem Fahrzeugführer bekannt, aber Schildkröten musste diese erst klar gemacht werden. So musste ich Ernesto also erklären, dass zum Beispiel beim Rückwärtseinparken der Fahrer besonders gefordert ist, das war Ernesto gar nicht klar. Dass sich die komplette Fahrzeugausrichtung mit jedem kleinsten Lenkradeinschlag änderte, war ihm ebenfalls unbekannt, aber seine Vorstellung wurde schnell von der Realität korrigiert.

Die Aufgabe der Leitplanken wurde Ernesto also erst nach und nach klar, als er nämlich begriff, dass sie nicht zur Fahrzeugausrichtung da waren, sondern nur dafür, um Schlimmeres zu verhindern. Was Schlimmeres sein sollte, war mir zunächst unklar, aber als Ernesto dann ans Steuer wollte, wurde es mir schlagartig klar. Ich wollte die Belastbarkeit von Leitplanken ungerne austesten. Ernesto musste also bleiben, wo er war: auf dem Beifahrersitz. Schildkröten an Lenkrädern sind ja auch Gott sei Dank eher selten gesehen. Deswegen bekam Ernesto ein kleines Lenkrad, mit dem er auf dem Beifahrersitz vor sich hinlenken konnte. Dies hatte zwar keinerlei Einfluss auf die Ausrichtung des Fahrzeuges, aber das war in dem Fall egal. Er hatte trotzdem Spaß daran. Außerdem stand ihm ja nach wie vor sein ferngelenktes Auto für`s selbstständige Fahren zur Verfügung.

Der Sinn und Zweck von Leitplanken musste Ernesto also in der Theorie klar werden. Ernestos Idee, die Belastbarkeit von Leitplanken in der Praxis auszuprobieren, also dagegen zu fahren, erschien mir doch zu drastisch, zumal Ernesto nicht vernünftig bei einem Aufprall gesichert werden konnte. Gurte für Schildkröten wäre eine neuerliche Forderung für Aktivisten. Von denen gibt es ja viele.

Kowalski lebt

Nordpol – Südpol

Nach dem letzten Sommer, der uns glauben ließ, wir würden demnächst in einer Wüste leben, kamen endlich der Herbst und Winter mit kühleren Temperaturen.

In den Sommermonaten hätte ich mir beinahe die Zunge abgebissen bei dem Versuch, die Zunge zur Kühlung des Körpers, wie Hunde dies tun, einzusetzen, indem sie die Zunge heraushängen ließen. Wenn Waltraut das macht, kann das ja nicht so schlecht sein, so dachte ich. Für Menschen war diese Idee aber doof. Zum einen sah das bekloppt aus, zum anderen lief man Gefahr, sich eben auf selbige zu beißen, wie in meinem Fall geschehen. Da waren uns die Herbst- und Wintermonate schon lieber.

Gegen die Kälte konnte man sich angemessen schützen. Auch als Hund konnte man zum Beispiel Ohrenwärmer aufsetzen, um die Schlappohren zu wärmen und ein Mäntelchen umschnallen lassen, um den Körper zu wärmen. Waltraut trug einen aparten Mantel in rosa, der von mir um ihren Körper geschnallt wurde. Natürlich wurden ihre Schlappohren auch durch rosa Ohrenwärmer geschützt. Damit waren wir zumindest schonmal gegen die Kälte geschützt und außerdem völlig up-to-date.

In rosa gehüllt ging Waltraut vor die Tür und sorgte für lautstarke Freudenrufe. Neben freudigen Pfiffen der Fans sorgten ihre Ohrenwärmer und ihr Mäntelchen für Gefühlsausbrüche jeglicher Art. Der Begriff Wurst in Pelle bekam jetzt konkrete Anschaulichkeit. Ich konnte mich nur nicht entscheiden, ob Waltraut eine Leberwurst, eine Teewurst oder Anderweitiges sein sollte. Letztlich war es ja auch wurst, welche Art der Wurst sie war. Weder am Nordpol noch am Südpol wurden Würste gegessen. Auch Dackel waren dort eher selten gesehen. Dass die Kälte nun so drastisch in unser Leben trat, war nun auch nicht unser Wunsch, aber egal. Lieber zu kalt als zu warm. Die warmen Gedanken, die wir uns machten, ließ die Kälte vergessen.

Waltraut machte mit den rosa Ohrenwärmern und dem rosa Mäntelchen vor, dass es leichter war, sich gegen Kälte zu schützen als gegen Hitze. Denn wie man sich vor Hitze schützt, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Kreuzworträtsel waren ja die von mir bevorzugten Rätsel. Was das mit Eiswüsten zu tun hat, weiß ich auch noch nicht so genau. Aber bloß weil ich verwirrt bin, muss das ja nicht für alle gelten.

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut!

Herr Müller sieht die Welt

April, April

Geraume Zeit dachte ich darüber nach, wie ich Ernesto mal angemessen in den April schicken konnte in Angedenken an seine Art und Weise, wie er mich letztes Jahr in den April schickte.

Lange fiel mir nichts ein, aber dann: Seine Drohne übertrug doch die Bilddaten auf den Monitor der Fernbedienung, sodass Ernesto die Bilder am Boden sehen konnte, die die Drohne in der Luft machte. Mit Hilfe eines Nachbarn, der in Sachen Bildbearbeitung und EDV sehr viel weiter war als ich, überlegte ich, ob ich nicht die Bilder aus dem Film „Planet der Affen“ für meine Zwecke gebrauchen konnte. Da gibt es nämlich eine Filmszene, in der eine Wüste überflogen wird und plötzlich sich die Hand mit der Fackel der Freiheitsstatue erhebt. So spielte ich also diese Bilddaten auf Ernestos Monitor ein, fragen Sie mich bitte nicht wie, aber es ging. Ernesto hatte jetzt die Bilder des Films auf dem Monitor seiner Fernbedienung.

Am 1. April stand er schweißgebadet vor mir und erzählte mir, die Welt würde untergehen, weil sich nämlich überall Wüsten ausbreiten würden. Sehr interessiert hörte ich mir seine Geschichte an, musste über die ungeahnte Wirkung der Bilder auf ihn grinsen und beichtete ihm dann meinen Scherz. Zunächst wollte er mir partout nicht glauben, weil er sagte, ich hätte doch gar keine Ahnung von EDV und solchem Zeug. Als ich ihm dann aber erklärte, dass ich ihm mit Hilfe eines Nachbarn die Bilder auf den Monitor spielen konnte, verstand er und musste lachen.

Seine Drohne blieb dann häufiger mal im Schrank und er beschloss, dass die Erlebnisse bei Herrn Yilmaz oder am Kiosk sehr viel abenteuerlicher waren. Er sah ein, dass die Bilder in der Realität sehr viel spannender und glaubwürdiger waren als nur auf einen Monitor zu starren. Die Bemühung um authentische Erlebnisse sollte viel häufiger Teil unseres Handelns sein. Erst die Authentizität lässt uns doch glaubhaft handeln. Die Authentizität muss natürlich bezogen auf den Aprilscherz gegeben sein, er darf nicht unrealistisch sein. Auch wenn mein Aprilscherz zunächst unrealistisch klingt, so war es doch glaubhaft für Ernesto. Ein Aprilscherz wird also scheinbar um so glaubhafter, je mehr er in die Wirklichkeit der Person passt.

Der von mir beabsichtigte Zweck – nämlich wieder weniger auf den Monitor zu starren, um im Hier und Jetzt zu leben – wurde durch meinen Aprilscherz erreicht, was wollte ich mehr.

Kopfwürmer

Was wäre, wenn

So manches Mal, wenn ich so vor mich hindenke, kommt mir schon die Frage hoch: Was wäre, wenn es gegen meine Form der MS ein Medikament gäbe, das mich aus dem Rollstuhl aufstehen lassen würde. Es wär schon komisch, weil dann mein ganzes momentanes Leben schon wieder – zum zweiten Mal – komplett umgeschmissen werden würde. Ich habe mich gerade so in meinem Zustand eingerichtet, mich daran gewöhnt, dass ich im Rolli sitze. Daran zu rütteln, erscheint mir schwer, wenn es jetzt hieße, nächste Woche um 3 kommt dagegen ein Medikament. Das wäre schon komisch.

Das erste Mal mein Leben zu verändern, war schon schwer genug, ein zweites Mal sicherlich wünschenswert, aber schon sehr anstrengend, mal von den wegfallenden Ausreden abgesehen. Nächste Woche um 4 würde es mir besser passen, falls das Schicksal nichts vor hat. Nein, aber mal im Ernst: Meine Ungeduld ist in Verbindung mit der Erkrankung wirklich sehr anstrengend. Das Gefühl, eine Belastung für seine Umwelt zu werden, muss immer wieder von mir selbst geäußert, dann aber auch relativiert werden.

Auf dem Gipfel des „hätte, wennte, könnte“-, also des „was wäre, wenn“- Gedankens, fällt mir auf, dass es sicherlich schwieriger ist 1 Million im Lotto zu gewinnen, als endlich ein Medikament für meine Form der MS zu finden. Dabei wird deutlich, dass es recht schnell ging, ein Mittel gegen Corona zu finden. Auch entgegen der Aussagen meiner damaligen Ärzte (2008) dauert es eben nicht nur 10 Jahre bis die Form meiner MS Geschichte ist. Physio, Ergo und Logo sollten dann eher eine Beschäftigungstherapie sein, bis DAS Medikament auf den Markt kommt. Das scheint sich aber leider noch etwas zu verzögern – the wind knows how long.

Angeblich ist das Leben kein Wunschkonzert. Und ich darf nicht vergessen, dass mit der Diagnose auch die Geburt meines Sohnes einherging und das war sicherlich um Lichtjahre schöner und wichtiger als diese doofe Diagnose. Damit will ich die Erkrankung nicht klein reden, aber im Gesamtzusammenhang meines Lebens relativieren. Mit anderen Worten: Wenn das Leben dir Zitronen anbietet, mach Limonade draus! Leicht gesagt und doch ernst gemeint. Oder mit anderen Worten: Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder Schmied hat Glück. Und ich hatte bisher eine Menge Glück mit einem tollen Sohn und einer tollen Frau. Manchmal hilft es mir, das alltägliche Sein so in größeren Kontexten zu sehen. Das lenkt von der täglichen Beschwerlichkeit ab.

ASo lässt sich der „was wäre, wenn“-Gedanke ertragen.

Kopfwürmer

Ja vs. Nein

Manchmal – an guten Tagen oder auch innerhalb eines Tages – können alle 26 Buchstaben, sogar die Umlaute, von mir verbal verständlich geäußert werden. An schlechten oder auch Scheißtagen beschränkt sich meine Kommunikation auf Ja (Kopfnicken) und Nein (Kopfschütteln). Dieser binäre Code macht mein Verhalten so manchem Rechner ebenbürtig. Nicht dass ich mich mit irgendwelchen Rechnern vergleichen möchte, aber die Auswahl ist doch sehr beschränkt, das heißt der Computer kann zwischen 0 und 1 wählen und ich zwischen ja und nein. In dieser Beschränktheit der Wahlmöglichkeiten liegt aber auch zugleich ihre größte Freiheit. Philosophen dürfte das Problem bekannt vorkommen. Für mich wird es aber manifest, weil deutlich.

Ein beherztes Jein wäre eine dritte Möglichkeit. Der Psychologe Freud hat mit Ich, Es und Überich ja auch drei Versionen des Ichs geschaffen. Die Nähe zur heiligen Dreifaltigkeit ist da schonmal verdächtig. Religiöse Gemüter können sich aber schnell auf den Schlips getreten fühlen. Dieses ist natürlich ausdrücklich nicht das Ziel, aber ein gelegentliches Überdenken der Handlungsweisen lohnt schon.

Das beherzte Jein wird von mir manchmal praktiziert. Es äußert sich in missmutiger Stimmung und einer unglaublichen Unzufriedenheit mit mir selber. Ich muss mit mir echt geduldiger werden. Vor allem darf diese Ungeduld mir gegenüber und nicht gegenüber Frau, Kind und etc. zum Tragen kommen. Eigenes Verhalten zu reflektieren hat dazu geführt, dass ich die Idee hatte, mir Fahrradreflektoren umzuhängen in der Hoffnung, dass dies auf mein Verhalten Auswirkung hätte. Als ich dann aber aussah wie ein geschmückter Weihnachtsbaum, ließ ich doch davon ab. So als lebendiger, geschmückter Weihnachtsbaum durch die Gegend zu rollern, ist nicht jedermanns Sache, meine war es zumindest nicht.

Das Reflektieren, so musste ich einsehen, hat auch seine Grenzen. Dennoch bringt es gelegentlich mal Licht ins Dunkel. Reflektion muss ja nicht nur gewollt, sondern auch gekonnt sein. Wie eine gekonnte Reflektion aussieht, wäre dann wohl gegeben, wenn eigene Verhaltensänderungen zu einer Lösung führen würden. Dies ist aber in näherer Zukunft noch nicht abzusehen. Vielleicht liegt die Lösung vieler Probleme darin, mit mir selber auf lange Sicht genügsamer zu sein. Zeiten mangelnder Reflektion schlagen dann immer voll auf das eigene Gemüt durch.

Ja und Nein sind in ihrer Aussage so absolut, ein Jein wäre da versöhnlicher. Vielleicht muss ich die Akzeptanz des Jeins noch lernen.

Herr Müller sieht die Welt

Alltag auf dem Amt

Wider Erwarten ist der Alltag auf dem Amt von Monotonie geprägt. Die Beschwerden einzelner Bürger bilden eher die Ausnahme in unserem Alltag. Nun darf man auch nicht denken, dass wir eine Karnevalshochburg wären, aber ein guter Witz oder eine nett erzählte Zote finden doch dankbare Abnehmer. Man merkt immer dann, ob ein Witz gut angekommen ist, wenn er Tage später in unserer Teeküche noch in Fragmenten oder Rudimenten erzählt wird.

Gelegentlich brachte ich Ernesto wieder mit auf`s Amt. Weiterhin war es mir untersagt, Ernesto regelmäßig mit auf`s Amt mitzubringen, aber gelegentlich war es geduldet. Dies führte dann zu gewohnten Reaktionen. Die Kolleginnen reagierten mit pubertärem Gekreische („Och ist der süüüüüß!“), die Männer reagierten mit dem Aufräumen ihres Schreibtisches. Das Aufräumen der Dreifaltigkeit des Amtes, also Locher, Tacker und Schere war zumeist eine Verlegenheitsgeste, wenn sie nicht wussten, was sie sonst noch tun sollten. Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten bestanden ja auf dem Amt zu Hauf, wenn diese auch häufig wegignoriert wurden.

Aber kaum ein Kollege ging noch mit Maßband vor die Tür, besonders in den kalten Wintermonaten nicht. Die Sommermonate schieden dank des Klimawandels jetzt auch zunehmend aus, weil es in ihnen zu heiß war. Herbst und Frühling boten die ideale Temperatur für unsere Arbeit. Und da noch keine Gefahrenzulage in Aussicht stand, mussten wir unsere Arbeit im Außendienst auf diese Monate beschränken.

Der Alltag auf dem Amt war ansonsten bestimmt von Kaffeetrinken und Papierkram. Die Qualität des Kaffees ließ in letzter Zeit zu wünschen übrig. Erst durch die Übernahme des Kaffeekochens durch Frau Müller hatte sie sich spürbar verbessert. Auch der Geruch des verwendeten Reinigungsmittels hatte deutlich zur Auffrischung des Arbeitsklimas beigetragen. Das jetzt verwendete Mittel sorgte durch die Verwendung von einem Hauch von Patchouli für die nötige Frische in den Amtsstuben. Viele Kolleginnen gingen jetzt dazu über, sich die Haare wieder schwarz zu färben, weite wallende Kleidung zu tragen und Gothic-Musik zu hören, so zog doch eine merklich jugendliche Frische in unser Amt ein. Ich fand`s gut, die Kunden leider nur bedingt. Ihre Anträge waren von Konservativismus geprägt, sie konnten mit der neuen jugendlichen Art der Amtsführung nichts anfangen. Schade eigentlich.

Für mich bedeutete die neuerliche Art der Amtsführung einen zweiten Frühling und plötzlich sah ich auch Frau Müller mit ganz anderen Augen.