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Herr Müller sieht die Welt

Wasserwaage 

Ohne Vorwarnung sah Ernesto mich vorgestern an und sagte, er wolle unser Leben jetzt mal ins Lot bringen. Das könne ja schließlich nicht so weitergehen. Was er genau damit meinte, ist mir nach wie vor ein Rätsel, aber auf jeden Fall hatten Libellen es ihm jetzt angetan. Was genau Libellen sind und damit zu tun hätten, erklärte er mir im Anschluss. Libellen, so sagte er mir, seien die Dinger, mit deren Hilfe Wasserwaagen ins Lot gebracht werden, also das Luftbläschen, das zwischen den Strichen sein muss und somit anzeigt, ob die Wasserwaage genau waagerecht ausgerichtet ist. 

Sämtliche Türstürze und Regale wurden daraufhin von ihm auf ihr „in-Waage-sein“ überprüft. Aber wenn dem nicht der Fall war, blieb ihm auch nicht viel anderes übrig, als dies auf einem Zettel zu notieren und mich darüber in Kenntnis zu setzen. Selber Hand anlegen, um es auszurichten, war nicht so sehr seins. 

Apropos „nicht in Waage sein“ und „nichts dagegen ausrichten können“: Ernesto liebte Cowboy- und Indianer-Filme, aber er fand, dass das Verhältnis der Bewaffnung von Cowboys und Indianern völlig im Ungleichgewicht sei. Verfügten doch die Cowboys meist über Colts und Gewehre, die Indianer aber nur über Pfeil und Bogen. Dies sei eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, so fand er. 

Bei unseren Cowboy- und Indianer-Spielen in der Wohnung musste das unbedingt Berücksichtigung finden. Neben den Türen, die durch Decken ersetzt wurden, um der ganzen Wohnung ein Tippi-Flair zu geben, konnte ich ihn gerade noch davon abbringen, ein offenes Feuer in unserer Wohnung zu entzünden. Mahlzeiten konnten nur auf dem Herd erwärmt werden. Die ungleiche Gewichtung von Indianern und Cowboys sollte dadurch ausgeglichen werden, dass mal Ernesto und mal ich Indianer waren. In der Rückschau betrachtet hat sich das Ungleichgewicht der Bewaffnung zu Gunsten der Cowboys ausgewirkt. Ob das ein Vorteil für Amerika war, sei mal dahingestellt. 

Einige Ungleichgewichte, so lernten Ernesto und ich, muss man wohl einfach hinnehmen. Gegen sie anzukämpfen, frustriert relativ schnell. Dennoch lohnt ein stetes Abwägen der Situation, um Ungleichgewichte zu erkennen und gegebenenfalls zu beheben, sofern man dazu die Möglichkeit hat. 

Herr Müller sieht die Welt

Hakle feucht 

An einem dieser überhitzten Sommertage, die uns in letzter Zeit häufiger begegnen, hatte Ernesto die Idee, sich mit einem Hakle feucht um den Kopf gewickelt Abkühlung zu verschaffen. Dabei stellte er aber schnell fest, dass diese sehr unangenehm nach Seife rochen. 

Seine Idee war deshalb, dass sie nach Moschus riechen müssten, um die Kundschaft solcher Tücher auf den männlichen Teil der Bevölkerung auszuweiten. Ich schlug ihm also vor, dieses bei der Firma von Hakle feucht als Geruchsvorschlag einzureichen. Mehr als nein sagen konnten sie ja schließlich nicht. Dass der Vorschlag von einer Schildkröte kam, konnten sie ja nicht ahnen. 

Natürlich war die Antwort der Firma „Nein“ und Ernesto war zunächst frustriert über das Ergebnis, dabei fand er seine Idee doch so gut. Hakle feucht-Tücher um den Kopf gewickelt sind zwar jedermanns Sache nicht, aber in der größten Not, also bei großer Hitze, eine angenehme Abkühlung. 

Die Idee, Feuchttücher um sämtliche Extremitäten zu wickeln, überdachte Ernesto bald, weil er bei unserem letzten Ausflug in den Garten diesen zur Hälfte mit in unsere Wohnung brachte. Sämtlicher Sand und Erdboden fand sich in den Tüchern und wurde dann bei uns oben in der Wohnung verteilt. 

Zur Vermeidung von unerwünschten Mitbringseln achtete Ernesto jetzt darauf, die Tücher vor Verlassen des Gartens abzulegen, zumal ich ihm beim Betreten der Wohnung stets an die Sauberkeit seiner Schuhe und Kleidungsstücke erinnerte. Deshalb ging Ernesto dazu über, sich in der Wohnung Abkühlung mit Hilfe einer Sprühflasche zu verschaffen, mit deren Hilfe er Wasser auf seinen Kopf und seine Extremitäten außerhalb des Panzers sprühte. Überhaupt war die Abkühlung mit der Sprühflasche praktikabler, zumal dies auch nicht so aufdringlich roch. Der einzige Nachteil war, dass die Sprühflasche nicht von ihm getragen werden konnte. Aber auch ich kam mir dann umso cooler vor mit an der Hosentasche eingehängter Sprühflasche, die bei Ausflügen von nun an gerade im Sommer immer dabei sein musste. Außerdem konnte ich so im Vorbeigehen Blumen mit Wasser benetzen bei größter Hitze. 

Abkühlungen können also auch ganz geruchsarm sein und trotzdem ihre Wirkung haben. Wie bei allem gilt: gewusst wie. 

Herr Müller sieht die Welt

Handmade 

Nachdem Ernesto mal wieder nächtelang vor unserem Kabelfernsehen verbracht hatte und auf einen dieser Verkaufssender in unserem über 100 Kabelprogrammen hängen blieb, sagte er mir zu meiner Überraschung: Sie hätten von „handmade“-Produkten geredet und er konnte sich überhaupt keinen Reim darauf machen, was das bedeute. Also erklärte ich ihm, dass es sich dabei schlicht und ergreifend um handgemachte Produkte handelt und „made“ einfach das past participle oder die simple past- Form vom Infinitiv, also der Grundform „to make“ war. Er bräuchte also keine Angst zu haben, dass es sich dabei um Maden handeln würde. 

Fremdsprachen waren offensichtlich nicht Ernestos Steckenpferd. Er hatte ja schon nach dem Verlassen des Eies die menschliche Sprache erlernt, zumindest rudimentär so, dass ich ihn verstehen konnte. 

Beruhigt über die Information, dass „made“ von „to make“ kommt, suchte Ernesto jetzt gezielt nach handgemachten Produkten. Er stellte dabei fest, dass dies gar nicht so einfach war, weil die meisten angebotenen Produkte in Serie produziert und nur selten noch in Handarbeit hergestellt wurden. Serie heißt in dem Fall: am Fließband. Eine individuelle Fertigung und Verarbeitung des Produkts war eigentlich nicht mehr möglich, es sei denn es fiel mal vom Band. Da aber Ausschussware kein Zeichen für Handarbeit war, blieb nur der ausdrückliche Hinweis auf Handgemachtes. 

Ernesto lief daraufhin erst einmal zum Bäcker und besorgte eine Tüte voller Backwaren, die waren – so wurde ihm gesagt – alle handgemacht. Beruhigt über diese Information schlug Ernesto mir jetzt vor, dass wir ein Abendbrot mit handgemachten Lebensmitteln essen könnten. Das war gar nicht so einfach. Gurke und Tomate wuchsen ja von alleine, also blieb nur das Medium, auf das wir Gurke und Tomate legten. Wurst wurde meistens ebenfalls in Handarbeit hergestellt, zumindest von unserem Schlachter des Vertrauens. Kleine Molkereien sorgten dafür, dass auch Käse handgefertigt war, wenn auch nur in kleinen Stückzahlen. 

Wir stellten, gerade bei Käse- und Wurstwaren, einen lohnenswerten geschmacklichen Zugewinn für diese Produkte fest. Man kann sich jetzt zu der Aussage hinreißen lassen: Handmade kann wohl ein Qualitätsmerkmal sein. 

Herr Müller sieht die Welt

Baumarkt 

Baumärkte haben etwas Kontemplatives, wie ich finde. Was das heißt, weiß ich nicht so genau, aber es klingt richtig und wichtig. 

Die Größe eines Baumarktes kann am besten erlebt werden, wenn man mal mit einer Schildkröte selbigen abläuft. Ernesto kam zur besseren und schnelleren Erkundung immer nur in den Einkaufswagen, weil dann konnte ich das Tempo vorgeben und war nicht ganz so genervt von Ernestos Trantütigkeit. 

Die Qualität von Baumärkten zeigte sich für Ernesto nicht etwa in ihrer Holzabteilung oder ihrem Schraubensortiment, sondern an den davor befindlichen Imbissbuden. Diese verfügten alle über eine Grundkonstante: Pommes. Ernesto liebte Pommes und so machte er die Qualität der Baumärkte davon abhängig wie gut die Pommes waren. Ketchup oder Mayo spielten da keine Rolle mehr. Der Name des Baumarktes war ebenfalls egal, nur die Qualität der Pommes war ausschlaggebend. Sie wurden insbesondere hinsichtlich ihrer Knusprigkeit und des Mundgefühls (was auch immer das ist) von ihm beurteilt. 

Eine andere von ihm in Erwägung gezogene Konstante zur Beurteilung war der Krautsalat, der in Eimern angeliefert wurde und daher nicht individuell zubereitet wurde, wie es Pommes aber eben wurden. Ebenfalls in Eimern daher kamen Mayo und Ketchup. Aber, wie schon erwähnt, dienten sie nur des Feintunings der Pommes, waren als Grundkonstante zur Bewertung von Imbissbuden daher auszuschließen. Die angelieferten Wurstwaren sollten möglichst aus der Region kommen, um eine geschmackliche Unverwechselbarkeit zu garantieren. Jede Currywurst erhielt so eine unverwechselbare Note. Rippchen und ähnliches sind ja in unseren Breiten nicht so angesagt. 

Zurück zum Baumarkt: Baumärkte sind Orte der Kreativität, sollte man denken. Aber man stellt beim Betrachten der Kundschaft schnell fest, dass es eher darum geht, als Heimwerker-Homie zu gelten. Was man mit seinen Händen erschafft, ist dann schon fast egal, Hauptsache man kann sich all samstaglich in die Baumarkt-Reihe an der Kasse stellen. Mein Alibi, um den Baumarkt an diesem Samstag besuchen zu können, wurde von Ernesto schnell in die Realität geholt, denn er hatte mal wieder Hunger. Zur Feier des Tages gab es natürlich Pommes. 

Kowalski lebt

Bauchfleisch 

Auf unseren Wegen durch den Kiez landeten wir wieder mal bei unserem Metzger. Nach 3 ½ Wochen mussten wir ohnehin dort mal wieder vorbeischauen. Waltraut fragte natürlich sofort nach ihrer Lieblingsspeise Bauchfleisch. Das gab`s jetzt in vier Varianten: zunächst einmal baasik, dann hott/schpeicy (immer dieses neudeutsch, das macht mir immer Probleme), mit Avocado und auch als tropikal-Variante für besonders lustige Gemüter. Waltraut wollte mal die tropikal-Variante probieren, dies schien ihr noch am ehesten entgegen zu kommen, nicht zu scharf, aber würzig und mit einem Hauch fruchtigem Abenteuer. Waltraut war somit als Empfänger von einfachen Mortadella-Scheiben ausgeschieden. Für sie durfte es etwas mehr sein. 

Gerade im Sommer mussten wir dann jedes Mal den Grill anwerfen, wenn Waltraut Lust auf Bauchfleisch hatte. Im Winter konnte das ja auch gut in der Pfanne zubereitet werden, aber im Sommer durfte es nur der Grill sein. Zum Anwerfen des Grills gingen wir in unseren Innenhof, was dann immer ein Nachbarschaftsfest nach sich zog, weil alle Nachbarn des Hauses dazu kamen. Das Nachbarschaftsfest war zu fortgeschrittener Stunde für Hunde und Kinder unlustig, weil sich dort vor allem sinnlos betrunken wurde. 

Im Zuge eines dieser sinnlosen Besäufnisse eskalierte ein zunächst harmlos wirkender Streit zu einem Handgemenge, in dessen Folge in den nächsten Wochen keine Hoffeste mehr stattfanden. Der Grund des Handgemenges war im Eifer des Gefechts verloren gegangen, aber ich glaube, es ging um Dauerwellen oder die Bepflanzung der Blumenkästen, jedenfalls etwas Bedeutsames, ich komme nur gerade eben nicht mehr darauf. Na jedenfalls fand erst nach sieben Wochen wieder ein Hoffest statt, weil sich doch alle Beteiligten lieber an die schönen Hoffeste erinnerten als an diesen doofen Streit. Das Miteinander von Streit und Hoffesten muss wohl erst gelernt werden, also eigentlich: Streiten für Jedermann oder anders: Streiten will gelernt sein. 

Waltraut und ich zogen es vor, uns mit einem Stück Bauchfleisch neben den Blumenkasten zurückzuziehen. Wir genossen die untergehende Sonne und schwiegen in Frieden. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Nacktschnecken

Davon, wie beglückt Ernesto war, endlich ein Tier entdeckt zu haben, das langsamer als Schildkröten war, berichtete ich bereits. Aber jetzt hatte er im Garten Nacktschnecken entdeckt und die fand er voll eklig. Denn deren Schleimspur war gefühlt noch größer als die von herkömmlichen Schnecken. Überhaupt wunderte ihn, dass diese Schnecken über gar kein Haus verfügten. Hatten sie keinen Bausparvertrag?

Es bedurfte einiger Aufklärung meinerseits bis er sie als gleichwertige Schnecken anerkannte. Seine Irritation bezüglich des fehlenden Hauses konnte wie schon gesagt von mir relativ schnell aufgeklärt werden. Dass sie dennoch so langsam waren, erschien Ernesto trotzdem merkwürdig.

Er überlegte, ob sich hier ein gezieltes Doping lohnen würde. Seine Überlegung war, wie er die Kriechgeschwindigkeit von Schnecken beschleunigen konnte und ob Schneckenhäuser dabei eine Rolle spielten, Stichwort Windschnittigkeit. Pfeffer und Chillipulver eigneten sich als hervorragende Dopingmittel für Schnecken, wie er herausfand. Sie beschleunigten die Kriechgeschwindigkeit von Schnecken ganz enorm, aber eben nur kurzfristig. Als wir dann jedoch in unserem Garten Schleimspuren fanden, die aussahen wie umgedrehte Bremsspuren, ließ Ernesto doch von seinem Versuch ab. Die Frage, ob mit Haus oder mit ohne spielte fortan keine Rolle mehr, weil die Beschleunigung der Schnecken im nicht messbaren Bereich lag. Auf langer Strecke wäre dies sicherlich messbar gewesen, aber über die kurze Distanz in unserem Garten war sie nicht erheblich. Außerdem schienen die Schnecken von der ungeahnten Feurigkeit des Chillipulvers bzw. Pfeffers geradezu überrascht zu sein. Mit so viel Geschwindigkeit konnten sie gar nicht umgehen und mussten dieser erstmal Herr werden. Also verzichtete Ernesto fortan auf jegliches Doping für Schnecken. Für sich selbst erschienen ihm sämtliche Dopingversuche zu waghalsig. Ein Geschwindigkeitsrausch sollte seiner Meinung nach stets natürlichen Ursprungs sein, nicht künstlich herbeigeführt werden.

Die Frage, ob Nacktschnecken als vollwertige Schnecken – auch ohne Haus – anerkannt werden sollten, wurde letztendlich von ihm in vollem Umfang bejaht. Die Frage, ob es Schneckenhäuser auch zur Miete gab, konnte von uns nicht abschließend geklärt werden.

Kopfwürmer

Leben

Das Leben könnte so einfach sein, wenn nicht ständig aktuelle Ereignisse im Leben dazwischenfunken würden. Was zunächst wie ein Widerspruch daherkommt, erklärt sich beim Erleben des Lebens. So einfach – wie gedacht – ist es nämlich gar nicht.

Das Leben in seiner Gänze betrachtet, ist sicherlich schwer zu beurteilen, zumal ich das Ende Gott sei Dank noch nicht kenne. Na klar, könnte ich sagen: Irgendwie ist es scheiße, mit so einer Erkrankung zu leben. Andererseits eröffnen sich dadurch auch wieder ganz neue Perspektiven auf das Leben. Kleine Dinge und scheinbare Alltäglichkeiten bekommen dadurch einen neuen und ganz gewichtigen Stellenwert. Das genau macht vielleicht das Leben aus. Dass Alltäglichkeiten als solche wahrgenommen werden und in den Gesamtzusammenhang des Lebens einsortiert werden. Das Leben ist nämlich eines der härtesten, wie schlaue Leute das einst sagten und, ohne es zu wissen, damit den Nagel ziemlich auf den Kopf trafen. Trotzdem möchte ich in meinem Leben nichts missen, so anstrengend manches ist, so liebenswert und lebenswert sind eben andere Dinge, die auch ein Großteil meines Lebens ausmachen.

Einfach so vor sich hinleben geht nicht. Das Bewusstsein für das Leben erfolgt leider oft in der Retrospektive. Um einen Perspektivwechsel vorzunehmen, dient mir dieser Blog – oftmals hilft er mir dabei, momentanes und vielleicht auch zukünftiges Leben unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Der Blog ist unabhängig von Prüfungen. Die Prüfung erfolgt durch mich und mein Verständnis vom Leben bzw. Andersleben.

Wäre das Leben eine Baustelle, dann sähe ich mich eher am Betonmischer denn am Bagger: Es liegt mir eher, Neues zu gestalten als Altes ab- bzw. einzureißen. So am Betonmischer des Lebens fühle ich mich oft genug wie der Chef, werde aber auch oft genug von der Realität darauf hingewiesen, dass vieles von mir nicht mehr unmittelbar ausgeführt werden kann, aber doch als Anweisung, Chef eben . So als Betonmischer des Lebens muss ich oft genug feststellen, dass der alte Werbespruch „Hoffentlich ist es Beton“ wohl doch nur für Gebäude gilt. So als Individuum dem Leben gegenübergestellt hilft es wenig, starrsinnig voranzuschreiten. Eine gewisse Flexibilität hilft manchmal ungemein. Insbesondere im Leben.

Solange flexibler Beton noch nicht erfunden ist, bleibt mir nur die Hoffnung auf diese Erfindung.

Herr Müller sieht die Welt

Zebrastreifen

Es ist schon bedenklich, dass zweibeinige Verkehrsteilnehmer Schutzzonen brauchen. Diese Schutzzonen boten auch Ernesto Anlass zu einer Kommentierung. Es war eine bodenlose Frechheit, dass Zebrastreifen nach dem Tier aus der Savanne benannt waren, so meinte Ernesto. Als ich sagte, dass Schildkröten-Streifen vielleicht etwas zu kompliziert klingen würden, gab Ernesto zu, dass der Name Zebrastreifen schon eingängiger war. Außerdem hätten Schildkröten wohl keine Streifen, und das war ja wohl anscheinend entscheidend bei der Namensgebung gewesen. Hinzu kam, dass Schildkröten auch beim Überqueren des selbigen viel zu langsam waren.

Diese Art des Fußgängerüberwegs, die erst seit den 50er Jahren in das Straßenverkehrswesen Einzug erhielt, erfreute sich zunehmender Beliebtheit. Allerdings müssen diese jetzt auch mal wieder von den Autofahrern ernster genommen werden. Ich sage dies als Nachbar eines Kinderspielplatzes, der jeden Tag mit ansehen muss, dass Autofahrer sich überhaupt nicht um das Wohlergehen der Kinder kümmern und lustig ihrer Wege fahren ohne jegliche Rücksichtnahme.

Also veranstalteten Ernesto und ich eine Aktion, um auf die Bedeutung von Zebrastreifen hinzuweisen und die Fahrer und Fahrerinnen zum Anhalten zu bewegen, speziell an unserem Zebrastreifen. Ernesto beschloss dabei, den Zebrastreifen in seinem Tempo zu bewältigen. Als einige Autofahrer nach 5 Minuten genervt aus dem Auto stiegen und fragten, wie lange er noch gedenke zu brauchen, sah Ernesto ein, dass er wohl den Zebrastreifen am besten getragen bewältigen kann, aber unsere Aktion wurde den Autofahrern durch das abrupte Unterbrechen der Fahrt auf diese Art und Weise dennoch deutlich.

Am besten tut man gut daran, gut gepanzert im Straßenverkehr zu sein, aber nicht jeder hat das Glück, einen Panzer sein eigen nennen zu können. Es bleibt auch fraglich, ob es Sinn machen würde, jedem Verkehrsteilnehmer einen Panzer zu geben. Was dann auf deutschen Straßen los wäre, kann man sich kaum ausmalen. Also bleibt nur die Vernunft als letzter Ausweg. Die Abrüstung auf deutschen Straßen bedeutet aber auch, dass SUVs aus dem Straßenbild endgültig verschwinden, denn die braucht kein Mensch. Die oftmals angeführte Übersicht über den Verkehr wird dann angesichts von Tieferlegungskits ad absurdum geführt.

Ernestos Zeit bei der Bewältigung eines Zebrastreifens setzt nach wie vor Geduld der anderen Verkehrsteilnehmer voraus. Liebe Autofahrer: Es hilft nur Langmut im Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Herr Müller sieht die Welt

Wolken

Seit Tagen reihte sich Wolke an Wolke am Himmel und es regnete häufig. Das Defizit an Sonnenenergie merkte man, nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Tieren. Ernesto war deprimiert. Seine missmutige Stimmung drohte auf mich überzuschwappen. Im letzten Moment konnte ich mich dazu durchringen, einen Papphut aufzusetzen und für gute Laune in unserer Wohnung zu sorgen. Zwar verpuffte dieses Bollwerk an guter Laune schnell, aber zumindest war Ernestos Laune nicht mehr ganz so trübsinnig wie zuvor. Er überlegte, seinen Panzer mit Fingerfarben zu bemalen, aber das schien ihm dann doch zu schmodderig zu werden.

Da es mir immer noch unklar war, wie sich so etwas Schweres wie Wolken am Himmel halten konnte – sie wogen doch Tonnen – versuchte Ernesto mir das ganze physikalisch zu erklären. Da ich aber in Physik unterdurchschnittliche Begabung und somit Verständnis hatte, verhallten seine Erklärungsversuche nahezu ungehört und prallten an mir ab. Noch immer blieb mir dieses Faszinosum ein Rätsel. Trotzdem fand ich Wolken schön anzuschauen, auch wenn mir der wolkenlose Himmel am liebsten war. Da es in dieser Jahreszeit aber eher Wolken am Himmel gab, musste ich diesen Fakt so hinnehmen, ohne ihn wirklich zu verstehen.

Das ging mir mit anderen Fakten ja auch so, die ich nicht verstand. Zum Beispiel verstehe ich bis heute nicht, warum „die Ausländer“ Schuld sein sollen, wenn bei uns was doof läuft. Diesen Zusammenhang verstehe ich nicht und ich fürchte, dieser Zusammenhang wird mir – auch nicht von Menschen mit entsprechender Gesinnung – nicht logisch und verständlich erklärt werden können. Ergebnisoffene Erklärungen suche ich bislang vergebens. Die Schuldigen oder Leittragenden stehen klar fest.

Die Angst vor dem herunterfallenden Himmel trugen ja schon die Gallier mit sich herum. Das ist also nix Neues. Jeder aufmerksame Asterix und Obelix – Leser weiß davon. Nur hatte ich immer noch das Problem, dass ich nicht begriff, wie sich so etwas Schweres wie Wolken am Himmel halten konnte. Das Oben oder Über-uns bleibt wohl für viele unerklärlich. Vielleicht hilft ja – wie bei Asterix und Obelix – ein Schild auf dem Kopf als Schutz vor einem herunterfallenden Himmel, aber ich fürchte, das bringt nichts. So sollte eine stärkere Aufmerksamkeit auf das, was hier auf der Erde passiert, gerichtet sein.

Ernestos Versuch, mir die Zusammenhänge von Wolken und Wetter zu erklären blieb in den Unwägbarkeiten meines Unverständnisses stecken.

Herr Müller sieht die Welt

Verkehrsschilder

Nicht zuletzt dienen sie – außer stetem Anlass des Ärgerns zu sein – dem einigermaßen reibungslosem Verkehrsfluss. Oft genug fragt man sich aber schon, was den oder die Aufsteller des Schildes dazu veranlasst hat, ausgerechnet an dieser Stelle dieses spezielle Schild aufzustellen. Verkehrsschilder können aber – im Gegensatz zu allgemeingültigen Regeln – nicht permanent überprüft werden, zumal es auch schwer wäre, dieses während der Fahrt zu tun. Manchmal muss man sich einfach darauf verlassen, dass diese schon einigermaßen sinnvoll aufgestellt sind.

Ähnlich wie Verkehrsschilder sollen ja Regeln den Alltag erleichtern, weil sie Verhaltensweisen eine allgemeine Gültigkeit verleihen. Genauso wie Verkehrsschilder den Verlauf des Verkehrs regulieren, so sollen auch Regeln den Alltag eigentlich regulieren und damit vereinfachen. Leider hat sich gerade in Deutschland die Einhaltung der Regeln über alles gesetzt und es wurden diese nicht mehr hinterfragt. Letztlich lassen sich alle Regeln überprüfen mit der einfachen Kinderregel: Was du nicht willst, das man dir tu`, das füg` auch keinem andern zu. Das Überprüfen von Regeln auf diese einfache Art sollte es doch einem jeden ermöglichen, sein Verhalten zu optimieren bzw. anzupassen.

Ernesto mochte Verkehrsschilder und Regeln überhaupt nicht, weil sie – so fand er – Auskunft über das Flair einer Stadt bzw. des Stadtteils (Kiezes) gab: Je mehr Schilder, desto doof, so seine Worte. Dass sie ihn an die Einhaltung von Regeln erinnern sollten, ignorierte er geflissentlich. Leider handelte er oft nach dem Motto: Wo ich bin, ist vorne bzw. oben. Verkehrsschilder holten ihn dann nur gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurück, zeigten ihm, was sie von ihm erwarteten und was nicht. Hätten die Verkehrsschilder gewusst, welche Wirkung sie auf Ernesto hatten – keine – wären sie freiwillig ins Exil gegangen. So aber blieben sie da stehen, wo sie eingemauert wurden und wurden weiterhin von ihm ignoriert.

Nur die Ästhetik der Einbahnstraßen-Schilder war, so fand er, unnachahmlich. Und so gründete Ernesto einen Einbahnstraßen-Fanclub. Dass es in dem Verein nur zwei Mitglieder gab, die sich vom jeweils anderen Ende der Einbahnstraße aus zuwinkten, muss ja hier nicht weiter erwähnt werden.

Welchen Wert Verkehrsschilder hatten, merkte Ernesto erst bei einem Stadtfest, in dessen Durchführung viele Schilder – vor allem Parkverbotsschilder – provisorisch aufgestellt wurden. Ernesto ließ sich dazu hinreißen, so ein provisorisches Schild einzupacken und wurde prompt dabei erwischt. Moral der Geschicht`: Schilder klauen lohnt sich nicht! (Gruß an A. aus WF )