Blog

Herr Müller sieht die Welt

Wackelpudding 

Es war, glaub ich, vorgestern oder gestern, auf jeden Fall nicht heute: Auf seinen Streifzügen durch unsere Wohnung entdeckte Ernesto in einer der hintersten Ecken unseres Kühlschranks eine Glasschale mit Wackelpudding, auch Götterspeise genannt. 

Fasziniert von diesem, von dessen Glibberigkeit, zeigte Ernesto darauf und war begeistert. Als ich ihm dann aber erklärte, woraus Wackelpudding gemacht wird, rümpfte er, sofern das geht, die Nase. Dieser wird nämlich überwiegend mit Gelatine aus Tier-Knochenmehl zubereitet. Das sei mal wieder typisch, dass so etwas wie Wackelpudding bei uns Menschen Götterspeise genannt werde, lamentierte Ernesto. Da konnte ich ihm kaum widersprechen, stellte sich doch für den Betrachter, erst recht tierischer Herkunft, das menschliche Nahrungs-Portfolio als ziemlich brutal dar. 

Zu meiner und Ernestos Erleichterung konnte Wackelpudding aber auch vegan hergestellt werden mit Agar-Agar. Dieser Ersatzstoff sorgte für die nötige Glibberigkeit und war eben pflanzlichen Ursprungs. Der bekloppt klingende Name musste wohl so hingenommen werden. Überhaupt ziehen immer mehr Ersatzprodukte in unsere Küche ein, Fleisch wird auf jegliche Weise imitiert. Im Zuge der Veganisierung unserer Küche bin ich bemüht, tierische Produkte zu ersetzen. Eigentlich macht die Suche nach Ersatzprodukten einem erst bewusst, wie oft man zu tierischen Produkten greift, obwohl das gar nicht nötig wäre. Ernesto aß ja eh am liebsten Gemüse aller Art. Erst recht, seitdem er bei Herrn Yilmaz das reichhaltige Angebot der Gemüsetheke zu kennen und schätzen gelernt hat. Genauso wie man vielen tierischen Produkten nicht ansah, dass sie eben nicht vegetarisch waren, sah man aber auch vielen pflanzlichen Produkten nicht an, dass sie eben rein pflanzlich waren. 

Um Irrtümern vorzubeugen, sei hier mal gesagt, ich esse gerne Fleisch, aber gutes Fleisch, gut für den Esser und gut in der Haltung. Gut heißt gesund. Ernesto bevorzugte Gemüse und konnte damit bestimmt glücklich werden. Wie man sieht, macht eine Wertung hier gar keinen Sinn. Manche mögen Fleisch, manche nicht, Punkt! Vielleicht wäre die Menschheit mehr beglückt von mehr gegenseitiger Toleranz, egal ob Vegetarier, Veganer, Flexitarier oder was auch immer. Ernesto genoss seinen Wackelpudding jedenfalls auch weiterhin, nur eben jetzt vegan mit Agar-Agar. 

Herr Müller sieht die Welt

Ovomaltine

Normaler Kaffee hatte auf Ernesto eine viel zu anregende Wirkung, von daher suchte er verzweifelt Ersatz für den Kick des Kaffees. Er fand ihn zumindest geschmacklich bei Ovomaltine und Caro Kaffee. Die Wirkung des Kaffees war jetzt wie gewünscht, nicht mehr explosiv, sondern im Chillmodus. Das widersprach natürlich der angedachten Wirkung von Kaffee, weil eine merkliche Steigerung seiner Leistungsfähigkeit war schwer feststellbar. Aber im Gegensatz zu Traubenzucker, das ja nun nachweislich keine positiven Auswirkungen auf Ernesto hatte, war die Wirkung von Ersatzkaffee für Ernesto eher positiver Natur. 

Ovomaltine war jetzt neben dem gewöhnlichen Pulver zum Einrühren in Milch seit neuestem (jedenfalls von mir bemerkt) auch als Brotaufstrich zu erhalten, der war gar nicht so unlecker. 

Für konservative Gemüter war dies freilich nix, da musste man schon „open-minded“ sein, wie der Volksmund so schön sagt. Ein Brotaufstrich ähnlich wie Nutella war sicherlich zunächst gewöhnungsbedürftig, konnte dann aber in seiner Dauerhaftigkeit auch den letzten Frühstücks-Paranoiker überzeugen. Ovomaltine begegnete einem ja nun auf dem Frühstücksbrötchen, das muss man erstmal begreifen. 

Die Wahl der dazu passenden Brötchen war keine einfache. Nach einigen Versuchen legte ich mich auf Mohnbrötchen fest. Sie umschmeichelten meinen Gaumen in Kombination mit Ovomaltine am angenehmsten. Normale Brötchen oder Mehrkornbrötchen konnten da nicht mithalten. Ernesto mochte Ovomaltine als Brotaufstrich am liebsten mit Sesambrötchen, Mohn war ihm in seiner Aussage zu absolut und erinnerte ihn viel zu sehr an die Mohnplantagen in Afghanistan, wobei die ja wohl einem anderen Zweck dienten. 

Bei der Wahl der geeigneten Brötchen half uns nicht zuletzt unser Bäcker im Kiez. Die von ihm vorgeschlagenen Hanfbrötchen erinnerten zu stark an Vollkornbrötchen, außerdem konnte für ihre Herstellung nur Nutzhanf verwendet werden. Damit schmeckten sie ein bisschen wie Trill, das Vogelfutter, da aber die Anzahl der Brötchen kaufende Wellensittiche gering war, entschieden der Bäcker und wir, die Auswahl der Brötchen doch nur auf Mohn und Sesam zu beschränken. 

Ovomaltine wurde von Ernesto also nun nicht nur als Kaffee-Ersatz getrunken, sondern konnte von ihm auch auf seinen Lieblingsbrötchen genossen werden. 

Kowalski lebt

Gewohnheit 

Manche nennen es Gewohnheit, zu lieb gewonnenen Gewohnheiten sage ich nur Marotten. Wenn Marotten nämlich in den Alltag Einzug finden, werden Gewohnheiten zu Marotten. Für manche sind ja Marotten was Schlechtes, für mich nicht. Also: keine Angst vor Marotten! Marotten sind die Krönung der Gewohnheiten, weil erst durch sie werden einem Gewohnheiten bewusst. Verwirrt? Das müssen Sie nicht sein. Solange einem klar ist, wo oben und unten ist, ist alles gut. Das kann man schnell feststellen, indem man mal etwas hochwirft, zumeist fallen die Dinge nach unten. Damit hätte man schon zwei Richtungen bestimmt – oben und unten ist also klar. Sollten die Dinge nach oben fliegen, würde ich mir mal Gedanken machen, ob ich mich noch auf der Erde befinde oder ich habe meine Schwerkraft-Rechnung nicht bezahlt. Ein bisschen Schwerkraft braucht es schon, um festzustellen, was oben und unten ist. 

Zurück zu Gewohnheiten und Marotten. Lieb gewonnene Gewohnheiten sind also Marotten. Für Waltraut ist eine lieb gewonnene Gewohnheit, dass sie immer an der dritten Laterne in unserer Straße das Bein hebt. Bis heute hat ihr niemand gesagt, dass Weibchen nicht das Bein heben, um sich zu erleichtern, aber ist ja auch egal. Es hat ihr ja auch noch keiner beigebracht, bis drei zu zählen. Trotzdem macht sie es. Warum? Keine Ahnung! Entscheidend ist, dass sie immer an der dritten Laterne innehält aus welchen Gründen auch immer. Meinetwegen könnte sie dort auch einen Rosenkranz beten, wobei ich natürlich nicht die Rosenkranz-Beter unter uns beleidigen möchte, sondern damit nur sagen wollte, dass es mir egal ist, warum Waltraut an der dritten Laterne innehält. 

Eine meiner Marotten ist, stundenlang meine Lesebrille zu suchen und dabei nicht zu merken, dass sie oben auf meiner Stirn sitzt – sehr zur Belustigung von Waltraut, die mir natürlich nicht sagt, dass sie die ganze Zeit auf meinem Kopf sitzt, sich aber dabei köstlich amüsiert und leise in sich hinein grinst. Waltraut ließ mich dann stets ein Backrezept vorlesen und als ich – indem ich für`s Lesen meinen Kopf leicht nach vorne neigte – dann Wunder, oh Wunder wieder meine Lesebrille auf der Nase hatte, mussten wir uns darüber beide kaputt lachen. Marotten machen einen aus und man muss sie mit Humor nehmen können. Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Klimawandel 

Der Klimawandel hatte zumindest für Ernesto etwas Gutes. Während alle Welt unter zunehmender Hitze stöhnte, genoss er sein Leben in der Sonne in dem Pool auf unserem Balkon. Für ihn hätte es durchaus noch einige Grad wärmer sein können, aber aus Rücksicht auf ältere Menschen war es okay so. Ihm selbst konnte es gar nicht warm genug sein. Also wäre als logische Schlussfolgerung daraus gewesen, dass die ganze Welt nur noch eine Klimazone sein sollte. Das stand aber weder bei der UNO noch sonst irgendwo zur Diskussion. 

Ich hatte ja schon Probleme aufgrund der Höhe unseren Balkon zu betreten, einzig die Fürsorge für Ernesto ließ mich gelegentlich mal auf den Balkon gehen. Höhenangst war eine andere Sache, die mit der Zeit unbedingt von mir bewältigt werden müsste. Für mich war die Hitze unerträglich, sodass Ernesto in seiner Begeisterung für die Hitze gebremst wurde. Er merkte, dass sie mir nicht ganz so gut tat und ich regelmäßig für Abkühlung sorgen musste. Ernestos Tipp mit den Hakle-Feucht-Tüchern war für mich nicht ganz so sinnig, zumal es extrem bescheuert aussah und unangenehm roch. Aber mit Wasser angefeuchtete Lappen und Tücher brachten auch mir Abkühlung. 

Zu Hoch-Zeiten, also im Hoch-Sommer, war unsere gesamte Wohnung in jedem Raum mit einem Ventilator ausgestattet, nur die Zimmer von Ernesto blieben davon ausgespart, er brauchte ja keine Abkühlung. Die Ventilatoren verrichteten ihr Werk auf sehr angenehme Weise, weil sie das Raumklima mit den vorgehängten nassen Lappen doch beträchtlich herunterkühlten. Auch die zunehmende Bepflanzung der Innenstädte sorgte dafür, dass versiegelte Flächen jetzt wieder von Pflanzen bewohnt wurden und dies für Kühlung sorgte. 

Im Kampf gegen die zunehmende Hitze hatte ich noch die Idee, nasse Unterhemden zu tragen. Das war aber auch nur bedingt praktikabel, also nur dann, wenn man sonst nichts mehr vorhatte. Die nassen Unterhemden sorgten dafür, dass die darüber getragenen Oberhemden oder T-Shirts mit der Zeit auch durchnässt wurden und man sah stets durchgeschwitzt aus. Was richtig gut aussah, waren nasse Hüte, aber die Redewendung „Hast du `nen nassen Hut auf?“ hielt mich davon ab, dann doch einen selbigen aufzusetzen, auch wenn es angenehm kühl war. 

Ich fürchte, den Klimawandel als solchen kann man jetzt nur noch bedingt aufhalten, wir können uns nur an das Klima anpassen, das wir verursacht haben. 

Herr Müller sieht die Welt

Heizdecke 

An einem dieser kalten Wintertage, sofern wir die überhaupt noch haben, aber jedenfalls für eine Schildkröte kalt, sah Ernesto im Werbefernsehen das Angebot für eine Heizdecke und wollte unbedingt eine bestellen. Nachdem er alle Unwägbarkeiten aus dem Weg geräumt hatte (sprich es war klar, dass ich das Postpaket in Empfang nehmen würde), bestellte Ernesto sich eine Heizdecke. 

Diese war auch zunächst ganz toll, verrichtete ihren Dienst ohne Probleme. Erst als Ernesto längere Zeit auf ihr lag, zeigte sich, dass die Decke wohl etwas zu heiß war. Jedenfalls, wenn er auf der Heizdecke saß, heizte diese seinen Panzer und ihn zu sehr auf. Besser war es, wenn sie nur über ihn gelegt wurde, dann war alles gut. Saß er aber auf ihr drauf, entwickelte sie zu viel Hitze. 

Teleshopping war ja überhaupt Ernestos Ding. Fasziniert saß er stundenlang vor dem Fernseher und sah sich Teleshopping begeistert an. Da er jetzt auch über ein Girokonto verfügte, konnte er selbst bestellen, aber nicht grenzenlos, sondern nur bis sein Konto leer war, wie ich schonmal berichtete. Teleshopping und Schildkröten passen auch von ihrer Natur nicht zusammen. Schildkröten als Konsumenten sind zwar ein dankbarer Abnehmer, aber auf den zweiten Blick auch Meister der Retouren. 

Teleshopping ohne Grenzen war eine seiner politischen Forderungen. Er hatte zunächst keine Partei gefunden, die das in ihrem Wahlprogramm stehen hatte. Ernestos politische Forderungen fanden ihren Rückhalt zumeist bei kleineren, unbekannten Parteien. Dort war er zwar ein gern gesehener Wähler, aber die Partei war mit 0,8% auch nicht ausschlaggebend für die Wahl. Er musste schon größere Parteien von der Dringlichkeit seiner Themen überzeugen, damit diese ins Wahlprogramm aufgenommen wurden. Nach langem Hin und Her fand er endlich bei den Grünen eine politische Heimat. Denen war Ernestos ständiges Generve langsam zu bunt und so fanden seine Forderungen Eingang in ihr Parteiprogramm. Nur das Teleshopping ohne Grenzen musste ein wenig der Grünen Programmatik angepasst werden. Andere Forderungen fanden hingegen uneingeschränkte Zustimmung, zum Beispiel Öffis für alle, Salatgurken gegen den Krieg (kein Mensch weiß welcher Krieg und wo) und breitere Radwege. 

Festzuhalten bleibt: Heizdecken sind für Schildkröten mit Vorsicht zu genießen und werden am besten mit Solarstrom betrieben. 

Kowalski lebt

Steckdose 

Steckdosen waren ein Mysterium, lieferten sie doch versteckte Energie, die erst zum Vorschein kam, wenn man ein paar Stecker in die Steckdosen steckte. Dessen war Waltraut nicht mächtig, aber die Wirkung von Strom war ihr durchaus geläufig – spätestens als einmal eine Blumenvase unseren Küchenboden flutete und die gesamte Küche dann unter Strom setzte, dadurch dass eine Stehlampe im Wasser stand. 

Der Versuch von Waltraut, sich in dieser Situation spaßeshalber eine Glühbirne in den Mund zu stecken und dann über den elektrifizierten Fußboden zu laufen, in der Hoffnung die Birne würde leuchten, gelang. Die glühende Birne und das sanfte Kribbeln in ihrem Körper machten für Waltraut den Strom außerhalb der Steckdose erlebbar und versetzte ihr zusätzlich einen Kick. Da ich ja ansonsten kein Freund von außerordentlichen Kicks bin, war das aber auch genug. Mehr Kick brauchte kein Mensch und kein Tier. 

Waltraut fand Kicks toll, so fuhr sie für ihr Leben gern Achterbahn – ich ja nicht so. Da es bei uns solcherlei Vergnügungen nicht in nächster Nähe gab, musste sie immer warten, bis wir in einem Vergnügungspark waren, der solcherlei Vergnügungen anbot, weil Achterbahnen auf Rummelplätzen waren selbst Waltraut zu riskant. Ihr permanenter Auf- und Abbau schien ihr ein Quell der Unsicherheit zu sein. Das größte Problem war immer, wie Waltraut in der Achterbahn angeschnallt werden konnte. Bei mir auf dem Schoß mitzufahren, war mir doch zu unsicher. Irgendwann gingen wir dazu über, ein extra Kissen für Waltraut anfertigen zu lassen, dass sie sicher im Bügel hielt. Außerdem musste ich immer kotzen, wenn ich Achterbahn fuhr, von daher war ich als Mitfahrer ausgeschlossen, das war selbst Waltraut zu eklig und für mich eine enorme Erleichterung. 

Zurück zu den Steckdosen: Versteckter Strom war für Waltraut nach wie vor ein Mysterium trotz ihrer bereits erwähnten Erfahrungen. Vielleicht fand sie es auch nur doof, keine Stecker in die Steckdosen stecken zu können, sondern dabei immer auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Die Fähigkeit das genau artikulieren zu können muss unsereins wohl erst von einem Tier vorgeführt werden. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Blechspielzeug 

Endlich kam Ernesto auch mal in den Genuss des Fahrens mit offenem Fenster, konnte so den Ellenbogen aus dem Fenster lehnen und das Auto mit einer Hand steuern. Nach einiger Übung konnte er dies sogar fast unfallfrei. Dass sein Auto den Crazy Crashers, dem Kinderspielzeug aus den 80er Jahren glich, musste er in Kauf nehmen. Gott sei Dank handelte es sich ja nur um sein Blechspielzeugauto und nicht um sein ferngesteuertes Auto, zumal sein Ellenbogen dann dicker hätte gepolstert werden müssen. Dass sein Blechauto immer auf meinem Fahrradanhänger geparkt werden musste, war unvermeidlich und erschwerte seine Selbstständigkeit, aber zumindest war das ein guter Anfang. So konnte er gefahrenlos den Ellenbogen aus dem Fenster halten und den dicken Macker markieren, auch wenn sein Spielzeugauto nur auf meinem Fahrradanhänger geparkt war, das hielt ihn nicht davon ab, cool wirken zu wollen. 

Seine Bemühungen um ein cooles Outfit wurde von einer ausgefallenen Sonnenbrille getoppt. Und nun war es nicht gerade ein alltägliches Bild, eine Schildkröte mit Sonnenbrille im offenen Cabrio auf einem Fahrradanhänger zu sehen, sodass Ernestos Bekanntheit, die bei uns im Kiez ohnehin schon hoch war, noch gesteigert wurde. 

Jedes Mal, wenn Ernesto in seinem Auto an unserer Eisdiele vorfuhr – bzw. ich mit ihm – kreischten seine Fans und sorgten für Tumulte. Der Eisverkäufer überlegte schon, eine Eissorte speziell für Ernesto zu kreieren, aber bei der Namensgebung hatten er und wir Probleme, sollte doch die individuelle Note der Eissorte im Vordergrund stehen. Die Farbigkeit der Eissorte sah außerdem ganz schön igitt aus: blau, braun und gelb (Schlumpfeis, Schoko und Vanille) ergaben keinen schönen Farbton und so gab es halt kein Ernesto-Eis. Der Eismatscher profitierte dennoch von Ernestos Ruhm. Die Fangemeinde von Ernesto ließ sich regelmäßig in der Eisdiele nieder und erwartete das Erscheinen ihres Messias. Der Vorteil für uns war, dass wir umsonst Eis und Cappuccino bekamen, weil die Fans für mehr Umsatz sorgten. 

Manchmal darf man bei der Götzenverehrung nicht die eigenen Bedürfnisse vergessen. Ernesto und ich konnten jedenfalls von jetzt ab Eis und Cappuccino bis zum Umfallen genießen. 

Herr Müller sieht die Welt

Fitnessstudio 

Ernesto liebte Laufbänder, aber leider gab es diese nur selten mit der Geschwindigkeit „Schildkröte“. Also mussten wir selbst tätig werden, ihn ins Laufen zu kriegen. 

Da bot sich ein verstärktes und leicht vergrößertes Hamsterrad an. Ernesto konnte so laufen bis der Arzt kommt. Leider kam dann auch der Arzt und stellte bei Ernesto eine starke Erschöpfung fest. Wir mussten also kürzer treten im Hamsterrad, aber nach einiger Zeit hatten wir auch diese Hürde gemeistert. Hanteln und Gewichte waren nicht Ernestos Ding, von daher blieb nur die Anpassung des Hamsterrads zum Laufband. Manchmal half uns auch der schon erwähnte Trimm-Dich-Pfad zur Erhaltung und Steigerung von Ernestos Fitness, aber da dieser von ihm nur im Sommer genutzt werden konnte, benutzte er eben im Winter das Laufrad als sein Fitnessstudio. Alle Schildkröten in unserer Nachbarschaft, Ernie und Bert erst recht, blickten voller Neid auf Ernestos Ertüchtigungsraum. 

Hamsterräder müssen ja nicht unbedingt Ausdruck von Monotonie sein, auch wenn es oft als Synonym dafür gilt. Für Ernesto bedeutete es die größtmögliche Freiheit. Sein Bewegungsdrang, der zugegebenermaßen erst einmal von mir angefacht werden musste, konnte so gestillt werden. 

Nachdem wir das Laufband nun mit Schildkrötengeschwindigkeit betreiben konnten, ging es nun daran, andere Möglichkeiten zu finden, Ernesto eine gewisse Fitness zuteilwerden zu lassen. Hanteln schieden aus, weil die hätte man ja festhalten können müssen. Da Schildkröten aber nicht über Hände verfügten, mussten wir uns andere Fitnessgeräte einfallen lassen. Da das Problem mit den mangelnden Händen entscheidend war, blieb uns nur, sämtliche Fitnessübungen auf das Stemmen des eigenen Körpergewichts zu beschränken, mit anderen Worten er musste Kniebeugen, mal mit den hinteren, mal mit den vorderen Extremitäten bewerkstelligen. Nach einiger Zeit stellte sich dann aber das Problem, dass er seine Extremitäten vor lauter Muskelmasse nicht mehr in den Panzer ziehen konnte. 

Dieses sei als Warnung für alle Pumper gedacht: Manchmal lohnt der Einsatz von ein wenig Hirnschmalz. Dicke Muskeln alleine reichen halt nicht. 

Kowalski lebt

Fußmatten 

Der Sinn und Zweck von Fußmatten war Waltraut lange Zeit unbekannt, außer des stetem Anlasses zum Stolpern hatten sie doch nichts, was ihr einsichtig war. Freundliche Begrüßungen, die dem Besucher zum Hereinkommen und Verweilen in der Wohnung ermunterten, waren häufig gefundene Beschriftungen von Fußmatten. Von daher waren Fußmatten wie Postkarten: mit Abstand zu lesen. 

Der eigentliche Sinn der Fußmatten trat immer häufiger in den Hintergrund, dienten sie doch dem Zweck, Auskunft über den Bewohner zu vermitteln. Oft genug waren Fußmatten bloßes Mittel zum Zweck. Die Botschaft der Fußmatte ging dann oft unter bzw. es gab gar keine. Falls die Fußmatte keine Botschaft enthielt, verbarg sich dahinter zumeist ein blasser Bewohner einer Mietskaserne. So ein bisschen Individualität repräsentiert durch die Fußmatte kann man ja wohl von jedem erwarten. Leider gab es noch keine geblümten Fußmatten, jedenfalls haben wir noch keine gefunden. Generell kamen Fußmatten eher uni daher, also einfarbig. 

Unsere gestreifte Fußmatte war auch nicht jedermanns Sache, zumal die Regenbogenfahne als Fußmatte doch eher zum Nachdenken anregte. Man hätte sie vielleicht missverstehen können bzw. annehmen können, dass man sich mit ihrer Hilfe die Schuhe saubermachen sollte. Aber das war gar nicht unsere Intention, sondern die Aussage war eher an Ludwig XIV. angelehnt, der da sagte: Jeder nach seiner Fasson. Der Spruch wurde von uns hinzugefügt, sodass unsere Fußmatte eine individuelle Note bekam. So war dann aber auch genug Individualität in unser Treppenhaus getragen. Damit stach unsere Fußmatte, alleine aufgrund ihrer Farbigkeit, gegenüber den anderen Fußmatten in unserem Treppenhaus hervor. Der stete Anlass zum Stolpern konnte nicht gänzlich beseitigt werden, aber zumindest war jetzt klar, dass mit der Wahl der Fußmatte immer auch eine Botschaft verbreitet werden sollte. Der Inhalt der Botschaft war genau wie die Wahl der Fußmatte höchst individuell. 

Die Wahl der Fußmatte sollte zwar individuell sein, aber sich dennoch den Gepflogenheiten des Treppenhauses anpassen. Waltraut war es egal, worüber sie stolperte. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Irre für Anfänger 

In der aktuellen Tageszeitung wurde mal wieder von einem durchgeschossenen Amokläufer berichtet. Ernesto zeigte sich verunsichert, sah zu mir auf und fragte mich: „Wird denn der Wahnsinn jetzt Normalität?“ Verdutzt über diese Fragestellung, begann ich, mir so meine Gedanken zu machen. 

Also wenn man mal in die Tagespolitik guckt, könnte man schon diesen Eindruck bekommen. Da braucht es schon viel Zuversicht und einen festen moralischen Kodex, um standhaft zu bleiben. Leicht ist man versucht, den vermeintlich leichtesten Antworten oder Erklärungen Recht zu geben. Erst bei genauerem Hinsehen stellt man fest: Oh, oh, upsala! So korrekt sind diese Antworten wohl doch nicht. 

Wenn zum Beispiel Herr Yilmaz sagt, dass Gurken aus Holland die billigsten sind, kann man nur sagen: Natürlich sind sie das! Aber um welchen Preis? Sie kosten unendlich viel Wasser und das Wasser, das sie zur Herstellung benötigen, fehlt an anderen Orten. Dass sie vermeintlich die billigsten sind für den Konsumenten, spielt angesichts der Kosten, die sie für die Allgemeinheit verursachen, keine Rolle mehr. Das kann aber so nicht sein. 

Weg von den Gurken, hin zur Politik. Auch wenn man geneigt ist, diese auch in der Politik zu verorten. Hohe Zölle a la Trump sind zwar gut für die heimische Wirtschaft auf den ersten Blick, vergessen aber, dass Amerika nicht vom Welthandel isoliert agiert, sondern eben Teil desselbigen ist. Die vermeintlich hohen Zölle schützen zwar die heimische Wirtschaft, schlagen dann aber an anderer Stelle zu Buche. Was nützt es Amerika, wenn Produkte aus anderen Ländern teurer werden? Die Konsumenten also letztlich auf anderen Wegen die hohen Zölle mitzahlen müssen und damit die Gelackmeierten sind. „America first“ ist relativ kurz gedacht. Der Irrsinn wird also obsolet angesichts Trumps Zollpolitik. 

Die Amokläufe als Zeichen der Hilflosigkeit angesichts der totalen Überforderung sollten wohl eher mal zum Innehalten anregen. Dinge mit Abstand zu betrachten hilft manchmal und hier besonders. 

Ich erklärte Ernesto also, dass der Wahnsinn natürlich nicht Normalität sei, sondern die Ausnahme bleibe, man muss nur Geduld erlernen, denn viele Dinge erledigen sich dann von selbst.