Herr Müller sieht die Welt

Kino 

An so heißen Sommertagen gingen Ernesto und ich gerne in Kinos. Ich, weil sie durch die Klimaanlage angenehm temperiert waren, Ernesto, weil er großes Interesse am aktuellen Kinoprogramm hatte. Ihm konnte es ja bekanntlich gar nicht warm genug sein. 

Ernesto kam also in meine Hemdtasche. Seine Kommentare zum jeweiligen Film brauchte kein Mensch, aber wenn`s nunmal rausmusste, ließ ich ihn reden. Seine Kommentare waren manchmal relativ peinlich und da die Menschen glaubten, ich hätte gesprochen, trieb es mir die Schamesröte manchmal ins Gesicht. Hoch dramatische Filme wurden mit niederschmetternden Kommentaren bedacht. Zu langweilige Filme wegen der Länge kritisiert. Ich überlegte ernsthaft, Ernesto nicht mehr mitzunehmen. Diese Art der Bestrafung schien mir dann aber doch zu drakonisch zu sein. 

Sein Kommentar zum Film Titanic war, dass das ja wohl in der Jetztzeit wegen des Klimawandels nicht mehr zu einer realistischen Gefahr werden würde. Weil wegen des Klimawandels keine Eisberge mehr auf offener See schwimmen würden, folglich auch keine Schiffe mehr mit ihnen kollidieren können. Die ganze Thematik sei also mehr historisch. Aber für einen Historienfilm sei er gar nicht schlecht gemacht. Die darum herum gesponnene Liebesgeschichte war nicht so seins, aber er nahm es hin. Nicht zuletzt war er großer Fan von Leonardo DiCaprio und musste unbedingt alle Filme, in denen er mitspielte, sehen. 

Dass in Kinos gern genommene Popcorn war natürlich neben dem zu kommentierenden Film das beste Argument für einen Kinobesuch. Popcorn entwickelte sich alsbald zu Ernestos Lieblingsessen. Nur die ganzen Körner, die eben nicht aufgepoppt waren, aber sich dennoch mit in der Tüte befanden, ließen Ernesto bei dem Verzehr seines Popcorns die nötige Vorsicht wahren. Es war jetzt nur die Frage, ob Ernesto süßes oder salziges Popcorn bevorzugte. Je nach Film entschied er diese Wahl. Filme wie Titanic waren eher geeignet für die süße Variante, Filme wie Star Wars eher für die salzige. 

Die Auswahl des Filmes war mit Hilfe des dazugehörigen Popcorns immer schnell getroffen. Das aktuelle Kinoprogramm war also auf die Frage nach süßem oder salzigem Popcorn reduziert. Wären doch alle Entscheidungen so leicht zu lösen wie diese. 

Herr Müller sieht die Welt

Wackelpudding 

Es war, glaub ich, vorgestern oder gestern, auf jeden Fall nicht heute: Auf seinen Streifzügen durch unsere Wohnung entdeckte Ernesto in einer der hintersten Ecken unseres Kühlschranks eine Glasschale mit Wackelpudding, auch Götterspeise genannt. 

Fasziniert von diesem, von dessen Glibberigkeit, zeigte Ernesto darauf und war begeistert. Als ich ihm dann aber erklärte, woraus Wackelpudding gemacht wird, rümpfte er, sofern das geht, die Nase. Dieser wird nämlich überwiegend mit Gelatine aus Tier-Knochenmehl zubereitet. Das sei mal wieder typisch, dass so etwas wie Wackelpudding bei uns Menschen Götterspeise genannt werde, lamentierte Ernesto. Da konnte ich ihm kaum widersprechen, stellte sich doch für den Betrachter, erst recht tierischer Herkunft, das menschliche Nahrungs-Portfolio als ziemlich brutal dar. 

Zu meiner und Ernestos Erleichterung konnte Wackelpudding aber auch vegan hergestellt werden mit Agar-Agar. Dieser Ersatzstoff sorgte für die nötige Glibberigkeit und war eben pflanzlichen Ursprungs. Der bekloppt klingende Name musste wohl so hingenommen werden. Überhaupt ziehen immer mehr Ersatzprodukte in unsere Küche ein, Fleisch wird auf jegliche Weise imitiert. Im Zuge der Veganisierung unserer Küche bin ich bemüht, tierische Produkte zu ersetzen. Eigentlich macht die Suche nach Ersatzprodukten einem erst bewusst, wie oft man zu tierischen Produkten greift, obwohl das gar nicht nötig wäre. Ernesto aß ja eh am liebsten Gemüse aller Art. Erst recht, seitdem er bei Herrn Yilmaz das reichhaltige Angebot der Gemüsetheke zu kennen und schätzen gelernt hat. Genauso wie man vielen tierischen Produkten nicht ansah, dass sie eben nicht vegetarisch waren, sah man aber auch vielen pflanzlichen Produkten nicht an, dass sie eben rein pflanzlich waren. 

Um Irrtümern vorzubeugen, sei hier mal gesagt, ich esse gerne Fleisch, aber gutes Fleisch, gut für den Esser und gut in der Haltung. Gut heißt gesund. Ernesto bevorzugte Gemüse und konnte damit bestimmt glücklich werden. Wie man sieht, macht eine Wertung hier gar keinen Sinn. Manche mögen Fleisch, manche nicht, Punkt! Vielleicht wäre die Menschheit mehr beglückt von mehr gegenseitiger Toleranz, egal ob Vegetarier, Veganer, Flexitarier oder was auch immer. Ernesto genoss seinen Wackelpudding jedenfalls auch weiterhin, nur eben jetzt vegan mit Agar-Agar. 

Herr Müller sieht die Welt

Ovomaltine

Normaler Kaffee hatte auf Ernesto eine viel zu anregende Wirkung, von daher suchte er verzweifelt Ersatz für den Kick des Kaffees. Er fand ihn zumindest geschmacklich bei Ovomaltine und Caro Kaffee. Die Wirkung des Kaffees war jetzt wie gewünscht, nicht mehr explosiv, sondern im Chillmodus. Das widersprach natürlich der angedachten Wirkung von Kaffee, weil eine merkliche Steigerung seiner Leistungsfähigkeit war schwer feststellbar. Aber im Gegensatz zu Traubenzucker, das ja nun nachweislich keine positiven Auswirkungen auf Ernesto hatte, war die Wirkung von Ersatzkaffee für Ernesto eher positiver Natur. 

Ovomaltine war jetzt neben dem gewöhnlichen Pulver zum Einrühren in Milch seit neuestem (jedenfalls von mir bemerkt) auch als Brotaufstrich zu erhalten, der war gar nicht so unlecker. 

Für konservative Gemüter war dies freilich nix, da musste man schon „open-minded“ sein, wie der Volksmund so schön sagt. Ein Brotaufstrich ähnlich wie Nutella war sicherlich zunächst gewöhnungsbedürftig, konnte dann aber in seiner Dauerhaftigkeit auch den letzten Frühstücks-Paranoiker überzeugen. Ovomaltine begegnete einem ja nun auf dem Frühstücksbrötchen, das muss man erstmal begreifen. 

Die Wahl der dazu passenden Brötchen war keine einfache. Nach einigen Versuchen legte ich mich auf Mohnbrötchen fest. Sie umschmeichelten meinen Gaumen in Kombination mit Ovomaltine am angenehmsten. Normale Brötchen oder Mehrkornbrötchen konnten da nicht mithalten. Ernesto mochte Ovomaltine als Brotaufstrich am liebsten mit Sesambrötchen, Mohn war ihm in seiner Aussage zu absolut und erinnerte ihn viel zu sehr an die Mohnplantagen in Afghanistan, wobei die ja wohl einem anderen Zweck dienten. 

Bei der Wahl der geeigneten Brötchen half uns nicht zuletzt unser Bäcker im Kiez. Die von ihm vorgeschlagenen Hanfbrötchen erinnerten zu stark an Vollkornbrötchen, außerdem konnte für ihre Herstellung nur Nutzhanf verwendet werden. Damit schmeckten sie ein bisschen wie Trill, das Vogelfutter, da aber die Anzahl der Brötchen kaufende Wellensittiche gering war, entschieden der Bäcker und wir, die Auswahl der Brötchen doch nur auf Mohn und Sesam zu beschränken. 

Ovomaltine wurde von Ernesto also nun nicht nur als Kaffee-Ersatz getrunken, sondern konnte von ihm auch auf seinen Lieblingsbrötchen genossen werden. 

Herr Müller sieht die Welt

Klimawandel 

Der Klimawandel hatte zumindest für Ernesto etwas Gutes. Während alle Welt unter zunehmender Hitze stöhnte, genoss er sein Leben in der Sonne in dem Pool auf unserem Balkon. Für ihn hätte es durchaus noch einige Grad wärmer sein können, aber aus Rücksicht auf ältere Menschen war es okay so. Ihm selbst konnte es gar nicht warm genug sein. Also wäre als logische Schlussfolgerung daraus gewesen, dass die ganze Welt nur noch eine Klimazone sein sollte. Das stand aber weder bei der UNO noch sonst irgendwo zur Diskussion. 

Ich hatte ja schon Probleme aufgrund der Höhe unseren Balkon zu betreten, einzig die Fürsorge für Ernesto ließ mich gelegentlich mal auf den Balkon gehen. Höhenangst war eine andere Sache, die mit der Zeit unbedingt von mir bewältigt werden müsste. Für mich war die Hitze unerträglich, sodass Ernesto in seiner Begeisterung für die Hitze gebremst wurde. Er merkte, dass sie mir nicht ganz so gut tat und ich regelmäßig für Abkühlung sorgen musste. Ernestos Tipp mit den Hakle-Feucht-Tüchern war für mich nicht ganz so sinnig, zumal es extrem bescheuert aussah und unangenehm roch. Aber mit Wasser angefeuchtete Lappen und Tücher brachten auch mir Abkühlung. 

Zu Hoch-Zeiten, also im Hoch-Sommer, war unsere gesamte Wohnung in jedem Raum mit einem Ventilator ausgestattet, nur die Zimmer von Ernesto blieben davon ausgespart, er brauchte ja keine Abkühlung. Die Ventilatoren verrichteten ihr Werk auf sehr angenehme Weise, weil sie das Raumklima mit den vorgehängten nassen Lappen doch beträchtlich herunterkühlten. Auch die zunehmende Bepflanzung der Innenstädte sorgte dafür, dass versiegelte Flächen jetzt wieder von Pflanzen bewohnt wurden und dies für Kühlung sorgte. 

Im Kampf gegen die zunehmende Hitze hatte ich noch die Idee, nasse Unterhemden zu tragen. Das war aber auch nur bedingt praktikabel, also nur dann, wenn man sonst nichts mehr vorhatte. Die nassen Unterhemden sorgten dafür, dass die darüber getragenen Oberhemden oder T-Shirts mit der Zeit auch durchnässt wurden und man sah stets durchgeschwitzt aus. Was richtig gut aussah, waren nasse Hüte, aber die Redewendung „Hast du `nen nassen Hut auf?“ hielt mich davon ab, dann doch einen selbigen aufzusetzen, auch wenn es angenehm kühl war. 

Ich fürchte, den Klimawandel als solchen kann man jetzt nur noch bedingt aufhalten, wir können uns nur an das Klima anpassen, das wir verursacht haben. 

Herr Müller sieht die Welt

Heizdecke 

An einem dieser kalten Wintertage, sofern wir die überhaupt noch haben, aber jedenfalls für eine Schildkröte kalt, sah Ernesto im Werbefernsehen das Angebot für eine Heizdecke und wollte unbedingt eine bestellen. Nachdem er alle Unwägbarkeiten aus dem Weg geräumt hatte (sprich es war klar, dass ich das Postpaket in Empfang nehmen würde), bestellte Ernesto sich eine Heizdecke. 

Diese war auch zunächst ganz toll, verrichtete ihren Dienst ohne Probleme. Erst als Ernesto längere Zeit auf ihr lag, zeigte sich, dass die Decke wohl etwas zu heiß war. Jedenfalls, wenn er auf der Heizdecke saß, heizte diese seinen Panzer und ihn zu sehr auf. Besser war es, wenn sie nur über ihn gelegt wurde, dann war alles gut. Saß er aber auf ihr drauf, entwickelte sie zu viel Hitze. 

Teleshopping war ja überhaupt Ernestos Ding. Fasziniert saß er stundenlang vor dem Fernseher und sah sich Teleshopping begeistert an. Da er jetzt auch über ein Girokonto verfügte, konnte er selbst bestellen, aber nicht grenzenlos, sondern nur bis sein Konto leer war, wie ich schonmal berichtete. Teleshopping und Schildkröten passen auch von ihrer Natur nicht zusammen. Schildkröten als Konsumenten sind zwar ein dankbarer Abnehmer, aber auf den zweiten Blick auch Meister der Retouren. 

Teleshopping ohne Grenzen war eine seiner politischen Forderungen. Er hatte zunächst keine Partei gefunden, die das in ihrem Wahlprogramm stehen hatte. Ernestos politische Forderungen fanden ihren Rückhalt zumeist bei kleineren, unbekannten Parteien. Dort war er zwar ein gern gesehener Wähler, aber die Partei war mit 0,8% auch nicht ausschlaggebend für die Wahl. Er musste schon größere Parteien von der Dringlichkeit seiner Themen überzeugen, damit diese ins Wahlprogramm aufgenommen wurden. Nach langem Hin und Her fand er endlich bei den Grünen eine politische Heimat. Denen war Ernestos ständiges Generve langsam zu bunt und so fanden seine Forderungen Eingang in ihr Parteiprogramm. Nur das Teleshopping ohne Grenzen musste ein wenig der Grünen Programmatik angepasst werden. Andere Forderungen fanden hingegen uneingeschränkte Zustimmung, zum Beispiel Öffis für alle, Salatgurken gegen den Krieg (kein Mensch weiß welcher Krieg und wo) und breitere Radwege. 

Festzuhalten bleibt: Heizdecken sind für Schildkröten mit Vorsicht zu genießen und werden am besten mit Solarstrom betrieben. 

Herr Müller sieht die Welt

Blechspielzeug 

Endlich kam Ernesto auch mal in den Genuss des Fahrens mit offenem Fenster, konnte so den Ellenbogen aus dem Fenster lehnen und das Auto mit einer Hand steuern. Nach einiger Übung konnte er dies sogar fast unfallfrei. Dass sein Auto den Crazy Crashers, dem Kinderspielzeug aus den 80er Jahren glich, musste er in Kauf nehmen. Gott sei Dank handelte es sich ja nur um sein Blechspielzeugauto und nicht um sein ferngesteuertes Auto, zumal sein Ellenbogen dann dicker hätte gepolstert werden müssen. Dass sein Blechauto immer auf meinem Fahrradanhänger geparkt werden musste, war unvermeidlich und erschwerte seine Selbstständigkeit, aber zumindest war das ein guter Anfang. So konnte er gefahrenlos den Ellenbogen aus dem Fenster halten und den dicken Macker markieren, auch wenn sein Spielzeugauto nur auf meinem Fahrradanhänger geparkt war, das hielt ihn nicht davon ab, cool wirken zu wollen. 

Seine Bemühungen um ein cooles Outfit wurde von einer ausgefallenen Sonnenbrille getoppt. Und nun war es nicht gerade ein alltägliches Bild, eine Schildkröte mit Sonnenbrille im offenen Cabrio auf einem Fahrradanhänger zu sehen, sodass Ernestos Bekanntheit, die bei uns im Kiez ohnehin schon hoch war, noch gesteigert wurde. 

Jedes Mal, wenn Ernesto in seinem Auto an unserer Eisdiele vorfuhr – bzw. ich mit ihm – kreischten seine Fans und sorgten für Tumulte. Der Eisverkäufer überlegte schon, eine Eissorte speziell für Ernesto zu kreieren, aber bei der Namensgebung hatten er und wir Probleme, sollte doch die individuelle Note der Eissorte im Vordergrund stehen. Die Farbigkeit der Eissorte sah außerdem ganz schön igitt aus: blau, braun und gelb (Schlumpfeis, Schoko und Vanille) ergaben keinen schönen Farbton und so gab es halt kein Ernesto-Eis. Der Eismatscher profitierte dennoch von Ernestos Ruhm. Die Fangemeinde von Ernesto ließ sich regelmäßig in der Eisdiele nieder und erwartete das Erscheinen ihres Messias. Der Vorteil für uns war, dass wir umsonst Eis und Cappuccino bekamen, weil die Fans für mehr Umsatz sorgten. 

Manchmal darf man bei der Götzenverehrung nicht die eigenen Bedürfnisse vergessen. Ernesto und ich konnten jedenfalls von jetzt ab Eis und Cappuccino bis zum Umfallen genießen. 

Herr Müller sieht die Welt

Fitnessstudio 

Ernesto liebte Laufbänder, aber leider gab es diese nur selten mit der Geschwindigkeit „Schildkröte“. Also mussten wir selbst tätig werden, ihn ins Laufen zu kriegen. 

Da bot sich ein verstärktes und leicht vergrößertes Hamsterrad an. Ernesto konnte so laufen bis der Arzt kommt. Leider kam dann auch der Arzt und stellte bei Ernesto eine starke Erschöpfung fest. Wir mussten also kürzer treten im Hamsterrad, aber nach einiger Zeit hatten wir auch diese Hürde gemeistert. Hanteln und Gewichte waren nicht Ernestos Ding, von daher blieb nur die Anpassung des Hamsterrads zum Laufband. Manchmal half uns auch der schon erwähnte Trimm-Dich-Pfad zur Erhaltung und Steigerung von Ernestos Fitness, aber da dieser von ihm nur im Sommer genutzt werden konnte, benutzte er eben im Winter das Laufrad als sein Fitnessstudio. Alle Schildkröten in unserer Nachbarschaft, Ernie und Bert erst recht, blickten voller Neid auf Ernestos Ertüchtigungsraum. 

Hamsterräder müssen ja nicht unbedingt Ausdruck von Monotonie sein, auch wenn es oft als Synonym dafür gilt. Für Ernesto bedeutete es die größtmögliche Freiheit. Sein Bewegungsdrang, der zugegebenermaßen erst einmal von mir angefacht werden musste, konnte so gestillt werden. 

Nachdem wir das Laufband nun mit Schildkrötengeschwindigkeit betreiben konnten, ging es nun daran, andere Möglichkeiten zu finden, Ernesto eine gewisse Fitness zuteilwerden zu lassen. Hanteln schieden aus, weil die hätte man ja festhalten können müssen. Da Schildkröten aber nicht über Hände verfügten, mussten wir uns andere Fitnessgeräte einfallen lassen. Da das Problem mit den mangelnden Händen entscheidend war, blieb uns nur, sämtliche Fitnessübungen auf das Stemmen des eigenen Körpergewichts zu beschränken, mit anderen Worten er musste Kniebeugen, mal mit den hinteren, mal mit den vorderen Extremitäten bewerkstelligen. Nach einiger Zeit stellte sich dann aber das Problem, dass er seine Extremitäten vor lauter Muskelmasse nicht mehr in den Panzer ziehen konnte. 

Dieses sei als Warnung für alle Pumper gedacht: Manchmal lohnt der Einsatz von ein wenig Hirnschmalz. Dicke Muskeln alleine reichen halt nicht. 

Herr Müller sieht die Welt

Irre für Anfänger 

In der aktuellen Tageszeitung wurde mal wieder von einem durchgeschossenen Amokläufer berichtet. Ernesto zeigte sich verunsichert, sah zu mir auf und fragte mich: „Wird denn der Wahnsinn jetzt Normalität?“ Verdutzt über diese Fragestellung, begann ich, mir so meine Gedanken zu machen. 

Also wenn man mal in die Tagespolitik guckt, könnte man schon diesen Eindruck bekommen. Da braucht es schon viel Zuversicht und einen festen moralischen Kodex, um standhaft zu bleiben. Leicht ist man versucht, den vermeintlich leichtesten Antworten oder Erklärungen Recht zu geben. Erst bei genauerem Hinsehen stellt man fest: Oh, oh, upsala! So korrekt sind diese Antworten wohl doch nicht. 

Wenn zum Beispiel Herr Yilmaz sagt, dass Gurken aus Holland die billigsten sind, kann man nur sagen: Natürlich sind sie das! Aber um welchen Preis? Sie kosten unendlich viel Wasser und das Wasser, das sie zur Herstellung benötigen, fehlt an anderen Orten. Dass sie vermeintlich die billigsten sind für den Konsumenten, spielt angesichts der Kosten, die sie für die Allgemeinheit verursachen, keine Rolle mehr. Das kann aber so nicht sein. 

Weg von den Gurken, hin zur Politik. Auch wenn man geneigt ist, diese auch in der Politik zu verorten. Hohe Zölle a la Trump sind zwar gut für die heimische Wirtschaft auf den ersten Blick, vergessen aber, dass Amerika nicht vom Welthandel isoliert agiert, sondern eben Teil desselbigen ist. Die vermeintlich hohen Zölle schützen zwar die heimische Wirtschaft, schlagen dann aber an anderer Stelle zu Buche. Was nützt es Amerika, wenn Produkte aus anderen Ländern teurer werden? Die Konsumenten also letztlich auf anderen Wegen die hohen Zölle mitzahlen müssen und damit die Gelackmeierten sind. „America first“ ist relativ kurz gedacht. Der Irrsinn wird also obsolet angesichts Trumps Zollpolitik. 

Die Amokläufe als Zeichen der Hilflosigkeit angesichts der totalen Überforderung sollten wohl eher mal zum Innehalten anregen. Dinge mit Abstand zu betrachten hilft manchmal und hier besonders. 

Ich erklärte Ernesto also, dass der Wahnsinn natürlich nicht Normalität sei, sondern die Ausnahme bleibe, man muss nur Geduld erlernen, denn viele Dinge erledigen sich dann von selbst. 

Herr Müller sieht die Welt

Busticket 

Naja, nun gut, der beste Witze-Erzähler war ich ja nicht. Trotzdem ließ ich es mir nicht nehmen, Ernesto den blöden Witz aus meiner Kindheit zu erzählen von dem Menschen, der eigentlich, immer wenn er Bus fuhr, ein Einzelticket hätte lösen müssen, aber nie eins löste und dennoch öfter Bus fuhr. Als er gefragt wurde, warum er kein Einzelticket löste, antwortete er: „Django (also er selbst) hat `ne Monatskarte“. Ernestos Reaktion war verhalten, ich fand es irre lustig. 

Unabhängig von meinem Witz fuhr Ernesto jetzt öfter mit dem Bus. Er fand das besonders cool, obwohl er zu Herrn Yilmaz nur 2 Stationen fahren musste, hätte also auch genauso gut zu Fuß gehen können. Er nutzte aber die Möglichkeit, um mit dem Bus durch die ganze Stadt zu fahren und erst auf dem Rückweg bei Herrn Yilmaz auszusteigen. Ernesto legte großen Wert auf eine angemessene Begrüßung. Wie ein Weltreisender stieg er aus dem Bus und erwartete ein großes Empfangskomitee. Da dies zumeist ausblieb, begnügte er sich mit einem einfachen „Hallo“ von Herrn Yilmaz. 

Der Busfahrer wunderte sich über Ernestos Touren im Bus gar nicht mehr, weil er sich daran gewöhnt hatte, dass Ernesto – besonders bei schönem Wetter – bei ihm mitfuhr. Die Bedeutung der Öffis für Ernesto war weitreichend, ermöglichte sie ihm doch die selbstständige Erkundung der ganzen Stadt. 

Ernesto lernte das Angebot der Öffis so zu schätzen, auch wenn bei hohen Temperaturen und vielen Mitfahrern ein unangenehmer Schweißgeruch mitfuhr. Aber den lernte Ernesto gegebenenfalls zu ignorieren. Er ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen: „Öffis fahren ist wie wenn `ste fliegst“. Was er damit meinte, ist mir nach wie vor unklar. Ich glaube, er war einfach begeistert davon Bus zu fahren. Ein so großes Auto hatten ja nun die wenigsten und auch wenn es nicht sein eigenes war, so war doch der Auftritt mit so einem Riesengefährt jedes Mal ein imposanter. Hinzu kam noch, dass Ernesto jedes Mal, wenn er Bus fuhr, hinter der Windschutzscheibe beim Busfahrer mitfahren durfte. Dort wartete ein Kissen extra für ihn. So verbanden sich großartiger Komfort mit einer herrlichen Rundum-Sicht. 

Nachdem ich mit meinem blöden Witz bei Ernesto nicht landen konnte, fand er zumindest die Idee mit der Monatskarte gut. Ernesto konnte jetzt also voller Stolz auch sagen: „Ernesto hat `ne Monatskarte!“. 

Herr Müller sieht die Welt

Zollstock 

So ein Zollstock ist ja eigentlich denkbar ungünstig für eine Schildkröte, war er doch viel zu unhandlich. Ernesto hatte nun die Idee, die Vernietungen der einzelnen Glieder des Zollstockes zu entfernen und mit den einzelnen Teilstücken des Zollstockes Dinge auszumessen. Das sah komisch aus, so eine Schildkröte mit den Einzelteilen des Zollstockes auf dem Rücken, aber egal. Zur Vermessung von Dingen legte Ernesto die Einzelteile des Zollstockes hintereinander und erhielt so das Maß der Dinge. Bei Sturm oder Erdbeben konnte das natürlich nicht stattfinden, weil dann die Teilstücke ungenau messen würden. Da aber Erdbeben in unseren Breiten relativ selten waren und Stürme nicht so stark ausfielen, dass sie Messarbeiten gefährden konnten, konnte das erwünschte Ziel von ihm erreicht werden. 

Dass er mit den Teilstücken des Zollstockes auf dem Panzer geschnallt aussah wie ein Leiterwagen der Feuerwehr um die Jahrhundertwende, wusste er nicht. 

Bald stellte Ernesto fest, dass es doch eine einfachere und praktikablere Lösung zur Vermessung geben müsse. Er wähnte sich schon einer neuen Erfindung gegenüber und war dann relativ frustriert, als ich ihm leider sagen musste, dass Maßbänder zur Längenbestimmung schon erfunden waren. Trotzdem war das Bild von Ernesto mit Teilstücken des Zollstockes auf seinem Panzer ein unvergessliches. 

Der Einfachheit halber und weil es auch einfacher für Schildkröten zu bedienen und zu tragen war, ging Ernesto so zum Maßband über. Die Flexibilität von Maßbändern ist für Schildkröten schwer nachvollziehbar, zumal Flexibilität nicht zu ihren Grundstärken gehört. Flexibilität gehört ja nicht nur bei Schildkröten nicht zu den Grundstärken, sondern auch viele Menschen könnten von ihr eine Schippe mehr vertragen, aber das nur nebenbei. 

Woher Ernestos Drang zur Vermessung seiner Umwelt kam, konnte ich nur erahnen. Vielleicht hatte es mit seiner Herkunft zu tun, die ja in Südamerika lag und daher weit von Kiel entfernt war. Die Distanz zwischen Südamerika und Kiel war doch beträchtlich. Aber wie gesagt, das war nur meine Vermutung. 

So wurden von Ernesto alle Gegenstände in unserer Wohnung und die Wohnung selbst ausgemessen und die Maße genaustens notiert.