Waschlappen  Herr Müller sieht die Welt

Waschlappen 

Als ich in meiner Morgenroutine beim Gesicht angekommen war, stellte ich fest, dass Ernesto mich die ganze Zeit beobachtet hatte. Nach einigen Minuten äußerte er den Wunsch, ebenfalls so einen Waschlappen haben zu wollen, vereinfachte dieser doch das morgendliche Badezimmer-Ritual. Für Schildkröten wie Ernesto eine war, war es zunächst ungewohnt, sich allmorgendlich zu waschen. Aber Ernesto war darum bemüht, sich den mitteleuropäischen Gepflogenheiten anzupassen. 

So kam es dazu, dass er neuerdings die allmorgendliche Tasse Kaffee schon am Bett zu sich nahm. Das musste ich ihm aber erstmal wieder abgewöhnen, da es regelmäßig zu Unfällen im Bett kam und die entstandenen Flecken schwer zu erklären waren. Andere mitteleuropäische Gepflogenheiten wie zum Beispiel Müll rausbringen, Hauswoche erledigen, abwaschen – sofern es keine Spülmaschine gab – und freundlich grinsen und Guten Tag sagen, konnten dagegen als Marotten bestehen bleiben. 

Angesichts der immer höher werdenden Temperaturen dieses Landes bot der Waschlappen natürlich auch eine willkommene Abkühlung mit kaltem Wasser getränkt in den Nacken gelegt. Der Waschlappen kam also jetzt zunächst häufiger zum Einsatz, insbesondere angesichts der starken Hitze des Sommers. Er verschaffte Ernesto und auch mir angenehme Kühle bei steigenden Temperaturen. 

Das Morgenritual trug so also für uns beide auch zur Abkühlung des Körpers bei. Leider reichte die angestrebte Abkühlung nicht für längere Zeit. Über den Tag verteilt mussten regelmäßig weitere Möglichkeiten der Abkühlung geschaffen werden. So konnten auch Sprühstöße mit der Wasser-Sprühflasche der Zimmerpflanze getätigt werden. Die zweckentfremdete Sprühflasche der Zimmerpflanze trug wie so viele Dinge unbeabsichtigt zu ihrem Erfolg bei. Das Geheimnis der Zweckentfremdung kam also nicht nur beim Gebrauch des Waschlappens zur Geltung, sondern auch bei dem Gebrauch der Sprühflasche, die eigentlich für Pflanzen gedacht war. 

Seinem Wunsch, den Waschlappen stets mit in die Badewanne zu nehmen, konnte ich nur bedingt entsprechen, nahm er doch nur einmal pro Woche ein Bad. Die Wasserkosten sollten ja überschaubar bleiben. 

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