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Herr Müller sieht die Welt

Vogelfutter 

Das Vogelhäuschen auf unserem Balkon wurde von mir in den Wintermonaten regelmäßig mit Vogelfutter versorgt. Ernesto fungierte hier als Vorkoster für die Vögel, sprich er probierte das Vogelfutter bevor es von mir in das Vogelhäuschen gefüllt wurde. Relativ schnell fand Ernesto allerdings Gefallen am Vogelfutter, sodass ich dafür sorgen musste, dass auch noch was für die Vögel übrig blieb. Er sagte, dass ihm das Vogelfutter ungeahnte Kräfte verleihe. 

Sein großes Vorbild war Superman, weil der immer ein schickes Leibchen trug. Außerdem war Ernesto extrem neidisch auf den tollen Umhang, der nach Ernestos Meinung Schildkröten sowieso viel besser stand als Menschen. Befeuert von den Abenteuern des Superman unternahm Ernesto so manchen Rundflug durch das nächtliche Kiel. Wann immer er eine Ungerechtigkeit sah oder meinte zu erahnen, senkte er seinen Flug und wurde aktiver Teil der Situation. So klärte er beispielsweise einen Streit am Kiosk, wobei ihm zu Hilfe kam, dass das sowieso seine Kumpel vom Kiez waren. Da er die Streithähne kannte und um ihr Anliegen wusste, war die Situation schnell und friedlich geklärt. 

Ein anderes Mal wurde ein vermeintlich harmloser Streit um einen Parkplatz zu einer handfesten Auseinandersetzung. Die beiden beteiligten Frauen reagierten jedoch sehr überrascht auf Ernestos Erscheinen. Völlig verdattert und erstaunt ergriffen die beiden die Flucht. Warum war Ernesto nicht ganz klar, aber so war wieder Ruhe im Kiez dank Ernestos Anwesenheit. 

Weil Ernestos Flug vom Umhang behindert wurde, suchte er händeringend nach Alternativen. Er überlegte, ob er sich wie die Guardian Angels in New York City für die Umstehenden erkennbar zeigen sollte. Seine Überlegung wurde dann aber dahingehend über den Haufen geworfen, dass er von einer Person um Hilfe gebeten wurde, die mit dem Kraftfahrzeug liegen geblieben war. Um das Fahrzeug wieder flott zu machen, rief Ernesto die gelben Engel. Die Ähnlichkeit von den Guardian Angels mit dem ADAC ist in ihrer Zielsetzung zwar vergleichbar, aber dennoch grundverschieden. Das martialische Äußere der Guardian Angels ist mit dem ADAC mit nichts zu vergleichen. Die Warnwesten des ADACs passten Ernesto aber besser als die Baseball-Jacken der Guardian Angels. Eine Mitgliedschaft im ADAC missfiel ihm jedoch völlig. Da war ihm der freiheitliche Gedanke der Guardian Angels schon näher. 

Man darf also die Wirkung von Vogelfutter nie unterschätzen und gelbe Westen muss man mögen. 

Herr Müller sieht die Welt

Sandkasten 

An sonnigen Tagen war es Ernestos größtes Vergnügen, sich im Sandkasten zu verlustieren. Der Sandkasten befand sich auf dem nächstgelegenen Spielplatz am Ende unserer Straße. 

Ich saß unter einem Sonnenschirm am Sandkasten auf einem Stuhl und beobachtete das Treiben Ernestos. Relativ schnell war ihm die Benutzung des Sandkastens alleine langweilig. Um selber mitzuspielen, fehlte mir die Fantasie. Andere Mitspieler mussten gefunden werden. Bald waren kleinere Kinder aus der Nachbarschaft vom Spielen mit Ernesto überzeugt und nach einigen wenigen Problemen der Kontaktaufnahme war das Eis gebrochen. Ernestos Kommentare über die geistige Entwicklung der Kinder verstand ja Gott sei Dank außer mir niemand. Die Rückschlüsse, die Ernesto aufgrund des Verhaltens im Sandkasten auf die Kinder zog, waren von mir nicht immer geteilt und waren teilweise ungerecht. Ich ließ mich von Ernestos Frotzeleien nicht beeindrucken und so war sein Spiel mit den Kindern auch für ihn sehr ergiebig. 

Sie bauten eine große Sandburg, die sogar mehrere Tage stehen blieb. Irgendwann reichte das bloße Sandtürmen nicht mehr aus, sondern extravagante Gadgets mussten her. Zum Beispiel wurde auch eine Zugbrücke installiert. Mit dem Einzug der Gadgets waren aber auch immer häufiger Beschädigungen an der Sandburg festzustellen. Die Idee Ernestos, den ganzen Sandkasten kameraüberwachen zu lassen, schien mir dann aber doch zu weitgehend. Also wurde kurzerhand die Wach- und Schließgesellschaft beauftragt, einmal pro Stunde nach dem Sandkasten bzw. nach den darin befindlichen Objekten zu schauen. Kritische Uhrzeiten waren erwartungsgemäß die Nachtstunden am Wochenende. Als sich dann wider Erwarten zwei Betrunkene dazu entschieden, die Sandburg mit Bierdosen zu verzieren, sagte Ernesto zu meiner Überraschung, dass die beiden Jungs ungefährlich für die Sandburg seien, da er sie vom Kiosk kenne. Die Bierdosen konnten als Zinnen in der Sandburg gute Dienste tun. 

Ernestos Abenteuer auf dem Spielplatz gingen auch noch über den Sandkasten hinaus. Die Kinder nahmen ihn mit zu einer Rutschpartie und schaukelten mit ihm bis er um Gnade flehte. Da war ihm das Rutschen dann doch lieber. So eine Rutschpartie war zwar von manchen Omas gern vermieden, aber Ernesto liebte die unkoordinierten Beinahe-Stürze in den Sandkasten. 

So ein Sandkasten bietet nicht nur den Ernestos unserer Welt viel Platz zum Spielen und Erleben. 

Herr Müller sieht die Welt

Gelbe Seiten 

Vor einigen Jahren erfolgte eine Umstellung, die fast keiner bemerkte: Die Gelben Seiten gab es jetzt nicht mehr analog, sondern nur noch digital. Als Zeichen des Neubeginns kam damals zu Beginn jeden Jahres ein aktuelles Exemplar in alle Haushalte dieser Republik. 

Ernesto nutzte dieses, um mit Fachleuten Fachgespräche zu führen. So rief er zum Beispiel Sanitärbetriebe an, als er ein Problem mit dem Abfluss hatte. Der Abfluss in unserer Küche war verstopft und er fragte die Sanitärbetriebe, wie man den Knick unterhalb der Spüle wieder frei bekommen könnte. Vielfach war dazu aber Spezialwerkzeug erforderlich, was Ernesto nicht hatte. Die Sanitätsbetriebe reagierten zwar freundlich, aber drängten dann auf einen Besichtigungstermin. Das wollte Ernesto natürlich partout vermeiden. 

Als nächstes rief er bei einem bunten Potpourri von Bestattungsunternehmen an und wollte sich beraten lassen, ob eine Einäscherung oder eine Bestattung im Sarg vorgenommen werden solle und welche die günstigere für ihn sei. Über die Frage nach der günstigeren Bestattungsform rümpften die angerufenen Unternehmen die Nase und als sie dann noch mitbekamen, dass es sich bei dem Anrufer um eine Schildkröte handelte, brachen sie das Gespräch sofort ab. 

Anschließend rief er das ortsansässige Entsorgungsunternehmen an und befragte diese zur Müllentsorgung. Seine Beschwerde über die unregelmäßige Leerung des Altpapiers konnte er auf diese Weise mit anbringen. Seinen Vortrag zum Thema fachgerechte Mülltrennung wollte komischerweise dort keiner hören. 

Sein Gespräch mit Autohändlern über die Vorteile von E-Mobilität entwickelte sich beinahe zum handfesten Streit. Nur ein von mir angebotener Kaffee verhinderte schlimmeres. Die Mobilitätsfrage konnte mit einem Kaffee in der Hand zwar nicht geklärt werden, aber zumindest beruhigten sich die Gemüter, auch wenn abschließend kein Ergebnis vorlag. 

Die Befragung des Blumenhändlers stellte Ernesto vor die Aufgabe, dass er sich wohl eigene Gedanken machen müsste, welche Art von Blumen er schöner fand: echte Blumen oder Kunstblumen. Es lag also an ihm, dessen musste er sich gewahr werden. 

Es bleibt als Fazit, dass die Gelben Seiten in analoger Form für Ernesto lustiger waren als digital und er überlegte, einen aktuellen Potpourri der Warteschleifen-Musiken zu machen. Was man daraus für eigene Schlüsse ableitet, sei jedem selbst überlassen. 

Kowalski lebt

Rollbrett für Waltraut 

Um mit Waltraut längere Spaziergänge unternehmen zu können, hatten wir jetzt die Idee, ein Rollbrett unter ihren Bauch zu schieben, weil dieser in letzter Zeit doch stark durchhing und auf dem Boden schliff. Völlig überraschend ging Waltraut aber dazu über, sich auf das Rollbrett zu stellen und sich von mir ziehen zu lassen. Das war natürlich nicht im Sinne des Erfinders. Es bedurfte einige Erklärung, damit Waltraut das Rollbrett als das annahm, was es sein sollte: nämlich als kleine Unterstützung bzw. Hilfe, denn nicht zuletzt sollte damit ihre Fitness und Selbstständigkeit gefördert werden. 

Relativ schnell merkten wir jedoch, dass Bordsteine und Treppen ein schier unüberwindbares Hindernis für uns waren. Auch die Art des Fußweges konnte von Waltraut beurteilt werden. Kopfsteinpflaster, so merkte sie, war einfach nur die Hölle: zwar optisch schön, jedoch völlig unpraktisch. Nur Fußgänger wussten nicht um die Tücken von Kopfsteinpflaster. Erst mit der Erfahrung als Rollbrettfahrer konnte Waltraut die Wertigkeit von Pflasterungen beurteilen. Zur Bewältigung so mancher Pflasterung sind lange Beine von Vorteil, die sie aufgrund ihrer Rasse nicht hatte. Kurze Beine und Kopfsteinpflaster schließen sich gegenseitig aus. Am liebsten waren ihr glatte Betonböden oder asphaltierte Straßen, da konnte sie völlig entspannt ihre Fitness trainieren, ohne ständig von dem Rollbrett in den Bauch gebufft zu werden. 

Blieb noch das Problem der nicht vorhandenen Bremsen. Abhänge konnten so zu Schluchten der Todesgefahr werden. Ihr Turnschuhe anzuziehen, damit sie bremsen konnte, war auch keine Option. Also musste das Rollbrett von mir mit einer zusätzlichen Leine gehalten werden. Waltrauts Unabhängigkeit war so natürlich nicht gesteigert, erst mit dem Einbau einer Bremse, die sie selbstständig betätigen konnte durch Kopfnicken, konnte das Problem gelöst werden. Das sah zwar etwas dämlich aus, weil sie so dem Wackeldackel relativ ähnlich war, aber egal: Wer heilt, hat Recht. 

Natürlich kamen doofe Kommentare von Menschen. Die Krönung war dann ein dicker Mann, der sich über Waltrauts Rollbrett lustig machte. Da war der Bock fett. Die Vorstellung des dicken Mannes auf einem Rollbrett tröstete mich. Mein Kommentar über Glashäuser (wer im Glashaus sitzt, sollte keine Steine schmeißen) hat er nicht verstanden. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Hustensaft 

Halsweh ist ja immer doof. Manchmal ließ ich mir dann einen Hustensaft schmecken in der Hoffnung, dass es davon besser wurde. Aber das ging nur bedingt. Meistens half am besten ein dicker Schal und warmer Tee. Den warmen Tee machte ich mir und Ernesto nur dann, wenn die Erkältung wirklich ätzend wurde, weil ich mich immer an den heißen Teetassen verbrühte. Und es sieht ja schon ein bisschen doof aus, mit Handschuhen in der Küche zu stehen. 

Mit Handschuhen und Schal fühlte ich mich wie ein Alpinist, es fehlte nur noch die Lawinenwarnung, aber diese war ja in meiner Küche nicht zu erwarten. Auch andere Skifahrer waren eher selten gesichtet. Häufiger traf man dagegen Silberfische. Diese fanden das Klima in der Küche sehr angenehm. So kamen also zu Ernesto ab und zu Silberfische als Mitbewohner dazu. Diese waren relativ genügsam, hingestelltes Futter verschmähten sie oft. Hustensaft war ihre Sache auch nicht, ich hab`s probiert. Also richtete sich mein Augenmerk jetzt eher auf die Vertreibung aus der Küche. Diese Gäste wollte ja keiner so gerne haben. 

Bei unserer letzten Erkältung probierten wir zum ersten Mal Wick MediNait als allgemeine Waffe gegen grippale Infekte. Das sorgte aber dafür, dass wir glaubten, wir hätten nächtlichen Besuch in unserer Wohnung. Erst als wir diesem ein Getränk anboten und keinerlei Reaktion kam, merkten wir, dass wir einer Halluzination aufgesessen waren. Ein Blick in die Nebenwirkungen des Medikaments ließ uns schnell zu alten Hausmittelchen zurückkehren, diese standen zumindest nicht unter dem Verdacht, halluzinierend zu wirken. Der Ingwertee mit Honig für Ernesto und mich tat dann Wirkung und bald waren Ernesto und ich von Husten befreit. 

Generell ist ja die Stärkung der Immunabwehr bei Menschen und Schildkröten ein wichtiger Faktor. Man sollte denken, Schildkröten hätten eine gute Abwehr aufgrund ihres Panzers, aber da darf man sich nicht täuschen lassen. Gegen Viren und Bakterien sind sie relativ schutzlos. Da hilft nur das Hochheizen der Wohnung und ein warmes Fußbad. Nun gestaltete es sich relativ schwer, die ganze Wohnung mit einem warmen Fußbad zu versehen. Deswegen beschränkten wir uns darauf, gelegentliche heiße Wannenbäder zu veranstalten. Hinterher konnten wir uns dann in ein dickes Frotteetuch einwickeln und uns in eine Decke gehüllt auf`s Sofa legen. Unser Ingwertee mit Honig war ein idealer Schlafbeschleuniger und so schliefen wir uns gesund. 

Wir haben gelernt: Moderne Erkältungsmittel sind mit Vorsicht zu genießen. 

Herr Müller sieht die Welt

Heftpflaster 

Es war Nachmittag. Ernesto sah mich durchdringend an und sagte zu mir, dass er sein Glück als Performance-Künstler versuchen wolle. Dazu müsse er natürlich nach Düsseldorf. Sein großes Vorbild Joseph Beuys lebte schließlich da. Das mit den Hüten habe er auch schon probiert, aber diese rutschten ihm immer in den Nacken. Er wolle als lebendes Mahnmal gegen die Zerstörung der Flora und Fauna auf unserem Planeten künstlerisch aktiv werden. Ähnlich den Klimaklebern nur umgekehrt wolle er sich nicht auf den Asphalt festkleben, sondern stattdessen Heftpflaster auf seinen Panzer kleben. Es sei ihm ohnehin rätselhaft, wie die Klimakleber dies mit ihrer Blase hinkriegten, so lange nicht auf`s Klo gehen zu können. Sein oberstes Ziel sei es, mit dem bepflasterten Panzer nach Düsseldorf zu wandern, um Aufmerksamkeit für sein Anliegen zu gewinnen. 

Obwohl von mir darauf aufmerksam gemacht, dass es von Kiel relativ weit nach Düsseldorf sei, ließ er sich von mir von seinem Vorhaben nicht abbringen und marschierte los. Sein Weg von Kiel nach Düsseldorf führte ihn durch Hamburg. Dort traf er auf einen Künstler mit Hut und einer markanten, nuscheligen Stimme, dessen Namen er vergessen hatte. Ihm rutschte der Hut ständig vor die Augen. Dieser bestärkte ihn und sagte zu ihm: „Mach dein Ding!“ Nachdem er sich in diesem Sündenpfuhl fast verloren hätte, beschloss er nach 2 Tagen doch wieder den Heimweg anzutreten. Für das Leben in dem urbanen Dschungel war er nun doch nicht gemacht. 

Nach 4 Tagen kam er völlig erschöpft wieder nach Hause. Ernesto berichtete, er wolle jetzt doch kein Performance-Künstler mehr sein. Die Arbeit unter ständiger Beobachtung sei ihm zu anstrengend und für das Malen von Bildern fehle ihm das Talent. Die Heftpflaster verfehlten ihre Wirkung nicht, wurde er doch auf seiner Reise ständig auf sie angesprochen. Es gipfelte sogar darin, dass ihn ein Fernsehteam ansprach und ihn nach seinem Anliegen befragte. Die kurze Modewelle mit Heftpflastern verflüchtigte sich doch recht schnell, da sie sehr unangenehm in den Haaren ziepten. 

Also musste Ernesto doch wieder als Verkaufsberater für Herrn Yilmaz arbeiten. Seinen Ausflug in die weite Welt der bildenden Künste ließ ihn im Laden von Herrn Yilmaz fast als Promi wirken. Oftmals wurde er noch auf seine Performance angesprochen. Da war es für ihn fast erholsam, wieder zwischen Tomaten und Gurken beratend tätig zu sein. 

Manchmal ist einem das Bekannte doch näher als das Ferne, was auch immer das bedeutet. 

Kopfwürmer

Poller 

Diese Pickel der Fußgängerzonen nahmen immer mehr Überhand, waren sie doch Ausdruck der aktiven Gegenwehr gegen Lieferanten aller Art. Auch als Schutz vor Terroranschlägen gefielen sie zunehmend. Ein Poller machte noch keinen Frühling, so sagt man, glaube ich. Aber viele Poller verderben den Brei. Um die Sprichworte-Kiste nicht weiter zu strapazieren, sei hier nur angemerkt, was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans nimmer mehr oder kurz gesagt: Wer anderen eine Grube gräbt, wird Bauarbeiter. Genug der flotten Sprüche. 

Zurück zu Pollern: Eigentlich sollten diese ja die Zufahrt zu bestimmten Bereichen versperren. Oftmals tun sie das auch zunächst, können dann aber mit passendem Schlüssel doch umgelegt werden oder sie sind absenkbar. Das hat dann zur Folge, dass jenseits der Poller doch ein geschäftiges Treiben herrscht und man sich fragt, welchen Zweck die Zugangsbeschränkung dann eigentlich mal hatte. Clearasil hilft gegen diese Art von Pickel wenig. Vielmehr Geduld und Langmut. Ganz nebenbei ist mir aufgefallen, dass es im TV gar keine Clearasil-Werbung mehr gibt, ich ahne da eine Weltverschwörung. Oder hat plötzlich die Menschheit keine Pickel mehr? Das kann ich nicht ganz glauben. Daher siehe Weltverschwörung. Die neue Pickelfreiheit sollte die Menschheit dazu veranlassen, sich wieder wichtigen Themen in ihrem Dasein zuzuwenden. Kriege wären da zum Beispiel – gleich nach Pickeln – ein lohnenswertes Ziel der Auslöschung. 

Die Folgen versenkbarer Poller für Rollifahrer seien hier mal nicht genannt. Sie sind geradezu unaussprechlich, weil skandalös. Man stelle sich einen Rollifahrer vor, der von einem solchen Poller angehoben wird und dort oben verhungert, weil keiner an einen Rollifahrer auf Pollern denkt und Vogelfutter schmeckt ja nicht jedem… Mit anderen Worten: Die Folgen für uns alle sind unabsehbar. Rollifahrer auf Pollern sind ja Gott sei Dank eher selten anzutreffen. Um die Rollifahrer sichtbarer zu machen, könnte es helfen, sie mit Lampen-Stirnbändern zu versehen, dann hätte man Weihnachten auch weniger zu schmücken in den Innenstädten. Natürlich müsste der Rollifahrer ein Solarpanel auf dem Kopf tragen, damit die Lampen mit umweltfreundlicher Energie versorgt werden könnten. Man sieht also: Es gibt noch viel zu tun im Staate Dänemark, um Rollifahrer in den Alltag vollständig zu integrieren. 

Bis dahin akzeptieren wir Rollifahrer gelegentliche Missgeschicke mit den Pollern, lesen weiter Shakespeare und freuen uns auf Weihnachten. 

Herr Müller sieht die Welt

Zahncreme 

Natürlich weiß jeder Schlauberger, dass Schildkröten keine Zähne haben, trotzdem war Ernesto ein großer Fan von Zahncreme. Er benutzte sie zum Polieren seines Panzers. Dafür eignete sie sich dank der in ihr enthaltenen Schleifpartikel ganz hervorragend. So ein hochglanz-polierter Panzer barg für Fahrräder und andere beräderte Vehikel aber auch wieder Gefahren, derer man sich bewusst sein musste. Ein hochglanz-polierter Panzer konnte nämlich im Sonnenlicht extrem blenden. 

Mit dieser Gefahr im Bewusstsein trat Ernesto vor die Tür, setzte sich zwar eine Sonnenbrille auf, vergaß dann aber die Gefahr, die sein Panzer für alle anderen bedeutete. Und natürlich sorgte Ernesto für einen ordentlichen Verkehrsunfall. Ein Lieferfahrzeug fuhr in ein Schaufenster. Beinahe hätte dieser Fußgänger mitgerissen, konnte aber im letzten Moment ausweichen und kam im Schaufenster zum Stehen. Die Folgen waren für Ernesto eher angenehmer Natur, wurden doch jetzt die angebotenen Waren im Schaufenster im Preis reduziert. Staubsauger brauchte Ernesto nicht so, aber höchst spannend fand er Pelzmäntel. Auf mein Insistieren hin, dass diese das Fell toter Tiere seien, reagierte Ernesto wie man es von Reptilien gewohnt ist, nämlich gar nicht. Im Aushalten von Widersprüchen war Ernesto meisterhaft. Es machte in solchen Fällen keinen Sinn, ihn darauf hinzuweisen. Einfach das Thema wechseln. 

Neben der zweckentfremdeten Nutzung der Zahncreme gebrauchte Ernesto auch Deo. Er strich sich mit ihm die Unterseite seiner Füße ein, weil diese immer so unangenehm rochen, wie er fand. Die von ihm präferierte Art des Deos war natürlich ein Deo namens „Wilder Dschungel“. Mit diesem unter seinen Füßen konnte ihm nichts mehr passieren, zumindest geruchstechnisch. 

Die Gefahren des Alltags bestanden natürlich weiterhin und gerade Schildkröten waren in heutigen Zeiten besonders gefährdet. Taschendiebe waren auf verlorenem Posten, aber Online-Betrüger konnten dafür sorgen, dass Ernestos hart verdientes Geld sich binnen Sekunden verflüchtigte. Er hatte schon viel von Betrügereien zu Lasten der Kontoinhaber gehört, war jetzt fast ein bisschen gekränkt, dass er noch nicht von ihnen auserwählt wurde. Aber anscheinend war sein Kontostand stets so niedrig, dass er uninteressant für Betrüger war. 

Zurück zur Zahncreme: Diese ist zwar gut für die Zähne, aber zweckentfremdet doch eher gefährlich. Es macht schon Sinn, die Dinge für das zu benutzen, wofür sie gedacht sind. 

Herr Müller sieht die Welt

Girokonto

Ernesto wollte jetzt auch eine Giro-Karte besitzen, zumal er weniger über Hosentaschen verfügte, in denen Kleingeld aufzubewahren wäre. Die EC-Karte konnte er einfach auf der Unterseite seines Panzers in die dafür vorgesehene Hülle hineinschieben. Die Hülle war natürlich am Panzer festgeklebt. So konnte Ernesto relativ selbstständig in Geschäften einkaufen, wenn diese über die aktuellen Systeme des bargeldlosen Bezahlens verfügten. 

Die gymnastische Übung des Kartezückens musste natürlich durch entsprechend hohe Beträge gerechtfertigt werden. Produkte, die nur kleinere Beträge erforderten, wurden entweder von ihm gekonnt ignoriert oder mussten von mir beglichen werden, da ich ja über Hosentaschen verfügte. Umso größer war Ernestos Freude, wenn er die Karte mal wieder zücken konnte. Von der Carrera Bahn bis zur neuen Waschmaschine wollte er diese jetzt mit seiner Karte bezahlen. Auf meine Nachfrage, ob wir diese Dinge denn alle bräuchten, stutzte er kurz und sagte dann aber im Brustton der Überzeugung: „Ja!“. Den nächsten Schritt zum kritischen Konsumieren musste ich ihm wohl noch beibringen. Bis dahin wurde alles gekauft, was nicht bei 3 auf`m Baum war. Dabei ist der kritische Umgang in der Welt des Konsums so wichtig. Oft lässt man sich leicht verleiten, Dinge zu kaufen, die man gar nicht braucht. Andererseits ist es ja auch relativ unspannend, über jede Kaufentscheidung nachzudenken. Immer vorausgesetzt, dass man über genügend Geld verfügen kann. 

Relativ schnell lernte Ernesto, was es hieß im Dispo zu sein. Seine Einnahmen reichten irgendwann bei weitem nicht mehr aus, seine Ausgaben zu decken. Glücklich ist, wer über eine schützende Hand verfügt und so konnte Ernestos überzogenes Konto von mir ausgeglichen werden. Sein Konto verfügte seit diesem Zeitpunkt über keinerlei Dispo mehr, er konnte also nur noch das ausgeben, was vorhanden war. Das war zwar relativ schnell erschöpft, aber es bot ihm und mir mehr Sicherheit. Sicherheit war für Ernesto ein bisher unbekannter Begriff, verfügte er doch über einen schützenden Panzer und somit war die Sicherheit eine Selbstverständlichkeit. Die neu gewonnene Sicherheit im Zahlungsverkehr ließ ihn erleichtert aufatmen. 

Auch Schildkröten im Allgemeinen und Ernesto im Besonderen mussten erst langsam an den Umgang mit Geld gewöhnt werden. Die neue Selbstständigkeit sollte ja nicht gleich vor die Wand fahren. Geld ausgeben will gelernt sein! 

Herr Müller sieht die Welt

Bausparvertrag 

Ähnlich wie Schnecken so machte eigentlich auch für Schildkröten ein Bausparvertrag keinen richtigen Sinn, trugen sie doch ihre Behausung stets mit sich herum. Trotzdem wollte Ernesto unbedingt einen solchen haben, weil er auf dem Amt gehört hatte, welche Vorteile dieser brächte. Welche genau konnte er mir auf Nachfrage nicht beantworten, dennoch wollte er unbedingt einen Bausparvertrag haben – „Für schlechte Zeiten“, wie er sagte. Wann diese schlechten Zeiten seien, wusste er noch nicht genau, aber wie immer sei Vorsicht besser als Nachsicht. 

So sparte er Monat für Monat Geld an, von dem er relativ bald merkte, dass er es gar nicht hatte. Im Zuge unserer Einsparungen, was seine Ausgaben betraf, kam er schnell zu dem Schluss, was es hieß kein Geld mehr zu haben und was es heißt, einem nackten Mann in die Tasche zu fassen. Null mal nix ist nunmal null. Die große Frage war jetzt also: Wie konnte er seine Einnahmen steigern. Der Job bei Herrn Yilmaz war als Geldquelle schon erschlossen. Die Drohne als Auslieferungsobjekt von Paketen war doch zu neuartig für die Menschen. Blieb nur, den Job bei Herrn Yilmaz wieder zu erweitern. Zukünftig wollte er die ganzheitliche Einkaufsberatung anbieten. Was dies nun genau heißen sollte, konnte Ernesto auf meine Nachfrage hin zunächst nicht genau beantworten. Aber auf jeden Fall sollte es insgesamt ein Rund-um-Wohlfühlpaket für die Kunden werden. 

Schließlich entwickelte er folgendes Konzept: Von der einfachen Gemüsegurke bis zum frisch geernteten Blumenkohl sollten alle Produkte mit Zertifikat angeboten werden. Dazu gehörte ein Rezeptbuch mit Kochvorschlägen, wie das Produkt zu verarbeiten sein könnte. Zertifikat hieß in diesem Fall, dass die Herkunft genau nachvollzogen werden konnte und sämtliche Produkte aus der näheren Umgebung kamen. Ernestos Konzept kam bei den Kunden sehr gut an. Herr Yilmaz bot an, seine Stundenzahl zu erhöhen. So stiegen Ernestos Einnahmen. 

Der Bausparvertrag kam als übergeordnetes Ziel wieder in greifbare Nähe. Ernesto merkte jetzt aber, dass es mehr Sinn machte an seiner statt eine Lebensversicherung im Kombipaket einer BU und Rentenversicherung abzuschließen. Ansonsten beschränkte er sich darauf, unbeschwert zu leben und ließ sich keinerlei weitere Versicherungen aufquatschen, sondern gab das verdiente Geld in vollen Zügen aus. 

Ernesto kam zu der Erkenntnis, dass Versicherungen kein unbeschwertes Leben garantieren können.