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Herr Müller sieht die Welt

Oben 

Neulich wollte Ernesto im Supermarkt – ohne darüber nachzudenken – in das oberste Regal greifen. Dabei lernte Ernesto gleich das Gegenteil von „oben“ kennen, indem er nach „unten“ fiel. Oben ist das genaue Gegenteil von unten, was uns durch die Schwerkraft vorgegeben ist, denn Dinge fallen immer nach unten. Dieser räumliche, binäre Code lässt uns glauben, dass wir nur in zwei Dimensionen lebten. Aber nein, nein, es sind tatsächlich mehr. Es sind tatsächlich vier oder so, auf jeden Fall mehr. 

Oben lässt sich ja leicht mit dem Besten assoziieren, andererseits schwimmt Scheiße ja aber auch immer oben. Was nun davon gerade von Bedeutung ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Dies sei hier nur mal angemerkt. 

Eine Orientierung nach oben ist vermeintlich erstmal die beste Wahl. Erst im Laufe der Zeit merkt man, dass die wahre Größe im Mittelmaß liegt, denn die Mitte wird oft unterschätzt. 

Das Mittelmaß war für Ernesto von besonderer Bedeutung und besonderem Interesse. Seine Leistungen waren in vielen Dingen auch nur mittelmäßig, zum Beispiel konnte er ja nur bedingt schnell rennen. Auch schweres Heben war nicht unbedingt seins. Deswegen ging Ernesto gerne zur Rennbahn, weil er es faszinierend fand, wie dort die Pferde so schnell laufen konnten, ohne doch ein vermeintliches Ziel zu haben. Für ihn wäre das Laufen in hoher Geschwindigkeit über so weite Strecken schon eine enorme Leistung. Pferde waren nunmal viel größer. Wäre eine Schildkröte dieselbe Strecke genauso schnell wie die Trabrennpferde gelaufen, könnte man problemlos von einem Wunder sprechen. Da dies aber nicht der Fall war, blieb Ernesto nichts anderes übrig als Geld auf die Pferde zu setzen, anstatt selbst mitzulaufen. Außerdem war es kaum vorstellbar, dass es jemals Trabrennhelme für Schildkröten geben würde. Oben war für Ernesto demnach in vielen Dingen schwer zu erreichen. 

Die Relativität von dem, das oben ist, wird hier hoffentlich jedem deutlich. Ein Streben nach oben oder dem Besten macht ja nur begrenzt Sinn, da mit dem Streben nach dem Besten auch immer die Einsicht verbunden sein sollte, was auch immer für das Individuum das Beste ist. Das bloße Streben nach dem vermeintlich Besten oder gar dem materiellen Wert macht eigentlich keinen Sinn, weil es immer jemanden gibt, der mehr hat, mehr ist, mehr kann. Das Individuum ist also der Maßstab für alles Handeln. 

In Bezug auf Ernesto: Ernesto war zufrieden mit dem, was er hatte und konnte. Ein „Höher, Schneller, Weiter“ war für ihn nicht von Bedeutung. Da sollten wir uns alle eine „Scheibe von abschneiden“. 

Herr Müller sieht die Welt

Hochbett 

Tage-, wochen- und monatelang lag Ernesto mir in den Ohren: Er wollte jetzt unbedingt ein Hochbett haben, weil das sei nun der heißeste Scheiß, den man unbedingt haben müsse. 

Ich tat wie mir geheißen und versuchte, für Ernesto ein Hochbett zu bauen. Schnell stellte ich dabei fest, dass Schildkröten ja keine Leiter hochgehen können, was sie aber müssten, um ins Bett zu kommen. Also überlegte ich mir, dass doch ein Lift, angetrieben durch Solarzellen, die draußen am Fenster angebracht werden, das Problem lösen könnte. So konnte Ernesto ganz entspannt ins Bett „marschieren“. Ein bisschen verleitete es Ernesto dazu, Harakiri zu machen, weil er auf der bettabgewandten Seite aus dem Fahrstuhl sprang, um auf den Matratzen und Kissen weich zu landen, welche er vorher daruntergelegt hatte. Die Benutzung des Fahrstuhls schien ihm große Freude zu bereiten. Oft drückte er die Notklingel, weil er häufiger stecken blieb. 

Seine Idee, die Nachbarschildkröten zur gemeinsamen Fahrstuhlfahrt einzuladen, fand großen Anklang bei ihm und Ernie und Bert. Auch das Springen aus dem Fahrstuhl war von Ernie und Bert hochgeschätzt. Und so vergnügten sich die Schildkröten mit dem neuen Hochbett. Der Sprung aus dem Lift war für alle 3 eine große Überwindung, weil ihnen der natürliche Schutz, von dem sie sonst ja permanent umgeben waren, gar nicht mehr helfen konnte (ihr Panzer). So kam der Sprung einem Extremsport gleich, der jedes Mal wieder große Überwindung kostete. Ich für meinen Teil machte mir eine Menge Sorgen, aber nachdem ich sah, wieviel Spaß sie hatten bei dem Sturz aus dem Fahrstuhl, ließ ich sie gewähren. Ich beschloss für mich, Extremsportarten wären meine Sache nicht. Zum einen bin ich zu alt dafür und zum anderen musste ich auch niemandem mehr noch irgendetwas beweisen, meine Jugend schon mal gar nicht. 

Also blieb ich bei meinem Hobby: Briefmarken sammeln. Da konnte höchstens eine Windböe bei geöffnetem Fenster meine Arbeit von Stunden dahinraffen. Das war mir Risiko genug. Während Ernesto und Ernie und Bert sich an immer waghalsigeren Sprüngen versuchten, vom einfachen Salto bis zur eingedrehten Schraube, war ich nur froh, wenn alle 3 danach wieder heile am Küchentisch saßen. Die Idee, die Sprünge mit Haltungsnoten zu bewerten, kam von den Dreien und so bewerteten sie sich und ihre Sprünge. Ein Versicherungsmakler hätte seine helle Freude gehabt. 

Schlafen im Hochbett birgt immer ein gewissen Risiko. 

Kowalski lebt

Bohrmaschine 

Waltraut brauchte unbedingt ein Regal zur Unterbringung ihrer angesammelten Habseligkeiten. Um selbiges anbringen zu können, musste ich dann wohl oder übel mit der Bohrmaschine hantieren, da Waltraut nicht bohren konnte. Gesagt, getan, griff ich zur Bohrmaschine, stellte aber schnell fest, dass nicht jeder Elektriker die Leitungen senkrecht verlegte, sondern diese auch schräg in den Putz gelegt wurden. Wie zum Beweis bohrte ich eine Leitung an. Da erinnerte ich mich Gott sei Dank an einen Trick, den mir schon mein Großvater gezeigt hatte: Gekautes Kaugummi in das Bohrloch stopfen, um die Isolation der Leitung wiederherzustellen. Nun konnte die Anbringung des Regals weiter vonstattengehen. Nicht bloß einfache Bücher fanden auf dem Regal von Waltraut Platz, sondern auch jegliche Art von „Stehrumchen“, man könnte auch sagen „Staubfänger“, aber so boshaft war hier ja keiner. 

Das Regal musste also einiges aushalten und stabil in der Wand befestigt sein. Die Bohrlöcher mussten durch starke Dübel fixiert werden, um dies zu gewährleisten. Die Frage nach der Belastbarkeit von Waltrauts Regal war hier eine entscheidende. Es musste also der Nutzerin sowohl für eine vertikale Belastung als auch für eine horizontale genug Sicherheit bieten. Die horizontale Belastung konnte schnell getestet werden, indem wir viele Bücher nebeneinander aufstellten. Das Regal hielt! Schwieriger war das Testen der vertikalen Belastungsfähigkeit. Waltraut schlug vor, die vertikale Zugfähigkeit durch Umlenkrollen auszutesten. Nur damit Sie sich das vorstellen können: Über Umlenkrollen zogen Gewichte nach unten. Ich kann nur sagen: Das Regal bot auch in diesem Fall die nötige Sicherheit. Stolz über unser Tagwerk, belohnten Waltraut und ich uns mit reichlich Abendessen. 

Im Gegensatz zu meinen Mitmietern hielt ich mich ganz genau an die Zeiten, in denen gebohrt werden durfte. Sinnfreies Bohren war schon durch das Vorhaben ausgeschlossen. Wie nervenzehrend sinnfreies Bohren sein kann, kennt wohl jeder, der mal erlebt hat, wie es ist, wenn der Nachbar seine Liebe zur Bohrmaschine entdeckt. Der Trick, den mir Bekannte mal verrieten, nämlich bei den Nachbarn zu klingeln, um sich höflich ihre Bohrmaschine auszuleihen – wenn diese zu den unmöglichsten Zeiten bohrten – half nur bedingt bzw. irgendwann gar nicht mehr, weil mein Nervenkostüm doch zu sehr gereizt war und ich nicht mehr ausgeglichen wirken konnte. Auch Waltraut konnte dem Krach von Bohrern in der Wand nichts abgewinnen, schon gar nicht zu unchristlichen Zeiten. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Herr Müller sieht die Welt

Die Sandburg 

Nach den Erfahrungen am Steinhuder Meer fuhren wir dann – wie schon gesagt – an die Ostsee. Die Auswahl der ortsansässigen Beach Bars war hier tatsächlich größer als am Steinhuder Meer. Unser Ostsee-Urlaub bot eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Nachdem wir unser Können im Minigolfen unter Beweis gestellt hatten, wollten wir jetzt unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten im Bauen von Sandburgen verbessern. 

Unsere Sandburg sollte ohne weiteres Equipment wie Gitter und Gatter auskommen. Falltüren und Zugbrücken sollten in unserer Sandburg noch nicht vorkommen. Sie sollte mehr der basale Typ der Sandburg werden. Wir brauchten erstmal die Grundform und übergossen diese dann zum besseren Aushärten mit Meereswasser. Weil unsere Stile ja bekanntlich sehr verschieden waren, beschlossen wir, zunächst eine Grundform herzustellen und diese dann gegebenenfalls weiter auszubauen. Es würde also zwei Sandburgen geben, eine im Stile von Ernesto und eine im Stile von mir. 

Wir trennten die beiden Burgen durch einen tiefen Graben voneinander. Da uns eine Mauer oder ein Wall doch zu sehr an die innerdeutsche Staatsgrenze erinnerte, schien uns ein tiefer Graben doch passender als Trennungszeichen der beiden Burgen. 

Wie schon die Einrichtung der Zimmer von Ernesto in unserer Wohnung zu befürchten ließ, verlor sich Ernesto allzu sehr in der Verspieltheit der Dinge. Die gerade Kante war dann eher meine Sache. Klare Strukturen und Formen kennzeichneten meine Burg. Schließlich konnte ich Ernesto am Ende noch dazu überreden, beide Burgen mit einer Brücke zu verbinden, um dem Betrachter wenigstens ein kleines Signal der Verbundenheit zu senden. 

Das Kleinklein von Ernesto zeigte sich bereits in der Ausformung der Burgzinnen. Diese waren bei Ernestos Burg kleinen Statuetten ähnlich, somit auch eher zeitaufwändig in ihrer Herstellung. Der von Ernesto gewünschte Effekt stellte sich dennoch bei ihm nicht ein, sodass Ernesto dazu überging, diese doch in herkömmlicher Art und Weise zu gestalten. Die herkömmliche Art der Burgzinnen war dann auch die von Ernesto präferierte Art der Gestaltung. 

Abschließend schossen wir noch eine Reihe von Selfies mit unseren Burgen, um dann dabei zuzusehen, wie die Burgen vom ansteigenden Wasser eingenommen wurden. Wenn auch die Gezeiten an der Ostsee eher schwach waren, so reichte es dennoch für das Dahinraffen unserer harten Arbeit. 

Es zeigte sich wieder einmal die Vergänglichkeit alles Irdischen. 

Kopfwürmer

Och menno! 

Es gibt so Tage, da will die Säge sägen, um mal einen alten Sozialpädagogen aus meiner Zivildienstzeit zu zitieren. Manchmal kann ich mit meiner Einschränkung relativ gut umgehen und damit leben und dann gibt es Tage, da werde ich vor allem für mich selber und mein Umfeld zur Belastung. Dabei will ich das ja gar nicht! Aber, wie gesagt, manchmal ist das einfach so – die Krankheit braucht manchmal ihren Raum. Und dieser Raum wird ja offensichtlich manchmal nicht im genügenden Maße von mir zugestanden. 

An solchen Tagen ist es anstrengend, weil jede Verhaltensweise von mir dahingehend überprüft wird, ob es etwas mit der Krankheit zu tun haben könnte oder keinen ernsten Hintergrund hat. Einfach vor sich hin leben ist da eben nicht. 

Andererseits sorgt es so auch dafür, dass ich jeden Tag bewusst lebe. Das heißt nicht, dass ich jeden Tag Müsli esse, sondern mir einfach klar mache, dass mein Leben – so anstrengend es auch manchmal ist – über viele positive Aspekte verfügt, die ich mir nur immer wieder klar machen muss, mehr als ein Nicht-Erkrankter. Oft können das auch Nichtigkeiten bzw. kleinste Kleinigkeiten sein. So zum Beispiel freue ich mich gerade immens über die Formulierung mit dem Müsli, die – wie ich finde – genau das sagt, was ich meine. Andere Frühstücks-Cerealien will ich gar nicht klein reden, auch Cornflakes haben ihre Berechtigung. Das herkömmlich geschmierte Butterbrot – oft auch als Pausenbrot bekannt – soll hier ebenfalls genannt werden. 

Zurück zu den zersägten Tagen: Solche Tage kennt ja jeder, die von A bis Z voll für die Tonne sind. Ich bin da schnell versucht, sie meiner Erkrankung zuzuschreiben, um dann festzustellen, dass diese natürlich oft mit meinem körperlichen Unvermögen zu tun haben. Das körperliche Unvermögen hat ja eigentlich nichts mit der geistigen Beweglichkeit zu tun. Soll heißen: Bloß weil ich körperlich kein Marathon mehr machen kann, kann ich diesen aber geistig tun. Dies darf dann nur nicht versehentlich zu einer Traumvorstellung werden. Damit die Realität nicht allzu frustrierend wird, sollte sie immer mit schönen Dingen angereichert werden. Traum und Realität sind also zwei Seiten derselben Medaille, die Rolle von Numismatikern wird hier oft unterschätzt. Wenn einem das klar ist, kommt man durch beides gut durch. 

„Och menno!“ ist manchmal also okay, wird es aber zum dauerhaften Zustand: Obacht! 

Herr Müller sieht die Welt

1. April 

Nachdem wir den Februar in diesem Jahr mit dem 29. erleben durften, in der Hoffnung, dass kein Mensch da Geburtstag hat, kam nun der 1. April. Ernesto und ich erwarteten Flachwitze zur Belustigung anderer. Völlig überraschend kamen die Witze nicht von anderen, sondern von Ernesto. Er schickte mich nämlich in den April. 

Gleich morgens ging es los. Ernesto sagte mir, dass Brötchen heute bei unserem Bäcker nur 15 Cent kosten sollten. Als ich daraufhin beim Bäcker stand mit dem passenden Kleingeld in der Hand, blickte ich in fragende Augen. Da hat mich wohl jemand veräppelt. 

Der Tag nahm seinen weiteren Verlauf als ich in der Mensa, in der ich immer mein Mittagessen einzunehmen pflegte, mit meinem Studentenausweis, der mich auf schmeichelhafte 35 Jahre herunterdatierte, stand. Nicht mehr nur, dass ich auf dem Studentenausweis jünger war, ich war jetzt auch eine Schildkröte, denn Ernesto grinste mich freundlich von dem Ausweis an. 

Nachdem ich aus dem Dilemma aus der Mensa Gott sei Dank unbeschadet herauskam, da dort verständnisvolle Mitarbeiter arbeiteten, wartete in unserem Stammcafé eine weitere Überraschung. Zur Feier des Tages durften heute die Gäste die Kellner bedienen. Zunächst hielt ich dies auch für einen Aprilscherz, stellte dann aber fest, dass es ernst gemeint war. Dieser Perspektivwechsel tat allen gut, da man so mal die Sichtweise eines anderen kennen lernte. Als Dank für die Teilnahme am Experiment bekamen alle Gäste einen Cappuccino auf`s Haus. 

Unbekümmert kam ich zu Hause an und dachte mir nichts Böses, als plötzlich ein Schwall Wasser auf mich herniederging, als ich in die Küche trat. Ernesto hatte oberhalb der Küchentür einen Eimer mit Wasser platziert, der sich nun über mich ergoss. Ernesto lachte sich scheckig! 

Nachdem ich meine Haare getrocknet hatte, fragte ich mich, wie ich mich rächen könnte, aber auf die Schnelle fiel mir nichts ein. Außerdem war es bereits kurz vor unserem Abendbrot, also nahm ich mir vor, meine Rache auf das nächste Jahr zu vertagen, zumal er auf der Hut gewesen wäre, da er mit Racheattacken von mir rechnete. 

Na, warte, im nächsten Jahr bist du fällig! 

Herr Müller sieht die Welt

Güterverkehr 

Nachdem ich mehrere Wochen den Verkehr auf unseren Straßen beobachtet hatte, kam ich zum Schluss, dass viel zu viele Waren über die Straße befördert wurden. Der Reifenabrieb war nicht unerheblich und die Beschwerden über Mikroplastik nahmen ja zu. Aber auch die Belastung durch Abgase soll hier nicht verborgen bleiben. Kurzum Güterverkehr musste von der Straße wieder mehr auf die Schiene gebracht werden. 

Paketboten fuhren allerdings nur selten mit der Tram. Wie sollten also die Pakete zu den Kunden kommen? Lastenräder sind von der Post schon entdeckt, daher mainstream. Musste also etwas Neues her für die Auslieferung der Pakete. 

Jetzt kam Ernesto zugute, dass seine Drohne vor sich hin schlief. Die Auslieferung von Paketen mithilfe der Drohne wurde nun auch von Paketriesen wie Amazon entdeckt. Auch Ernesto half unserem Paketboten gelegentlich bei der Auslieferung ihrer Paketsendungen. Drohnen hatten den großen Vorteil, dass sie direkt zum Kunden geliefert werden konnten, vorausgesetzt dieser konnte gut fangen. Die Kunden mussten somit zu einer vereinbarten Zeit auf dem Balkon oder draußen vor der Tür warten, sofern sie ein Paket erwarteten. Daher hatten Paketsendungen auch stets eine soziale Komponente, weil sich die Menschen draußen trafen, um ihre Pakete in Empfang zu nehmen bzw. sie zu fangen. Von der sportlichen Komponente reden wir jetzt mal nicht, aber natürlich tat diese Art der Postzustellung auch etwas für die Gesundheit der Empfänger. Die soziale Komponente konnte so in vielen Fällen noch vertieft werden, es entstanden auch manchmal Beziehungen durch Paketempfang, sozusagen das Paarship von Amazon. 

Ernesto und ich bekamen so Kontakt zu anderen Menschen mit Schildkröten, die ebenfalls Sportartikel für Schildkröten bestellten. Auch sie konnten ein Lied davon singen, wie schwierig es war, diese in passender Größe zu erhalten. 

Was mich betraf: Die Auslieferung der Pakete via Drohne erhöhte meine Chancen, in unmittelbarer Nachbarschaft ein weibliches Wesen kennenzulernen und siehe da: Am gestrigen Abend lernte ich Frau Hasemuckel von schräg gegenüber kennen. Sie arbeitete wie ich auf dem Amt und war somit die Umgangsformen des Amts gewohnt. Für ein näheres Kennenlernen verabredeten wir uns für die nächste Woche. Dort sollte ebenfalls ein Austausch von Amtsintimitäten stattfinden. 

Um die Feinstaubbelastung so gering wie möglich zu halten, fuhren wir zu unserem ersten Rendezvous mit der Straßenbahn. Die Schiene als Möglichkeit der Beförderung von Gütern war wieder einmal von uns in den Mittelpunkt gerückt worden. So gehört sich das! 

Herr Müller sieht die Welt

Karamellbonbon 

Nachdem unsere einzelnen Mahlzeiten zur Genüge geschildert wurden, wenden wir uns jetzt den kleinen Zwischenmahlzeiten oder Süßigkeiten zu. 

Im Gegensatz zu mir aß Ernesto Karamellbonbons nicht im Stück, sondern biss immer nur ein kleines Stück von ihnen ab. Das konnte sich bis zu einer Woche hinziehen. Zunehmen war ja durch den Panzer begrenzt. Ich war als Aufpasser gefordert, damit Ernesto nicht über alle Maßen Karamellbonbons zu sich nahm und damit unbegrenzt zunahm und sein Körper nicht mehr in den Panzer passte. 

„Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!“, so fand Ernesto. Mein Vorschlag, sich an die UNO oder PeTA zu wenden, wurde von ihm verworfen, da ihm der Anlass doch zu nichtig erschien. Trotzdem fand er es extrem ungerecht, dass es ihm verwehrt war, ungehemmt Süßigkeiten zu essen. 

Apropos hemmungslos: Ungezügelter Genuss und Maßlosigkeit sind ja eher Eigenschaften, die Menschen zugeschrieben werden, aber auch Schildkröten können im Rahmen von Karamellbonbons diese Verhaltensweisen zeigen. Gerade am Beispiel von Ernesto wird eine gewisse Zügelhaftigkeit deutlich, soll heißen: ungezügelter Genuss von Süßigkeiten ist eher schädlich und zwar für alle Lebewesen. Die Selbstkasteiung macht nicht nur bei Mönchen Sinn. Da ging sie zwar besonders weit, aber es wird deutlich, dass eine Maßlosigkeit eigentlich keinem gut tut. Nun stelle man sich Schildkröten mit den Geißelungspeitschen der Mönche vor, ein lustiges Bild. Der Genuss musste also ohne Geißelung im Zaum gehalten werden und auf ein gesundes Maß reduziert werden. Hier war Ernestos Einsicht gefordert. 

Karamellbonbons dürfen von ihm somit nur mit zwei Happen am Tag genossen werden, da sonst die Gewichtszunahme unvorstellbar gewesen wäre. Unvorstellbar soll heißen, ich hatte keine Ahnung, wie hoch sie sein würde, aber eine Zunahme musste auf jeden Fall verhindert werden. 

Um eine weitere Gewichtszunahme einzugrenzen, meldete sich Ernesto in unserem Kiez ansässigen Fitnessstudio an. Man stelle sich eine Schildkröte auf dem Laufband vor! Auch Gewichte waren gerne genommen, führten aber schnell dazu, dass Ernesto dicke Arme bekam und das war nun so gar nicht sein Wunsch. Mit dicken Armen konnte er sich nicht mehr zum Schutz in den Panzer zurückziehen. 

Anhand der Probleme, die Ernesto mit dem Training hatte, merkten wir schnell, dass die Ninja-Turtles wohl doch nur eine Erfindung der Medien sein konnten, aber umso besser waren die Ninja-Turtles vor dem Fernseher mit Karamellbonbon zu genießen. 

Herr Müller sieht die Welt

Marken 

Marken sind die Gewürze der Marktwirtschaft. Kapitalismus hat so was Marxistisches, finde ich, deswegen nenne ich sie mal „Gewürze in der Suppe“ statt „Salz in der Suppe“. Oftmals ist den Inhabern gar nicht klar, was sie da so zu Markte tragen. Mir ist natürlich klar, dass Kapitalismus und Marxismus nichts miteinander zu tun haben sollen und wollen. Dennoch haben beide so etwas Vereinnahmendes für den Konsumenten. Nur die Auswahl ist für Kapitalisten größer als für Marxisten. Könnte man sich mal fragen, ob die Auswahl so immens groß sein muss wie im Kapitalismus, aber nun ja… Das soll ja keine Kapitalismus-Kritik werden, war nur so eine Idee. 

Marken sind ja oft das Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Dessen sollte man sich als Träger einer Marke oder als Konsument stets bewusst sein. Die einfache Warenwelt ist also nicht mehr nur fröhlich zu konsumieren, sondern man muss sich der Tatsache stets bewusst sein, dass man mit der Marke auch immer eine Haltung wiedergibt. 

Ernesto hatte es da leichter – er hatte nur einen Panzer und der war angewachsen und nicht zu tauschen. Die kurze Überlegung, die neumodischen Brandings doch dort zu platzieren, wurde dann schnell von uns verworfen, weil es uns doch zu brutal erschien. Der Versuch mit Piercings, neumodisch zu erscheinen, hatte Ernesto und mir schon gereicht. Marken spielten bei Ernesto nur bei der Auswahl der Schuhe und der Kopfbedeckung eine Rolle. Somit war die untergeordnete Bedeutung von Markenartikeln für Schildkröten offensichtlich. Eigentlich hatten sie es besser als wir Menschen, da sie nicht großartig wählen mussten, welche Marken sie nun tragen sollten oder könnten. Keine Wahl zu haben ist manchmal die beste Wahl. 

Die Auswahl als Zeichen der Marktwirtschaft sollte also nicht mit der Individualisierung verwechselt werden, weil Marken nicht unbedingt Zeichen der Individualisierung sind. Marken lauern nur darauf, Mainstream zu werden und dann wird die Individualisierung wieder hinfällig. Die Bedeutung von Marken wird oft überschätzt, weil ihnen eine Rolle zugewiesen wird, die sie gar nicht haben. Der Konsument sollte sich seiner Macht durchaus bewusst sein. 

Ernesto hatte damit die größtmögliche Freiheit, weil er seinen Panzer nicht frei wählen konnte. Auch wenn das schizophren erscheint, war für ihn eben genau die Tatsache keine Wahl zu haben, die größtmögliche Freiheit. Somit war Ernestos Suppe ausreichend gewürzt. Wie sagt der Volksmund so schön: Viele Köche verderben den Brei. Quod erat demonstrandum. 

Kopfwürmer

Kopfsteinpflaster 

Kopfsteinpflaster ist sehr hübsch anzuschauen, aber oftmals leider relativ uneben und daher für Rollstuhlfahrer doof. Jetzt kann man ja nicht erwarten, dass alle mittelalterlichen Plätze für Rollifahrer umgebaut werden, aber eine durchgehende Rollifahrer-Spur wäre echt nett. Außerdem sind große Märkte, zum Beispiel der Weihnachtsmarkt, immer eine Arschparade für Rollifahrer, von daher weiß ich von deren Bedeutung für das Wohlbefinden gar nicht so. 

Der Begriff rollstuhlgerecht sei hier in Bezug auf Ferienhäuser auch nochmal genauer überprüft. Oftmals trifft dies – obwohl so ausgewiesen – bei näherer Betrachtung gar nicht zu. So müsste ich in einer Vielzahl der Fälle, um auf`s Klo zu gehen, aufstehen können. Da dieses in näherer Zukunft nicht der Fall zu sein scheint, selbst unter Berücksichtigung eventueller Wunder, wäre es wünschenswert, dass solche Portale ausgewiesene Barrierefreiheiten der Unterkünfte zunächst einmal selbst ausprobieren oder zumindest die Bilder überprüfen. 

Die hiesige Zugänglichkeit vieler öffentlicher Gebäude, zum Beispiel von den meisten Schulen ist noch nicht rolligerecht. Und wenn man erstmal einen Lageplan braucht, um Zugang zu bekommen, trägt dies nicht gerade zur Inklusion bei. 

Skandinavische Länder machen es vor, wie es gehen kann. Dort ist es Pflicht, dass für alle öffentlichen Gebäude inklusive Einkaufsläden etc. ein Zugang für Rollifahrer möglich ist. Warum ist es hier so schwierig? 

Apropos Arschparade: Man könnte ja geneigt sein, die zuständigen Politiker in einer selbigen zu sehen, aber so viel Polemik wäre meine Sache nicht. Dennoch wird`s mal dringend Zeit, dass sich hier so einiges ändert. Schon alleine, dass man sich immer als Bittsteller vorkommt, ist doof. Rollifahrende Mitbürger sind doch keine Ausnahmen, nur trauen sie sich jetzt so langsam mehr vor die Tür und werden nicht mehr in Heimen weggeschlossen. 

Wenn schon die Inklusion ausgerufen wird, dann müsst ihr schon damit leben, dass die Betroffenen ihre eigenen Vorstellungen von den notwendigen Bedürfnissen haben. Man ist dennoch geneigt, sich zu folgendem Spruch hinreißen zu lassen: 

Unter den Blinden ist der Einäugige König. Wer was ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden.