Herr Müller sieht die Welt
Heiligenschein
Als Ernesto davon hörte, dass in einem großen Buch der Religion ein Heiligenschein eine zentrale Rolle spielte, beschloss er, so einen jetzt auch haben zu wollen. Die unendlichen Möglichkeiten, von über`s Wasser laufen bis zu Brot teilen und damit alle Menschen satt zu bekommen, erschienen ihm doch sehr erstrebenswert. Als er dann noch hörte, dass es mit seiner Hilfe gelang, ganze Meere zu teilen, war er völlig von den Socken.
Also bestellte sich Ernesto einen Heiligenschein bei Amazon. Tage später wurde dieser direkt nach Hause geliefert.
Er wollte sich nun an der Nutzung des Heiligenscheins üben. Unser Nachbar besaß ein Tandem, das Ernesto wieder in zwei Fahrräder teilen wollte. Ich war gespannt, aber wider Erwarten klappte es nicht. Die Enttäuschung Ernestos war grenzenlos, konnte aber von mir schnell besänftigt werden.
So einfach war es wohl doch nicht, mit Hilfe eines Heiligenscheins Gutes zu tun. Also übte Ernesto im Kleinen. Er konnte zum Beispiel mit Hilfe von Waltraut Würste aus unserem Imbiss verschwinden lassen. Dieser doch sehr leicht zu durchschauende Trick fand seine Krönung im Stühle wegzaubern von Imbissgästen. Die großen Schmerzen der Imbissgäste ließen ihn dann doch davon Abstand nehmen, waren sie doch nicht von ihm beabsichtigt.
Es schien gar nicht so einfach zu sein, mit einem Heiligenschein verantwortungsvoll umzugehen. Die Fähigkeit als solche war ja schonmal schön, aber der Umgang damit erforderte doch viel Denkarbeit. Denkarbeit hieß in diesem Fall Verantwortungsbewusstsein. Wie immer genügte mal wieder das bloße Vorhandensein einer Fähigkeit alleine nicht. Erst das Bewusstsein der Fähigkeit ließ ihn von der Zufälligkeit zur Absicht werden. Zu viel Verantwortung war halt zunächst eher abschreckend für Ernesto. Erst die beruhigenden Worte von Waltraut und mir sorgten dafür, dass Ernesto seine Rolle dann doch gerne annahm. Ganz so einfach, wie es zunächst von Ernesto gewünscht war, gestaltete sich eine sinnvolle Nutzung des Heiligenscheins dann eben doch nicht, sodass Ernesto nach ein paar Tagen doch keinen Heiligenschein mehr haben wollte. Er bot ihn Waltraut an, doch sie wollte ihn auch nicht. Ihr war nämlich klar, dass damit viel Verantwortung einherging, was Ernesto zunächst noch lernen musste. So ohne Heiligenschein lebte es sich doch besser, wenn auch ein bisschen Bewusstheit bei der Bewältigung des Alltags nicht schaden konnte.