Kowalski lebt

Tic Tac 

Auf einem unserer Patrouillen Gänge durch unseren Bezirk stellte ich fest, dass Waltraut immer dann den Kopf wegdrehte, wenn sie mit mir sprach. Von mir darauf angesprochen, zeigte sie sich zunächst peinlich berührt, gab dann aber doch zu, dass sie Angst habe, dass ihr Mundgeruch mich verschrecken könne. Den empfand sie als sehr unangenehm. 

Um Abhilfe bemüht, gab ich ihr den Tipp, einen Tic Tac zu nehmen. Tic Tac sorgte so dafür, dass ihr – so stellten wir später fest – ganzes Verdauungssystem gereinigt wurde und so nicht nur ihr Mundgeruch beseitigt wurde, sondern auch ihre Pupse jetzt nach Minze rochen. Mit so viel gutem Geruch stand uns zukünftig nichts mehr im Weg. So viel gute Rieche aus allen Körperöffnungen gab uns natürlich viel Selbstvertrauen. So gut riechend konnten wir unbekümmert unter Menschen gehen. 

Um gute Rieche bemüht, war Waltraut jetzt jedes Mal im Namen des Duftes unterwegs. Sie überlegte, als Geruchs-Model für Parfümketten wie Douglas zu arbeiten. Zunächst waren vor allem die Mitarbeiter der Parfümketten wenig bereit, einen Hund mit gutem Geruch einzudieseln, merkten dann aber bald, wie anziehend Waltraut auf die Umstehenden mit ihrem Geruch wirkte und die Verkaufszahlen von Eau de Toilettes in die Höhe schnellten. Die ganze Aktion war ihr dann aber dauerhaft doch zu umständlich, weil sie für diesen Job jeden Tag ein Bad hätte nehmen müssen, um glaubhaft vertreten zu können, wofür sie Werbung machte. Der Job als Parfüm-Model war außerdem mit einer ganzen Reihe Unannehmlichkeiten verbunden. So musste sie zum Beispiel auf den regelmäßigen Besuch des Kiez-Imbisses verzichten, weil nach Fritteuse durfte sie um Himmels willen nicht riechen. 

Sie kündigte ihren Job als Parfüm-Model für Menschen und kreierte einen eigenen Hundeduft, dessen Note merklich nach Gyros und Tsatsiki roch. Da aber auch hier der Kreis der Kunden zu klein war, stellte sie alsbald die Herstellung ein. 

Man muss auch manchmal begreifen, wo die eigenen Grenzen liegen. Die Einsicht in ihre eigenen Grenzen sorgte dafür, dass sie viel mehr ihre eigene Mitte fand und viel fokussierter war. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Kowalski lebt

Der Hydrant 

Waltraut entdeckte im Laufe der Zeit, dass das Rückstoßverhalten von Hydranten doch geringer war als das der Laternenmasten. Diese waren daraufhin die von ihr bevorzugten Orte, sich zu erleichtern. Die Problematik, dass Weibchen nach wie vor ihr Bein nicht hoben, um sich zu erleichtern, führte sie schnell zu der Erkenntnis, dass wohl die massive Bauweise der Hydranten dafür verantwortlich war. Aber da sie sich als Weibchen maximal davor setzen konnte, war das eh unerheblich. Meine Versuche, ihr das passende Pinkelverhalten beizubringen, trugen langsam Früchte. Hydranten waren aber auch einfach schöner anzusehen als schnöde Laternenmasten. Außerdem fand sie die Tatsache, dass Wasser aus den Hydranten zu jeder Zeit von der Feuerwehr benutzt werden konnte, spannend. 

So erlebten wir einmal, dass es einen Feuerwehreinsatz gab, in dessen Mittelpunkt ein Hydrant stand, an den Schläuche angeschlossen wurden, um einen in Brand geratenen E-Roller zu löschen. Die ganzen Bewohner der Straße standen natürlich um diesen spektakulären Einsatz herum und guckten interessiert zu. Waltraut und mein Job bestand darin, die Schaulustigen vom Brandherd zu vertreiben, damit die Feuerwehr ungestört ihre Arbeit verrichten konnte. 

Waltraut überlegte kurz, ob sie jetzt auch zur Freiwilligen Feuerwehr gehen sollte, verwarf ihren Gedanken aber schnell wieder, als ich ihr sagte, dass wir hier nur eine Berufsfeuerwehr hatten und diese keine Hunde nehmen würde. Die Möglichkeit der Freiwilligen Feuerwehr bestand für Hunde gar nicht. Außerdem hätte es wohl lustig ausgesehen, wenn Hunde jetzt Feuerwehrhelme und -jacken trügen. Das Problem war, dass die Helme ihnen in den Nacken rutschten und so ein sicherer Halt kaum gewährleistet werden konnte. Auch der umzuschnallende Gürtel war bei Hunden schwer anzubringen. Dennoch wurde sie als Maskottchen der Berufsfeuerwehr aufgenommen und Helm und Jacke wurden dafür passend geschneidert. 

Waltraut sicherte sich aber nicht nur den Job als Maskottchen, sondern war schließlich auch offiziell dafür zuständig, Schaulustige und Gaffer vom Brandort zu vertreiben. Gezogene Handys wurden von ihr unter lautem Gebell einkassiert. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Kowalski lebt

Klosteine 

Nachdem ich mitbekam, dass Waltraut immer das Wasser aus dem Klo trank, forderte ich sie zum Innehalten auf und wies sie darauf hin, dass unser Klowasser von einem Spülstein im Spülkasten gefärbt wurde. Von daher war es für Lebewesen bestimmt nicht so gesund, das zu trinken. Dankbar für diesen Hinweis trank Waltraut jetzt immer nur das Wasser aus dem Wasserhahn. 

Auch wenn das bunte Wasser aus dem Klo natürlich verlockend war, so sah sie doch den Einwand ein. Bunt hieß ja nicht automatisch gesund! So buntes Wasser ist ja vor allem an Karneval gefragt. Da aber nicht immer Karneval war, konnten wir gut auf das Wasser aus dem Hahn zugreifen. Gelegentlich schmiss ich, damit das Wassertrinken für Waltraut bunter wurde, Konfetti und rief laut Helau oder je nach Zuhörer Alaaf! Dabei mussten wir aber darauf achten, dass sie das Konfetti nicht mittrank. 

Außerdem musste ja farblos nicht langweilig heißen. Eher im Gegenteil, Waltraut hatte großen Spaß daran, die Tropfen aus dem Wasserhahn mit der Zunge aufzufangen, sodass das Trinken aus dem Wasserhahn stets einer Prüfung gleichkam. Es war nicht einfach, daraus ein Trinkerlebnis der besonderen Art für sie zu gestalten. Sie musste zwar zur Erreichung des Wasserhahns von mir ins Waschbecken gehoben werden, aber das war immer noch angenehmer und weniger entwürdigend als sie ins Klo zu setzen. 

Im Laufe der Zeit hatte ich die Idee, mit Hilfe der von mir zur damaligen Zeit angeschafften Darda-Bahn das Wasser umzuleiten, um es für Waltraut erreichbarer zu machen. Das Wasser kam dann für sie gut erreichbar und klar und frisch aus der Leitung. Dankbar für meinen Einfall führte die Umleitung des Wassers aber schnell zur Bequemlichkeit von Waltraut, sodass wir zur altbewährten Methode zurückkehrten. Wasser schmeckte auch am besten, so Waltraut, wenn es doch mit ein wenig Aufwand erarbeitet werden musste. 

Buntes Wasser war auf jeden Fall fortan uninteressant für Waltraut. Weder Konfetti noch Klosteine sorgten dafür, das Trinkvolumen von Waltraut zu erhöhen. Sie gab sich mit der herkömmlichen Variante des Wassers aus der Leitung zufrieden. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Kowalski lebt

Seilbahn 

Waltraut fand Seilbahnen super spannend. Herr Müller hatte mich schon vorgewarnt, dass ältere Herren auf Kinderspielplätzen komisch wirken könnten. Da meine Gedanken rein waren, machte ich mir keinerlei Sorgen. Nicht bedacht hatte ich jedoch, in welcher Geschwindigkeit Waltraut durch die Seilbahn beschleunigt wurde, wie wichtig eine Sicherung für sie war. 

Einer Abrissbirne gleich glitt Waltraut durch den Sonnenuntergang. Die „Ahs“ und „Ohs“ der Umstehenden waren der besonderen Sicherung, die Waltraut auf der Seilbahn erfuhr, geschuldet. Waltraut einfach so auf die Seilbahn zu setzen ging ja nicht, weil nämlich da hätte sie sich mit Händen und Füßen festhalten können müssen. Da sie aber über beides nicht verfügte, mussten Alternativen gefunden werden. Wir banden also einen Fahrradkorb an der Seilbahn fest und ich setzte Waltraut in den Korb. Der Moment des Ein- und Ausstiegs war geprägt von Abhängigkeit und geringem Scham. Es sah relativ unbequem aus, wie Waltraut mit meiner Hilfe den Korb bestieg bzw. aus ihm gehoben wurde. War die Abhängigkeit erstmal überwunden, konnte dem ungetrübten Fahrspaß nichts mehr im Wege stehen. 

Wie ein geölter Blitz preschte Waltraut an der Seilbahn hängend durch den dunkler werdenden Tag. 

Wir überlegten, ob wir mit Hilfe von LED-Lampen Waltraut in der Seilbahn illuminieren sollten. Die übrigen Spielplatz-Besucher gaben uns nach wenigen Tagen recht, weil die schiere Masse der Besucher des Spielplatzes jetzt so groß war, dass wir schon Eintrittskarten hätten verkaufen können. Waltraut glitt von nun an also als illuminierter Hund durch die Nacht und war damit eine Attraktion des Kiezes, sogar im Stadtführer fand sie Erwähnung. Zusammen mit Ernesto, der ebenfalls illuminiert auf der Schaukel saß, war die Zahl der Fans riesig. So viel Menschenmasse war ja Herr Müllers und mein Ding eigentlich nicht. Wir zogen uns also bald in unseren Stammimbiss zurück, während Ernesto und Waltraut ihren Ruhm als Mr. and Mrs Spielplatz gebührend feierten. Trotz des plötzlichen Ruhms blieben beide bodenständig, was auch ihrer Größe geschuldet war. Hunde und Schildkröten sind doch die besten Freunde des Menschen. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Kowalski lebt

Nassfutter versus Trockenfutter 

Der Vorteil von Nassfutter liegt auf der Hand, sein größter Nachteil in der Nase – es stinkt ohne Ende. Und was da wirklich alles drin ist, weiß auch keiner so genau. Aber das gilt wohl auch bei Trockenfutter. Das schönste an Trockenfutter ist seine gute Dosierbarkeit, außerdem stinkt es nicht annähernd so wie Nassfutter. 

Waltraut liebte ihr Trockenfutter und konnte damit auch lange über den Tag kommen, sofern sie genug trank. Den Fans des Nassfutters sei hier versichert, auch Trockenfutter enthält nicht so leckere Teile von Tieren. An einer passablen Veganvariante von Trockenfutter wird nach wie vor angestrengt gearbeitet. Trockenfutter in Dosen macht ja auch wenig Sinn, zumal die Portionsgröße dann viel zu klein wäre. Außerdem würde es so laut klingeln in den Dosen, wenn man sie schüttelt. Die vegane oder vegetarische Variante des Futters kommt aber in ihrer geschmacklichen Verwirklichung noch nicht ganz an das herkömmliche Dosenfutter heran. Wie gesagt, wir arbeiten daran. 

Das Rascheln der Trockenfutter-Packung als akustisches Signal für den Hund, fällt bei Nassfutter komplett weg. So kam es, dass Waltraut tagelang nicht bemerkte, dass Nassfutter in ihrem Napf lag. Mit den natürlichen Folgen: Es stank erst recht zum Himmel und trocknete ein, war jedenfalls ungenießbar. So ging ich dazu über, Waltraut zu Hause nur noch mit Trockenfutter zu versorgen. Natürlich bekam sie weiterhin im Imbiss ihre Bratwurst (An dieser Stelle sei auf den Text „Wadenbeißer“ hingewiesen. Die Varianten der Bratwurst sind dort genauer benannt.). 

Trockenfutter und Bratwurst in allen Varianten schien mir als Auswahl zwar sehr überschaubar, aber besser als nichts. Der Gyrosteller als Alternative zur Bratwurst war von ihr nicht ganz so geschätzt. Abgehobeltes Fleisch war nicht ganz ihr Fall, zumal es ihr zu brachial erschien. Sie wollte nicht sehen, wie Fleisch mit Messern bearbeitet wurde. Die Füllung mit Wurstmasse in der Bratwurst war ja als Fleisch nicht mehr wirklich erkennbar. Der Fleischwolf hatte seine Arbeit schon erledigt. Die Arbeit der Messer blieb für das Auge verborgen. Somit war die Wurstmasse für Waltraut eher abstrakt und daher nicht mehr als Fleisch von einem Tier zu erkennen. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Kowalski lebt

Wadenbeißer 

Durch die beschränkte Bauhöhe von Waltraut war sie dazu verdammt, den Leuten maximal in die Waden beißen zu können, denn höher kann sie ja gar nicht. Wie gerne hätte sie mal einen Po oder Oberschenkel gezwickt, aber ging ja nicht. 

So als gezwungene Wadenbeißerin sorgte sie oft dafür, dass die Leute sich nach ihr umdrehen mussten und laut fluchten. Erst als sie das „arme, kleine Hündchen“ sahen, hatten sie Mitleid. Waltraut neigte dazu, immer dann um sich zu schnappen, wenn sie sich von den Umstehenden bedrängt fühlte. Da dies häufiger der Fall war, musste ich des Öfteren vermittelnd eingreifen. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass sie natürlich nicht richtig zubiss, sondern eher zwickte. Die erwünschte Wirkung war erstmal da. Mit großen Augen guckten die betroffenen Menschen Waltraut an und sprangen dann schnell zur Seite. Die Schmackhaftigkeit von Waden war auch eher begrenzt. So ähnlich wie auch Käsefüße hatten Waden ihren eigenen Geschmack und den musste man mögen. 

Die letzte Begegnung von Waltraut mit den Waden eines vor ihr Laufenden war jedoch von bleibender Nachhaltigkeit geprägt. Es handelte sich nämlich um die Waden des ortsansässigen Imbissbesitzers, sodass nach der anschließenden umfangreichen Erklärung meinerseits für sie immer eine frische Bratwurst und je nach Tageszeit auch mal ein Gyrosteller zur Wahl standen. Der Imbissbesitzer hatte Mitleid mit der geringen Bauhöhe von Waltraut. Die konnte er zwar nicht ändern, aber er konnte dafür sorgen, dass Waltraut sich besser fühlte. 

Waltrauts Vorschlag, doch einen Stammtisch für Hunde einzurichten, sorgte zwar zunächst für Erheiterung des Imbissbesitzers, aber nach gedanklicher Abwägung lehnte er diesen Vorschlag dennoch ab, da ihm die Zielgruppe zu klein schien. So blieb es doch bei der eher zufälligen Vermischung von Hunden und deren Besitzern am Imbissstand. Inspiriert von der Bratwurst überlegte Waltraut, sich eine Vielzahl von Gerichten in deren Mittelpunkt immer die Bratwurst stehen sollte. So gab es alsbald zum Beispiel Bratwurst Hawaii mit Ananassoße, Bratwurst Griechenland mit Tsatsiki, Bratwurst Deutschland mit Sauerkraut und Bratwurst Great Britain mit Fish and Chips. Waltraut testete und der Imbissbesitzer nahm das entsprechende Gericht auf, wenn es für gut befunden wurde. Waltraut entwickelte sich so zur zuverlässigen Beraterin für das Imbissangebot. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Kowalski lebt

Bonjour Tristesse 

Unvermittelt sahen Waltraut und ich gleichzeitig an die Decke. Ein sehr in die Jahre gekommener Deckenventilator verrichtete dort seinen Dienst. Er hatte schwer damit zu tun, die Gerüche des Restaurants zu verteilen. Wäre es Sommer gewesen, hätte man Durchzug machen können, aber so blieben nur die Luftzüge, die der Ventilator im Raum verteilte. 

Der Mief des Tages stand trotz des Ventilators zäh im Raum. Die Luft mischte sich auch mit dem süßlichen Geruch der Schweißfüße des Chefkochs. Die Einlegesohlen mit Aktivkohle, die er gegen die Gerüche seiner Füße in seinen Schuhen hatte, hatten schon vor Jahren ihren Dienst quittiert. Nicht zuletzt seinen Schweißfüßen geschuldet war auch seine Menü-Auswahl. Er bevorzugte Gerichte aus der Bratpfanne, weil die so einen herrlichen Geruch verströmten, so glaubte er. Aber in Wirklichkeit war die Mischung aus Bratengeruch und Schweißfüßen unerträglich. Er bemerkte es zu spät, dass die Küche kein beliebter Ort zum Arbeiten war und das hatte nicht unbedingt mit den dort anfallenden Arbeiten zu tun. Sehr beliebt hingegen war der Servicebereich des Restaurants, sodass sich auch viele eigentlich in der Küche Arbeitende dort aufhielten. Das lauthalse Gelächter aus dem Servicebereich drang zu ihm durch und er überlegte kurz, ob er mal nach dem Rechten sehen sollte. So laut lachte in der Küche schon seit langer Zeit niemand mehr. Überhaupt war niemand mehr in der Küche, der so laut hätte lachen können. Dass sich die Mitarbeiter lieber im Restaurantbetrieb aufhielten, schob der Chefkoch – wenn er es denn bemerkte – eher auf die schlechte Arbeitsmoral denn auf seine Stinkefüße. 

Waltraut machte der Geruch wenig aus, gab es doch in dem Restaurant Schweinelendchen, die Waltraut liebte, Stinkefüße hin oder her. Den erbärmlichen Geruch im Restaurant nahm ich halt so hin. Einmal im Monat durfte sie der Bestimmer sein bei der Wahl der von uns angesteuerten Gaststätte. 

Der Deckenventilator konnte ja Gott sei Dank den Mief, den er so umwälzte, nicht riechen. Dem Deckenventilator ähnlich saß Waltraut fast stoisch im Restaurant. Die anderen Gäste ertrugen schwerlich das Duftpotpourri und verließen das Restaurant nach einem zünftigen Gemecker. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Kowalski lebt

Gewohnheit 

Manche nennen es Gewohnheit, zu lieb gewonnenen Gewohnheiten sage ich nur Marotten. Wenn Marotten nämlich in den Alltag Einzug finden, werden Gewohnheiten zu Marotten. Für manche sind ja Marotten was Schlechtes, für mich nicht. Also: keine Angst vor Marotten! Marotten sind die Krönung der Gewohnheiten, weil erst durch sie werden einem Gewohnheiten bewusst. Verwirrt? Das müssen Sie nicht sein. Solange einem klar ist, wo oben und unten ist, ist alles gut. Das kann man schnell feststellen, indem man mal etwas hochwirft, zumeist fallen die Dinge nach unten. Damit hätte man schon zwei Richtungen bestimmt – oben und unten ist also klar. Sollten die Dinge nach oben fliegen, würde ich mir mal Gedanken machen, ob ich mich noch auf der Erde befinde oder ich habe meine Schwerkraft-Rechnung nicht bezahlt. Ein bisschen Schwerkraft braucht es schon, um festzustellen, was oben und unten ist. 

Zurück zu Gewohnheiten und Marotten. Lieb gewonnene Gewohnheiten sind also Marotten. Für Waltraut ist eine lieb gewonnene Gewohnheit, dass sie immer an der dritten Laterne in unserer Straße das Bein hebt. Bis heute hat ihr niemand gesagt, dass Weibchen nicht das Bein heben, um sich zu erleichtern, aber ist ja auch egal. Es hat ihr ja auch noch keiner beigebracht, bis drei zu zählen. Trotzdem macht sie es. Warum? Keine Ahnung! Entscheidend ist, dass sie immer an der dritten Laterne innehält aus welchen Gründen auch immer. Meinetwegen könnte sie dort auch einen Rosenkranz beten, wobei ich natürlich nicht die Rosenkranz-Beter unter uns beleidigen möchte, sondern damit nur sagen wollte, dass es mir egal ist, warum Waltraut an der dritten Laterne innehält. 

Eine meiner Marotten ist, stundenlang meine Lesebrille zu suchen und dabei nicht zu merken, dass sie oben auf meiner Stirn sitzt – sehr zur Belustigung von Waltraut, die mir natürlich nicht sagt, dass sie die ganze Zeit auf meinem Kopf sitzt, sich aber dabei köstlich amüsiert und leise in sich hinein grinst. Waltraut ließ mich dann stets ein Backrezept vorlesen und als ich – indem ich für`s Lesen meinen Kopf leicht nach vorne neigte – dann Wunder, oh Wunder wieder meine Lesebrille auf der Nase hatte, mussten wir uns darüber beide kaputt lachen. Marotten machen einen aus und man muss sie mit Humor nehmen können. Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut! 

Kowalski lebt

Steckdose 

Steckdosen waren ein Mysterium, lieferten sie doch versteckte Energie, die erst zum Vorschein kam, wenn man ein paar Stecker in die Steckdosen steckte. Dessen war Waltraut nicht mächtig, aber die Wirkung von Strom war ihr durchaus geläufig – spätestens als einmal eine Blumenvase unseren Küchenboden flutete und die gesamte Küche dann unter Strom setzte, dadurch dass eine Stehlampe im Wasser stand. 

Der Versuch von Waltraut, sich in dieser Situation spaßeshalber eine Glühbirne in den Mund zu stecken und dann über den elektrifizierten Fußboden zu laufen, in der Hoffnung die Birne würde leuchten, gelang. Die glühende Birne und das sanfte Kribbeln in ihrem Körper machten für Waltraut den Strom außerhalb der Steckdose erlebbar und versetzte ihr zusätzlich einen Kick. Da ich ja ansonsten kein Freund von außerordentlichen Kicks bin, war das aber auch genug. Mehr Kick brauchte kein Mensch und kein Tier. 

Waltraut fand Kicks toll, so fuhr sie für ihr Leben gern Achterbahn – ich ja nicht so. Da es bei uns solcherlei Vergnügungen nicht in nächster Nähe gab, musste sie immer warten, bis wir in einem Vergnügungspark waren, der solcherlei Vergnügungen anbot, weil Achterbahnen auf Rummelplätzen waren selbst Waltraut zu riskant. Ihr permanenter Auf- und Abbau schien ihr ein Quell der Unsicherheit zu sein. Das größte Problem war immer, wie Waltraut in der Achterbahn angeschnallt werden konnte. Bei mir auf dem Schoß mitzufahren, war mir doch zu unsicher. Irgendwann gingen wir dazu über, ein extra Kissen für Waltraut anfertigen zu lassen, dass sie sicher im Bügel hielt. Außerdem musste ich immer kotzen, wenn ich Achterbahn fuhr, von daher war ich als Mitfahrer ausgeschlossen, das war selbst Waltraut zu eklig und für mich eine enorme Erleichterung. 

Zurück zu den Steckdosen: Versteckter Strom war für Waltraut nach wie vor ein Mysterium trotz ihrer bereits erwähnten Erfahrungen. Vielleicht fand sie es auch nur doof, keine Stecker in die Steckdosen stecken zu können, sondern dabei immer auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Die Fähigkeit das genau artikulieren zu können muss unsereins wohl erst von einem Tier vorgeführt werden. 

Ach wären doch alle Menschen wie Waltraut!