Herr Müller sieht die Welt

Lachmöwen 

Lachmöwen sind die Anarchisten der Lüfte. Sämtliche Regeln werden von ihnen lauthals belacht. Irgendwie fühlt man sich von ihnen immer ertappt und wenn man nebenbei noch etwas isst, hat man eh verloren. Stets wird alles nur von ihnen ausgelacht, das verunsichert auf Dauer ganz schön. 

In unserem letzten Urlaub an der Ostsee machten wir diese Erfahrung, dass man bloß nichts zu essen in den Händen halten durfte, denn sonst gab es sofort Lachmöwen-Angriffe. Der Film „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock verdeutlicht nur ansatzweise, wie man aussieht nach einem solchen Vogelangriff, wenn man sich gerade ein Fischbrötchen gekauft hat. 

Auch Ernesto und ich wurden hinterrücks von einem Möwenschwarm überfallen, als wir uns gerade ein Fischbrötchen gekauft hatten. Hier wurde wieder mal deutlich, wie sehr die Lachmöwen durch ihren Angriff zeigten, dass sie nichts ernst nahmen. Nicht einmal eine Schildkröte mit Fischbrötchen im Maul konnte sie stoppen. Den Anblick von Menschen mit Fischbrötchen waren sie ja gewohnt, Schildkröten waren da beim Verzehr von Fischbrötchen seltener anzutreffen. 

Eine Möwe gab die Sturmspitze und griff als erste an. Die anderen bildeten sozusagen die Nachhut und hielten sich mehr im Hintergrund. Ernesto versuchte, sie zu vertreiben, indem er mit den Füßen ruderte. Aber angesichts seiner kurzen Extremitäten war das ein hoffnungsloses Unterfangen. Daraufhin gab er seinen Kampf um das Fischbrötchen auf und zog sich in seinen Panzer zurück. Manchmal muss man halt erkennen, wann es keinen Sinn mehr macht zu kämpfen. In meinem Fall konnte ich mich zwar besser den Möwenangriffen erwehren, dennoch gab ich nach kurzer Zeit – wie Ernesto – auf. Ich hätte mich auch am liebsten in einen Panzer zurückgezogen, bin dann aber doch in das nächst liegende Café geflüchtet. 

Lachmöwen und Schildkröten, das hat sich hier deutlich gezeigt, werden wohl nie Freunde werden. Dafür sind sie in ihrer Art viel zu verschieden. Mir persönlich sind Schildkröten viel lieber als Lachmöwen, weil sie in ihrer Art viel stiller und ausgeglichener sind. Außerdem kacken sie während des Fluges wahllos auf alles, was unter ihnen liegt. Wenn sie wenigstens zielen könnten, wohin sie kacken, fänd ich das ja noch witzig, aber so… . 

Unser Urlaub an der Ostsee war trotzdem sehr erholsam und schön. Fischbrötchen gab es allerdings nach dieser Erfahrung nur noch in Innenräumen mit geschlossenen Türen und Fenstern. 

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Ernestos Youtube-Kanal 

Ernesto überlegte lang und länger, wie er sein Anliegen, die Fische zu dressieren, dem Zuschauer näherbringen konnte. Ein Youtube-Kanal schien ihm doch eher geeignet als ein Fernsehsender. Insbesondere seine Erfolge bei der Dressur des Fischschwarms sollten gezeigt werden. Die Frage, ob sich Fischschwärme mit oder gegen den Uhrzeigersinn drehten, konnte noch nicht befriedigend gezeigt werden. Also zeigte er den Weg der Dressur in mannigfaltigen, kurzen Videos. Dass ihm dabei der Laserpointer mehrfach ins Wasser fiel, war für den Betrachter zwar amüsant, aber für Ernesto eher nicht so. 

Einzelne Fische mussten für ihn bei der Dressur auf Kurs gebracht werden, da ihnen klar gemacht werden musste, dass ihre Wirkung nur als funktionierendes Gesamtbild als Schwarm ein Erfolg werden könnte. Ihre Wirkung als einzelner Fisch war eher gering. Die Gefahren, die in dieser Erkenntnis lagen, mussten den Fischen aber auch Ernesto bewusst gemacht werden. Natürlich zählte der Einzelne genau wie die Gruppe. Dennoch war ihre Wirkung nur als Gruppe zu erzielen. Die Ambivalenz des angestrebten Zieles musste ihnen deutlich werden. 

Um wieder auf harmloseren Pfaden zu wandeln: Es gab nur wenige Youtube-Kanäle, die über Fischdressur berichteten, genau genommen gar keine. Die Chance war also groß, dass Ernesto bei entsprechender Herangehensweise an die Thematik großen Erfolg damit haben würde. 

Nunja… auf den Erfolg wartet er bis heute, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Mal schauen, wie viele Fische den Kanal besuchten. Mein Tipp war ja eher: NULL. Wenn, dann eher die Halter von Fischen, so glaubte ich. Die wenigen positiven Rückmeldungen, die Ernesto dann nach einer Weile auf Youtube doch noch bekam, freuten zunächst ihn und mich. Erst als die Rückmeldungen anfingen, nervig zu werden, hatten weder Ernesto noch ich wirklich Spaß daran. Schlaumeiereien, wie Fische zu dressieren seien, nervten. Und blöde Kommentare über einzelne Fische brauchte keiner und Ernesto schon gar nicht. 

Somit gab Ernesto nach einiger Zeit seinen Youtube-Kanal wieder auf. Fischdressur war dann Jedermanns Sache doch nicht. 

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Schnürsenkel 

Nachdem Ernesto mehrfach mit offenen Schnüren an den Füßen herumgelaufen und auf selbige getreten war, beschloss er, jetzt nur noch Schuhe mit Klettverschlüssen zu kaufen. Diese waren für ihn leichter zu öffnen und zu schließen. 

Doof war eben nur, dass sie ständig mit anderem Kram, Flusen und Haaren, vollhingen, sodass ihre Funktion nur noch eingeschränkt vorhanden war. Auch die Passgenauigkeit ist mit Klettverschluss nicht mehr so gegeben wie mit Schnürung. Außerdem bestand die Gefahr, dass er versehentlich an meiner Allwetter-Jacke hängenblieb, da die auch über Klettverschlüsse verfügte. So `ne Schildkröte an der Jacke ist zwar schicker als `ne Brosche oder `nen Statement Pin, aber läuft dann Gefahr, aufgrund ihres Gewichts herunterzufallen. Dennoch überwogen die Vorteile für Ernesto. Es war gar nicht so einfach, solche Schuhe in passender Größe für Ernesto zu finden, aber schließlich hatten wir es, genau wie bei den Adiletten, geschafft. 

Ernestos neue Leidenschaft galt jetzt dem Wandern. Das dauerte zwar ziemlich lange – ich konnte dieselbe Strecke natürlich in viel kürzerer Zeit hinter mich bringen – aber dennoch ließ sich Ernesto nicht davon abhalten, mit mir wandern zu gehen. Ernestos neue Leidenschaft war für mich relativ zeitintensiv. Das Wandern an sich tat uns dennoch gut, weil wir an der frischen Luft waren und unseren Bewegungsdrang ausleben konnten. Nur in Sachen Allwetterjacke war Ernesto relativ aufgeschmissen, diese gab es in seiner Größe nicht. So musste er seinen Panzer nach wie vor nackig tragen. Auch Rucksäcke waren für ihn doof zu tragen, weil sie ihm ständig auf den Kopf rutschten, zumal er eh nicht gewusst hätte, was er dort hätte verstauen sollen. Sämtliche Getränke wurden ja von mir getragen. Anderes Wanderutensil gab es für Ernesto auch nicht, zum Beispiel Kniebundhosen und Wanderstöcke, oder sie waren für ihn nicht praktikabel. 

Spannend war es zu entdecken, wie die Wanderwege gekennzeichnet waren, sodass man quer durch Deutschland laufen konnte und nur gelegentlich von Autobahnen oder Bundesstraßen dabei gestört wurde. Eine Wanderung durch ganz Deutschland kam für uns aber nicht in Frage, weil Ernestos Tempo beim Wandern eher hinderlich war und ich dafür kein Sabbatjahr nehmen wollte. 

Zurück zu den Schnürsenkeln: Es wird deutlich, wie wichtig eine gute Schnürung auch bei Schildkröten ist. Schuhwerk – egal ob mit Schnürsenkel oder mit Klettverschluss – sollten stets genug Halt bieten. 

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Haustiere 

Es war wieder einmal Sonntag und Ernesto und ich saßen beim gemeinsamen Frühstück, in dessen Verlauf mir Ernesto eröffnete, dass er gerne ein Haustier hätte. Die Vorstellung von ihm mit einer Hundeleine im Maul fand ich sehr lustig und es fragte sich dann, wer mit wem Gassi geht. Aber das Problem stellte sich gar nicht, da ihm Hunde zu schnell liefen. Es blieben also nur Haustiere, die sich in einem räumlich begrenzten Radius bewegten. Nachdem Meerschweinchen und Kaninchen von Ernesto abgelehnt wurden, fiel unsere Wahl auf Fische. Diese konnten den ganzen Tag von Ernesto in ihrem Aquarium beobachtet werden. 

Nachdem Ernesto mehrere Stunden vor dem Aquarium saß und die Fische anglotzte, fragte er mich, ob man Fischen auch Kunststückchen beibringen konnte. Zum Beispiel wäre es doch cool, wenn die Fische als geschlossener Schwarm mit oder gegen den Uhrzeigersinn im Kreis schwämmen und auf Kommando ihre Richtung ändern könnten. Ich verfügte auch über keinerlei Erfahrungen mit Fischen und Kunststücken und konnte ihm daher nur raten, es auszuprobieren. 

Ernesto hatte außerdem die Idee, weil ihm das Glotzen auf das Aquarium ziehmlich stupide vorkam – ähnlich wie das Glotzen auf einen Fernsehbildschirm – einen eigenen TV-Kanal ins Leben zu rufen, auf dem man Fische im Aquarium beobachten konnte. Er würde den Sender „Schildkröt-TV“ nennen. Bei Schildkröt-TV würden dann zusätzlich alle Themen behandelt werden, die moderne, aktive Schildkröten so interessieren, also alle Dinge, die Ernesto so unternahm und beschäftigten. Ob seine Lebensweise formatfüllend war, wusste er noch nicht, aber er wollte es zumindest mal ausprobieren. Mein Tipp – wenn es nicht gleich für einen ganzen TV-Sender reichte – es mal mit einem Youtube-Kanal oder sonstigen digitalen Formaten zu probieren. Er war dankbar für die Anregung, aber dazu später. 

Zurück zu unseren Fischen: Zunächst galt es zu klären, wie man den Fischen beibringt, im Schwarm im Kreis zu schwimmen. Mit Hilfe eines Laserpointers, mit dem Ernesto auf der Aquarienoberfläche eine kreisförmige Bewegung machte, sollten die Fische lernen, sich zunächst im Schwarm zu bewegen und im nächsten Schritt in einem Kreis zu schwimmen. Das klappte schon nach dem 195sten Mal recht gut, sodass Ernesto nun dazu überging, den Fischen beizubringen, was es hieß, mit und gegen den Uhrzeigersinn zu schwimmen. Ihnen das beizubringen, dauerte eine lange Zeit, aber letztlich begriffen sie auch dieses. 

Wer hätte gedacht, dass man Fischen Kunststücke beibringen kann? 

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Alter 

„Alter, haste das gesehen?“ platzte es aus Ernesto heraus, als er ein Fahrrad gesehen hatte, das an einer Hauswand gelehnt war. Dieses verfügte nämlich über einen Riemenantrieb statt einer Kette. Viele Kraftfahrzeug-Besitzer werden das kennen, da Autos Steuerketten oder Keilriemen haben. Verblüfft über Ernestos Ausdrucksweise, zeigte ich mich dennoch offen für das angesprochene Thema. Die meisten Fahrräder werden ja über Ketten angetrieben, so auch unser Liegerad, von daher war der Antrieb über einen Riemen schon sehr außergewöhnlich. 

Wie schon geschildert, ist Zeit für Schildkröten eher relativ als minutiös. Daher ist auch ihr Alter eher durch Zeiträume geprägt als an Jahren oder Monaten festgemacht. Ernesto war also gemessen in Zeiträumen vielleicht jünger, als er tatsächlich war. Die Frage, wer von uns beiden der Ältere war, war also nicht so leicht festzustellen. Aber da es auch keine Rolle spielte, war es mir relativ schnurz. 

Interessanter fand ich da den Gedanken, dass man sich oft von den ersten Erwartungen täuschen lässt und erst auf den zweiten Blick erkennt, was dahintersteckt, sei es beim Antrieb des Fahrrads (Zahnriemen oder Kette) oder beim ersten Eindruck von Lebewesen. Häufig genug lässt man sich vom ersten Eindruck blenden. Auch der zweite Blick sollte einer genauen Überprüfung seinerseits, also des Betrachters, standhalten. Das erfordert natürlich vom Betrachter und vom Betrachteten zweierlei Dinge: zum einen, dass man erkennt, was man da betrachtet und zum anderen als Beobachteter, dass man weiß, dass man beobachtet wird und nicht versucht zu täuschen, also mehr zu scheinen als zu sein. 

Häufig genug lassen sich viele Menschen von dem Spruch: „You never get a second chance to make a first impression“ leiten, jedoch soll das nicht davon abhalten, immer mal wieder sein Bild zu hinterfragen. Wenn man dann feststellt, dass Selbstbild und Fremdbild (sofern man das zulässt) sehr stark divergieren, sollte man sich gelegentlich mal fragen, warum und nötigenfalls anpassen. Wenn man nur dazu neigt, Menschen der Einfachheit halber in Schubladen zu stecken, dann sollte einem dieses durchaus bewusst sein. Vorurteile können ja auch durchaus nützlich sein, müssen aber stets hinterfragt werden, weil ihre vorsortierende Wirkung schnell dazu führen kann, dass Meinungen nicht mehr überprüft werden und als gegeben hingenommen werden. 

Also deshalb Vorsicht bei jugendlich wirkenden Schildkröten! 

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Sandalen 

Gerne werden Sandalen ja mit Socken kombiniert, das ist unsere Sache nicht. Auch Nagellack jeglicher Coleur fand nicht unsere Zustimmung. Trotzdem zogen wir bei warmen Temperaturen neben der Adilette auch gerne die Fußbekleidung der römischen Legionäre an. Diese haben ja damit Europa und Teile Afrikas erobert. Wir brauchten aber unsere Sandalen für weitaus pazifistischere Zwecke. Oder lief der Kiosk in unserem Kiez etwa Gefahr, von römischen Legionären auf einem ihrer Feldzüge erobert zu werden? Da dies nicht mehr zu befürchten stand, konnten wir uns ganz auf unseren Einkauf von Gummitieren, Lakritzschnecken und Weingummi konzentrieren. 

Der Kioskbesitzer begrüßte uns mit einem lang erwarteten „Hallo!“ und fragte Ernesto nach der Geländegängigkeit seines ferngesteuerten Autos, dass er ja selber bedienen und lenken konnte und trotz der Abgasproblematik für Ausflüge zum Kiosk gern mal wieder benutzte. Entgegen der üblichen Gewohnheiten an einer Trinkhalle, war Ernesto überzeugt von der Null-Promillegrenze und hielt sich daran. Nüchtern und voller süßer Wohltaten gingen wir in den nahegelegenen Park, den wir schon von vielen Ausflügen kannten, um den Sommer zu verabschieden. 

Die Sonne schien warm auf unsere Stamm-Parkbank, auf der wir saßen. Das Dummer war: Da wo sonst immer die Mülleimer standen, lagen zwei große Hundehaufen und die stanken bei diesen Temperaturen ganz erheblich, sodass wir auf eine andere Bank umziehen mussten, um unsere Süßigkeiten zu vernaschen. 

Dem Herbst wird im Wachstum der Pflanzen nur eine untergeordnete Rolle zugewiesen, dabei ist gerade in dieser Jahreszeit so viel zu beobachten. Mit herabfallenden Blättern und vor der Vorbereitung der neuen Wachstumssaison machen die Tiere sich winterfest, indem sie sich entweder auf den Winterschlaf vorbereiten oder in den Süden fliegen. 

Abgebaute Mülleimer sind ein gutes Indiz dafür, dass es Winter wird. Die Zeit der warmen Getränke und der heimeligen Gemütlichkeit hat wieder Oberhand. Ist ja auch angenehmer zu wählen, ob die Getränke kalt oder warm sind. Genauso würde man das auch gerne beim Wetter machen, leider geht es da aber schlechter. 

Im Zuge des Verabschiedens des Sommers wanderten auch unsere Sandalen in den hintersten Winkel des Schranks. Wir und sie erwarteten den nächsten Sommer. 

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Brustbeutel 

Brustbeutel sind ja für Schildkröten eher ungeeignet. Die Gefahr ist groß, dass sie sich damit erwürgen. Aber auch Geldgürtel um den Panzer gewickelt ergeben ein Problem. Münzen und Kleingeld kann in ihnen nur in geringer Menge eingefüllt werden. Aber kaum jemand trägt ständig Geldscheine mit sich rum, Schildkröten schonmal gar nicht. Die wenigsten Schildkröten haben Kreditkarten, dabei würden diese für sie am meisten Sinn machen. Nur mit der Unterschrift, die den Kauf bestätigen, haben Schildkröten so ihre Probleme. Im Zeitalter von Online-Banking genügt ja ein digitaler Pfotenabdruck. Bei der Gelegenheit müsste man sich fragen, ob alle vier Pfoten denselben Abdruck haben, ich gehe einfach mal davon aus. 

In Ernestos Fall gab es vor allem das Problem des Schiebens des Einkaufwagens, ferngesteuert gibt es diesen ja noch nicht. Das selbstständige Einkaufen im Supermarkt ging daher nicht. Stattdessen war es von Vorteil, dass er beim Gemüsehändler alles bekam, was er brauchte. Dort konnte er anschreiben lassen und seine Auswahl mündlich Herrn Yilmaz mitteilen. Oft kam er dann völlig vergnügt mit einem prall gefüllten Einkaufskorb nach Hause und wollte kochen. Da er dazu meine Hilfe benötigte, musste ich ihn – sehr zu seinem Bedauern – immer mal wieder vertrösten, weil ich oft genug Arbeit mit nach Hause brachte und noch einiges zu tun hatte. Auch auf dem Amt hat sich inzwischen die Möglichkeit von Home Office im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut. 

Die Möglichkeiten des online Einkaufs waren Ernesto zu anonym und Amazon war seine Sache nicht. Den Weltraumflug eines durchgeknallten Milliardärs wollte er nicht mitfinanzieren. Außerdem hatte er eher Mitgefühl mit den armen Paketboten, insbesondere nachdem er per Drohne den Alltag der Paketboten live sehen konnte. 

Apropos durchgeknallte Milliardäre – die gibt es ja nicht so häufig, also so voll durchgeknallte, größenwahnsinnige… Man könnte sich mal fragen, ob auf dem Mars neuer Ort zum Zerstören gesucht wird. Haltet doch hier alles sauber, rein und friedlich, dann müsstet ihr nicht zum Mars fliegen. Außerdem lauft ihr immer Gefahr, dass ihr die Probleme dorthin mitnehmt und exportiert, statt sie auf der Erde zu lösen. 

Zurück zum Brustbeutel: Ich bevorzuge Portemonnaies, Brustbeutel lassen Menschen eher wie Kleinkinder wirken. Portemonnaies sind aber wiederum für Schildkröten nichts, da diese eher selten über Hosentaschen verfügen. 

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Kowalski ihm sein Anglizismus 

Ernesto und ich waren wieder mal mit der Treppenhaus-Reinigung unseres Mietshauses dran. Natürlich ließ es sich Kowalski nicht nehmen, unsere Arbeit zu prüfen und fragte mich bei dieser Gelegenheit, ob es einen Unterschied gäbe zwischen me, myself und I. Eher verblüfft über den Sender der Botschaft, antwortete ich ihm, das würde davon abhängen, wie der semantische oder lexikalische Bezug wäre, in dem sie gebraucht werden würden. Man dürfe sie jedenfalls nicht mit Homonymen oder Homophonen verwechseln, die zwar in ihrer Bedeutung gleich wären, aber in ihrem Klang oder Schriftbild unterschiedlich wären. Befriedigt mit dem Gehörten zog Kowalski von dannen und ging in seine Wohnung. 

Völlig überraschend drehte er sich noch einmal in seiner Wohnungstür um und lud Ernesto und mich zu Kaffee und Kuchen zu sich am Nachmittag ein. Gegen 15 Uhr klingelten wir daher bei Kowalski und wurden von lauter Musik empfangen. Kowalski hatte zum Nachmittagskaffee auch seine Tanzkapelle eingeladen, mit der er gelegentlich zu Hochzeiten und anderen Feiereien zum Tanz lud. Erwartungsschwanger sah Kowalski uns an und erwartete wohl, dass wir uns zum Gehörten äußerten. Als das dann ausblieb, verfinsterte sich seine Miene. Um schnell zum eigentlichen Anlass des Besuchs – zu Kaffee und Kuchen – überzugehen, äußerte ich mich sehr positiv über die Gestaltung seiner Wohnung und Kowalskis Laune war etwas besänftigter. Ganz nebenbei: Die Musik war scheiße, fand ich, aber das ist ja meine persönliche Meinung. 

Das Problem mit Herrn Kowalskis Anglizismen stellte sich erneut, weil er mir jetzt ein Gerät präsentierte, was die Aufschrift (Achtung: Deutsch ausgesprochen!) „Made in Japan“ trug. Er wusste beim besten Willen nicht, was Made hier zu bedeuten hatte, gab sich dann aber mit meiner Erklärung überzeugt zufrieden. Damit war das Problem mit Kowalskis Anglizismen zufriedenstellend gelöst und wir konnten uns jetzt endlich Kaffee und Kuchen widmen. 

Die Verwendung englischsprachiger Begriffe in unserer Sprache klingt zwar neudeutsch oder cool, ist aber für die Kowalskis oder älteren Menschen unserer Gesellschaft irreführend oder missverständlich. Man spricht ja in diesem Zusammenhang gerne von der McDonaldisierung der deutschen Sprache. Stellt sich dann nur die Frage, was für den Benutzer der Big Mac und was der Royal ist. Die Individualisierung der Sprache sollte einem Jeden bewusst sein, auch wenn jede Generation einen bestimmten Duktus in der Sprache hat und bestimmte Begriffe benutzt, um Positives oder Negatives auszudrücken. Aber Anglizismen sollten meiner Meinung nach da bleiben, wo sie hingehören: in den englischsprachigen Ländern dieser Welt. 

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Händy 

Die Zahl der Telefonzellen nahm rapide ab in den letzten Jahren. Das fiel auch Ernesto auf und er fragte, wie das denn zu erklären sei. Er vermutete, dass entweder alle jetzt eigene Telefonzellen hätten oder – was wahrscheinlicher war – alle jetzt vor allem mit ihren Handys telefonierten. Wie zur Bestätigung zeigte er mir sein Handy, das ein besonderes Foto auf der Oberfläche hatte. Es zeigte nämlich Ernie und ihn im Hinterhof beim gemeinsamen Kaffee und Kuchenessen auf dem Straßenfest. 

Seitdem Ernesto ein eigenes Handy hatte, hing er ständig an selbigem und war für Kommunikation mit mir überhaupt nicht mehr greifbar. Das nervte mich ganz gewaltig! Als dann eines Tages sein Handy ins Klo fiel, war er auf direkte Kommunikation mit mir zurückgeworfen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mit ihm mal ein paar Dinge zu vereinbaren. Zum einen nervte mich sehr, dass jegliche Kommunikation nicht mehr stattfand und zum anderen, dass er sich stattdessen mit Ernie am Handy über etwaige Unbill unterhielt. Probleme sind doch aber dazu da, um sie in einem Gespräch direkt mit der betreffenden Person zu lösen und nicht mit Dritten über die betreffende Person in digitalen Medien abzuwettern. 

Der eigentliche Sinn von Telefonen wird durch die neue Art der Kommunikation mit den Handys ad absurdum geführt. Die Kommunikation, um deretwegen man ja eigentlich telefoniert, steht nicht mehr im Mittelpunkt des Telefonierens, also der Benutzung des Telefons. Vielmehr sind die anderen Funktionen des Telefons in den Mittelpunkt der Benutzung gerutscht. Das Telefon wird zum Statussymbol, weil es im besten kantschen Sinne nicht mehr Mittel zum Zweck ist, sondern Selbstzweck. 

Ernesto benutzte sein Handy vor allem als Fotoalbum und eine Vielzahl von Fotos zeigten ihn und Ernie in diversen Lebenssituationen, wobei er größten Wert darauf legte, stets gut getroffen zu sein. Wie Ernie aussah, war ihm relativ egal. 

Wir vereinbarten daraufhin, dass Ernesto jetzt wieder für eine direkte Kommunikation mit mir zur Verfügung stand. Ernesto musste sich an diesen Gedanken erst einmal wieder gewöhnen, fand das aber letztlich doch besser als über ein Medium mit mir zu sprechen. 

Die direkte Kommunikation zwischen zwei Menschen eröffnet beiden ungeahnte Möglichkeiten! Probieren Sie es mal aus, es lohnt sich meistens! Wenn nicht, sagen Sie mir bitte Bescheid. 

Herr Müller sieht die Welt

Weihnachten bei Ernesto 

Genau wie ich liebte Ernesto Weihnachts-Knabbereien, aber im Gegensatz zu mir genoss er diese auch ohne Kaffee. Hauptsache, er konnte Lebkuchen essen. Ernesto hatte beschlossen, dass anstelle eines Adventskranzes auf seinem Panzer jeden Sonntag eine neue Adventskerze angezündet werden sollte, natürlich nur für den jeweiligen Tag. Das Bild von einer Schildkröte mit vier brennenden Kerzen auf dem Panzer stellte ich mir lustig vor, aber noch war es ja auch Zeit bis zum 4. Advent. 

Als es dann so weit war, stellte sich vor allem das Schmücken des Baumes als Problem heraus. Ernesto und ich hatten völlig gegensätzliche Ansichten über das ausgewogene Schmücken eines Baumes. Ernesto wollte Lametta und Elektrokerzen, ich wollte dagegen möglichst viele Strohsterne, Holzanhänger und echte Kerzen. Auch bei der Auswahl des Stollens waren wir geteilter Meinung. Ich mochte Rosinen, er nicht. Einig waren wir in der Abneigung von Dominosteinen, diese fanden wir beide eklig. 

Wir beschlossen, den Tannenbaum zu teilen. Für die eine Hälfte des Schmückens war Ernesto zuständig, für die andere Hälfte ich. Die innerdeutsche Staatsgrenze war nichts gegen den geteilten Weihnachtsbaum von Ernesto und mir. Bis auf die Tatsache, dass er über keinerlei Selbstschussanlagen verfügte, war die Teilung schon sehr offensichtlich. Selbst ein Blinder konnte sehen, dass in diesem Haushalt wohl zwei gegensätzliche Lebewesen lebten. Nie hätte ich gedacht, dass Weihnachten zu solchen Zwistigkeiten führen könnte. Aber wie ich schon von so manchem hörte, ist gerade das Fest der Stille Anlass für so manchen Streit. 

Der nächste Punkt, über den wir uns einig werden mussten, war das Weihnachtsessen. Ernesto wollte Würstchen und Kartoffelsalat, mir war das zu profan. Mir stand mehr der Sinn nach Braten, Rotkohl und Klößen. Unser ortsansässiger Bio-Bauer hatte noch zwei Gänsebraten zur Verfügung. Wir mussten uns also beeilen, um noch einen zu erhaschen. Nachdem wir einen der Braten noch ergattern konnten, konnte ich Ernesto von der Schmackhaftigkeit dieses Festmahls mit Rotkohl und Klößen überzeugen. 

Ernie und Bert waren hoch erfreut, gemeinsam mit ihrem Anhang zu unserem Weihnachtsessen zu kommen. Nachdem alle gesättigt waren, mehr oder weniger glücklich über ihre Geschenke – Ernie bekam von Ernesto ein Terraband, um sich körperlich ertüchtigen zu können – sang Ernesto zu unser aller Begeisterung Weihnachtslieder begleitet mit seiner Spezialgitarre. Den Abschluss des Abends bildeten Glühwein und Punsch, der von uns in vollen Zügen genossen wurde. 

Fröhliche und besinnliche Weihnachtstage wünschen euch Herr Müller und Ernesto!