Herr Müller sieht die Welt
Armbanduhr
Nachdem Ernesto mehrmals mitten in der Nacht umherirrte und zeitlich völlig orientierungslos war, beschloss ich, ihm endlich eine Armbanduhr zu kaufen. Stellte sich bald nur die Frage, wie wir diese an seinem Körper befestigten. Umschnallen um den Panzer ging ja nicht, dafür reichte die Länge der Armbänder nicht aus. Außerdem wäre das Ablesen der Uhr dann eine turnerische Glanzleistung gewesen. Also mussten wir eine Kinderuhr um eines seiner Extremitäten binden. Gar nicht so einfach, eine Uhr zu finden, die keine kindlichen Motive hatte. Als wir es dann aber endlich doch geschafft hatten, eine passende Uhr zu finden ohne Pokémon und Hello Kitty, stand Ernestos Reise durch Raum und Zeit nichts mehr im Weg.
Sein Weg durch Raum und Zeit startete damit, dass Ernesto erstmal die Uhr lesen lernen musste und damit einige Zeit beschäftigt war. Nachdem der Umgang mit der Uhr für ihn selbstverständlicher war, wollte Ernesto jetzt Ernie und Bert, nicht zuletzt auch Waltraut, seine neue Unabhängigkeit vorführen. Anschließend zeigte er seine neue Errungenschaft natürlich auch im Kiez-Imbiss und am Kiosk vor, sehr zur Begeisterung der Umstehenden, denn Schildkröten mit Armbanduhren waren dort eher selten zu sehen.
Noch seltener waren Schildkröten mit Armbanduhr und Flachmann, das gehörte aber einfach an einem Kiosk dazu. Allerdings hatte Ernesto in seinem Flachmann nur einen Vitamin-Cocktail, um die Erinnerung an die alte Heimat nicht zu verlieren. Die Darreichung in einem Flachmann war den Umständen geschuldet, um bei seinen Kumpels am Kiosk nicht unangenehm aufzufallen.
Es fiel mir auf, dass Ernesto von dem Moment an „in time“ war und nicht mehr auf grobe Schätzungen der Tageszeit angewiesen war. Es ging so weit, dass Ernesto nun voller Erwartungen schon 5 Minuten vor 20 Uhr vor`m Fernseher hing und auf die Tagesschau wartete. Er achtete jetzt penibelst auf den genauen Beginn und das Ende der Nachrichten. Und stete Abwechslung in der Thematik war für ihn nun ein Gütekriterium der Moderation.
Die Armbanduhr trug insgesamt nicht nur zu einer besseren Orientierung in Raum und Zeit bei, sondern verbesserte Ernestos Wohlbefinden insgesamt. Ich stand der Armbanduhr zunächst skeptisch gegenüber, war dann aber voll und ganz von ihr überzeugt. Ernestos Reise durch Raum und Zeit sollte so noch viele Jahre andauern.