Herr Müller sieht die Welt
Kirchturmuhr
Unvermittelt wurde Ernesto aus seinem Schlaf erweckt. Die Kirchturmuhr hatte zum Beginn des Nachmittags 15 Uhr geschlagen. Es folgten 3 Glockenschläge, der Mittagsschlaf war beendet.
Ernesto saß erwartungsschwanger vor mir und erwartete meine Pläne. Dass ich keine hatte, musste ich ihm schonend beibringen. Dennoch saß er nun hellwach vor mir und harrte der Dinge, die da kommen sollten.
Nach wie vor wollten wir in unserem Kiez-Imbiss eine Gruppe für Schildkröten und deren Besitzer ins Leben rufen und überlegten nun, wie wir auf uns und das Gruppenanliegen aufmerksam machen konnten. Eine zentrale Rolle sollte hierbei unser Kiez-Imbiss spielen, sollte er doch der Dreh- und Angelpunkt der Gruppe sein. Außerdem hatte man von diesem aus einen hervorragenden Blick auf die Kirchturmuhr, man war also stets „on time“.
Ernestos Vorschlag, eine Platte für Schildkröten und deren Besitzer anzubieten, scheiterte am Veto des Imbiss-Wirts. Die Zielgruppe war ihm dann doch zu klein. Dennoch bot er seine Räumlichkeiten als Treffpunkt an. Ernesto und ich überlegten jetzt also, wie wir am ehesten die Aufmerksamkeit der Kiez-Bewohner auf unser Anliegen lenken konnten. Litfaßsäulen gab es ja nun inzwischen nicht mehr. Ein Zettel an der Infowand des Imbisses schien auch zu wenig Leute zu erreichen. Da hatte Ernesto die Idee, auf jedes parkende Auto im Vorbeigehen einen Aufkleber anzukleben, der auf das neue Highlight im Kiez-Terminkalender hinwies. Der Aufkleber war natürlich nicht so massiv wie Aufkleber aus Kunststoff, sondern den Spuckis ähnlich, die mir aus früherer Sponti-Zeit noch bekannt waren. Deren Infomaterial war auf Papier gedruckt und konnte schnell wieder entfernt werden, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen.
Die Kirchturmuhr unseres Kiezes schlug inzwischen 15.30 Uhr. Einem Muezzin ähnlich erinnerte sie regelmäßig an ihre Existenz. Dieses Rudiment vergangener Tage war aber dennoch sehr hilfreich bei der Orientierung im Hier und Jetzt, mahnte es uns doch, unser Anliegen möglichst viele Spuckis auf Autos zu verteilen, schnell in Angriff zu nehmen, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. Schließlich sollte die Gruppe bereits in der folgenden Woche aus der Taufe gehoben werden. Es pressierte also.
Die Kirchturmuhr rückte so von ihrer einst spirituellen Bedeutung für uns mehr in das chronologische Interesse.