Herr Müller sieht die Welt
Küchenradio
Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich um ein Radio, das von uns in der Küche gehört wurde.
Ernesto hörte meistens seine Wunschmusik auf seiner Stereoanlage in seinem Zimmer. Dabei übertrieb er gelegentlich die Lautstärke und musste von mir dann darauf hingewiesen werden, bzw. gebeten werden, sie leiser zu drehen.
Trotz der eigenen Stereoanlage von Ernesto saßen wir oft gemeinsam in der Küche und lauschten dem Empfänger. Nicht ganz einig waren wir bei der Auswahl des von uns gehörten Radiosenders. Ich war da mehr für NDR 2, Ernesto wollte stets und immer Radio Bob hören. Das war mir eine Spur zu gitarrenlastig. Wir mussten uns also über den Sender einig werden.
Wir waren auf der Suche nach einem Sender, der die Küche in den Mittelpunkt der Betrachtung der Welt stellte, fanden aber keinen. Die Küche als Ort der Begegnung war ja nicht nur in unserem Fall von tragender Bedeutung. Dem musste doch irgendwie Rechnung getragen werden… Aber es fand sich einfach kein entsprechender Sender, der dies gebührend berücksichtigte. Andererseits war mir auch kein Sender bekannt namens Küche FM oder so. Dabei hätte gerade die Küche als Ort der Begegnung einen passenden Sender verdient. Meist lief also mal der eine und mal der andere Sender.
Nachdem die Auswahl des passenden Senders für uns beide befriedigend geklärt war, stand jetzt unsere Kommentierung des jeweiligen Radiosenders an. Wir einigten uns jedoch darauf, vom permanenten Kommentieren des Gehörten zur individuellen situativen Eignung des jeweiligen Senders überzugehen. Was das im Detail bedeutete, war uns beiden nicht klar. Aber zumindest konnte unser Radiohören auf diese Weise wieder mit einem Sinn versehen werden. Worin dieser Sinn bestand, hing dann vom jeweiligen Programm des Senders und unserer Stimmung ab. War diese eher ruhig und getragen, also in den dunklen Monaten des Jahres, konnte es durchaus passieren, dass wir unsere Radiositzungen von gelegentlichen Hörspielen unterbrechen ließen. In den Sommermonaten hingegen, wenn unsere Laune besser wurde und unser Gemüt sonniger war, saßen wir oft in der Küche – Ernesto manchmal auf unserem Balkon – und lauschten den Klängen der Musik.
Unser Küchenradio machte seinem Namen also alle Ehre und war von zentraler Bedeutung für unser Miteinander.