Herr Müller sieht die Welt
Verkehrsinsel
Wenn Ernesto nicht gerade in meiner Brusttasche mitreiste, waren Verkehrsinseln eine gern genommene Möglichkeit des Verschnaufens für ihn. Mir war sein Tempo, um eine Straße zu überqueren, viel zu langsam. Von daher waren Verkehrsinseln gut für ihn, um mal Pause zu machen.
Sie waren also für Ernesto Inseln der Ruhe inmitten des Verkehrsflusses des reißenden Stroms von Fahrzeugen. Häufig genug waren Verkehrsinseln mit Verkehrsschildern geschmückt, die die Fahrtrichtung für die Fahrzeuge anzeigten. Ernesto ließ sich davon nicht beeindrucken und ging seines Weges. Dieser führte zumeist quer zur Fahrtrichtung, sodass die angebrachten Pfeile für ihn keinerlei Bedeutung hatten. Die Bedeutungslosigkeit der Pfeile für Ernesto erschloss sich mir erst als wir einmal auf der vermeintlich falschen Seite die Insel passierten. Seinerseits kam keinerlei Reaktion. Es schien ihm beinah egal zu sein. Wichtig war nur das große Ziel der Straßenüberquerung.
Ich überlegte, ob wir ähnlich wie für Waltraut auf dem Spielplatz, ein Seil über die Straße spannen sollten, damit Straßenüberquerungen fortan immer einen gewissen infantilen Charakter behielten. Die so erreichte Leichtigkeit nähme den Schwermut von so etwas Anstrengendem wie Straßenverkehr.
Meine Idee der Seilbahn über die Straße hätte aber für alle übrigen Verkehrsteilnehmer bedeutet, dass sie sich hätten ducken müssen, somit kam nur eine große Höhe der Seilbahn in Frage, damit die übrigen Verkehrsteilnehmer ungehindert am Verkehr teilnehmen konnten.
Die Idee des Tunnels unterhalb der Fahrbahn wurde von mir bald wieder verworfen, weil zu viele Maulwürfe sich in den Tunnel gruben. Also musste Ernesto via Seilbahn über die Straße gebracht werden. Das Seil wurde von uns in ausreichender Höhe an der Hauswand montiert. Die Radfahrer konnten so ungefährdet weiterhin den Radweg benutzen.
Die Verkehrsinsel als Quelle der Ruhe im fließenden Strom konnte so dank der gespannten Seile weiter ihre Bedeutung behalten. Sie behielt ihre Bedeutung für die Verkehrsteilnehmer, auch wenn sie für Ernesto nur mit einem Seiltanz erreichbar war. Brusttaschen als Verkehrsmittel gehörten für Ernesto fortan der Vergangenheit an.