Zeitung  Herr Müller sieht die Welt

Zeitung 

Wie jedes Wochenende kam am Samstag die gedruckte Form der Zeitung. Ernesto und ich lasen sie zumeist Samstag und Sonntag ausgiebig am Frühstückstisch. Den Samstag nutzten wir zum Überfliegen und am Sonntag wurde sich dann vertiefend den Themen gewidmet. 

Zunächst las ich die Zeitung durch, bevor Ernesto auf der Zeitung sitzend die einzelnen Artikel durchging. Insbesondere der Lokalteil der Zeitung hatte es Ernesto angetan. So gab es zum Beispiel Probleme bei der Müllentsorgung in unserer Nachbarschaft, von denen berichtet wurde. Auch das geplante Parkverbot in unserer und den Nachbarstraßen sorgte bei Ernesto für Kopfschütteln. Nicht dass er unter die Autofahrer gegangen wäre, aber ein zünftiges Verkehrschaos stand zu befürchten. Ernesto war besorgt um die Parkmöglichkeiten der anderen Anwohner. Parkverbote machten in Ernestos Augen keinen Sinn, weil dadurch ja nicht die Anzahl der PKW reduziert würde, die einen Parkplatz benötigten. Es blieb in seinen Augen nur die Anzahl der Personen mit PKW zu verringern. Meinen Einwand, dass dies aber nur durch freundliche Angebote an die Autofahrer bewirkt werden könnte, nicht durch strikte Verbote, da diese meist ihren Zweck verfehlten, ließ Ernesto gelten und überlegte, wie die Nutzung der Öffis attraktiver werden könnte. Das Angebot, vorne beim Busfahrer auf einem Kissen Platz zu nehmen, kam ja nur für ihn in Betracht. Ähnliche Attraktivität wollte er für alle Mitfahrer. 

So kam ihm die Idee, doch für jeden, der ein Busticket löste, eine Zeitung zum Ticket dazuzugeben. Zum einen würde so die Zahl der Lesenden erhöht, zum anderen hätten die Mitfahrer dann was zu tun während der Fahrt. Die Zeitung war dankbar für diese Idee und setzte sie prompt in die Tat um. 

Die Zeitung als ursprüngliches, von allen genutztes Medium rückte so wieder mehr in den Mittelpunkt. Die Absatzzahlen der Lokalzeitung erhöhten sich binnen eines Jahres merklich, sodass Ernesto zum Ehrenleser der Zeitung ernannt wurde. Der Ehrenleser ist wohl mit dem Ehrenbürger vergleichbar. Ernesto war jedenfalls stolz wie Bolle und überlegte, ob er seinen Panzer jetzt gülden streichen sollte als Zeichen seiner Prominenz. Als er dann aber hörte, dass die Farbe dann nicht mehr abwaschbar gewesen wäre, sah er davon ab. Natürlich bekam Ernesto die Zeitung jetzt gratis vor die Haustür geliefert, damit er sie bei jedem Frühstück ausgiebig lesen konnte. Auch die Nutzung der Öffis konnte so im Laufe der Jahre merklich erhöht werden. 

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